Zu Gast im Inklusions-Podcast

Ich war zu Gast im wunderbaren Inklusions-Podcast. Constantin Grosch und ich sprechen über Blindheit, Sehbehinderung, fehlende Barrierefreiheit beim Zugang zur Literatur und im Web. Außerdem widmen wir uns der Inklusion an Schulen, dem Blindengeld in Zeiten des Bundesteilhabegesetzes und der Geschichte der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe. Die Folge könnt Ihr auf inklusions-podcast.de hören. Danke, Constantin, für die Einladung! Hat sehr großen Spaß gemacht – nur der HSV-Teil hätte ruhig etwas länger ausfallen können.;-)

Blinde Kino-Bloggerin: „Möchte einfach immer im Bild sein“

Barbara Fickert
Barbara Fickert

Barbara Fickert kann nicht sehen, was auf der Leinwand vor sich geht – und doch ist sie leidenschaftliche Kinogängerin. Im Interview mit mir spricht sie über ihre Lieblingsfilme, die Kunstform Hörfilm und über ihren Blog.

Heiko Kunert: Du bist leidenschaftliche Kinogängerin. Welcher ist Dein Lieblingsfilm und warum?

Barbara Fickert: Im letzten Jahr, meinem ersten als Bloggerin, habe ich mir ungefähr 55 Filme angeschaut. Unter diesen kann ich mich unmöglich nur für einen als Lieblingsfilm entscheiden. Dazu waren einfach zu viele zu gut! Aber zu meinen absoluten Favoriten gehören „Das brandneue Testament“ und „The Danish Girl“. Beide Filme starteten erst vor kurzem in den Kinos und deshalb ist meine Erinnerung an diese noch recht frisch.

„Das brandneue Testament“ ist eine ausländische Filmproduktion, für die es leider keine Audiodeskription gibt. Ich musste mich also an die Dialoge, die Filmgeräusche und die Musik halten, um mir halbwegs ein Bild von den unglaublichen Geschehnissen machen zu können. Unglaublich gut gefiel mir die Idee, den himmlischen Vater auf der Erde mit seiner Familie und den Mitmenschen zu konfrontieren und dass ihm dabei so viel Menschliches widerfährt. Besonders irre ist der Schluss! Viel geholfen hat mir die von meiner Freundin spontan erstellte und in mein Ohr geflüsterte Hörfilmbeschreibung. Aber ich kam bei den Dialogen schon auf meine Kosten. Die waren im wahrsten Sinne des Wortes einfach göttlich. Mit göttlich meine ich sehr witzig, oft auch böse und dabei immer geistreich absurd und sehr einfallsreich. Abgerundet hat das alles noch die außergewöhnliche, mit viel Liebe und Bedacht ausgewählte Filmmusik.

Auch „The Danish Girl“ kommt aus dem Ausland. Aber der Filmverleih Universal Pictures beauftragt von Hause aus für alle Filme eine barrierefreie Filmfassung und stellt diese über die App Greta und Starks zur Verfügung. Dieses außergewöhnliche Engagement ist in der Filmbranche einzigartig. Es gibt also eine Hörfilmbeschreibung und die hat mich genauso in den Bann gezogen wie der Film. Ohne diese wären mir die Details der schleichenden, aber unaufhaltsamen Wandlung des Mannes Einar hin zur Frau Lili entgangen, und damit der hochinteressante Schwerpunkt des Filmes. Die sehr angenehme Stimme des Sprechers der AD hat diesen dramatischen Prozess, der auch seine komischen Seiten hat, diskret und sensibel, aber trotzdem sehr aufmerksam begleitet.

„Das brandneue Testament“ brachte mich immer wieder herzhaft zum Lachen, „The Danish Girl“ eher zu einem nachdenklichen und mitfühlenden Lächeln. Beide Filme sind einfach großartig!

Heiko Kunert: Du bist stark sehbehindert. Wie erschließt Du Dir das Medium Film?

Barbara Fickert: An erster Stelle steht natürlich das gesprochene Wort und gleich danach kommen die Stimmen der Schauspieler. Die Stimme mit all ihren Nuancen hilft mir zuverlässig, mir den jeweiligen Gemütszustand und jede noch so kleine Veränderung der Mimik und kleine Gesten der Filmfiguren vorzustellen. Die Filmgeräusche vermitteln mir einen Eindruck von Raum und Zeit. Allerdings habe ich mich beim Geräusche Deuten schon das ein oder andere Mal auch verdeutet. Zusammengehalten und abgerundet wird für mich der Film durch seine Musik, wie das auch beim Stummfilm der Fall ist. Ob dramatische Orchesterklänge oder traurige Melodien auf dem Klavier ertönen, mit Musik kann genauso gut wie mit Bildern, Worten, dem Klang einer Stimme und den Filmgeräuschen die gewünschte Stimmung erzeugt werden. Wenn z. B. beim „Weißen Hai“ die tiefen Töne der Celli zu hören sind, weiß man auch ohne hinzusehen, dass jeden Moment das Ungeheuer auftaucht. Bei Hitchcocks „Psycho“ fiedeln die Geigen so lange in nervenzerreißend hohen Tönen, dass man sich das nahende Unglück schon fast herbeisehnt.

Die Dialoge, Stimmen, Geräusche und die Musik sind mir eine große Hilfe, einem Film folgen zu können. Meistens oder eigentlich immer ist für mich aber eine Hörfilmbeschreibung für das hundertprozentige Verstehen der Handlung unverzichtbar.

Heiko Kunert: Hörfilme sind eine eigene Kunstform. Was macht für Dich einen guten Hörfilm aus?

Barbara Fickert: Entscheidend ist für mich zunächst, dass mir der Film an sich gefällt. Ist das nicht der Fall, kann das die beste Hörfilmbeschreibung nicht wettmachen. Für einen guten Hörfilm muss eben beides passen.

Das Erste, worauf ich achte, ist die Stimme, die mir die Hörfilmbeschreibung ins Ohr flüstert. Der Film gibt vor, ob sich ein Sprecher oder eine Sprecherin in das Dialogstimmgewirr besser mit einer eher jüngeren oder reiferen, einer ruhigeren oder energischeren Stimme einfügt. Im Idealfall erfahre ich durch die Sprecher all das, was sich mir durch die Dialoge, Geräusche und die Musik allein nicht erschließt. Grundsätzlich ziehe ich eine knapper gehaltene Audiodeskription einer zu ausführlichen vor. Es hängt von der Art des Films ab, ob mir beispielsweise die genaue Beschreibung der Kleidung wichtig ist und ob ich sehr detailliert erfahren möchte, wie die vorbeifliegende Landschaft aussieht. Auf den Punkt gebracht möchte ich einfach immer im Bild sein und mit den anderen Zuschauern zeitgleich lachen oder schlimmstenfalls auch weinen. Super, dass mir das die Hörfilmbeschreiber ermöglichen!

Heiko Kunert: Seit Januar 2015 lässt Du uns auf blindgaengerin.com teilhaben an Deinen Kinobesuchen. Warum hast Du mit dem Bloggen begonnen?

Barbara Fickert: Kino fasziniert mich schon so lange ich denken kann, und seitdem ich auf der Leinwand kaum noch etwas zu erkennen vermag, habe ich den Hörfilm für mich entdeckt. Mit meinen Versuchen, als Hörfilmbeschreiberin tätig zu werden, bin ich mehrmals gescheitert, das wollen wahrscheinlich einfach zu viele! Als ich im Dezember 2013 bei der ersten Kinovorstellung mit der App Greta und Starks in Berlin dabei sein durfte, begann es, in mir zu arbeiten. Ich wollte der ganzen Welt mitteilen, dass und wie man jetzt, auch ohne sehen zu können, genauso viel Spaß im Kino haben kann wie jeder andere auch. Nach ein paar ermutigenden Anstupsern aus meinem Umfeld habe ich dann, natürlich mit technischer Unterstützung, die Seite „Blindgängerin“ ins Leben gerufen. Bis jetzt bereue ich es keine Minute, mich unter die Blogger gemischt zu haben, im Gegenteil! Blogfrei wäre ich bestimmt nicht so oft ins Kino gegangen und hätte viele tolle Filme verpasst. Auch meine Scheu vor Facebook musste ich überwinden. Eine besonders große Bereicherung sind die vielen interessanten Leute, von denen ich sonst nie erfahren und die ich nie kennengelernt hätte. Einer davon ist übrigens mein Interviewpartner!

Über Barbara Fickert:

Seit Anfang des letzten Jahres schreibt Barbara Fickert (56) in ihrem Blog, www.blindgaengerin.com, über ihre Kinoerlebnisse. Sie lebt seit 32 Jahren glücklich in Berlin. Als gebürtige Mannheimerin wurde sie dort in eine Sonderschule für Sehbehinderte eingeschult und hat anschließend das Abitur an einem Regelgymnasium in Heidelberg absolviert. Nach dem Jurastudium in Heidelberg und Berlin, leider ohne erfolgreichen Abschluss, hat sie in Büros als Logistikerin gearbeitet. Vor 15 Jahren musste sie – anfangs widerwillig – das Training mit dem weißen Langstock absolvieren, den sie inzwischen keine Minute mehr missen möchte. Wenn sie nicht ins Kino geht, spielt sie akustische Gitarre und Percussion. Dazu versucht sie, sich durch Sport fit zu halten. Wer mehr über sie wissen möchte, kann das in voller Länge auf ihrer Seite unter „Über mich“ erfahren.

Interview: Wie träumen blinde Menschen?

Die Frage „Wie träumst du eigentlich?“ gehört zu den häufigsten Blinden-Fragen, die mir so gestellt werden. Katharina vom Die-will-nur-schlafen-Blog hat sie mir ebenfalls gestellt – und noch einige Fragen mehr rund ums Schlafen und Träumen. Das vollständige Interview finden Sie hier. Viel Vergnügen beim Lesen – und gute Nacht!

Contao Konferenz: So surfen blinde Menschen

Barrierefreiheit ist zwar für viele Webentwickler kein Fremdwort mehr, dennoch bleiben die Accessibility-Regeln häufig abstrakt, da der persönliche Austausch mit behinderten Menschen fehlt. Daher war ich sehr erfreut über die Einladung zur Contao-Konferenz, auf der ich am Freitag (29. Mai 2015) zeigen konnte, wie ich als blinder Mensch das Internet nutze.

Zu diesem Anlass hat mich Dennis Thomas von der Lüneburger Landeszeitung interviewt. Einleitend schreibt er:

Wie man sich als Blinder im Internet bewegt, wissen die meisten Menschen nicht. Auch die Entwickler von Webseiten nicht. Bei der vom Lüneburger Joe Ray Gregory organisierten zweitägigen “Contao Konferenz 2015″ im Hotel Seminaris, die heute beginnt, wird als einer von 31 Referenten Heiko Kunert sprechen. Der Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg referiert vor den Teilnehmern aus dem Entwicklerbereich zum Thema “Blind im Netz Zwischen Freiheit und Barrieren”. Kunert ist seit dem siebten Lebensjahr blind. Im LZ-Interview berichtet er, wofür er als Blinder das Internet nutzt, welche Hilfsmittel er einsetzt und welche Schikanen ihn auf schlecht durchdachten Internetseiten besonders nerven.

Das vollständige Interview können sie auf landeszeitung.de nachlesen.