Behindert ist kein Schimpfwort

Einer der seltenen sonnigen Sommerabende in Hamburg. Entspannt mit alten Freunden im Biergarten. Ein Pärchen fragt, ob bei uns noch Platz ist und setzt sich zu uns.

Etwas später: Tangomusik erklingt. Mein Kumpel: „Oh, da tanzen schon ein paar Leute.“

Unser Tischnachbar: „Naja, im Moment sieht es eher so aus, als würden die für die Paralympics trainieren.“

Kurzes betretenes Schweigen, verlegenes Lachen. Ich bin baff. Später werde ich mich ärgern, dass ich nichts dazu sage. Ich weiß nicht, ob der Herr gecheckt hat, dass ich blind bin, dass ein Mensch mit Behinderung am Tisch sitzt.

So oder so, sind solche Sprüche ziemlich armselig.

Individuell muss zwar keine explizite Behindertenfeindlichkeit bestehen, aber solche Aussprüche sind ein Zeichen für unterschwellige Verachtung in unserer Gesellschaft.

Und wie häufig höre ich zum Beispiel von Jugendlichen – selbst wenn ich mit meinem weißen Stock in der Hand neben ihnen in der U-Bahn stehe – Sätze wie „Das ist voll behindert!“

„Behindert“ ist also ein Synonym für etwas schlechtes, negatives. Das fühlt sich für Menschen mit Behinderung nicht gut an, kann manchen aufs Gemüt schlagen, kann sich wie eine Abwertung anfühlen. Manch ein Leser mag jetzt sagen, das sei übertrieben. Aber wenn man als Betroffener ein Leben lang den Begriff der Behinderung immer nur negativ besetzt wahrnimmt, prägt sich das ein, schleicht sich ins Unbewusste und wirkt – ob man will oder nicht.

Insofern ist dies ein Appell für einen bewussteren Umgang mit Sprache: Behindert, geisteskrank oder blind sind keine Schimpfworte, so einfach ist das!

Norwegen: Sommerurlaub in Oslo und Bergen

Sommerurlaub im Norden. Die bezaubernde Anna und ich waren in Norwegen.

Während Kopenhagen und Stockholm häufiger als lohnenswerte Reiseziele genannt werden, befindet sich Norwegens Hauptstadt Oslo immer etwas unterm Radar. Ich verstehe nicht, warum das so ist. Sei es die lebendige und dennoch entspannte Innenstadt, die Oper (für die man im Gegensatz zur Elbphilharmonie auch Karten bekommt) oder die Atmosphäre am Hafen, Oslo ist auf jeden Fall eine Reise wert.

Das gilt auch für die zweitgrößte Stadt des Landes, für Bergen. Allein die Anreise mit der Bergen-Bahn – einmal über das Hochplateau Hardangervidda ist ein Abenteuer für sich. Am höchsten Ort der Reise, auf 1.222 Metern über dem Meeresspiegel, in Finse lag Mitte Juli noch Schnee.

Bergen selbst liegt im Westen des Landes und ist berühmt für sein Hanseviertel Bryggen mit den bunten Gebäuden aus Holz, für seine sieben Berge und natürlich für die Fjorde. Und in der Tat macht die Mischung aus herrlicher Natur und lebendiger Stadt Bergen zu einem lohnenden Reiseziel. Nur vor Regen sollte man sich nicht scheuen. Bergen ist die regenreichste Stadt Europas.

Während wir nach Oslo noch den Flieger genommen haben, ging es mit Fjordline via Schiff zurück. 18 Stunden fährt man von Bergen ins dänische Hirtshals, wo wir uns noch einen Tag am offenen Meer gegönnt haben – das geht schließlich immer -, bevor wir dann mit der Bahn zurück nach Hamburg gefahren sind. Eine runde Sache!

Theater und Politik: Zusammen in Barmbek-Süd

Im Rahmen der großartigen Themenwoche „Zusammen in Barmbek-Süd – Barrieren überwinden“ darf auch ich zweimal die Bühne betreten: Zunächst am Samstag, 24. Juni 2017, endlich mal wieder mit dem Theater-Ensemble „Blinde Passagiere“. Wir zeigen unser aktuelles Programm „Auf in die neue Welt!“ mit Songs der 50er Jahre.

Politisch wird es am Montag, 26. Juni. Dann diskutiere ich über Barrierefreiheit und Inklusion. Mit mir auf dem Podium sind Regina Jäck, Fachsprecherin für Menschen mit Behinderung in der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Evelyn Schön, die mit ihrer Seminarwerkstatt Peer-Counseling macht, und Nico Schröder, Fachamtsleiter Sozialraummanagement im Bezirk Hamburg-Nord. Klaus Becker vom Inklusionsbüro Hamburg moderiert die Veranstaltung. Beginn ist um 19 Uhr. Veranstaltungsort ist auch am Montag das Barmbek°Basch.

Vielleicht habt Ihr ja Lust vorbeizuschauen. Mich würd’s freuen. Das gesamte Programm der Themenwoche findet Ihr hier.

10 Jahre „Send Away the Tigers“: Ein persönlicher Rückblick

Als Apple Music mir gestern die “Send Away the Tigers – 10 Year Collectors’ Edition” der Manic Street Preachers empfahl, musste ich kurz schlucken. Zehn Jahre sollte das Erscheinen eines meiner absoluten Lieblingsalben schon her sein? Verrückt! Andererseits, seitdem hat sich wahrlich viel verändert.

Vor zehn Jahren wusste ich noch nicht, dass gut ein Jahr später die bezaubernde Anna, meine heutige Frau, in mein Leben treten würde.

Statt einen Mehr-als-Fulltime-Job als Geschäftsführer beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg zu haben, kellnerte ich auf 400-EURO-Basis im Dunkelrestaurant Unsicht-Bar.

Obwohl 2006 bereits beschlossen, wusste in Deutschland kaum jemand etwas von der UN-Behindertenrechtskonvention, geschweige denn konnte man sich vorstellen, welche Dynamik allein der Begriff der Inklusion wenige Jahre später ausüben würde.

Statt iPhone hatte ich 2007 ein Nokia. Das konnte zwar – dank der Software TALKS – auch schon sprechen, statt über Heikos.blog, Twitter, Facebook und WhatsApp, lief Kommunikation aber ausschließlich via E-Mail, SMS und – heute kaum noch vorstellbar für mich – via Telefonat. Vielleicht ist das der größte Wandel der letzten zehn Jahre: Diesen routinemäßigen, ständigen Griff zum Smartphone, auf dem alle Hörbücher, alle Musik, alle aktuellen Nachrichten, alle Freunde ständig verfügbar sind, den gab es einfach nicht – nicht in der U-Bahn, nicht in der Pause, nicht im Bett. War das gut oder schlecht?

„Send Away the Tigers“ fand damals den Weg natürlich nicht via Streaming Dienst zu mir, sondern als CD. Wenn Musik im Shuffle-Modus gespielt wurde, dann im CD-Wechsler. Das Album der Manic Street Preachers, dieses energiegeladene und gleichzeitig sentimentale Werk, lief allerdings eher von vorn bis hinten durch, gern mehrmals am Tag – dazu wurde gegrübelt, über den Alltag nachgedacht, über Freunde und Menschen, die man liebte oder nicht mehr lieben wollte, und nach dem Sinn des Lebens gefragt. 2007 war auf jeden Fall mehr Melancholie.