Der Mann in Lila

Dürfen Männer Lila tragen? Diese Frage wird in meinem Hamburg zurzeit sehr kontrovers diskutiert. Während die Männer, mit denen ich dieses heiße Eisen anging, weitestgehend pro-lila eingestellt waren, gab es bei den Damen Meinungen, die zwischen Ekel und Hinschmelzen schwankten. Bisher hab ich folgende Statements gesammelt: „Doch, schon O.K.“, „mit so einem Mann würd ich nicht essen gehen“, „manchen Männern steht’s“, „find ich schick“, „Lila und Rosa darf man nicht in einen Topf werfen“, „mich erinnert das an Jesus aus Big Lebowski“, „es kommt auf den Mann und seinen Charakter an“, „Lila ist die Farbe der Unbefriedigten“, „Lila sieht irgendwie traurig aus“, „Solche Männer sind tuffig“.

Wie komme ich als blinder Mensch eigentlich dazu, einen lila Pulli im Kleiderschrank zu haben und mich somit auf ein sehr glattes Eis zu begeben? Ich habe noch Erinnerungen an Farben. Ich habe bis zu meinem siebten Lebensjahr gesehen. Außerdem benutze ich ein Farberkennungsgerät. Den Colortest hält man auf die Kleidung, drückt einen Knopf, es wird ein Lichtstrahl auf die Oberfläche geworfen, die Reflexionsdaten ausgerechnet, und dann sagt das Fernbedienungsgroße Hilfsmittel die Farbe an. Die Jeans, die ich gerade trage, ist demnach „dunkel graublau“. Der Colortest verhindert, dass ich unwissentlich unpassende Farb-Kombinationen trage oder ein knallrotes T-Shirt sich in die Wäschetrommel mit der weißen Kleidung schmuggelt. Leider sagt der Colortest nicht, welche Hose zu welchem Hemd passt. Da muss ich mich weiter auf meine Kindheitserinnerungen verlassen. Ist man aber geburtsblind, hat also nie gesehen, dann sind Farben zunächst nur Wörter, deren Bedeutung man erst lernen muss. Welche Farben passen zusammen? Welche Farben sind Mischfarben und welche komplemeentär zueinander? Welche Farbe hat eine Wiese, welche der Himmel? Und – für den Alltag und die Auswahl der eigenen Kleidung vielleicht die wichtigste Frage – welche Assoziationen haben meine sehenden Mitmenschen zu den Farben? Wenn die Antwort dann so uneindeutig ausfällt wie bei lila, dann muss man sich entscheiden, wessen Meinung man sich anschließen möchte. Ich jedenfalls werde meinen Pulli bald mal wieder anziehen.

So klingt der Colortest: http://www.caretec.at/uploads/tx_sbproducts/colortest_standard.mp3

Er hätte heut gespielt

Heute hätte Jeff Healey in Hamburg spielen sollen. Im Fabrik-Newsletter findet sich aber nur ein Sternchen, das wie folgt definiert wird: „Am 4. März erreichte uns die traurige Nachricht, dass JEFF HEALEY am 2. März 41-jährig seinem Krebsleiden erlegen ist. Wir sind betrübt über seinen frühen Tod und den Verlust. Wir bitten alle, die sich bereits ein Ticket für das für 6. April geplante Konzert von Jeff Healey erworben haben, dieses an den Vorverkaufsstellen zurückzugeben. Und möchten gleichzeitig hinweisen auf das Ende März erscheinende, lang erwartete Healey-Album „Mess of Blues“, das wir Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit empfehlen möchten.“

Jeff Healey erblindete bereits im Alter von einem Jahr durch Retino Blastom, einer seltenen Krebs-Art, die die Netzhaut befällt. Healey hatte sich das Gitarre-Spielen bereits als Kind beigebracht. Er legte das Instrument auf seinen Schoß und schlug von oben die Saiten an. Aus dem Wunderkind wurde ein begnadeter Live-Musiker, der u.A. mit B.B. King oder George Harison spielte. Der Blues-Gitarrist und Jazzer, Trompeter und Sänger war die Coolness in Person. Seine flapsigen Gags auf der Bühne durfte ich auch einmal live erleben. In der Hamburger Fabrik habe ich den Kanadier vor sieben Jahren gehört. Fantastische Gitarren-Soli, die nie langweilig wurden, sondern immer neue Facetten seines Instruments und seiner Spielkunst offenbarten, sind mir bis heut im Gedächtnis geblieben – und eine Blues-Stimme, die ans Gemüt ging. Ans Gemüt geht mir auch Healeys Tod. Zuletzt litt er unter Bein- und Lungenkrebs. Die schreckliche Krankheit sollte sein Schicksal sein.

Offizielle Homepage von Jeff Healey: http://www.jeffhealey.com/

Mit dem Tandem nach Singapur

Ich war Freitag auf einem Dia-Abend. Den Satz hört man nicht allzu häufig aus meinem Munde. Wenn ich mir fast drei Stunden lang Reise-Dias gönne und danach sogar mehr als begeistert bin, dann muss das schon ein ganz besonderer Dia-Abend gewesen sein.

Sebastian Burger hat heut in Hamburg von seiner Blind-Cycle-Tour berichtet. Er ist zusammen mit blinden Menschen von Bremen nach Singapur geradelt: auf einem Tandem. Mit vielen humorvollen Anekdoten gespickt, erinnerte sich Burger an diese einmalige Reise. Der studierte Fotograf zeigte seine Bilder, die Anke Nicolai von Hörfilm e.V. für die blinden und sehbehinderten Besucher beschrieb. Zusätzlich spielte Burger Musik, Ton-Aufnahmen und Videoclips von der Reise ein. Die Vielfalt der Erlebnisse wurde vor den Augen der sehenden Besucher und in den Köpfen der blinden Besucher lebendig: Meterhohe Brennnesseln an deutschen Bahndämmen, der kautzige Opa mit dem gehäkelten Sattelbezug an der ungarischen Grenze, bunte, endlos weite Blumenwiesen in Rumänien, der schroffe Sozialneid in Bulgarien, die Gastfreundschaft türkischer Familien, der Frauenarzt in einem iranischen Dorf, der einen ganzen Schrank voller Kondome in der Praxis hatte, Pakistanischer Benzin-Schmuggel im Reisebus, das Chaos auf Indiens Straßen und der Gestank in den Städten, die Weite thailändischer Strände, der moderne Islamismus in Malaysya, die Gelecktheit Singapurs… Sebastian Burger beschrieb seine Erlebnisse so witzig und menschlich, Anke Nicolai die Fotos so präzise und gekonnt, dass keine Langeweile entstehen konnte. Für die blinden Mitfahrer muss es ein unvergessliches Erlebnis gewesen sein, bei der Blind-Cycle-Tour dabei gewesen zu sein. Und gleichzeitig haben sie Burger eine wesentlich kommunikativere Fahrrad-Tour beschert, als er es mit sehenden Mitfahrern bisher erlebt hatte. Das ist gelebte Integration. Ich jedenfalls würde am liebsten sofort eine Tandem-Fahrt durch Rumänien starten und dort abends auf den feuchten Wiesen, neben den Wasserbüffeln mein Zelt aufschlagen.

Links zum Thema

Infos zur Veranstaltung auf bsvh.org: http://www.bsvh.org/news/41/37/

Sebastian Burgers Homepage: http://www.globetreter.de/

Hörfilm e.V.: http://www.hoerfilmev.de/

Emotionsvokabeln

Als ich vor über sieben Jahren begann, E-Mails zu lesen und zu schreiben, da begegneten mir schon bald kryptische Aneinanderreihungen von Satzzeichen, die für mich überhaupt keinen Sinn ergaben. Meine Synthetische Sprachausgabe las plötzlich – unvermittelt und mitten im Text – „Doppelpunkt Minus Klammer Zu“. Was sollte das? Zur Kontrolle las ich mithilfe der Braille-Zeile den selben Text in Blindenschrift. Auch dort nur Satzzeichen, die so keinen Sinn ergaben. Inzwischen habe ich gelernt, dass sich hinter diesen Satzzeichen große Gefühle verbergen können.

Gerade im privaten Mailverkehr sind sie heute für viele Menschen nicht mehr wegzudenken: die sog. Emoticons. Emoticon verknüpft die Wörter Emotion und Icon. Und ich musste lernen, dass diese Satzzeichen-Ketten für den sehenden Betrachter stilisierte Gesten, Gegenstände oder Gesichtsausdrücke darstellen. Sie stehen für ein Lächeln, Trauer oder einen Kuss. In der Blindenschrift fallen diese Assoziationen weg, da die Braille-Zeichen lediglich auf verschiedenen Punkte-Kombinationen beruhen und rein äußerlich mit dem Alphabet der Sehenden nichts gemein haben. Ich musste die Emoticons und ihre Bedeutungen auswendig lernen, ähnlich wie Vokabeln einer Fremdsprache. Inzwischen haben findige Programmierer der Sprachausgabe meines PC’s beigebracht, statt „Doppelpunkt Minus Klammer Zu“ Smilie zu sagen. Und wenn eine Blind-PR-Leserin aus der Ferne grüßt und kommentiert und sich dabei weigert, Ihre Haarfarbe preiszugeben, dann ergänzt sie zur Sicherheit mit 😉 und meine Sprachausgabe nennt dies Gebilde „Zwinkersmilie“. Dann bin auch ich sicher, dass die sympathische Kommentatorin wirklich nur flachst. Ich nutze die Emoticons heutzutage wie selbstverständlich, einmal gelernt, vergesse ich sie so schnell nicht mehr – eben ganz ähnlich wie Vokabeln.

Wikipedia über Emoticons: http://de.wikipedia.org/wiki/Emoticon