Hörbuch-Tipp: Meine Jahre mit Hamburg Heiner

Nach den drei grandiosen Romanen „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“ wirkt es auf den ersten Blick etwas schäbig: Blogs ausdrucken, zu Büchern binden, verscherbeln. Und doch sind Sven Regeners „Meine Jahre mit Hamburg Heiner“ absurd komisch, wahnsinnig hintersinnig und melancholisch bissig. Der Element-of-Crime-Sänger hat von 2005 bis 2010 diverse Gast-Blogs veröffentlicht. Anlässe waren CD-Releases, Konzert-Tourneen oder eine Reise der Band nach Nashville.

Die Texte Regeners halten sich aber nicht unnötig lang bei diesen Schreibanlässen auf. Sie führen uns in die schon aus seinen Romanen bekannte Wortakrobatik und Dialog-Komik Immer wieder ruft der titelgebende „Hamburg Heiner“ auf dem Handy an, Regeners Blog-Gewissen. Und die Dialoge zwischen Sven und Heiner sind meisterwerke. Ich hab mich scheckig und kringelig gelacht.

Zumal ich das Vergnügen hatte, die vom Autor höchst selbst gelesene und ungekürzte Hörbuchfassung zu genießen. Regeners – von jedem Lebensjahr in Berlin vollkommen unbeeindruckte – Bremische Mundart und sein trockener Vortrag machen „Meine Jahre mit Hamburg Heiner“ zu einem amüsanten Hör-Erlebnis mit Tiefgang.

Umgang mit Blinden: Ratschläge via Google

Sollte man den „Umgang mit blinden Menschen“ googeln können?“, fragt Christian Ohrens in seinem Blog. Meine Antwort ist ein eindeutiges Ja!

Christian führt an, dass solche Anleitungen zu Pauschalisierungen führten und es immer blinde Menschen geben würde, auf die die gemachten Aussagen nicht zutreffen. Sein Fazit:

Es gibt keine pauschale Lösung, kein Nonplusultra, wie man mit Menschen mit Handicap allgemein umgehen soll/kann, außer vielleicht, dass man keinen Unterschied machen sollte, ob der Andere z. B. nun blind ist oder nicht.

So unterschiedlich wie Sehende

Es stimmt, dass nicht alle blinden Menschen gleich ticken. Wir sind so unterschiedlich wie sehende Menschen auch. Und das bedeutet auch, dass wir uns unterschiedliche Dinge im Umgang mit Nichtbehinderten wünschen. Die meisten von uns freuen sich, wenn ihnen Hilfe angeboten wird, einige wenige sind davon genervt. Wenn ich mich von einem Sehenden führen lasse, dann halte ich mich an seinem Ellenbogen fest, Christian tut das nicht. Die allermeisten Blinden nutzen Begriffe wie „Fernsehen“ und „Anschauen“ ganz selbstverständlich, andere – häufig frisch von einer Erblindung Betroffene – werden traurig, wenn man diese Worte in ihrer Gegenwart benutzt. Aber kann man deswegen keine Aussagen zum Thema Umgang mit Behinderten treffen?

Man sollte alles googeln können

Doch man kann. Ich denke, dass man das als Mensch mit Handicap sogar tun sollte, dass die Selbsthilfe-Organisationen es tun sollten. Wer, wenn nicht wir selbst? Zwei Gründe sprechen dafür: Erstens gibt es ein offenkundig sehr großes Interesse bei vielen sehenden Menschen an dem Thema. Das zeigen die Suchbegriffe mit denen mein Blog via Google gefunden wird, persönliche Gespräche und Anfragen, die die Blinden- und Sehbehindertenvereine erhalten. Die Fragen unserer sehenden Mitmenschen sollten bei Google nicht unbeantwortet bleiben. Ein „Das kann man so allgemein nicht sagen“ allein ist dem nach einer Antwort Suchenden und auch mir nicht genug.

Nur klare Forderungen ermöglichen Verbesserung

Zweitens implizieren Antworten zum Thema Umgang mit Behinderten auch immer Wünsche und Forderungen an die eigene Community und an die Gesellschaft. Zugespitzt könnte man sagen, dass wir im Mittelalter von sehenden Menschen erwartet haben, dass sie uns Almosen geben. Vor rund 200 Jahren verlangten wir, dass man uns das Recht auf Bildung ermöglicht. Mit der Einführung des Weißen Stockes ging die Forderun einher, dass wir mobil sein wollen und uns von der nichtbehinderten Gesellschaft wünschten, dass die Rahmenbedingungen für mehr Selbstständigkeit geschaffen werden. Heute sind wir weiter. Selbstbewusst fordern wir unser Menschenrecht auf Teilhabe ein. Unter dem Stichwort Inklusion bündelt sich das Selbstverständnis, dass wir ein vollwertiger teil der Gesellschaft sind – oder besser: sein wollen.

Utopie mit Leben füllen

Leider ist Inklusion noch lang nicht Realität. Sie ist eine Utopie, die mit Leben gefüllt werden muss. Und um sie mit Leben füllen zu können, sollten wir uns nicht scheuen, Forderungen zu formulieren, Wünsche zu äußern, gemeinsame Stellungnahmen zu entwickeln. Das gilt für den Bereich der Behindertenpolitik, für den Abbau von Barrieren, aber auch für den alltäglichen Umgang zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen.

Infos zum Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen gibt der Ratgeber „Nicht so – sondern so“ des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, den Sie als barrierefreies PDF herunterladen können.

Kurz und gut (3): Gedanken

Armin Sengbusch schreibt und ist Slammer – und er bringt Dinge auf den Punkt.