Ich möchte nicht, dass Ihr euch in mich hineinversetzt.

Markus spricht – so kann ich ruhigen Gewissens behaupten – sehr vielen blinden Menschen aus der Seele. Seinen Text kann ich hier nur wärmstens empfehlen!

Markus Böttner

Inspiriert durch eine Diskussion in der Facebook-Gruppe Blindheit & Sehbehinderung – Infos und Austausch, möchte ich etwas loswerden. Uns Blinden möchte ich Mut zusprechen, und Euch Sehenden möchte ich einmal etwas sagen:

Ihr kleidet gern Euer Ungeschick in den Mantel der Unwissenheit und des „Mann kann sich ja nicht hineinversetzen, wie es ist, wenn man nichts sieht..“. Das stimmt. Man kann sich nicht hineinversetzen.

Man kann sich mal die Augen verbinden, man kann mal in einem Dunkelcafé essen gehen, aber ein repräsentativer Spiegel unseres Alltags ist das nicht. Ihr projiziert Euere Unsicherheit beim Essen in Dunkelheit auf uns, denkt: „Scheiße, ich kann das nicht mal für eine Stunde. Wie schlimm muss das für die armen Blinden sein, die jeden Tag so leben müssen!?“

Ihr habt ganz recht. Man kann sich nicht hineinversetzen.

Und wisst Ihr was? Ich will das auch nicht! Ich will nicht, dass Ihr Euch in uns…

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Nähkurs, Kunst und Shopping – Mode jenseits des Sehens

Wie ist es, zu shoppen und zu nähen, wenn man fast nichts sieht? Und welche Rolle spielen Farben, Stoffe und Schnitte für eine blinde Frau bei der Beurteilung von Mode? Antworten gibt es in Lydias Blogpost.

Lydia's Welt

Mode hatte immer irgendwas mit Kleidung zu tun. Soweit, so gut. Und lange Zeit war dieses Gebiet für mich absolut verschlossen.

Zur Erklärung. Ich verfüge über einen Sehrest von ca. 2 %. Ich bin somit dem Gesetz nach blind.

Meine Augenerkrankung bringt es mit sich, dass ich keine Farben als solche wahrnehmen kann, sondern lediglich Grautöne. Für mich ist also eine Sache hell, heller als etwas anderes, oder einfach nur dunkel. Ich kann sehen, wenn ein Kleidungsstück gestreift, gemustert oder einfarbig ist. Und je nach Kontrast erkenne ich auch noch das grobe Muster.

Alles was irgendwie mit Farben zu tun hat, kann ich somit nicht wahrnehmen. Farben sind für mich optische Ereignisse, die ich nicht wahrnehme. Da diese aber im Laufe eines Lebens unter normal sehenden Menschen immer mehr an Wichtigkeit zunehmen, je älter man wird, habe ich versucht Farben wie Vokabeln zu erlernen. Ich habe gelernt, dass meine Haare…

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Mal ein guter Bestseller

Nachdem meine letzte

Bestseller-Lektüre eher eine Enttäuschung war, kann ich heute mal einen Bestseller empfehlen. Henning Mankells „Der Chinese“ ist ein intelligenter, spannender und bedrückender

Kriminalroman. Auf eine Zusammenfassung der Handlung möchte ich hier verzichten. Nur soviel: der Roman verknüpft das historische

Ereignis der Ausbeutung chinesischer Arbeiter beim Bau der US-amerikanischen Eisenbahn im 19. Jahrhundert mit einer Mordserie zu

Beginn des neuen Jahrtausends in Schweden. Ich war zunächst skeptisch, hatte doch der Deutschlandfunk im Büchermarkt (Kritik nicht

online) diese Verknüpfung konstruiert und unglaubwürdig genannt. Diese Kritik kann ich aber nicht teilen. So etwas kann nur ein

Buchkritiker von sich geben, der nicht in historischen Dimensionen denken kann und Handlungsmotive ausschließlich in der

psychischen Disposition der Akteure zu sehen vermag. Meiner Meinung nach ist Mankells aktuelles Buch natürlich konstruiert, aber

sehr klug und aufrüttelnd, so wie man es vom schwedischen Autor gewohnt ist. „Der Chinese“ ist sicher nicht besser als andere Werke

Mankells, aber ganz gewiss auch nicht schlechter. Und die ca. neunstündige Lesung von Axel Milberg ist von der ersten Sekunde an

packend. Milberg liest so, dass man in jeder Szene, in jedem Wort, in jeder Silbe die Gefahren unserer modernen Welt erahnt – einem

Mankell mehr als angemessen.

ICE-Menschen

Mitmenschen im ICE nach Frankfurt sind immer wieder eine Überraschung, zumal in der familiären Atmosphäre eines Sechser-Abteils.

Drei dynamische Damen im Gespräch: „Ein Möhrchen zum Abendbrot reicht mir.“ „Ich brauch zwei Becher Kaffee und drei Zigaretten zum

Frühstück.“ „Ich habe gestern ein Viertel Paprika eingefroren. Da hab ich Sonntag noch eine Gemüsepfanne zuhaus.“ „In Nagelstudios

arbeiten nur schlecht ausgebildete Personen.“ „Ich wohne in Frankfurt im Hotel Hamburger Hof. Ich dachte, das klingt nach

Heimat.“

In Hannover kommt der hessische Geschäftsmann mit reichlich Gepäck. Ein Gepäck-Stück fällt von der Ablage – auf eine der drei

dynamischen Damen. Der Herr: „Darf ich Ihnen eine Salbe anbieten, die ich auf Reisen immer dabei habe, weil man sich dabei immer

einmal verletzen kann. Ich hole Ihnen Eiswürfel aus dem Bistro.“

Schließlich noch der vietnamesische Loi, der seit sechs Wochen in Hamburg lebt. „Als Ingenieur für Schiffsbau finde ich in

Frankfurt keinen Job. Im Juni gehe ich nach Shanghai – Chinesisch ist für mich einfacher als deutsch.“

Und der blinde PR’ler auf dem Weg zum Seminar: „Mein Handy spricht. Mein PC auch…“ Mal schauen, was die Rückfahrt am Dienstag

so zu bieten hat.