Im Gedenken an Fräulein ReadOn

Mir ist Marie Sophie Hingst mit den Jahren ans Herz gewachsen. Ich mochte ihre melancholischen Texte in ihrem Blog, ihre Sprache, ihre Komik und ihre Menschlichkeit. Wir folgten uns auf Twitter. Sie war eine der Wenigen, die auf Twitter zuverlässig ihre Fotos mit einer Bildbeschreibung für blinde Menschen versahen. Sie hatte mich mal hierzu um Feedback gebeten. Meine Frau hatte hin und wieder Kontakt mit ihr, seit sie beim von Marie Sophie initiierten Hashtag #KunstgeschichteAlsBrotbelag mitgemacht hatte und es auch in das gleichnamige Buch geschafft hatte. Marie Sophie, das Fräulein ReadOn, fragte im Januar, ob sie jemand bei der Goldenen-Blogger-Verleihung vertreten könne. #KunstgeschichteAlsBrotbelag war als Hashtag des Jahres nominiert. Meine Frau hatte Lust, und so fuhren wir Dank Marie Sophie zur Verleihung nach Berlin. Bei unserer nächsten Dublin-Reise wollten wir drei uns auf einen Tee treffen. Hierzu wird es nicht mehr kommen. Marie Sophie wurde in dieser Woche begraben. Diese ganze traurige Geschichte, ihre schönen Texte, ihre Lügen, ihre wahrscheinlich erkrankte Seele, die Art und Weise wie herablassend manche nach ihrer Enttarnung über sie schrieben, auf Twitter oder im Spiegel, ihr wahrscheinlicher Selbstmord. Das alles beschäftigt mich, vielleicht mehr als es sollte. Aber es ist einfach so, man lernt Menschen im Internet kennen, nimmt wahrscheinlich noch viel weniger von ihnen wahr als im echten Leben, aber doch schimmern die Menschen hinter der digitalen Fassade durch. Und hinter ddem medialen Getöse um sie, hinter ihrem Lügen, hinter ihrer Literatur war Marie Sophie ein Mensch, den es jetzt nicht mehr gibt. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie in einer humaneren Welt noch leben würde.

Ruhe in Frieden, Fräulein ReadOn!!!

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (43) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

2 Kommentare zu „Im Gedenken an Fräulein ReadOn“

  1. Ich hatte zwischen dem Namen Hingst und dem Blog zu meiner Schande nie eine Verbindung hergestellt. Es war doch sie, deren Partner an seiner Magersucht gestorben war, oder verwechsel ich da Personen?

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