Theater inklusiv: 10 Jahre Blinde Passagiere

Am Dienstag dieser Woche (30. Oktober 2018) haben wir gefeiert. Zehn Jahre Theater-Ensemble „Blinde Passagiere“. Aktuelle und ehemalige Schauspielerinnen und Schauspieler, Musiker und Weggefährten kamen zusammen, an den Ort, an dem alles begann, in die Kulturbühne Bugenhagen – heute: Die BURG, Theater am Biedermannplatz.

Es war bereits im Dezember 2007. Damals saß ich erstmals mit Jörn Waßmund zusammen. Der Theater-Pädagoge und Regisseur hatte sich mit einer Idee an den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) gewandt. Er wollte das Thema „Blind / Sehend“, „Sehen oder Nichtsehen“ auf der Bühne verarbeiten. Auch sprach er davon, dass blinde und sehende Menschen, Profis und Laien gemeinsam Theater spielen sollten. Mehr stand zu jener Zeit noch nicht fest.

Ich war zu jener Zeit im BSVH ganz frisch verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Jörn – beziehungsweise Herr Waßmund, wir haben uns ein halbes Jahr lang gesiezt – und ich brainstormten, fragten uns, wie Theater-Arbeit mit blinden und sehbehinderten Menschen gestaltet sein müsste, fragten uns, ob wir überhaupt Betroffene finden, die das Abenteuer eingehen würden. So unterstützte ich die Suche nach blinden und sehbehinderten Interessierten. Und ich war auch beim ersten Treffen in der Kulturbühne dabei. Aber ich entschied mich dagegen, selbst mitzuspielen. Neben Arbeit und Weiterbildung erschien mir der Aufwand zu hoch. Jörn und ich standen zwar weiter im Austausch, z. B. als es darum ging, die Aufführungen zu bewerben. Aber dass ich am Ende doch im ersten Stück mitspielen sollte, hatte ich mir nicht träumen lassen.

Es war der 22. August 2008, weniger als vier Wochen vor der Premiere, als ich eine E-Mail bekam, im Anhang das komplette Stück als Word-Datei. In der Mail hieß es:

„Da der Text jetzt erst so spät kommt, erwarte ich nicht, daß Du schon alles kannst. Schau rein, so weit Du kommst, alles weitere ergibt sich dann. Montag abend (Treffen um 17:15 Uhr) machen wir einen Durchlauf mit fast allen Szenen. Dann bekommst Du einen guten Gesamteindruck. Wir denken, daß Du recht flott reinkommst.“

Ein blinder Teilnehmer war kurzfristig ausgestiegen, Ersatz musste her. Und ich war neugierig. Vielleicht war das ja auch ein Wink des Schicksals, dass ich eine zweite Chance bekam. Und schließlich wären es ja auch nur vier Wochen, dachte ich. Nun sind es zehn Jahre geworden.

So begann mein Theater-Crashkurs: Text lernen, das Bewegen als blinder Mensch auf einer Bühne, ganz viele neue Menschen und Eindrücke, etliche Proben in kürzester Zeit, Nervosität, Lampenfieber; und am 18. September 2008 die Premiere in der Kulturbühne, die Feststellung, dass das Stück funktionierte. Das Publikum lachte an den richtigen Stellen, in ernsten Szenen wurde es ganz still, am Schluss der große Applaus. Da waren wir ganz schön stolz.

Zehn Jahre ist das nun her, und ich denke immer noch gern an diese Zeit zurück, nicht zuletzt weil es mir eine der Schauspielerinnen damals sehr angetan hatte, die bezaubernde Anna mit ihrer wunderschönen Stimme und ihrem besonderen Humor, mit der ich seither durch das Leben gehen darf. Dieses große Glück verdanke ich dem Theater!

Und ich bin dankbar für zehn Jahre, die lehrreich waren, lustig, anregend, manchmal auch chaotisch und nervenaufreibend, am Ende aber erfolgreich. Ich habe es Dienstag bei unserer Jubiläumsfeier gesagt, möchte es hier aber wiederholen: Ich bedanke mich bei allen, die auf und hinter der Bühne zum Gelingen beigetragen haben, bei allen finanziellen und ideellen Unterstützerinnen und Unterstützern, bei meinen ehemaligen und heutigen Ensemble-Kolleginnen und Ensemble-Kollegen! Und danke an Jörn Waßmund, für seinen Einsatz, für seinen Mut zu einem inklusiven Theater-Projekt, in einer Zeit, in der Inklusion noch nicht in aller Munde war, für seine Beharrlichkeit, die erheblich dazu beigetragen hat, dass es die Blinden Passagiere immer noch gibt, für seinen Erfindungsreichtum und seine Kreativität und für die gute Zusammenarbeit!

Von Kunsthalle bis HSV: Hamburger Museen machen mit beim #Sehbehindertentag

Blind durch ein Museum zu gehen, ist häufig nicht sehr erfreulich. An den Wänden hängen nur Fotos und Texte in Schwarzschrift. Und selbst wenn es Ausstellungsstücke gibt, die eigentlich ertastbar wären, sind diese in der Regel hinter Glas versteckt oder mit einem Schild „Nicht berühren“ versehen. Audioguides sind meistens für sehende Besucher gemacht – sprich: man kann sie ohne Hilfe nicht bedienen und die aufgesprochenen Texte sind mehr eine Ergänzung für den sehenden Besucher, erschließen aber dem blinden Zuhörer nicht die Ausstellung. Und auch eine geführte Tour arbeitet häufig mit Sätzen wie „Links sehen Sie jetzt…“.

Anders war das in dieser Woche in rund 70 Museen in Deutschland, allein sieben davon in Hamburg. Exponate wurden herumgereicht, gingen von Hand zu Hand. Gemälde wurden von Experten detailliert beschrieben. Anlässlich des diesjährigen Sehbehindertentags am 6. Juni fanden – initiiert vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und dem Deutschen Museumsbund – landesweit Aktionen zum Thema „Sehbehindert im Museum“ statt. In Hamburg gab es zum Beispiel einen Buchdruck-Workshop im Museum der Arbeit, eine blinden- und sehbehindertengerechte Führung durchs Polizeimuseum und eine durch das internationale maritime Museum.

Ich selbst war bei zwei Terminen dabei: zum einen bei einer Führung durch die Kunsthalle. Detaillierte Bildbeschreibungen von Edvard Munchs Madonna oder von Werken der Künstlergruppe „Die Brücke“ waren aufschlussreich und machten deutlich, warum diese Künstler zu ihrer Zeit einen Skandal nach dem nächsten verursachten. Gleichzeitig stellte die Kunsthalle eine barrierefreie Audio-Version ihres Ausstellungskatalogs vor, die zum Beispiel in der Norddeutschen Blindenhörbücherei ausgeliehen werden kann, aber auch in Zukunft online auf der Website der Kunsthalle veröffentlicht werden soll.

Für mich als Fan war zum anderen der Besuch im HSV-Museum ein Pflichttermin. Mehr als zwei Stunden lang führte uns Niko Stövhase, der Leiter des Museums und seines Zeichens wandelndes HSV-Lexikon, durch die 131jährige Vereinshistorie. Wir ertasteten Trikots und Fußbälle aus der Vergangenheit und verglichen sie mit den leichten Modellen von heute, erhielten detaillierte Beschreibungen des alten Stadions am Rothenbaum oder der Spind-Zeichnungen von Kevin Keegan und Franz Beckenbauer.

Und nicht nur die blinden und sehbehinderten Besucherinnen und Besucher waren begeistert. Sowohl in der Kunsthalle als auch im HSV-Museum hatte ich den Eindruck, dass die Museums-Mitarbeiterinnen und –Mitarbeiter den Sehbehindertentag als große Bereicherung empfanden. Und noch etwas wurde deutlich: Der 6. Juni war ein guter Anlass, aber die Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen sollen keine Eintagsfliege sein. Vielmehr werden die gemachten Erfahrungen in die Arbeit der Museen einfließen, es wird auch in Zukunft Touren für unseren Personenkreis geben. Museumsbesuche werden endlich auch für blinde und sehbehinderte Menschen eine Bereicherung, eine Freude sein.

Dunkellesung in Wien

Seit März 2017 veranstalten der Autor Frank Maria Reifenberg und ich Dunkellesungen aus Franks Roman „House of Ghosts – Das verflixte Vermächtnis“. Die voraussichtlich letzte Möglichkeit, uns gemeinsam in Aktion zu erleben, bietet sich am Samstag, 13. Januar 2018 in Wien. Wir lesen um 14.30 Uhr in der Hauptbücherei am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a, 3. OG. Weitere Infos und das Anmeldeformular gibt es auf kirango.at. Wir freuen uns auf hoffentlich viele Besucherinnen und Besucher.

Dunkellesungen: „Barrierefreiheit und Inklusion in einem sehr spielerischen und vergnüglichen Rahmen“

Ich habe im Sommer vor dem Erscheinungstermin zufällig in einen Radiobericht gehört, dass nur ein verschwindend geringer Prozentsatz aller Bücher auch in Braille-Schrift für blinde oder sehbehinderte Menschen zur Verfügung steht. Daraufhin habe ich dem Verlag vorgeschlagen, dies beim Erscheinen des Buches zum Thema zu machen, indem wir diese speziellen Lesungen anbieten. Heiko ist selbst blind und liest die im Dunkeln spielenden Passagen vor. Natürlich bei möglichst vollständiger Dunkelheit im Saal. Das bietet sich bei einer Geistergeschichte geradezu an. Im anschließenden Gespräch erklären wir diesen Hintergrund und die Kinder haben Gelegenheit, uns beide zu befragen. Das nutzen sie meistens sehr unbefangen. So tragen wir das Thema Barrierefreiheit und Inklusion in einem sehr spielerischen und vergnüglichen Rahmen unters Volk. (…) Meistens wissen die Kinder vorher, dass es dunkel wird. Die Veranstalter werben mit dieser Besonderheit, das ist klar. Sie wissen allerdings nicht, dass Heiko blind ist. Das ahnen sie natürlich, aber ich beginne die Fragerunde am Ende immer mit der Frage, warum Heiko im Dunkeln lesen kann. Wenn wir nicht schnell genug das Licht ausmachen, motzen sie Kinder meistens. Die Dunkelheit ist eigentlich anschließend nicht das Thema. Im Vordergrund stehen die Fragen an Heiko. Wenn wir Zeit haben und nicht schon der nächste Vorleser in den Saal will, kommen da viele Fragen.

(Der Autor Frank Maria Reifenberg im Kathrineverdeen-Blog über unsere gemeinsamen Dunkellesungen für Kinder)