Kultur-Woche in Hamburg: Kunst für alle Sinne

Kultur verbindet. Über 130 blinde, sehbehinderte und sehende Künstlerinnen und Künstler werden sich in der kommenden Woche in Hamburg präsentieren. Das Spektrum reicht von klassischer Musik, über Jazz und Rock, über Lesungen und Musicals, bis zu Bilder-Ausstellungen. Die Kultur-Woche findet in so renomierten Häusern wie dem Ernst-Deutsch-Theater, der Fabrik oder der Markthalle statt. Hiermit erfährt die Kunst blinder und sehbehinderter Menschen eine Wertschätzung, die sie aus der sozialpädagogischen Wohlfühl-Ecke herausholt. Bisher ist es noch häufig so, dass das nichtbehinderte Publikum nicht die Werke sieht, sondern vor allem die Behinderung der Macher. Bewusst steht in der kommenden Woche der Gedanke der Inklusion im Mittelpunkt: sehende und blinde Menschen entdecken gemalte Kunst – mit Händen und Augen. Behinderte und nichtbehinderte Schauspieler stehen zusammen auf der Theater-Bühne oder machen gemeinsam Musik.

So haben Sie, geneigte Blind-PR-Leserschaft, auch letztmalig die Chance, das See-Musical „Blinde Passagiere“ in Hamburg zu erleben. Das Stück, in dem ich als blinder Schauspieler einen sehenden Capitano spiele, ist eine turbulente Geschichte um Fernweh, Sehnsucht und Liebe. Unser Musical mit neu arrangierten Schlagern der 50er Jahre spielen wir am kommenden Montag, 23. August 2010, in der Markthalle.

Im Louis-Braille-Center des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH) wird am Dienstag, 24. August eine Ausstellung des Malers Horst W. Müller eröffnet. Das Motto: „Auch Hände können sehen“. Das Besondere an Müllers farbfrohen Bildern ist, dass sie nicht nur etwas für das kunstbegeisterte Auge sind, sondern ausdrücklich berührt werden sollen. Das wird sicherlich eine spannende Erfahrung für alle Besucher der öffentlichen Vernissage, mit Händen und Augen, als blinde, sehbehinderte oder sehende Menschen Müllers Werk zu erkunden. Schauen Sie doch auch rein, am Dienstag, 24.08. um 18 Uhr. Das Louis-Braille-Center finden Sie im Holsteinischen Kamp 26 in unmittelbarer Nähe zur U3-Haltestelle Hamburger Straße. Mehr Infos zur Ausstellung finden Sie auf bsvh.org.

Das vollständige Programm der Kultur-Woche finden Sie auf den Internet-Seiten der Hamburger Blindenstiftung. Dort können Sie Eintrittskarten bestellen, und Sie finden auch Infos über das Sport- und Rahmen-Programm. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Kultur-Woche. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei.

The Magnetic Fields: Sanft und Böse

„ich komme nach Hamburg und möchte auf ein Konzert gehen“, sagte die PR-Kollegin aus Berlin und fragte die bezaubernde Anna und mich, ob wir mitkommen wollten. Unter Anderem schlug sie The Magnetic Fields vor. Die kannte ich nicht. Daher mal schnell Last.fm und Youtube konsultiert…

…Und für interessant befunden. Indie-Folk oder sowas.

So gingen wir am Montag in die Fabrik nach Altona. Irritierend war die Ankündigung „Heute kein Getränkeausschank“. Die Garderobe war geschlossen. „Dafür haben wir heute Stühle“, war die hanseatisch-lapidare Alternative. So saß man und war gespannt, was nun wohl kommen sollte…

…Es kamen fünf Musikerinnen und Musiker, die Gitarren, Ukulele und Cello sanft und harmonisch zu kantig-schönen Stimmen spielten. Die Lieder waren mehr Folk und weniger Indie als ich angenommen hatte. Musik zum Zuhören eben. Und nur sehr selten hat man das Fabrik-Publikum so ruhig und andächtig lauschend erlebt. Das lag auch an den feinsinnig-bösen Texten…

…Fazit: Anders als gedacht, dafür um so lohnenswerter – eine tolle Konzert-Überraschung.

Konzert-Kritiken: Geigenrock und Fusionjazz

Konzerte, die unterschiedlicher kaum sein können, standen in der vergangenen Woche auf meinem Kulturkalender: Kettcar und Don Grusins Hang All Stars. Der Unterschied wird noch dadurch verstärkt, dass Kettcar am Dienstag auf Violinen und nicht auf E-Gitarren setzten. In den bestuhlten Fliegenden Bauten ging es somit sehr ruhig, nachdenklich, bewegend her. Es standen die Balladen der einstigen hanseatischen Punk- und Ska-Größen auf dem Programm. Und wie immer ging es textlich darum, in einer Welt, die uns Enttäuschungen bringt und uns zynisch werden lässt, die Hoffnung nicht vollkommen zu verlieren. Mein Fazit: Ein Konzept, das wiederholt und ausgebaut werden sollte.

Auch der Support von Kettcar konnte sich sehen und hören lassen. John K Samson stand auf der Bühne. Der Frontmann der kanadischen Punkband The Weakerthans bot soliden Singersongwriter-Folk mit humorvollen Texten und kleinen, schönen Melodien und schlichten Sound-Einspielungen – besonders gefiel mir das Schnurren der verstorbenen Katze des Sängers, das sich durch ein Stück brummte. Mein Fazit: Ein angemessener Support, aber das Folkrad erfindet Samson nicht neu.

Die Ankündigung für das Konzert am Donnerstag las sich vielversprechend: „Ein ganz besonderes musikalisches Live-Erlebnis im Herbst verspricht die von Don Grusin gegründete All-Star-Band ›The Hang‹. Mit der Grammy Nominierung für ›Best Contemporary Jazz Album‹ ist Don Grusin mit ›The Hang‹ in Amerika schon ein riesiger Erfolg gelungen. Jetzt kommt diese sensationelle Besetzung mit zwei deutschen Gästen auf Tour nach Europa!    Auf besonderen Wunsch von Don Grusin wurde der Hamburger Nils Wülker eingeladen, bei dieser All Star Band als einziger Bläser mitzuspielen. Nils Wülker überzeugte sie mit seinem warmen Sound auf Trompete und Flügelhorn und wird das erste Mal ohne seine langjährige eigene Band auf Tour gehen. ›The Hang All Stars‹ verbinden Funk, Fusion, akustischen Jazz und eine Prise Weltmusik zu einer aufregenden und energetischen Performance mit unglaublicher Virtuosität.“ Mein Fazit: Die Ankündigung war untertrieben. Wer die Möglichkeit hat, diese grandiose Fusion-Kombination einmal live zu sehen – und sei es auf DVD -, der sollte das tun. Nicht nur für eingefleischte Jazzfans, sondern ein Hörgenuss für alle Freunde rhythmischer und druckvoller Musik. Da spielen Profis, aber die ganz großen.

Maßvoll Heavy

Am 25. September erscheint das Solo-Album von Jochen Distelmeyer. Und es verspricht hörenswert zu werden. Zumindest hoffe ich das sehr nach einem Konzert, das der ehemalige Blumfeld-Frontmann kürzlich in Hamburg gegeben hat.

Nachdem sich Blumfeld vor zwei Jahren im Popkitsch-Sumpf ersoffen und aufgelöst hatten, war ich gespannt, wie der einstige Bandleader solo klingen würde. Er kam mit Band, und die ließ es auf Kampnagel ordentlich krachen. Distelmeyers Album trägt den selbstironischen Titel Heavy. Und in der Tat kommen – zumindest live – die neuen Songs deutlich heavier daher als der späte Blumfeld-Weltschmerz-Pop. Textlich steht immer noch ein enttäuschter Linker auf der Bühne, dessen einzige Hoffnung das kleine Glück der Liebe ist. Neben den aktuellen Stücken brachten Blumfeld Reloaded auch viele Klassiker aus der Hamburger-Schule-Zeit zu Gehör. So konnte das bildungsbürgerliche Mitdreißiger-Publikum maßvoll in Uni-Party- und Studenten-Demo-Erinnerungen schwelgen, ohne wirklich mitgerissen zu werden. Distelmeyer und Band brachten ein solides Rockkonzert auf die Bühne, das Interesse für die neue Platte weckte – mehr aber auch nich .

Wer es gar nicht mehr abwarten kann: An diesem Freitag, 11. September, erscheint vorab bereits die erste Single mit dem Titel „Lass uns Liebe sein“.