Schweigsamer Mitfahrer

Mit meinem Schwerbehindertenausweis kann ich im Zug eine Begleitperson mitnehmen. Daher inseriere ich gern mal bei Mitfahrgelegenheit.de und suche mir dort Mitfahrer. Im Normalfall hatten die Leute vorher noch keinen Kontakt mit blinden Menschen. Daher ist es immer spannend, wie sie sich verhalten. Es schwankt zwischen großer Freundlichkeit und Offenheit bei den meisten und schüchterne Unsicherheit bei den Anderen. Die Beschreibung „Schüchterne Unsicherheit“ ist für meinen heutigen Reisebegleiter auf der Strecke Frankfurt-Hamburg noch arg untertrieben. Kein Wort, keine Frage, nichts. Das ist schon extrem ungewöhnlich. Das nehme ich zum Anlass, einmal darüber nachzudenken, was mir wichtig erscheint im Umgang zwischen Blind und Sehend.

Unsicherheit ist normal. Fragen sind es auch: „wie orientierst Du Dich?“ „Wodurch bist Du erblindet?“ „Wie träumst Du?“ „Wünschst Du Dir, wieder sehen zu können?“ „Kannst Du am Computer arbeiten?“ und viele mehr. Ich beantworte diese Fragen gern. „Du musst wahrscheinlich auf jeder Zugfahrt dieselben Dinge erzählen“, hat mal eine besonders interessierte Mitfahrerin gesagt.

Es stimmt, dass sich einige Fragen häufiger wiederholen. Aber was soll’s. Immerhin kenne ich mich in dem Themengebiet gut aus. Und – diese Erfahrung machte ich in der Uni ebenso wie im Beruf – nur wenn die Unsicherheiten und das Unwissen aufgebrochen werden, kann Normalität im positiven Wortsinn überhaupt entstehen. Als ich während meiner Unizeit in Referatsgruppen auftauchte, machte sich zunächst Ratlosigkeit breit. In Schweigen oder in zaghaften, auf political Correctness bedachten Bemerkungen hörte ich das „Wie will der denn bei uns mitarbeiten“ heraus. Die Spannung wurde immer geringer, je mehr ich erzählte, dass mein PC sprechen könne, dass ich mir Texte für das Referat einscannen und synthetisch vorlesen oder auf Kassette sprechen lassen könne. Und dann kamen auch Fragen, mutiger und neugieriger, nach meinem privaten Umgang mit der Behinderung. Und danach? Danach waren wir einfach nur eine Referatsgruppe mit ganz unterschiedlichen Leuten: nervösen und coolen, hässlichen Entlein und Fotomodels, Besserwissern und Nachdenklichen, Sehenden und Blinden.

Daher mein Plädoyer – vielleicht etwas pathetisch, aber was soll’s: Fragen Sie, sprechen Sie mit behinderten Nachbarn, Kollegen, Zugpassagieren. Wenn die Betroffenen gerade keine Lust auf Fragen-Beantworten haben, dann sagen diese Ihnen das schon. Wie bei allem gilt im Umgang zwischen blinden und sehenden Menschen – und vielleicht gerade da -, dass wir nur im Dialog Gemeinsamkeiten entdecken und unsere Ängste verlieren können. Amen.

Blind im Medien-Job

Blinde Menschen in Medien-Berufen. Zu diesem Thema hat mich in der vergangenen Woche eine Journalistik-Studentin der Uni Hamburg interviewt. Für eine Recherche-Übung porträtiert Laura Schneider einen blinden Studenten der Medienwissenschaft. Als PR’ler und als Medien-Konsument wünsch ich mir, dass Journalisten immer soviel Freiheit und Zeit für die Artikel-Recherche hätten wie der Berufsnachwuchs an den Unis. Laura Schneider war perfekt auf das sehr spezielle Thema vorbereitet, hatte diverse Vorabmails an die Experten geschickt und war sehr interessiert. Auf mich war sie durch meine Mitarbeit im Leitungsteam der Fachgruppe Medien des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) aufmerksam geworden.

Einige von Schneiders Fragen und meine Antworten dazu:

1. Wieviele blinde Menschen studieren bzw. arbeiten in den Medien in Deutschland?

 

Hierzu gibt es kein belastbares Zahlenmaterial. In der Fachgruppe Medien des DVBS sind rund 100 blinde und sehbehinderte Medienschaffende zusammengeschlossen. Das Spektrum reicht von wissenschaftlichen Dokumentaren, über Rundfunk-Journalisten bis zu PR-Profis. Einige arbeiten hauptberuflich in diesen Bereichen, andere machen z. b. eine ehrenamtliche Radiosendung im Offenen Kanal oder im Internet. Insgesamt dürfte die Zahl aber gering sein. Das liegt daran, dass die meisten blinden Menschen erst im Alter ihr Augenlicht verloren haben und die Chancen sehbehinderter Menschen in den Medien – wie in allen Berufszweigen – sehr schlecht sind. Schätzungen zufolge sind überhaupt nur knapp 30 Prozent der Blinden im berufsfähigen Alter in einem regulären Arbeitsverhältnis.

2. Bieten alle Universitäten Deutschlands, wo man „etwas mit Medien“ studieren kann, das Studium auch für Blinde an?

Wenn man es als Blinder geschafft hat, an einer Förderschule oder integriert an einer Regelschule sein Abitur zu machen, dann kann man in Deutschland formal alles studieren. Härtefall-Regelungen setzen dabei sogar den Numerus Clausus außer Kraft. Speziell für Blinde wird kein studiengang angeboten. Überhaupt ist die Begleitung der behinderten Studenten von Uni zu Uni sehr unterschiedlich. An der einen Hochschule gibt es ein spezielles Förderzentrum, an anderen Bibliotheksräume mit blindengerechten PC’s, an anderen Unis nichts dergleichen. In der Praxis gibt es aber Studiengänge, die besser geeignet sind als andere. So ist sicherlich ein Studium mit dem Schwerpunkt visuelle Medien eher suboptimal, während viele blinde Menschen gerade beim Radio-Journalismus ihre sehenden Kommilitonen in die Tasche stecken könnten.

 

3. Gibt es häufig Beschwerden von Blinden bezüglich der Schwierigkeit, an Bildung oder Arbeit zu gelangen? Wie schätzen Sie die vom Staat zur Verfügung gestellten Möglichkeiten ein?

 

Immer wieder gibt es Probleme. Fachliteratur gibt es nicht in Brailleschrift. Wissenschaftliche Texte müssen aufwändig eingescannt oder aufgelesen werden. Wenn sehbehinderte Studies dann an einen nichtkooperativen oder planlosen Professor geraten, haben sie einen für die Seminarstunde relevanten Text nicht rechtzeitig lesen können. Oder das ergänzende Folienmaterial wird nicht zur nachträglichen Bearbeitung freigegeben. Das sind aber Ausnahmen. Von den rechtlichen Rahmen-Bedingungen und vom Alltag an den meisten Unis her kann man als blinder Mensch in Deutschland erfolgreich studieren. Die Probleme beginnen meist erst bei der Jobsuche und im Berufsleben. Infolge der Hartz-Reformen wurde die Arbeitsplatzvermittlung auch für behinderte Menschen weitgehend regionalisiert. Überforderte Agentur-Mitarbeiter sollen plötzlich blinde Akademiker in einen Medienjob bringen und scheitern dabei immer wieder. Hier muss dringend eine bundesweite, zentrale und kompetente Jobvermittlung für behinderte Studierte her. Vorurteile, Unwissenheit und Ängste bei vielen Arbeitgebern machen es uns enorm schwer, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Dabei gibt es die Möglichkeit, bis zu 70% der Lohnkosten vom Staat tragen zu lassen. Hilfsmittel-Ausstattungen – wie Braillezeilen und sprechende PC’s – werden ebenfalls von der Arbeitsagentur übernommen. Problematischer ist da schon, dass in vielen Unternehmen regelmäßig neue Software installiert wird, neue Datenbanken erstellt werden usw. Und das häufig, ohne zu überprüfen, ob die blindenspezifischen Hilfsmittel damit funktionieren.

4. Kennen Sie bestimmte Arbeitgeber im Medienbereich, die ihre betrieblichen Strukturen so anpassen, dass blinde Menschen beschäftigt werden können?

Das Vorzeigeunternehmen schlechthin gibt es nicht. Was man sicher sagen kann, ist, dass es eher noch die öffentlichrechtlichen Anstalten sind, die sich an die Behindertenquote von fünf prozent halten. Ich selbst kenne wissenschaftliche Dokumentare, die in Rundfunkarchiven arbeiten oder blinde Nachrichtensprecher. Auch in der schreibenden Zunft gibt es den einen oder anderen blinden Journalisten. Ich kann nur jedem Unternehmer empfehlen, sich an einen Blinden- und Sehbehindertenverein wie dem BSVH zu wenden, wenn Fragen rund um die Integration von Mitarbeitern auftauchen.

5. Wo sehen sie Vor- bzw. Nachteile von blinden Menschen im Medienbereich (Studium und Beruf)?

Die Nachteile liegen vor allem im alltäglichen Umgang, in unausgesprochenen Vorurteilen und Berührungsängsten auf beiden Seiten. Das ist kein Spezifikum der Medienbranche, sondern ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem. Die Nachteilsausgleiche, die blinde Menschen an Unis eingeräumt werden (verlängerte Abgabefristen für Abschlussarbeiten, mehr Zeit für Klausuren usw.) sind keine Vorteile, sondern nötige Nachteilsausgleiche. Journalistische Arbeit bedeutet Zuhören, Verstehen, Nachfragen. Viele blinde Menschen sind Profis darin, Infos und Zwischentöne aus dem gesprochenen Wort herauszufiltern. Sie sind gewiss ebenbürtige Journalisten. Und – wie gesagt – Radio ist das Leitmedium für viele blinde Menschen. Nicht selten sind Amateur-Shows blinder Journalisten mit einer höheren Professionalität produziert als manch eine Massenware der sehenden Radioprofis. Da stimmt oft jeder Anschluss, Musik und gesprochenes Wort harmonieren, Jingles werden rhythmisch perfekt eingesetzt. Leider sind das Fähigkeiten, die immer weniger in den hochcomputerisierten Radiostudios benötigt werden.

Kurze Vergnügen

Twitter ist inzwischen überall. Das Gezwitscher ist mainstream: die Tagesschau berichtet, die Grünen schicken gerade Updates von ihrem Parteitag in Dortmund, Spiegel-Online verbreitet seine Nachrichten über den Micro-Blogging-Dienst, NDR’s N-Joy kommuniziert mit den Hörern u.v.m. Herzstück ist und bleibt aber der Mensch hinter den Kurznachrichten, die sich Tweets nennen, seine Interessen, Infos und sein Humor oder Wortwitz. Gerade letzterer stand am gestrigen Abend im Mittelpunkt der Twitterlesung in der Hamburger Botschaft im Schanzenviertel.

Das Twitkrit-Team, das in seinem Blog regelmäßig bemerkenswerte Twitterer rezensiert, las Gefühlsausbrüche, Gedanken über Politik, büroalltag und das Leben, jeweils geballt in maximal 140 Zeichen. Beispiele: „Wenn die deutschen Autohersteller ans Ende ihrer Fließbänder Schrottpressen montieren, wären sie dank Abwrackprämien ihre Absatzsorgen los.“ „Ich teile jetzt erstmal meine Wohnung in Gegenstands-Aufenthaltsorts-Quadranten ein.“ „Sitze auf der Parkbank. Mühsam nähert sich das Eichhörnchen.“ usw. Pointiert und klug, stumpf und zynisch, alles gab’s. Eine tolle Idee, so eine Twitterlesung. An der Dynamik der Performance könnte vielleicht noch gefeilt werden, aber sonst hoffe ich, dass bald wieder in der Hansestadt live on Stage gezwitschert wird.

Den einzigen wirklichen Wermutstropfen gab es beim Offlinetweet-Wettbewerb-Contest. Auf Kärtchen durften sich Twitterer und Nichttwitterer spontan an der 140er-Form versuchen. Die bezaubernde Liebste des Blind-PR’lers schaffte es zurecht unter die Top 4 – „in dem Moment, in dem ich mein Herzblut spenden wollte, war niemand da, der es brauchte“ -, kam ins Stechen um Platz Eins und verlor knapp im Applaus-Votum gegen einen Stuhlgang-Tweet – man kann nicht alles haben.

Meine Twitter-Updates finden Sie übrigens hier.

Weimar begreifen

Das Internet vergisst wirklich nicht – und das hat auch seine schönen Seiten. Zuvällig stolperte ich jüngst über einen Text von mir, den ich vor über drei Jahren für die sZ-Beilage Jetzt.de geschrieben hatte. Er berichtet von einer schönen Erinnerung und schafft es somit auch in dieses Blog:

Weimar begreifen

http://www.jetzt.de, 17.10.2005

Ein Weimar-Wochenende aus der Sicht eines Blinden: Heiko Kunert, Gewinner des Anna-Amalia-Schreibwettbewerbs, erlebt die spannungsreiche Goethe-Stadt mit Händen, Ohren und Nase.

Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar klingt groß. In ihr ist es warm. Sie riecht wie ein Neubau – wie ein Neubau mit staubigen Büchern. Und das ist sie ja auch: Nachdem das Renaissance-Gebäude im September 2004 durch ein Feuer
verwüstet wurde, dem Tausende wertvoller Bücher zum Opfer fielen, wird es zurzeit restauriert.

„Allianz-Kulturstiftung“ und „Süddeutsche Zeitung“ – die Initiatoren des Schreibwettbewerbs – haben hierher eingeladen. Wir Bestplatzierten tragen unsere Geschichten vor. Sie handeln vom realen Buch aus Papier, von Büchereien als Orten menschlicher Begegnung. Wie konnten diese Texte einen Onlinewettbewerb gewinnen? Der Schriftsteller Tobias Hülswitt überreicht die Preise: Ipods. Wie passen diese an einen Ort, in dem Mozart-Handschriften archiviert sind?

Ruhe und Gelehrsamkeit in der Bibliothek prallen heute auf den Zwiebelmarkt. 350.000 Besucher werden an diesem Wochenende in Weimars Altstadt feiern. Deutschsprachige Country-Kracher der 80er Jahre werden auf einer
Festbühne lustlos, aber laut intoniert. Volksfeste sind halt so, aber zu Goethe und Klassik wollen sie nicht passen.

Wir – Jury und Preisträger – flüchten in den Park des Schlosses Belvedere. Hier riecht es nicht nach Bratwurst, Zwiebelkuchen und gebrannten Mandeln. Hier riecht es nach den letzten Blüten
des Jahres, nach Herbstsonne auf kühler Erde. Im Schlosspark erklingen weder Truckstop, noch Schunkeljazz. Hier zwitschern Vögel, Violinentöne schweben
aus dem „Musikgymnasium Schloss Belvedere“. Hier wird nicht Nippes angepriesen, hier plaudert Helmut Seemann – Präsident der Stiftung Weimarer Klassik
und Kunstsammlungen – über die Marotten Herzog Carl Augusts und die botanischen Forschungen Goethes, als sei er ein Zeitzeuge. Mir ist klar: Wo, wenn nicht
hier, sollten die Ideen der Klassik entstanden sein? Wo, wenn nicht hier, sollten Genie und Macht, Kunst und Politik eine harmonische Einheit eingegangen
sein? Wo, wenn nicht in dieser Parkanlage und im Schloss Belvedere?

Heute repräsentieren nicht mehr Schlösser die Macht, sondern Rathäuser. Das Rathaus von Jena, in das wir am Abend fahren, riecht wie eine Aula, die Stühle sind so bequem wie in der Schule. Es gibt barocke Musik. Und schon ist sie wieder
da, nach den ersten Cembalo-Takten: die Vergangenheit: Ich denke an Grimmelshausen, Gottesfurcht und 30jährigen Krieg; nicht an meinen ersten Platz im
Schreibwettbewerb und nicht an das verheerende Erdbeben in Pakistan.

Auch im Goethehaus, in dem der Faust-Schreiber knapp 50 Lebensjahre verbrachte, scheint es keine Gegenwart zu geben, obwohl Kopfhörer und ein Film Hintergründe liefern und „die Wahlverwandtschaften“ im Souvenirshop auf DVD verkauft werden.
In den schlichten und engen Kammern beeindrucken historische Athene-Büsten, der verzierte Steinofen, der Schreibtisch des Meisters: Ich erhalte die Erlaubnis,
die Ausstellungsstücke anfassen zu dürfen, ein sinnliches Privileg blinder Besucher. Ich begreife im Goethehaus Geschichte.

In meinem Weimar schwingt der Geist der Klassik neben dem Geist einer ganz gewöhnlichen ostdeutschen Kleinstadt. In ihm erahne ich, zu welch Höhenflügen der menschliche Geist fähig ist. Mein Weimar duftet nach endlosen Bücherreihen und riecht nach Massentourismus. Es umspielt mich mit alten Wahrheiten und neuen Fragen. Mein Weimar klingt nach Goethe-Gedichten aus weißen Kopfhörern.

Gefunden unter http://www.allianz-kulturstiftung.de/presse/archiv_presseinformationen/herzogin_anna_amalia_bibliothek/weimar_begreifen/weimar_begreifen.html