House of Ghosts: Dunkellesungen in Köln und Leipzig

Frank Reifenberg und Heiko Kunert auf der Bühne
Autor Frank M. Reifenberg kann nur bei Licht vorlesen, Heiko Kunert übernimmt, dank Brailleschrift, im Dunkeln

Im vergangenen Jahr erschienen in Deutschland 89.506 Bücher, in Blindenschrift aber nur 500. Die Versorgungslücke ist so groß, dass die Weltblindenunion von Büchernot spricht. Auch von den Kinder- und Jugendbüchern wird nur ein Bruchteil in die Punktschrift übertragen. Ein Kinder- und Jugend-Roman, der übersetzt wurde, ist Frank Maria Reifenbergs „House of Ghosts – Das verflixte Vermächtnis“.

Der Autor und ich machen in diesem Jahr mit gemeinsamen Lesungen auf die Büchernot aufmerksam und informieren über das Thema Blindheit. Vor allem aber hoffen wir, die junge Zuhörerschaft mit einer spannenden, aber auch humorvollen Story zu unterhalten.

Wie es sich für eine anständige Geister-Geschichte gehört, spielt „House of Ghosts“ natürlich hin und wieder im Dunkeln. Da liegt der Gedanke nah, auf der Bühne das Licht auszuschalten. Da Frank dann mit dem Vorlesen überfordert ist, hat er mich ins Boot geholt – dank Brailleschrift kein Problem.

Die nächsten Termine:

Hörbuch-Tipps: Humorvoll und menschlich

Zwei Wochen Urlaub im heimischen Hamburg gehen ihrem Ende entgegen. Zeit zum Spazieren, Shoppen, Freunde Treffen und Hörbücher Hören.

Mein absolutes Hörbuch-Highlight der letzten Wochen war Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Der Schauspieler behandelt in diesem urkomischen und herzerwärmend menschlichen Roman seine Zeit an der Schauspiel-Schule und sein Leben im Hause der Großeltern. Meyerhoff zeichnet ein liebevolles Bild dieser alten Menschen, beschreibt ihre Ticks und Macken, ohne sich über sie lustig zu machen. Und dennoch gehört sein Roman zum Humorvollsten, das ich kenne. Auch die Beschreibung der Erlebnisse mit Mitschülern und mit seinen Dozenten ist grandios. Meyerhoff versteht es, das Skurrile im Alltäglichen zu entdecken. Er braucht nur minimale Überzeichnungen, um seine Zuhörer zum Lachen zu bringen. Sein Humor ist dabei niemals flach, im Gegenteil: Die Geschichte ist von einer nachdenklichen Melancholie durchzogen, die mich sehr angerührt hat. Während die Großeltern gegen eine Leere in ihrem Leben antrinken, droht der Ich-Erzähler in der Schauspiel-Ausbildung lange Zeit tragisch zu scheitern. Das Hörbuch liest der Autor. Die Aufnahmen entstanden bei Live-Lesungen, was dem Hörbuch zusätzliche Lebendigkeit verleiht.

Ein weiteres empfehlenswertes Hörbuch ist J.R. Moehringers „Tender Bar“. Bereits seit etlichen Jahren auf meinem Wunschzettel, bin ich in diesem Urlaub endlich einmal dazu gekommen, es zu hören. Auch dieser Roman ist stark autobiografisch. Im Zentrum stehen der beschwerliche Weg des Ich-Erzählers – aus einer Kindheit in Armut und ohne Vater, über seine Zeit in Yale, bis zu seinem Durchbruch als renommierter Journalist – und eine Bar. In dieser Bar findet der kleine J.R. den Zugang zur Welt der Erwachsenen. Dort lernt er schrullige, aber herzliche Männer kennen, die ihm die Bedeutung von Vertrauen und Respekt zeigen. Dort trinkt er sein erstes Bier, fasst er Entschlüsse, die sein Leben prägen werden. Moehringer erzählt lakonisch und humorvoll. Seine Sprache ist virtuos. „Tender Bar“ regt zum Nachdenken an: Darüber, was Erfolg im Leben eigentlich ausmacht und worauf es im Miteinander wirklich ankommt. Das – leider gekürzte – Hörbuch in der deutschen Übersetzung liest Ulrich Noethen, wundervoll ruhig und dennoch sehr packend.

Ich wünsche Euch schöne Hörbuch-Stunden und ein frohes, glückliches und gesundes 2017!

58 Stunden Hörgenuss: „Die Elenden“ von Victor Hugo

Geschafft. 57 Stunden und 46 Minuten dauerte das Hörbuch, und es hat sich gelohnt. In Zeiten, in denen Sachverhalte in 140 Zeichen via Twitter gepostet werden, in denen ständig neue Push-Benachrichtigungen unsere Aufmerksamkeiten von einem Thema zum nächsten, von WhatsApp zu Facebook lenken, in solchen Zeiten ist es ein wohltuendes Gegenprogramm, wenn man mehrere Wochen mit einem Hörbuch verbringt.

Victor Hugos Meisterwerk „Die Elenden / Les Misérables“ ist in der Tat hörenswert. Über rund 20 Jahre erstreckt sich der epochale Roman. In aller Ruhe und Ausführlichkeit werden die vielen handelnden Personen eingeführt, ihre Lebensgeschichten und Verflechtungen ausgeschmückt. Zusätzlich nimmt sich Hugo immer wieder auch die Zeit über mehrere Kapitel hinweg über den Verlauf der Geschichte zu philosophieren, Napoleons Schlachten en Detail zu schildern oder die Geschichte der Kanalisation von Paris zu erläutern.

Das mag vielen Hörern langatmig erscheinen, zumal wenn sie an gekürzte Hörbücher gewöhnt sind. Ich aber fand die Lektüre von „Die Elenden“ enorm unterhaltsam. Denn das Buch ist auch ein echter Schmöker mit allem, was dazu gehört: Verbrechen, Verschwörungen, Missgunst, Selbstzweifel, Läuterungen, Rückschläge, unglückliche und glückliche Liebe.

Und schließlich ist der Sprecher schuld daran, dass die knapp 58 Stunden immer kurzweilig waren. Gert Westphal ist einfach ein ganz Großer. Wie er allen Figuren ihre ganz eigene Klangfarbe verleiht, wie er mal leicht, mal energisch, mal ruhig, mal temporeich liest, das ist schon wirklich einzigartig.

Also, kurz und knapp: Ich kann dieses lange und großartige Werk nur wärmstens empfehlen. Und wer Hörbücher mag, sollte dringend zuschlagen. Mit Audible-Abo bekommen Sie Victor Hugos „Die Elenden“ schon für lumpige 9,95 € – es lohnt sich.

Podcast zum Fest: Der Traum der alten Eiche

Der vierte Advent steht kurz bevor. Bald ist Weihnachten. Wann, wenn nich jetzt, ist es Zeit für Märchen? Ein wunderschönes, nachdenkliches Weihnachtsmärchen stammt von Hans Christian Andersen. Es heißt „Der Traum der alten Eiche“. Und da man Märchen am besten vorgelesen bekommt und nicht am Bildschirm liest, habe ich das Lesen für Sie übernommen. Hier folgt eine Blind-PR-Premiere: erstmals können Sie hier einen Podcast hören. Ich wünsche viel Vergnügen! Hier geht es zur MP3-Datei: Der Traum der alten Eiche