Journalismus inklusiv: Freundliche Übernahme bei der taz

Menschen mit Behinderung sind im deutschen Journalismus unterrepräsentiert. Umso erfreulicher ist die Aktion der Tageszeitung taz, die am 2. Dezember 2016 eine komplette Ausgabe von Autorinnen und Autoren mit Behinderung schreiben ließ. Behinderte Fotografen lieferten das Bildmaterial. Die „freundliche Übernahme“ fand anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung statt und ist für den hiesigen Journalismus ein bedeutsames Signal für mehr Teilhabe auch am Medienbetrieb. Hoffentlich wird es zukünftig selbstverständlicher, dass Menschen mit Behinderung In Redaktionen und als freie Journalisten tätig sind – und das nicht nur als Autoren fürs Thema Behinderung.

Ich selbst durfte zur taz.mit Behinderung fünf Artikel beitragen: Sie befassten sich mit der Auswirkung einer Sehbehinderung auf die Angehörigen der Betroffenen, mit der mangelhaften Versorgung mit Blindenschriftbüchern, mit dem Fehlen von Barrierefreiheit im Web, mit Barrieren in Arztpraxen und mit ungewollten Berührungen im Alltag.

Herzlichen Dank an Leidmedien.de und die taz für dieses großartige Projekt!

Namenswechsel: Aus Blind-PR wird Heikos.blog

Am 2. Februar 2008 ging dieses Blog online. Damals war ich seit fünfeinhalb Monaten PR-Assistent des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH). Parallel bildete ich mich zum PR-Juniorberater weiter. Ich machte also PR für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen. Und so entstand der Name Blind-PR.

Inzwischen bin ich seit fast vier Jahren Geschäftsführer des BSVH und daneben als freier Journalist und als Experte für Barrierefreiheit und Inklusion unterwegs. Der Blog-Name Blind-PR passt nicht mehr so ganz. Daher trägt diese Seite ab sofort einen neuen Namen. Er ist schlicht und wird immer zu mir passen. Er lautet: Heikos.blog, was praktischerweise auch gleich die zugehörige Internet-Adresse ist. Wer blindpr.com in den Browser eingibt, wird automatisch zur neuen Seite umgeleitet.

Den Namenswechsel hab ich zum Anlass genommen, auch das Layout aufzufrischen und die Widgets zu entrümpeln. Ich hoffe, es gefällt Euch. Über Feedback in den Kommentaren oder per Mail freue ich mich, wie immer!

Protest blinder und sehbehinderter Menschen: 7 Argumente gegen das Bundesteilhabegesetz

Am gestrigen Montag, 7. November 2016, demonstrierten mehrere Tausend Menschen mit Behinderung in Berlin gegen das Bundesteilhabegesetz. Anlass war die öffentliche Expertenanhörung des Bundestags. Allein zu der Protestkundgebung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes kamen rund 300 Betroffene.

Bereits im September hatten blinde und sehbehinderte Menschen für Schlagzeilen gesorgt. Unter dem Motto „Blinde gehen baden“ waren ca. 30 Aktivisten vorm Reichstag in die Spree gesprungen.

Doch wogegen richtet sich der Protest?

  1. Gegen die Ausgrenzung sinnesbehinderter Menschen: Zur gestrigen Expertenanhörung des Bundestags waren blinde, sehbehinderte, gehörlose und schwerhörige Menschen und ihre Organisationen gar nicht erst eingeladen. Das ist sinnbildlich für das Teilhabegesetz. Entweder wurden wir ganz vergessen, oder wir werden von der Politik gezielt gegen körperbehinderte Menschen ausgespielt.
  2. Gegen einen Nachteilsausgleich zweiter Klasse: Im Gesetz gibt es Verbesserungen bei der Anrechnung von Einkommen und Vermögen bei der Eingliederungshilfe. Diese Verbesserungen reichen bei Weitem nicht aus. Aber selbst diese kleinen Schritte in die richtige Richtung werden blinden Menschen vorenthalten. Die wichtigsten Nachteilsausgleiche – das Blindengeld und die Blindenhilfe – behandelt das Bundesteilhabegesetz einfach nicht.
  3. Gegen den Ausschluss sehbehinderter Menschen: Sehbehinderte Menschen (also Menschen die zwischen 2 und 30% Sehvermögen auf dem besseren Auge haben) haben bisher einen Rechtsanspruch auf Eingliederungshilfe-Leistungen, zum Beispiel wenn sie für ein Studium behinderungsbedingt besondere, zum Teil sehr teure Hilfsmittel benötigen. Dieser Anspruch entfällt im Teilhabegesetz komplett und wird durch eine willkürliche Regel ersetzt, wonach man nur Zugangsanspruch hat, wenn man in mindestens fünf von neun Lebensbereichen dauerhaften personellen oder technischen Unterstützungsbedarf nachweist.
  4. Gegen Diskriminierung bei der Bildung: Das Gesetz wird den Anforderungen an heutige Bildungs- und Berufsverläufe in keiner Weise gerecht. Unterstützende Leistungen für Hilfsmittel und Assistenz gibt es nur, wenn es zwischen den einzelnen Bildungsetappen einen engen zeitlichen und einen inhaltlichen Zusammenhang gibt. Lebenslanges Lernen und berufliche Umorientierung werden für blinde und sehbehinderte Menschen somit unmöglich.
  5. Gegen den Ausschluss aus der unabhängigen Beratung: Ein richtiger Schritt, den das Teilhabegesetz vorsieht, ist die Finanzierung einer unabhängigen Beratung für Menschen mit Behinderung. Der Haken: Diese berücksichtigt vergleichsweise kleine Gruppen von behinderten Menschen nicht. Z.B. taubblinde Menschen sind auf fachkundige Beratung angewiesen, die ihrer besonderen Behinderung gerecht wird. Solche dezentralen Beratungsangebote sind im Gesetz nicht vorgesehen.
  6. Gegen eine Aufweichung des Begriffs der Taubblindheit: Lange Zeit haben die 2.000 bis 6.000 Betroffenen für ein eigenes Merkzeichen TBL im Schwerbehindertenausweis gestritten. Die Einführung wäre ein Zeichen dafür, dass Taubblindheit endlich als Behinderung eigener Art anerkannt und nicht nur als Summe von Blindheit und Gehörlosigkeit verstanden wird. Während die Bundesregierung das Merkzeichen TBL endlich ins Teilhabegesetz aufnehmen will, will aber nun der Bundesrat aus unerfindlichen Gründen das Merkzeichen umbenennen, in aHS = außergewöhnlich hörsehbehindert.
  7. Gegen Diskriminierung im Alter: Im aktuellen Gesetzgebungsprozess wird überlegt, wie man die Leistungen der Eingliederungshilfe und die Leistungen der Hilfe zur Pflege voneinander abgrenzt. Hierbei gibt es Überlegungen sie ans Alter zu koppeln (bis zur Rente Eingliederungshilfe mit höheren Grenzen bei Einkommen und Vermögen, danach Pflegeleistungen, für die die bisherigen strengen Einkommens- und Vermögensgrenzen der Sozialhilfe gelten). Altersarmut ist vorprogrammiert, und womöglich gibt es keinen Zugang mehr zu Hilfsmitteln für Senioren. Das Menschenrecht auf Teilhabe scheint für alte Menschen nicht zu gelten. Der Begriff „Bundesteilhabegesetz“ ist eine Farce.

Umgang mit blinden Menschen: Fasst uns nicht an!

Gestern war wieder so ein Tag: Beim Einsteigen in die U-Bahn, vor der Bahnhofstreppe und an einer Ampel. Dreimal wurde ich angefasst, von wildfremden Menschen, ohne meine Zustimmung, einfach nur weil ich blind bin.

Am Bahnsteig. Die U-Bahn fährt ein. Ich stehe zwischen zwei Türen. Ich steuere nicht sofort auf die sich öffnende Tür zu, sondern muss erst erlauschen, ob rechts oder links der nächste Eingang in den Wagon ist. Diese Geduld hat der junge, männliche Mitbürger nicht. Er greift grob nach meinem Arm, zerrt mich nach rechts. Ich erschrecke mich, zieh den Arm weg.

Nach der Bahnfahrt. Ich gehe zügig auf die abwärts führende Treppe zu. Vor mir pendelt der weiße Stock hin und her. Ich gehe diesen Weg jeden Werktag, seit über neun Jahren. Ich weiß genau wann es hinunter geht. Und selbst wenn ich es nicht wüsste, würde ich es mit dem Stock rechtzeitig ertasten. Dennoch fasst mir ein beherzter Senior an die Schulter. Er hat wohl Angst, ich könnte gleich die Treppe hinunterstürzen. Dabei ist es sein Eingreifen, das die Situation erst gefährlich macht. Ich bin im Gehfluss, im Gleichgewicht. Werde ich ohne Vorwarnung herausgerissen, steigt die Gefahr zu stolpern enorm.

Abends auf dem Weg zum Ampelpfosten. Ich steuere ihn gezielt an. Ein Knackgeräusch signalisiert mir seinen Standort. Ich muss an ihm einen etwas versteckten Knopf drücken, um das Akustiksignal zu aktivieren, das bei der nächsten Grünphase ertönt. Doch soweit komme ich gar nicht. Diesmal ist es eine Frau in mittleren Jahren, die mit einem resoluten „Es ist rot!“ und einem Greifen nach meiner Hand mein Vorhaben unterbindet.

Ich frage mich ernsthaft: Sehen diese vermeintlichen Helferinnen und Helfer eigentlich ständig blinde Menschen Treppen runterpurzeln, auf stark befahrenen Hauptstraßen herumirren oder unter U-Bahn-Wagen geraten? Meinen diese Leute denn, dass wir allein mit unseren Stöcken durch die Großstadt laufen würden, wenn das an jeder Kreuzung Lebensgefahr bedeuten würde? Sagt ihnen der gesunde Menschenverstand nicht, dass man seine Mitmenschen nicht ungefragt berührt? Ist der Gedanke für sie so abwegig, dass die persönliche Distanzzone auch für Menschen mit Behinderung einen Meter beträgt?

Gut, dass mir das dreimal an einem Tag passiert, ist die Ausnahme. Aber dreimal in der Woche passiert es mindestens. Dabei finde ich es absolut in Ordnung und freundlich, wenn ich von sehenden Mitbürgern gefragt werde, ob ich Hilfe benötige. Manchmal benötige ich sie sogar – und dann ist die Berührung auch OK. Aber allen anderen, die ständig ungefragt an, ihnen vollkommen fremden, blinden Menschen herumreißen, zerren, zupfen, sie tätscheln, ihnen eine körperliche Nähe aufdrängen, die sie nicht wollen, rufe ich zu: „Fasst uns nicht an!“