Hoffen und Bangen

Während es aus Niedersachsen Nachrichten gibt, die blinde Menschen hoffen lassen, müssen die Betroffenen in Mecklenburg-Vorpommern weiter bangen. Aus Hannover heißt es, dass die Regierung eine Blindengeld-Erhöhung erwäge, so stand es zuletzt in der Nordwestzeitung. Das Land zahlt zurzeit mit 220 Euro das niedrigste Blindengeld der Republik. Die Schweriner Regierung möchte hingegen scheinbar weiter den entgegengesetzten Weg gehen und die Leistung von 546 auf 333 Euro senken. Im Sozialausschuss fand hierzu gestern eine Experten-Anhörung statt. Zu dieser schreibt DBSV-Direkt folgendes:

im Sozialausschuss des Landtags Mecklenburg-Vorpommern fand heute die öffentliche Anhörung über den Gesetzentwurf zur Kürzung des Landesblindengeldes statt. Renate Reymann, Präsidentin des DBSV, war als Zuhörerin dabei und sagte in einer ersten Stellungnahme: „Das war eine starke Vorstellung, die die Sachverständigen heute abgeliefert haben. Die Landesregierung wurde ganz deutlich in ihre Schranken gewiesen.“

Als Vertreter des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins Mecklenburg-Vorpommern (BSVMV), des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) und des Vereins der Blindenwohlfahrt Neukloster sprachen Gudrun Buse, Uwe Boysen und Werner Sill vor dem Ausschuss. Sie hoben zum wiederholten Mal hervor, dass das Blindengeld unverzichtbar ist, um behinderungsbedingte Mehraufwendungen zu finanzieren und damit gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Außerdem wurde deutlich darauf hingewiesen, dass durch die Kürzung des Landesblindengeldes mit einer steigenden Zahl von Anträgen auf Blindenhilfe zu rechnen sei, was die angestrebten Einsparungen weitgehend zunichte machen dürfte.

Dass der vorliegende Gesetzentwurf eine sauber recherchierte Analyse der Lebenssituation blinder und sehbehinderter Menschen vermissen lässt, beklagte Dr. Martin Scriba von der Evangelischen Landeskirche Mecklenburg-Vorpommern, der sich gegen eine Kürzung des Landesblindengeldes aussprach. Genauso klar ist die Haltung des Integrationsförderrats und der LAG Selbsthilfe. Auf Nachfragen stellte sich heraus, dass auch die Mehrheit der im DPWV zusammengeschlossenen Verbände für die unveränderte Beibehaltung des Landesblindengelds ist.

„Wir hoffen sehr, dass der Sozialausschuss den Gesetzentwurf zurückweisen wird“, erklärte Renate Reymann. „Das wäre ein deutliches Signal dafür, dass blinde und sehbehinderte Menschen in diesem Land ernst genommen werden.“

Wie soll sein Schnitt?

Friseur-Besuche können doch sehr ernüchternd sein. Ich meine nicht den entstandenen Haarschnitt, sondern dass ich dort einmal mehr mit dem Bild konfrontiert wurde, das ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft von blinden Menschen hat. Eigentlich habe ich bei „Gute Köpfe“ meist positive Erfahrungen gemacht: die MitarbeiterInnen boten mir ihren Arm an, begleiteten mich durch den wuseligen, mit hipper Musik beschallten Laden und plauderten ein Wenig mit mir. Mit den Frisuren war ich auch immer zufrieden. Aber letzten Freitag – wie schon auf Twitter verkündet – war es bizarr. Als ich auf dem Stuhl Platz genommen hatte, legte mir die Friseurin den Umhang um und ging schnurstracks zu meiner Freundin.

„Wie soll sein Schnitt?“, fragte sie Anna.

„Fragen Sie ihn“, antwortete diese.

Verwirrt und etwas unsicher kam die Gute-Köpfe-Dame zu mir. „Ich dachte, Du wärst blind.“

„Das bin ich auch“, antwortete ich, „trotzdem kannst Du mich fragen.“

Nachdem ich ihr beschrieben hatte, was ich wollte, sagte sie kein Wort mehr. Bis sie mich fragte, ob ich einmal anfassen möchte, ob es so okay sei. „Geht doch“, dachte ich.

Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen ist ganz normal. Ich selbst bin zum beispiel oft nervös, wenn ich mit geistigbehinderten Menschen spreche. Aber sollte es nicht selbstverständlich sein, dass wir dann fragen stellen, undzwar dem betroffenen und nicht seiner Begleitung. Ich war beim Friseur und wollte einen neuen Haarschnitt. Da werde ich doch wohl auch wissen, was ich möchte. Zumal man Haarschnitte ja nun wirklich fühlen kann. Stattdessen werden behinderte Menschen viel zu häufig nicht auf einer Augenhöhe betrachtet.

Gerade in Deutschland sehen viele Menschen in uns hilflose, hilfebedürftige und unselbstständige Wesen. Ich erlebe es immer wieder: in der U-Bahn, bei Ärzten und in Geschäften. Ich möchte nicht wie ein Kind behandelt werden. Das ist doch wohl das Mindeste, was behinderte Menschen sich wünschen dürfen. Für die Selbsthilfe-Organisationen – wie dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg – gibt es da noch viel an Öffentlichkeitsarbeit zu tun, um das Behinderten-Bild in Deutschland Stück für Stück zu modernisieren. Und auch jeder Einzelne ist gefordert, den Mund aufzumachen, auch wenn es Kraft kostet. Denn in der Regel ist es kein böser Wille, der hinter dem verhalten der nichtbehinderten Mitbürger steht. Es ist einfach Unwissenheit. Und die muss weg!

Schön, dass es meistens aber anders ist. Beim Curry-Grindel fragte mich der Chef nach meinem Friseur-besuch: „Haben Sie großen Hunger?“ Ich sagte ja. „Na, Sie sehen ja jetzt nicht, was ich hier tue“, sagte er lachend und schaufelte mir dabei einen gewaltigen Pommes-Berg auf den Teller. Ich lachte mit ihm.

Kurzweilige Langeweile

Die Buddenbrooks sind ein deutscher Mythos. Thomas Manns Familiensaga ist ja auch wirklich ein Meisterwerk. Die Verfilmung von Heinrich Breloer ist aber reichlich unspektakulär. Gelecktes und kitschiges Prunkkino, ohne Gefühl und Humor. Das kann man doch mit dem grandiosen Ironiker Mann nicht machen. Selbst der Geck und erste Ehemann von Tochter Toni, Grünlich, ist nicht witzig gespielt. Statt mit einem Schmunzeln auf die Komik in der Tragik zu blicken, dominiert betonte Ernsthaftigkeit. Untermalt wird das Stelldichein der deutschen Filmprominenz – Armin Müller-Stahl, Jessica Schwarz, August Diehl u. A. – mit beinah durchgehender Filmmusik – und selbst die ist langweilig. Das Einzige, was gelingt, ist, dass die Zeitlosigkeit des Stoffes deutlich wird: Angst vor wirtschaftlichem Abschwung, finanziellem Verlust und unerfüllte Liebe sind bis und gerade heute aktuell. John von Düffels Theater-Adaption der Buddenbrooks machte dies allerdings auch deutlich, undzwar mit sehr viel mehr Witz. Von Düffel gelang es sogar, den Mann’schen Stoff neu zu beleuchten. Davon ist bei Breloer kaum etwas zu merken, denn vor lauter Kitsch und schönen Menschen ist an Reflektieren kaum zu denken. Die zweieinhalb Stunden sind dennoch schnell herum, denn der Film ist durch und durch professionell produziert – aber leider nur das.

Ein Auftakt nach Maß

Das Jubiläumsjahr hat begonnen. Am 4. Januar feierten blinde und sehbehinderte Menschen weltweit den 200. Geburtstag Louis Brailles. Die rund 3000 blinden und über 40.000 sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger hatten noch einen Grund zum Feiern: der BSVH wurde gestern 100 Jahre alt. Diese zwei Gründe zum Feiern haben wir erfolgreich gewürdigt. Um 15.00 weihte Kultursenatorin von Welck den Louis-braille-Platz ein. Über 100 Menschen besuchten trotz Regen und Kälte den vorplatz der U-Bahn Hamburger Straße. Neben Frau von Welck würdigten der französische Konsul Tutin und der zweite Vorsitzende des BSVH Kißler die Leistung Brailles.

Im benachbarten Louis-Braille-Center, dem Dienstleistungszentrum des BSVH, feierten 350 Menschen das Vereinsjubiläum. Das kabarettistische Urgestein Hans Scheibner trat dort ebenso auf wie der Sänger Jochen Wiegandt, dessen plattdeutsche und hanseatische Volkslieder und Geschichten überraschend zeitlos daher kommen. Die Mitarbeiter und Helfer können stolz sein. Eine infrastrukturelle Meisterleistung ist geglückt. Der Partyservice Giffey verstand es großartig, unsere blinden und sehbehinderten Besucher zu bedienen – unaufdringlich und effektiv. Ein echter Hingucker war die Riesentorte, auf der in Blinden- und Schwarzschrift stand: „200 Jahre Louis Braille – 100 Jahre BSVH) und auf der leckere Hände die Punktschrift lasen. Das fand auch das Hamburg-Journal, das die Torte in der sonntagsausgabe zeigte.

Überhaupt war das Medien-Echo erfreulich: Welt, Abendblatt, Mopo, Kobinet und die TAZ berichteten (letztere sogar zweifach). Die ausführlichste Information bot NDR 90,3 mit einer Live-Schaltung, mit Kurzberichten in den Nachrichten und einer lebendigen Reportage am Montagmorgen. Ich danke allen Journalistinnen und Journalisten für die Zusammenarbeit.