Perspektiven (17): Vom Behinderungs-Ballast befreien

Im Internet wird allerlei Lesenswertes zu den Themen Blindheit, Sehbehinderung, Barrierefreiheit und Inklusion veröffentlicht. Vieles davon geht im Social-Media-Nachrichtenstrom unter und findet kaum Beachtung. Ab sofort findet Ihr in unregelmäßigen Abständen in dieser Rubrik wieder Links, Tweets, Facebookposts oder Youtube-Videos, bei denen sich das Anklicken lohnt – ich schwör.

Berufs- und Uni-Alltag als Mensch mit geringem Sehvermögen kann ganz schön stressig sein. Einen offenen und ehrlichen Einblick gibt es im Sehungeheuer-Blog. „Was bleibt und sich den ganzen Tag nicht verdrängen lässt, ist die Frage: Bist Du gut genug für diesen Job in der akademischen Elite? Jeder Angriff auf Deine Arbeit, jeder Fehler, den Du begehst, muss erst mal von dem Behinderungs-Ballast befreit werden“, heißt es da.

Der weiße Stock ist für die meisten blinden Menschen der Alltagshelfer #1. Jennifer Sonntag erinnert er an Sanitätshaus. Sie findet, dass ein bisschen mehr Mode und Lifestyle unseren Hilfsmitteln gut tun würde. Das Akzeptieren der eigenen Behinderung würde dann leichter fallen.

Die Elbphilharmonie sieht gut aus, sagen die Meisten. Allerdings fehlen beim Treppendesign wohl die Stufenmarkierungen. shz.de berichtet jedenfalls von ersten Unfällen. Für sehbehinderte Menschen sind kontrastreiche Stufenmarkierungen ein Must Have, für die Star-Architekten Herzog & de Meuron wohl nicht.

Apropos, Elbphilharmonie: Über meinen letzten Blogpost wurde fleißig bei Facebook diskutiert. Dabei ging es auch um die Elphi. Die Journalistin Christiane Link schrieb da: „Die Hamburger sind so besoffen, was dieses Gebäude angeht, dass die Definition von Barrierefreiheit („grundsätzlich ohne fremde Hilfe“) offensichtlich nicht mehr gilt. Dann ist es plötzlich ok, dass man vom Restaurant nicht alleine zum barrierefreien WC kommt, es im Café nur Stehtische gibt und in der teuersten und größten Preisklasse laut Saalplan keine Rollstuhlplätze. Darum geht’s eigentlich, nicht um den Ton oder die Sprache der Behindertenbewegung, sondern um Beleidigung eines Wahrzeichens.“

Dass wir Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen einander noch viel mehr zuhören, noch mehr miteinander diskutieren und – wenn’s sein muss – auch mal streiten sollten, haben der großartige Raul Krauthausen und ich neulich bei einem Kaffee festgestellt.

Danke, Raul, Du machst mich schwach.

Mehr Lieblingslinks findet Ihr auf meinem Twitter-Profil.

#NichtMeinGesetz – BTHG grenzt Blinde aus

Die schwarz-rote Bundesregierung hat im Sommer ein Bundesteilhabegesetz (BTHG) auf den Weg gebracht, das seinen Namen nicht verdient. Vieles ist schon kritisiert worden. Eine gute Zusammenfassung der Schwachstellen gibt es auf nichtmeingesetz.de.

Die 150.000 blinden und 1 Mio. sehbehinderten Menschen in Deutschland hat die Politik beim BTHG gleich komplett vergessen.

Flickenteppich Blindengeld: Altersarmut vorprogrammiert!

Der wichtigste Nachteilsausgleich für blinde Menschen ist bis heute das Blindengeld. Der Haken: Es ist eine freiwillige Leistung der Bundesländer und in den letzten Jahrzehnten der Sparwut so sehr zum Opfer gefallen, dass von gleichen Lebensverhältnissen in Deutschland nicht mehr die Rede sein kann. Eine Bundeseinheitliche Leistung, die Blindenhilfe, stockt das Blindengeld zumindest für finanziell bedürftige blinde Menschen auf. Im Bundesteilhabegesetz gibt es aber weiterhin – anders als bei der Eingliederungshilfe – keine Verbesserung bei der Anrechnung von Einkommen und Vermögen. Heißt: Ein Recht auf Sparen gibt es für blinde Menschen weiter nicht. Altersarmut ist vorprogrammiert.

Eingliederungshilfe: Sehbehinderte müssen draußen bleiben!

Blinde und sehbehinderte Menschen sind auch auf Eingliederungshilfe angewiesen, z. B. für unterstützende Leistungen im Bereich Bildung. Bislang regelt die Eingliederungshilfe-Verordnung, dass blinde und sehbehinderte Menschen mit einem Sehvermögen von bis zu 30 % einen Zugang zur Eingliederungshilfe haben. Die automatische Zugangsberechtigung wird im BTHG nun ersatzlos gestrichen – ein skandalöser Rückschritt. Im Gesetzentwurf ist nun stattdessen Zugangsvoraussetzung, dass man in mindestens fünf von neun Lebensbereichen einen Unterstützungsbedarf nachweist. Das bedeutet, sehbehinderte Studierende, die mobil sind, selbstständig wohnen, aber für Ihr Studium – zum Teil sehr teure – Hilfsmittel benötigen, werden diese zukünftig nicht mehr finanziert bekommen. Der Bildungsstandort Deutschland wird eine Farce. Statt die Berufschancen zu erhöhen, in dem in die Ausbildung investiert wird, werden die Betroffenen in Behindertenwerkstätten, in Berufsförderungswerke oder gleich in die Arbeitslosigkeit verfrachtet.

Bildung und Fortbildung: Nicht für Blinde und Sehbehinderte!

Überhaupt weist der Gesetzentwurf, der im Herbst durch Bundestag und Bundesrat gepeitscht werden soll, erhebliche Lücken im so wichtigen Bereich der Bildung auf – sei es für Jugendliche oder für Erwachsene. Immer noch sind bestimmte unterstützende Leistungen an finanzielle Bedürftigkeit gekoppelt. Leistungen werden bei nichtlinearen Bildungsverläufen – heutzutage eher die Regel als die Ausnahme – nicht gewährt. Sprich: Studienwechsel, Abbrüche, berufliche Neuorientierung sind für blinde und sehbehinderte Menschen nicht drin. Nach dem Motto: „Wenn Ihr unglücklich im Job seid, arbeitslos, vielleicht krank werdet, ist das nicht unser Problem!“

Teilhabeberatung: Auch für taubblinde Menschen zentral!

Im BTHG-Entwurf wird auch die sog. ergänzende unabhängige Teilhabeberatung geregelt. In Deutschlands verwirrendem Sozialsystem mit seinen vielen verschiedenen Kostenträgern, Ansprechpartnern und Gesetzen, ist die Finanzierung von unabhängigen Beratungsangeboten ein richtiger Schritt. Allerdings muss sichergestellt werden, dass nicht nur lokale Anbieter unterstützt werden, sondern auch spezialisierte überregionale Anbieter. Hier klafft im Gesetzentwurf bisher eine Lücke. Denkt man z.B. an die vergleichsweise kleine Gruppe der taubblinden Menschen (rund 2.500 bis 6.000 in Deutschland), ist es einfach unmöglich, in jeder Kleinstadt eine Beratungsstelle aufzubauen. Aber auch für blinde und sehbehinderte Ratsuchende wird man auf überregionale Beratungsangebote nicht verzichten können.

Blindheit in Ghana: „Eine Strafe Gottes“

Maschenka Jennert und ihr Verein „Augen auf Ghana“ helfen blinden und sehbehinderten Menschen in Ghana. Im Gespräch mit mir beschreibt sie den Alltag blinder Menschen in dem afrikanischen Land, berichtet über das Schul- und Gesundheitssystem und erzählt, wie ihr Verein arbeitet.

Gruppenfoto: Maschenka Jennert in Ghana
Gruppenfoto: Maschenka Jennert in Ghana

Maschenka Jennert und ihr Verein „Augen auf Ghana“ helfen blinden und sehbehinderten Menschen in Ghana. Im Gespräch mit mir beschreibt sie den Alltag blinder Menschen in dem afrikanischen Land, berichtet über das Schul- und Gesundheitssystem und erzählt, wie ihr Verein arbeitet.

Heiko Kunert: Wenn du und ich – wir sind beide blind – nicht in Deutschland, sondern in Ghana lebten, wie würde dann unser Alltag aussehen?

Maschenka Jennert: Wahrscheinlich wäre unser Alltag ziemlich langweilig, weil wir nichts zu tun hätten. Vielleicht wären wir zur Schule gegangen, aber nur die wenigsten blinden Menschen studieren. Ein Studium kostet in Ghana viel Geld, da stecken die Familien es natürlich lieber in ihre sehenden Kinder, weil diese eher einen Job bekommen. Mit etwas Glück hätten wir natürlich trotzdem studiert oder würden für die Ghana Blind Union arbeiten, aber wahrscheinlicher ist, dass wir betteln müssten. Es gibt allerdings auch ein paar Ausnahmen, so gibt es in Ghana zum Beispiel einen Nachrichtensprecher im Fernsehen und, soweit ich weiß, auch einen blinden Parlamentsabgeordneten.

Heiko Kunert: Was ist mit Kindern und Jugendlichen? Wie sieht die Beschulung blinder Menschen aus?

Maschenka Jennert: Es gibt in Ghana zwei Blindenschulen, die jeweils 360 Schüler aufnehmen können. Allerdings sind ungefähr 8.000 Kinder unter 15 Jahren blind oder sehbehindert. Wenige von ihnen werden integrativ beschult, die meisten sind zu Hause oder werden in ein Waisenhaus gegeben, im schlimmsten Fall ausgesetzt.

Heiko Kunert: In vielen ärmeren Ländern ist die Quote blinder und sehbehinderter Menschen sehr viel höher als bei uns. Grund ist oft ein unterfinanziertes Gesundheitssystem. Wie ist das in Ghana?

Maschenka Jennert: In Ghana gibt es eine Krankenversicherung, die im Jahr für einen Erwachsenen umgerechnet 8 Euro, für ein Kind 3 Euro kostet. Die Krankenversicherung deckt sogar viele Augenbehandlungen ab, aber viele Menschen in Ghana wissen das nicht und könnten sich die Transportkosten zum Augenarzt ohnehin nicht leisten. Gute Augenkliniken gibt es nur in Accra und Kumasi und eine in Akwatia.

Heiko Kunert: Du engagierst Dich schon seit vielen Jahren in Ghana. Wie bist du dazu gekommen und was fasziniert dich an diesem Land?

Maschenka Jennert: Ich habe im Rahmen meines Studiums 2006 ein Praktikum in der Akropong School for the Blind in Ghana gemacht und dabei festgestellt, dass es dort Schüler gab, die noch einen Sehrest hatten. Leider waren die Klassenzimmer so dunkel, dass ihnen ihr Sehrest dort nichts genützt hat. Außerdem waren dort Schüler, die zum Beispiel erblindet waren, weil sie Masern bekommen hatten, oder der graue Star nicht rechtzeitig entfernt worden war. An Ghana faszinieren mich die Menschen. Sie sind mir gegenüber sehr hilfsbereit. Außerdem gefällt mir die Musik. Und dann ist da noch die Ananas, die auf dem Feld reift und viel süßer schmeckt als bei uns.

Heiko Kunert: 2009 hast du einen Verein gegründet: Augen auf Ghana. Was genau tut ihr? Vielleicht kannst du uns von einigen eurer Projekte erzählen.

Maschenka Jennert: Wir gehen in Dörfer und Kleinstädte und klären die Menschen über Blindheit auf. Das tun wir in Zusammenarbeit mit Augenkliniken, die ein medizinisches Team zur Verfügung stellen. Viele Menschen in Ghana glauben, Blindheit sei eine Strafe Gottes und akzeptieren ihr Schicksal deshalb, anstatt erstmal eine Augenklinik aufzusuchen. Viele gehen auch zu einem Pastor, der ihnen Heilung durch Gebet verspricht. Wenn das nicht klappt, liegt es natürlich nicht am Pastor, sondern am nicht vorhandenen Glauben des Patienten. Aber es gibt auch Pastoren, die uns ihre Kirche zur Verfügung stellen. Dorthin kommen dann alle, die Hilfe wollen. Wir verteilen Lesebrillen, Sonnenbrillen und Augentropfen und bringen diejenigen, die eine Operation brauchen, nach Accra in eine Augenklinik. Einmal kam eine Frau zu einer Untersuchung, die in einer Kirche stattfand. Sie war schon etwas älter und brauchte eine Lesebrille. Wir hatten eine dabei, die zu ihr passte. Als sie ihre Bibel endlich wieder lesen konnte, tanzte sie vor Freude durchs Dorf. Dadurch wurden noch mehr Menschen ermutigt, sich untersuchen zu lassen.

Heiko Kunert: Eine ganz ähnliche Ausrichtung scheint die große Christoffel-Blindenmission zu haben. Wie unterscheidet sich eure Arbeit voneinander?

Maschenka Jennert: Wir sind viel kleiner und haben deshalb nicht die Möglichkeit, Augenärzte auszubilden. Ansonsten, denke ich, machen wir ganz ähnliche Arbeit.

Zur Person:

Maschenka Jennert ist 34 Jahre alt, hat die Blindenschule und später integrativ die Heinrich-Hertz-schule in Hamburg besucht und dann Sonderpädagogik studiert. Sie ist Musikerzieherin und sucht aktuell Arbeit. 2009 gründete sie den Verein „Augen auf Ghana“, der sich der Bekämpfung von Blindheit in Ghana widmet. In ihrer Freizeit singt sie in zwei Chören. Außerdem liest sie gern oder trifft Freunde.

Eine Erfolgsgeschichte: Dialog im Dunkeln in Ruanda

Es ist eine Erfolgsgeschichte: Der Dialog im Dunkeln. In den vergangenen 25 Jahren wurde das Konzept in über 37 Ländern und 170 Städten weltweit umgesetzt. Und nun führen blinde Menschen das sehende Publikum auch in Ruanda in völlig abgedunkelten Räumen durch eine Ausstellung.