Theater und Politik: Zusammen in Barmbek-Süd

Im Rahmen der großartigen Themenwoche „Zusammen in Barmbek-Süd – Barrieren überwinden“ darf auch ich zweimal die Bühne betreten: Zunächst am Samstag, 24. Juni 2017, endlich mal wieder mit dem Theater-Ensemble „Blinde Passagiere“. Wir zeigen unser aktuelles Programm „Auf in die neue Welt!“ mit Songs der 50er Jahre.

Politisch wird es am Montag, 26. Juni. Dann diskutiere ich über Barrierefreiheit und Inklusion. Mit mir auf dem Podium sind Regina Jäck, Fachsprecherin für Menschen mit Behinderung in der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Evelyn Schön, die mit ihrer Seminarwerkstatt Peer-Counseling macht, und Nico Schröder, Fachamtsleiter Sozialraummanagement im Bezirk Hamburg-Nord. Klaus Becker vom Inklusionsbüro Hamburg moderiert die Veranstaltung. Beginn ist um 19 Uhr. Veranstaltungsort ist auch am Montag das Barmbek°Basch.

Vielleicht habt Ihr ja Lust vorbeizuschauen. Mich würd’s freuen. Das gesamte Programm der Themenwoche findet Ihr hier.

10 Jahre „Send Away the Tigers“: Ein persönlicher Rückblick

Als Apple Music mir gestern die “Send Away the Tigers – 10 Year Collectors’ Edition” der Manic Street Preachers empfahl, musste ich kurz schlucken. Zehn Jahre sollte das Erscheinen eines meiner absoluten Lieblingsalben schon her sein? Verrückt! Andererseits, seitdem hat sich wahrlich viel verändert.

Vor zehn Jahren wusste ich noch nicht, dass gut ein Jahr später die bezaubernde Anna, meine heutige Frau, in mein Leben treten würde.

Statt einen Mehr-als-Fulltime-Job als Geschäftsführer beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg zu haben, kellnerte ich auf 400-EURO-Basis im Dunkelrestaurant Unsicht-Bar.

Obwohl 2006 bereits beschlossen, wusste in Deutschland kaum jemand etwas von der UN-Behindertenrechtskonvention, geschweige denn konnte man sich vorstellen, welche Dynamik allein der Begriff der Inklusion wenige Jahre später ausüben würde.

Statt iPhone hatte ich 2007 ein Nokia. Das konnte zwar – dank der Software TALKS – auch schon sprechen, statt über Heikos.blog, Twitter, Facebook und WhatsApp, lief Kommunikation aber ausschließlich via E-Mail, SMS und – heute kaum noch vorstellbar für mich – via Telefonat. Vielleicht ist das der größte Wandel der letzten zehn Jahre: Diesen routinemäßigen, ständigen Griff zum Smartphone, auf dem alle Hörbücher, alle Musik, alle aktuellen Nachrichten, alle Freunde ständig verfügbar sind, den gab es einfach nicht – nicht in der U-Bahn, nicht in der Pause, nicht im Bett. War das gut oder schlecht?

„Send Away the Tigers“ fand damals den Weg natürlich nicht via Streaming Dienst zu mir, sondern als CD. Wenn Musik im Shuffle-Modus gespielt wurde, dann im CD-Wechsler. Das Album der Manic Street Preachers, dieses energiegeladene und gleichzeitig sentimentale Werk, lief allerdings eher von vorn bis hinten durch, gern mehrmals am Tag – dazu wurde gegrübelt, über den Alltag nachgedacht, über Freunde und Menschen, die man liebte oder nicht mehr lieben wollte, und nach dem Sinn des Lebens gefragt. 2007 war auf jeden Fall mehr Melancholie.

House of Ghosts: Dunkellesungen in Köln und Leipzig

Frank Reifenberg und Heiko Kunert auf der Bühne
Autor Frank M. Reifenberg kann nur bei Licht vorlesen, Heiko Kunert übernimmt, dank Brailleschrift, im Dunkeln

Im vergangenen Jahr erschienen in Deutschland 89.506 Bücher, in Blindenschrift aber nur 500. Die Versorgungslücke ist so groß, dass die Weltblindenunion von Büchernot spricht. Auch von den Kinder- und Jugendbüchern wird nur ein Bruchteil in die Punktschrift übertragen. Ein Kinder- und Jugend-Roman, der übersetzt wurde, ist Frank Maria Reifenbergs „House of Ghosts – Das verflixte Vermächtnis“.

Der Autor und ich machen in diesem Jahr mit gemeinsamen Lesungen auf die Büchernot aufmerksam und informieren über das Thema Blindheit. Vor allem aber hoffen wir, die junge Zuhörerschaft mit einer spannenden, aber auch humorvollen Story zu unterhalten.

Wie es sich für eine anständige Geister-Geschichte gehört, spielt „House of Ghosts“ natürlich hin und wieder im Dunkeln. Da liegt der Gedanke nah, auf der Bühne das Licht auszuschalten. Da Frank dann mit dem Vorlesen überfordert ist, hat er mich ins Boot geholt – dank Brailleschrift kein Problem.

Die nächsten Termine:

Hörbuch-Tipps: Humorvoll und menschlich

Zwei Wochen Urlaub im heimischen Hamburg gehen ihrem Ende entgegen. Zeit zum Spazieren, Shoppen, Freunde Treffen und Hörbücher Hören.

Mein absolutes Hörbuch-Highlight der letzten Wochen war Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Der Schauspieler behandelt in diesem urkomischen und herzerwärmend menschlichen Roman seine Zeit an der Schauspiel-Schule und sein Leben im Hause der Großeltern. Meyerhoff zeichnet ein liebevolles Bild dieser alten Menschen, beschreibt ihre Ticks und Macken, ohne sich über sie lustig zu machen. Und dennoch gehört sein Roman zum Humorvollsten, das ich kenne. Auch die Beschreibung der Erlebnisse mit Mitschülern und mit seinen Dozenten ist grandios. Meyerhoff versteht es, das Skurrile im Alltäglichen zu entdecken. Er braucht nur minimale Überzeichnungen, um seine Zuhörer zum Lachen zu bringen. Sein Humor ist dabei niemals flach, im Gegenteil: Die Geschichte ist von einer nachdenklichen Melancholie durchzogen, die mich sehr angerührt hat. Während die Großeltern gegen eine Leere in ihrem Leben antrinken, droht der Ich-Erzähler in der Schauspiel-Ausbildung lange Zeit tragisch zu scheitern. Das Hörbuch liest der Autor. Die Aufnahmen entstanden bei Live-Lesungen, was dem Hörbuch zusätzliche Lebendigkeit verleiht.

Ein weiteres empfehlenswertes Hörbuch ist J.R. Moehringers „Tender Bar“. Bereits seit etlichen Jahren auf meinem Wunschzettel, bin ich in diesem Urlaub endlich einmal dazu gekommen, es zu hören. Auch dieser Roman ist stark autobiografisch. Im Zentrum stehen der beschwerliche Weg des Ich-Erzählers – aus einer Kindheit in Armut und ohne Vater, über seine Zeit in Yale, bis zu seinem Durchbruch als renommierter Journalist – und eine Bar. In dieser Bar findet der kleine J.R. den Zugang zur Welt der Erwachsenen. Dort lernt er schrullige, aber herzliche Männer kennen, die ihm die Bedeutung von Vertrauen und Respekt zeigen. Dort trinkt er sein erstes Bier, fasst er Entschlüsse, die sein Leben prägen werden. Moehringer erzählt lakonisch und humorvoll. Seine Sprache ist virtuos. „Tender Bar“ regt zum Nachdenken an: Darüber, was Erfolg im Leben eigentlich ausmacht und worauf es im Miteinander wirklich ankommt. Das – leider gekürzte – Hörbuch in der deutschen Übersetzung liest Ulrich Noethen, wundervoll ruhig und dennoch sehr packend.

Ich wünsche Euch schöne Hörbuch-Stunden und ein frohes, glückliches und gesundes 2017!