Blog-Wichteln: Blind-PR ist dabei

Im Radio läuft wieder „Last Christmas“. Bei zweistelligen Temperaturen bieten die Weihnachtsmärkte Glühwein. Die ersten Schoko-Adventskalender sind bereits geplündert. Aber die Adventszeit hat auch Überraschungen zu bieten. Bhuti lässt wichteln. Das allein wäre ja schon super, aber es kommt noch besser, Bhuti lässt Blog-wichteln. Jeder Teilnehmer schreibt einen Gastbeitrag für ein anderes Blog, das ihm zugelost wird, und erhält selbst einen Gastbeitrag von einer unbekannten Person. Das ist doch mal eine Welt-Idee.

Blog-Wichteln gab es wohl auch schon in den vorigen Jahren. Und nun nehme ich erstmals daran teil. Ich freue mich schon darauf, wenn ich plötzlich vor der Aufgabe stehe, einen Beitrag schreiben zu müssen, der in einem Blog erscheinen soll, der vielleicht primär aus Bildern besteht. Der Mensch braucht Herausforderungen.

Andererseits wird irgendein armer, unvorbereiteter Blogger in einigen Tagen vor der Aufgabe stehen, für Blind-PR einen Gastbeitrag schreiben zu müssen. Er wird vielleicht denken: „Was soll ich denn in einem Blinden-Blog schreiben?“. Er wird sich vielleicht durch meine Beiträge arbeiten, um eine Idee zu bekommen. Und vielleicht stößt er auf Texte, die ihn ein bisschen interessieren. Vielleicht entdeckt er zwischen den spezielleren Themen rund um Sehbehinderung und Blindheit den Autor der Zeilen, der sich für Musik und Literatur interessiert, der das Meer liebt und gern auf Reisen ist – und das, obwohl er blind ist. Dann hätte sich das Wichteln doch mehr als gelohnt.

Für alle Blogger, die noch mitmachen möchten: Morgen, am 27. November, endet die Anmeldefrist fürs Blog-Wichteln.

Pessimismus: Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen

Dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, wo sodann mit der Erkenntnis die Fähigkeit Schmerz zu empfinden wächst, welche daher im Menschen ihren höchsten Grad erreicht und einen um so höheren, je intelligenter er ist, – dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie als die beste unter den Möglichen andemonstrieren wollen. Die Absurdität ist schreiend. –

Inzwischen heißt ein Optimist mich die Augen öffnen und hineinsehen in die Welt, wie sie so schön sei, im Sonnenschein mit ihren Bergen, Tälern, Strömen, Pflanzen, Tieren usf. – Aber ist denn die Welt ein Guckkasten?

Zu sehen sind diese Dinge freilich schön, aber sie zu sein ist ganz etwas anderes.

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit

Bloggerpatenschaften: Mein Weg ins Web

Aus den PC-Lautsprechern dringt eine künstliche Stimme. Auf einer Leiste vor der Tastatur tauchen erhabene Punkte auf und verschwinden wieder. Ich bin blind und arbeite mit dem Computer. Ein so genannter Screenreader wandelt den Bildschirm-Inhalt so um, dass er von der Sprachausgabe und der Braillezeile wiedergegeben werden kann. Diese Hilfsmittel machen es möglich, dass ich selbstständig mit Word oder Excel arbeite. Behördenpost und Kontoauszüge scanne ich ein. Mein Computer liest sie mir vor. Und ich kann E-Mails lesen und schreiben und im Internet surfen. Heute kann ich mir ein Leben ohne das netz nur schwer vorstellen. Es gehört zu meinem Alltag: Ich unterhalte mich mit Menschen, ich kaufe im Web ein, ich lese meine Zeitung online. Dabei war ich nie ein typischer Computerfreak. Für mich soll ein Computer seinen Dienst tun. Ich will nicht an ihm herumbasteln oder gar selbst programmieren.

Den vollständigen Gastbeitrag über meinen Weg ins Web finden Sie auf Bloggerpatenschaften.de.

Perspektiven (2): „auf das Niveau von Tieren heruntergezogen“

Darf man blinde und sehbehinderte Menschen als Tiere darstellen, um damit Spenden zu sammeln? Das Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich ist diesen Schritt gegangen. In ihm leben überwiegend Senioren, die häufig durch altersbedingte Augenerkrankungen wie Makuladegeneration sehbehindert werden. Mit dem provokativen Spot wird auf zurückgehende staatliche Unterstützung reagiert, berichtet Christina Neuhaus in der NZZ vom 20.11.:

Die Geschichte mit dem Huhn führt weit zurück in die Vergangenheit. Sie führt in ein kleines deutsch-ungarisches Dorf in Transnubien. Frau H. war damals noch ein kleines Mädchen. Ihre Mutter hielt sich eine Glucke, die liebevoll und aufopfernd Generationen von kleinen Küken auszubrüten pflegte. Wenn Frau H. von diesem Huhn erzählt, glänzen ihre Augen, und sie breitet ihre Hände aus, um zu zeigen, mit wie viel mütterlicher Liebe dieses Huhn seine Flügel zu spreizen pflegte, wenn es seine Kinder um sich scharte. (…) Für Frau H., die heute im Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich lebt, war es deshalb selbstverständlich, dass sie in einem kurzen Werbefilm, den das Heim drehen liess, das Huhn spielen wollte. Andere verkörperten Pandabären oder Löwen. Im Abspann des oft gezeigten TV-Spots steht zu lesen: «Für Tiere wird in der Schweiz viel Geld gespendet. Für Blinde jetzt hoffentlich auch.»

Viele blinde und sehbehinderte Menschen fühlen sich durch den Spot diskriminiert und herabgesetzt. Sie wollen nicht als Mitleidheischende Randgruppe, sondern als vollwertige und selbstständige Bürger wahrgenommen werden. Bereits am 13. November zitierte die NZZ in einem Artikel aus empörten Leserbriefen von Betroffenen:

Während die Verantwortlichen mit dem Film zur Nachdenklichkeit anregen wollen, sehen viele Betroffene im Gezeigten eine Geschmacklosigkeit. Blinde Menschen würden auf das Niveau von Tieren heruntergezogen, schreibt Leu. Dabei sei der grösste Teil der blinden Menschen in der Schweiz erwerbstätig und führe ein eigenständiges Leben. Die meisten Blinden seien deshalb weder auf die Fürsorge eines Blindenwohnheims noch auf Spendengelder angewiesen. Der mitleidheischende Spot sei deshalb nur beschämend.

Ähnlich umstritten wie der Schweizer Werbespot dürfte auch die neue britische TV-Realsatire „Cast Offs“ sein, von der Wolfgang Koydl am 16.11. auf Jetzt.de berichtet. In dem Format werden sechs behinderte Menschen – darunter ein blinder Mann – auf einer einsamen Insel ausgesetzt.

Denn die sechsteilige Serie will nebenbei zum ersten Mal zeigen, dass Behinderte „nicht mehr und nicht weniger am Arsch sein können wie jeder andere auch“, wie Joel Wilson, einer der Produzenten, es drastisch formulierte. Bislang habe das Fernsehen Menschen mit Behinderungen entweder als „verbittert“ oder als „tragische Opfer“ gezeigt. Er hoffe, dass „Cast Offs“ zu einem unverkrampften Umgang mit Behinderten führt. „So was hat man nie im Fernsehen gezeigt“, sagte die Schauspielerin Victoria Wright. „Man zeigt uns als Erwachsene, die trinken, fluchen und Sex haben. Ich bin sicher, dass viele Leute sagen werden: Ach du meine Güte, ich wusste gar nicht, dass Behinderte so was tun.“

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.