Wie man erfolgreich Leser vergrault: Deutschland und barrierefreies Lesen

reisswolfblog

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

wenn eine Literaturkritikerin die Leserinnen und Leser in Deutschland unterschwellig beleidigt – wie in meinem gestrigen Beitrag zu lesen war -, dann ist das eine Sache. Dass der aufmerksame Beobachter derzeit betrachten kann, dass es Gruppen von Lesern gibt, denen von staatlicher Seite Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, wenn es um den Zugang zu Literatur geht, ist nochmal eine ganz andere.

Reden wir also mal über die Marrakesch-Richtlinie. Die was? Die Marrakesch-Richtlinie! Ohne mit Gesetzestexten, Paragrafen und Fachchinesisch um mich zu werfen, versuche ich den Inhalt der Richtlinie mal vereinfachend runterzubrechen:

Die Marrakesch-Richtlinie sieht vor, lese- oder sehbehinderten Menschen den Zugang zur Literatur zu vereinfachen bzw. überhaupt erst zu ermöglichen. So soll es (Blinden-)Bibliotheken beispielsweise ermöglicht werden, Hörbuch- oder Brailleschriftausgaben von Büchern zu erstellen – das Ganze, ohne den Urheber befragen zu müssen – und diese dann lese- oder sehbehinderten Menschen zur Verfügung zu stellen. Angesichts…

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SoVD-Interview: Barrierefreiheit im Norden

Wie weit sind wir in Sachen Barrierefreiheit im Norden? Und was bedeutet Barrierefreiheit eigentlich für blinde und sehbehinderte Menschen? Der Sozialverband Schleswig-Holstein hat mich ausführlich zu diesen und anderen Fragen interviewt. Das Ergebnis findet Ihr auf der SoVD-Website unter folgendem Link: „E-Autos müssen lauter gemacht werden!“ – Heiko Kunert im Gespräch über Barrierefreiheit in Norddeutschland

Von Kunsthalle bis HSV: Hamburger Museen machen mit beim #Sehbehindertentag

Blind durch ein Museum zu gehen, ist häufig nicht sehr erfreulich. An den Wänden hängen nur Fotos und Texte in Schwarzschrift. Und selbst wenn es Ausstellungsstücke gibt, die eigentlich ertastbar wären, sind diese in der Regel hinter Glas versteckt oder mit einem Schild „Nicht berühren“ versehen. Audioguides sind meistens für sehende Besucher gemacht – sprich: man kann sie ohne Hilfe nicht bedienen und die aufgesprochenen Texte sind mehr eine Ergänzung für den sehenden Besucher, erschließen aber dem blinden Zuhörer nicht die Ausstellung. Und auch eine geführte Tour arbeitet häufig mit Sätzen wie „Links sehen Sie jetzt…“.

Anders war das in dieser Woche in rund 70 Museen in Deutschland, allein sieben davon in Hamburg. Exponate wurden herumgereicht, gingen von Hand zu Hand. Gemälde wurden von Experten detailliert beschrieben. Anlässlich des diesjährigen Sehbehindertentags am 6. Juni fanden – initiiert vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und dem Deutschen Museumsbund – landesweit Aktionen zum Thema „Sehbehindert im Museum“ statt. In Hamburg gab es zum Beispiel einen Buchdruck-Workshop im Museum der Arbeit, eine blinden- und sehbehindertengerechte Führung durchs Polizeimuseum und eine durch das internationale maritime Museum.

Ich selbst war bei zwei Terminen dabei: zum einen bei einer Führung durch die Kunsthalle. Detaillierte Bildbeschreibungen von Edvard Munchs Madonna oder von Werken der Künstlergruppe „Die Brücke“ waren aufschlussreich und machten deutlich, warum diese Künstler zu ihrer Zeit einen Skandal nach dem nächsten verursachten. Gleichzeitig stellte die Kunsthalle eine barrierefreie Audio-Version ihres Ausstellungskatalogs vor, die zum Beispiel in der Norddeutschen Blindenhörbücherei ausgeliehen werden kann, aber auch in Zukunft online auf der Website der Kunsthalle veröffentlicht werden soll.

Für mich als Fan war zum anderen der Besuch im HSV-Museum ein Pflichttermin. Mehr als zwei Stunden lang führte uns Niko Stövhase, der Leiter des Museums und seines Zeichens wandelndes HSV-Lexikon, durch die 131jährige Vereinshistorie. Wir ertasteten Trikots und Fußbälle aus der Vergangenheit und verglichen sie mit den leichten Modellen von heute, erhielten detaillierte Beschreibungen des alten Stadions am Rothenbaum oder der Spind-Zeichnungen von Kevin Keegan und Franz Beckenbauer.

Und nicht nur die blinden und sehbehinderten Besucherinnen und Besucher waren begeistert. Sowohl in der Kunsthalle als auch im HSV-Museum hatte ich den Eindruck, dass die Museums-Mitarbeiterinnen und –Mitarbeiter den Sehbehindertentag als große Bereicherung empfanden. Und noch etwas wurde deutlich: Der 6. Juni war ein guter Anlass, aber die Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen sollen keine Eintagsfliege sein. Vielmehr werden die gemachten Erfahrungen in die Arbeit der Museen einfließen, es wird auch in Zukunft Touren für unseren Personenkreis geben. Museumsbesuche werden endlich auch für blinde und sehbehinderte Menschen eine Bereicherung, eine Freude sein.