Sehende Kinder, blinde Eltern

Wie ist es, blinde Eltern zu haben? Eigentlich ganz normal, wenn nicht das Starren der sehenden Mitmenschen in der Öffentlichkeit oder das Hänseln durch Gleichaltrige auf dem Schulhof wäre. Noch schlimmer ist der Vorwurf der Nichtbehinderten gegenüber den eigenen Eltern, wonach es verantwortungslos sei, als blindes Paar überhaupt Kinder zu bekommen. In der vergangenen Woche veröffentlichte die „Welt am Sonntag“ einen einfühlsamen, lesenswerten Text über Layla und Bilal. Die beiden sehenden Geschwister berichten über ihren Alltag mit blinden Eltern. Den ganzen Artikel findet Ihr – leider nur hinter einer Paywall versteckt – auf welt.de.

Kostenlos hingegen könnt Ihr in meinem Blog den Erfahrungsbericht von Ute Gerhardt nachlesen. Sie schrieb als Gastautorin hier bereits in 2009:

In unseren Familien waren es wir Kinder, die unseren Eltern vorlasen, statt umgekehrt. Ich lernte Fahrpläne, Wagenstandanzeiger und Kontoauszüge lesen, bevor Kinder sehender Eltern überhaupt wußten, was eine Bank oder wo der Bahnhof ist. Ich war Mitglied der Stadtbücherei, bevor ich in die Schule kam. Ich lernte buchstäblich spielend Hindernisse im Dunkeln anhand des Echos wahrzunehmen, das sie zurückwarfen, wie mein Vater es mir beschrieben hatte. Ich lernte ohne hinzusehen ein Gefäß mit Wasser zu füllen und am Klang zu bestimmen, wie voll es ist. Ich führte meine Eltern durch unbekanntes Terrain – und auch ab und zu vor einen Laternenpfahl. Shit happens, da war ich nicht die Einzige. Und trotz all dieser Dinge waren es noch immer meine Eltern, die das meiste für mich taten. Nicht umgekehrt.

Und noch ein Tipp zum Schluss: Die Mutter von Layla und Bilal – den Jugendlichen aus der WamS – ist die derzeit wohl fleißigste blinde Bloggerin hierzulande. Lydia Zoubek veröffentlicht auf lydiaswelt.com – ihre Seite ist immer einen Besuch wert.

Namenswechsel: Aus Blind-PR wird Heikos.blog

Am 2. Februar 2008 ging dieses Blog online. Damals war ich seit fünfeinhalb Monaten PR-Assistent des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH). Parallel bildete ich mich zum PR-Juniorberater weiter. Ich machte also PR für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen. Und so entstand der Name Blind-PR.

Inzwischen bin ich seit fast vier Jahren Geschäftsführer des BSVH und daneben als freier Journalist und als Experte für Barrierefreiheit und Inklusion unterwegs. Der Blog-Name Blind-PR passt nicht mehr so ganz. Daher trägt diese Seite ab sofort einen neuen Namen. Er ist schlicht und wird immer zu mir passen. Er lautet: Heikos.blog, was praktischerweise auch gleich die zugehörige Internet-Adresse ist. Wer blindpr.com in den Browser eingibt, wird automatisch zur neuen Seite umgeleitet.

Den Namenswechsel hab ich zum Anlass genommen, auch das Layout aufzufrischen und die Widgets zu entrümpeln. Ich hoffe, es gefällt Euch. Über Feedback in den Kommentaren oder per Mail freue ich mich, wie immer!

Blinde Kino-Bloggerin: „Möchte einfach immer im Bild sein“

Barbara Fickert
Barbara Fickert

Barbara Fickert kann nicht sehen, was auf der Leinwand vor sich geht – und doch ist sie leidenschaftliche Kinogängerin. Im Interview mit mir spricht sie über ihre Lieblingsfilme, die Kunstform Hörfilm und über ihren Blog.

Heiko Kunert: Du bist leidenschaftliche Kinogängerin. Welcher ist Dein Lieblingsfilm und warum?

Barbara Fickert: Im letzten Jahr, meinem ersten als Bloggerin, habe ich mir ungefähr 55 Filme angeschaut. Unter diesen kann ich mich unmöglich nur für einen als Lieblingsfilm entscheiden. Dazu waren einfach zu viele zu gut! Aber zu meinen absoluten Favoriten gehören „Das brandneue Testament“ und „The Danish Girl“. Beide Filme starteten erst vor kurzem in den Kinos und deshalb ist meine Erinnerung an diese noch recht frisch.

„Das brandneue Testament“ ist eine ausländische Filmproduktion, für die es leider keine Audiodeskription gibt. Ich musste mich also an die Dialoge, die Filmgeräusche und die Musik halten, um mir halbwegs ein Bild von den unglaublichen Geschehnissen machen zu können. Unglaublich gut gefiel mir die Idee, den himmlischen Vater auf der Erde mit seiner Familie und den Mitmenschen zu konfrontieren und dass ihm dabei so viel Menschliches widerfährt. Besonders irre ist der Schluss! Viel geholfen hat mir die von meiner Freundin spontan erstellte und in mein Ohr geflüsterte Hörfilmbeschreibung. Aber ich kam bei den Dialogen schon auf meine Kosten. Die waren im wahrsten Sinne des Wortes einfach göttlich. Mit göttlich meine ich sehr witzig, oft auch böse und dabei immer geistreich absurd und sehr einfallsreich. Abgerundet hat das alles noch die außergewöhnliche, mit viel Liebe und Bedacht ausgewählte Filmmusik.

Auch „The Danish Girl“ kommt aus dem Ausland. Aber der Filmverleih Universal Pictures beauftragt von Hause aus für alle Filme eine barrierefreie Filmfassung und stellt diese über die App Greta und Starks zur Verfügung. Dieses außergewöhnliche Engagement ist in der Filmbranche einzigartig. Es gibt also eine Hörfilmbeschreibung und die hat mich genauso in den Bann gezogen wie der Film. Ohne diese wären mir die Details der schleichenden, aber unaufhaltsamen Wandlung des Mannes Einar hin zur Frau Lili entgangen, und damit der hochinteressante Schwerpunkt des Filmes. Die sehr angenehme Stimme des Sprechers der AD hat diesen dramatischen Prozess, der auch seine komischen Seiten hat, diskret und sensibel, aber trotzdem sehr aufmerksam begleitet.

„Das brandneue Testament“ brachte mich immer wieder herzhaft zum Lachen, „The Danish Girl“ eher zu einem nachdenklichen und mitfühlenden Lächeln. Beide Filme sind einfach großartig!

Heiko Kunert: Du bist stark sehbehindert. Wie erschließt Du Dir das Medium Film?

Barbara Fickert: An erster Stelle steht natürlich das gesprochene Wort und gleich danach kommen die Stimmen der Schauspieler. Die Stimme mit all ihren Nuancen hilft mir zuverlässig, mir den jeweiligen Gemütszustand und jede noch so kleine Veränderung der Mimik und kleine Gesten der Filmfiguren vorzustellen. Die Filmgeräusche vermitteln mir einen Eindruck von Raum und Zeit. Allerdings habe ich mich beim Geräusche Deuten schon das ein oder andere Mal auch verdeutet. Zusammengehalten und abgerundet wird für mich der Film durch seine Musik, wie das auch beim Stummfilm der Fall ist. Ob dramatische Orchesterklänge oder traurige Melodien auf dem Klavier ertönen, mit Musik kann genauso gut wie mit Bildern, Worten, dem Klang einer Stimme und den Filmgeräuschen die gewünschte Stimmung erzeugt werden. Wenn z. B. beim „Weißen Hai“ die tiefen Töne der Celli zu hören sind, weiß man auch ohne hinzusehen, dass jeden Moment das Ungeheuer auftaucht. Bei Hitchcocks „Psycho“ fiedeln die Geigen so lange in nervenzerreißend hohen Tönen, dass man sich das nahende Unglück schon fast herbeisehnt.

Die Dialoge, Stimmen, Geräusche und die Musik sind mir eine große Hilfe, einem Film folgen zu können. Meistens oder eigentlich immer ist für mich aber eine Hörfilmbeschreibung für das hundertprozentige Verstehen der Handlung unverzichtbar.

Heiko Kunert: Hörfilme sind eine eigene Kunstform. Was macht für Dich einen guten Hörfilm aus?

Barbara Fickert: Entscheidend ist für mich zunächst, dass mir der Film an sich gefällt. Ist das nicht der Fall, kann das die beste Hörfilmbeschreibung nicht wettmachen. Für einen guten Hörfilm muss eben beides passen.

Das Erste, worauf ich achte, ist die Stimme, die mir die Hörfilmbeschreibung ins Ohr flüstert. Der Film gibt vor, ob sich ein Sprecher oder eine Sprecherin in das Dialogstimmgewirr besser mit einer eher jüngeren oder reiferen, einer ruhigeren oder energischeren Stimme einfügt. Im Idealfall erfahre ich durch die Sprecher all das, was sich mir durch die Dialoge, Geräusche und die Musik allein nicht erschließt. Grundsätzlich ziehe ich eine knapper gehaltene Audiodeskription einer zu ausführlichen vor. Es hängt von der Art des Films ab, ob mir beispielsweise die genaue Beschreibung der Kleidung wichtig ist und ob ich sehr detailliert erfahren möchte, wie die vorbeifliegende Landschaft aussieht. Auf den Punkt gebracht möchte ich einfach immer im Bild sein und mit den anderen Zuschauern zeitgleich lachen oder schlimmstenfalls auch weinen. Super, dass mir das die Hörfilmbeschreiber ermöglichen!

Heiko Kunert: Seit Januar 2015 lässt Du uns auf blindgaengerin.com teilhaben an Deinen Kinobesuchen. Warum hast Du mit dem Bloggen begonnen?

Barbara Fickert: Kino fasziniert mich schon so lange ich denken kann, und seitdem ich auf der Leinwand kaum noch etwas zu erkennen vermag, habe ich den Hörfilm für mich entdeckt. Mit meinen Versuchen, als Hörfilmbeschreiberin tätig zu werden, bin ich mehrmals gescheitert, das wollen wahrscheinlich einfach zu viele! Als ich im Dezember 2013 bei der ersten Kinovorstellung mit der App Greta und Starks in Berlin dabei sein durfte, begann es, in mir zu arbeiten. Ich wollte der ganzen Welt mitteilen, dass und wie man jetzt, auch ohne sehen zu können, genauso viel Spaß im Kino haben kann wie jeder andere auch. Nach ein paar ermutigenden Anstupsern aus meinem Umfeld habe ich dann, natürlich mit technischer Unterstützung, die Seite „Blindgängerin“ ins Leben gerufen. Bis jetzt bereue ich es keine Minute, mich unter die Blogger gemischt zu haben, im Gegenteil! Blogfrei wäre ich bestimmt nicht so oft ins Kino gegangen und hätte viele tolle Filme verpasst. Auch meine Scheu vor Facebook musste ich überwinden. Eine besonders große Bereicherung sind die vielen interessanten Leute, von denen ich sonst nie erfahren und die ich nie kennengelernt hätte. Einer davon ist übrigens mein Interviewpartner!

Über Barbara Fickert:

Seit Anfang des letzten Jahres schreibt Barbara Fickert (56) in ihrem Blog, www.blindgaengerin.com, über ihre Kinoerlebnisse. Sie lebt seit 32 Jahren glücklich in Berlin. Als gebürtige Mannheimerin wurde sie dort in eine Sonderschule für Sehbehinderte eingeschult und hat anschließend das Abitur an einem Regelgymnasium in Heidelberg absolviert. Nach dem Jurastudium in Heidelberg und Berlin, leider ohne erfolgreichen Abschluss, hat sie in Büros als Logistikerin gearbeitet. Vor 15 Jahren musste sie – anfangs widerwillig – das Training mit dem weißen Langstock absolvieren, den sie inzwischen keine Minute mehr missen möchte. Wenn sie nicht ins Kino geht, spielt sie akustische Gitarre und Percussion. Dazu versucht sie, sich durch Sport fit zu halten. Wer mehr über sie wissen möchte, kann das in voller Länge auf ihrer Seite unter „Über mich“ erfahren.

Umgang mit behinderten Menschen: „Wie es ist und wie es sein soll“

„Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?“ lautet das aktuelle Thema des Online-Projektes „Die Recherche“ der Süddeutschen Zeitung. Hierbei geht Redakteurin Sabrina Ebitsch auch der Frage nach, wie ein Fettnäpfchen-freier Umgang zwischen Menschen mit und ohne Behinderung aussehen könnte. In ihrer Einleitung zu dem sehr lesenswerten Dossier schreibt Ebitsch:

Mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland sind schwerbehindert, fast neun Prozent der gesamten Bevölkerung. Trotzdem und trotz wachsender Bemühungen um Inklusion haben die meisten Nichtbehinderten keinen oder nur wenig Kontakt mit Menschen mit Behinderung oder anderen Einschränkungen. Entsprechend unsicher ist der Durchschnittsdeutsche, wenn es dann doch dazu kommt – wenn beispielsweise der neue Kollege im Rollstuhl sitzt oder einen ein blinder Passant nach dem nächsten Supermarkt fragt. Um Peinlichkeiten für beide Seiten, die leider noch immer allzu häufig sind, zu vermeiden, berichten fünf Betroffene aus eigener Erfahrung, wie es ist und wie es sein soll.

In dem ausführlichen Artikel berichten Laura Gehlhaar aus der Perspektive der Rollstuhlfahrerin, Julia Probst über Gehörlosigkeit, Aleksander Knauerhase über Autismus und ein anonymes Mitglied der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe über den richtigen Umgang mit stotternden Menschen. Ich selbst berichte über das Thema Blindheit.

Der Artikel ist wirklich toll geworden. Er bildet viele Aspekte ab, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger daher zu kommen. Auch ich habe durch ihn noch viel gelernt. Bleibt zu hoffen, dass er viele Leserinnen und Leser findet und fleißig im Web geteilt wird. Sie können damit gern beginnen. Und vielleicht mögen Sie ja auch hier in den Kommentaren oder per E-Mail darüber berichten, wie Ihnen der SZ-Beitrag gefallen hat, ob bei Ihnen nach der Lektüre Fragen offen geblieben sind oder welchen Aussagen Sie evtl. nicht zustimmen können.

Und dann empfehle ich Ihnen noch aller wärmstens die Blogs von Laura, Julia und Aleksander für den Fall, dass Sie tiefer in die Materie einsteigen möchten. Es lohnt sich.