Eine unvollendete Lektüre

„Ein Russischer Roman liest sich wie ein Stück märchenhafter Poesie, als ein fiktives Dokument verlorener Unschuld und gestorbener Träume. Meir Shalev schaut trauernd und sehnsuchtsvoll zurück. Und er gönnt sich dabei einen Anachronismus in rasenden Zeiten – den langen Atem, Geschichten zu spinnen.“ Das schrieb die Süddeutsche Zeitung dereinst über Meir Shalevs „Ein Russischer Roman“. Und ich sitze hier mit diesem angeblich so wunderschönen Buch – und komme einfach nicht voran. Bin ich denn schon so sehr ein Opfer der rasenden Zeiten, dass ich in meinem Leben keinen Platz mehr für den Anachronismus des Geschichten Spinnens habe?

Ich bin überzeugt davon, dass man nicht jedes Buch zuende lesen muss. Nicht jedes Werk entfaltet seine Schönheit erst ab dem letzten Fünftel, sprich ab Seite 800. Und nicht jede von der Kritik gepriesene Erzählung hat etwas mit meiner Welt zu tun. Und bevor ich meine viel zu kurze Lesezeit mit Büchern überfrachte, die mir nicht das Leben bereichern, sondern es nur vollmüllen, lasse ich es lieber. Aber bei Meir Shalevs „Ein Russischer Roman“ ist es nicht so einfach. Ich denke immer wieder, dass es noch seine Schönheit entfalten wird, es mir eine bisher verschlossene Seite Israels offenbaren wird. Und so quäle ich mich seit Wochen immer wieder hinein. Blindenschrift-Bücher sind deutlich voluminöser als Schwarzschrift-Literatur. So kam das Buch aus der Bibliothek in drei Koffern hierher, in jedem Koffer zwei dicke Bände. Und ich habe gerade mal einen Band geschafft – heute immerhin zwanzig Blindenschrift-Seiten auf dem Balkon in der Sonne. Das ist lachhaft wenig. Es entsteht keine Spannung in mir, keine Identifikation mit den Figuren. Gelegentlich kommt ein bisschen Märchen-Assoziation auf, aber nur sehr kurz. Die Sprache ist farbenfroh, weich und liebevoll. Nur liebt die Sprache etwas, das ich nicht kenne, zu dem mir jeder Bezug fehlt. Und die Emotionen der Hauptfiguren beim Aufbau von Landwirtschaft, kleinen Dörfern und beim Errichten des Staates Israel bleiben – zumindest nach dem ersten Sechstel des Romans – sehr unscharf. Und so werde ich das Buch wohl tatsächlich unbeendet zurück nach Leipzig schicken, in die Deutsche Zentralbücherei für Blinde. Aber diesmal fällt es mir schwer. Denn irgendetwas schlummert in diesem Buch. Vielleicht passen wir einfach momentan nicht zusammen – und unsere gemeinsame Zeit kommt erst noch.

Mein Beitrag zum Anna-Amalia-Literaturwettbewerb 2005: http://www.abendblatt.de/daten/2005/10/11/491136.html

Eine verbitterte Generation

Während die vergangene Woche musikalisch maßgeblich von Madsen dominiert war, laufen in dieser Woche überdurchschnittlich häufig Kettcar beim Schreiber dieser Zeilen. Das hat nicht nur mentale Gründe, sondern ist auch dem Fakt geschuldet, dass Kettcar am vergangenen Freitag mit „Sylt“ ihr drittes Album veröffentlicht haben. Anlässlich des Releases geben die Jungs zurzeit ihr letztes von sieben Konzerten in ihrer Heimatstadt – angefangen mit dem winzigen Hafenklang, einem An-Deck-Konzert auf der über die Elbe schippernden MS concordia, dem Molotow, bis zu den größeren Clubs Knust, Docks, Fabrik und Markthalle.

Sarah und ich waren am Dienstag im Docks dabei. Kettcar warnten ihr Publikum mehrfach: „Zieht nicht nach Berlin!“ Wohl um ihre Worte zu unterstreichen, hatten sie die Berliner Wave-Recken Delbo eingeladen. Ich habe lang nicht mehr eine so furchtbare, unmotivierte Vorband gesehen, geschweige denn einen so schlechten Sänger gehört. Während also ein Hauch von Kreuzberg über der Docks-Bühne hing, standen 1300 Hamburger gelangweilt in der Gegend herum oder rempelten mich pöbelnd und schroff von hinten an. Und ich dachte, was wird das bloß für ein übles Konzert? Ich hatte doch das neueste Kettcar-Album bereits gehört, das vor Verbitterung nur so strotzt. Aus ihm tropft die Enttäuschung der Ü30er, die nicht im ordentlichen, bürgerlichen Leben angekommen sind. Es quietscht, ist kantig, verstörend gut. Und die Jungs scheinen etwas anzusprechen. Sieben ausverkaufte Konzerte und die ersten Verkaufszahlen sprechen für sich. So erlebe ich das Paradoxe: spielfreudige, gutgelaunte Musiker bringen die von Delbo geschockte Masse mit „Deiche“ von null auf hundert. 1300 Menschen machen Lärm wie auf einem Tokio-Hotel-Konzert, singen selbst die neuesten Songs schon lauthals mit. Band und Publikum freuen sich zusammen, dass sie die Enttäuschungen des Lebens in Musik aufgehen lassen können. Und endgültig Gänsehaut ist angesagt, als wir nach dem Gig vor das Docks treten. Da stehen Kettcar open-Air auf leeren Astra-Kästen auf dem Spielbuden-Platz, ohne Verstärke, und spielen Landungsbrücken und noch vier Songs mehr und wir ganz vorn. Und alle singen so gut sie können, während der Frühlingsabend uns umgibt, eng zusammen gedrängt: „Dieses Bild verdient Applaus!“ Eine verbitterte Generation sieht anders aus.

Links zum Thema

Die TAZ sieht das ganz anders: http://www.taz.de/regional/nord/hamburg/artikel/?dig=2008%2F04%2F24%2Fa0033&src;=UA&cHash;=435360905a

Offizielle Kettcar-Site: http://www.kettcar.net/

Wertvolle fünf Euro

Hamburg betritt politisches Neuland: Erstmals bilden CDU und Grüne auf Landesebene eine Koalition. Vor wenigen Tagen veröffentlichten die Parteien ihren Koalitionsvertrag. Darin ist verankert, dass das Blindengeld an die Rentendynamisierung gekoppelt wird. Ein Erfolg für unsere Arbeit.

In der vergangenen Legislatur-Periode ist das Blindengeld um über 20 Prozent gekürzt worden. Die Leistung soll blinden Menschen ein eigenständiges, integriertes Leben ermöglichen. Denn das Leben mit Blindheit ist teuer. Bücher kosten das fünf- bis zehnfache eines Schwarzschrift-Exemplars, eine Schreibmaschine gern mal 1000 Euro, für Arzt- oder Behördenbesuche brauchen wir häufiger ein Taxi, für Reisen Begleitpersonen. Die notwendige Leistung Blindengeld wurde in vielen Bundesländern blind gestrichen. Während die Ersparnisse für die Landeshaushalte vergleichsweise gering sind, sind die Einschränkungen im Alltag der Betroffenen enorm. Weniger Selbstbestimmung, weniger Freude am Leben waren und sind die Folge. Dass schwarz-Grün jetzt zumindest die Abwärtsbewegung umkehrt, ist bemerkenswert und positiv. Real bedeutet der Plan momentan eine Jährliche Anhebung um ca. fünf Euro. Das ist für den Einzelnen keine Offenbarung, aber als sozialpolitisches Signal richtig. Blinde Menschen werden nicht dauerhaft abgekoppelt. Sie werden explizit im Vertrag erwähnt. Das ist für die 3000 blinden Hamburger eine Aufwertung, die nicht zuletzt unserem Engagement im Wahlkampf zu verdanken ist.

Links zum Thema

Der vollständige Vertrag als PDF-Dokument: http://www.hamburg.gruene.de/cms/default/dokbin/229/229457.koalitionsvertrag.pdf

Und das haben die Parteien vor der Wahl versprochen: http://www.bsvh.org/news/40/37/

Frühling in Hamburg

Wie wundervoll Hamburg ist, merke ich besonders, wenn es Frühling wird. Und Frühling wird es in diesen Tagen endlich. Die Vögel durchdringen die Stadt mit ihrem Gezwitscher und übertönen – scheinbar spielend – den Lärm der Autos. Im Stadtpark weht der mal sanfte, mal fordernde Wind durch vollere Baumkronen, deren Rauschen immer kräftiger wird. Die Erde duftet nach Leben und Zukunft. Am Hafen strömen Hunderte auf die HVV-Fähren, um immer wieder von den Landungsbrücken nach Finkenwerder und zurück zu fahren und an Deck die Sonne zu genießen. Das Hupen der Dampfer, das Rauschen der Elbwellen, die Gischt auf der Haut, lassen die zarten Pflanzen der Hoffnung und Sehnsucht um so schneller wachsen. Auf den Steinen am Elbstrand zu sitzen, während sich Wolken und Sonne abwechseln – so wie Tränen und Lächeln – ist in dieser Jahreszeit wundervoll. Im Frühling liegt noch nicht die Sattheit eines heißen Grilltages auf den Gemütern der Stadtbewohner, sonder die Leichtigkeit eines langen Spaziergangs. Wenn doch nur immer Frühling wär…