Perücken im modernen London

Rheinhold Messbecher und ich hatten eine To-Do-Liste mit nach London gebracht: Wir wollten in den Docklands paddeln (hatten entweder ein Fax-Gerät oder eine volle Mailbox bei der Bookingline, schafften es auch diesmal nicht), wir wollten ins Globe Theatre (online konnte man nicht mehr buchen, waren dann halt bei Manu Chao, an Alternativen mangelt es in London ja nicht), wir wollten ein echt britisches Picknick machen (passte zeitlich nicht mehr) und wir wollten einen London Walk machen (und man glaubt es kaum, den machten wir). Am Montag fuhren wir mit der U-Bahn nach Holborn und trafen dort Richard, unseren Guide für die nächsten zwei Stunden. Sein Thema: „the inns of court“. Sieben Pfund kostete die Führung, fünf Pfund für Studenten und Rentner. Geld, das sich lohnte. Schon der Auftakt war beeindruckend. Nur ein, zwei Gehminuten brauchte Richard, um seine Zuhörer-Schar von der trubeligen, verkehrsreichen, hektischen Umgebung der Tube-Station in eine verwinkelte Gasse zu führen, in die kein Tourist eigenständig gestiefelt wäre. Plötzlich umgab uns eine für London unglaubliche Ruhe. Und so ging es die nächsten zwei Stunden weiter. Wir gingen immer mal wieder zügig über Hauptstraßen, um uns sofort auf Kopfstein-gepflasterten Gassen, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hatten, in Park-Anlagen, wo Familien neben Büro-Arbeitern die Mittagssonne genossen, in duftenden Gärten, in der Temple-Church und vor den altwürdigen Gebäuden des englischen Justiz-Wesens wiederzufinden. Dort hielten wir, und Richard erzählte aus der Geschichte der Berufs-Verbände für Anwälte, über die Unterschiede zwischen dem englischen Rechtssystem und dem schottischen, über die verpflichtenden Dinners, an denen traditionell der Anwalts-Nachwuchs bis heute regelmäßig teilnehmen muss. Humorvoll berichtete er darüber, dass heute noch die Anwaltsgruppe der Solicitors um ihr Recht streiten, vor Gericht Perücken tragen zu dürfen, wobei gleichzeitig die Richter vor Zivilgerichten zukünftig auf die 300jährige Tradition verzichten – so gespannt kann das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne in einem Land sein. Richard zeigte uns ein Fachgeschäft für Perücken, die je nach Anwaltsstatus zwischen 350 und 2000 Pfund kosten. Und wir lernten, dass sich J.K. Rowling mit ihren vier Häusern in Hogwards bei den vier Inns of Court bedient hat. Die Führung endete in den Royal Courts of Justice, einem sakralen Bau, in dem über 100 Gerichte untergebracht sind. Leider endete die Tour erst um 16.00 Uhr. Da hatten alle Richter bereits ihre Perücken abgelegt, sonst hätten wir uns am Timetable eine interessante Verhandlung raussuchen können und einem echt englischen Prozess zusehen können. Das muss dann wohl auf die To-Do-Liste für den nächsten London-Trip.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

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