Hamburg würdigt Erfinder der Blindenschrift

Und noch eine gute Nachricht aus der Politik: Auf eine Anregung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH) hin hat die FDP-Fraktion im zuständigen Regionalausschuss beantragt, den Platz vor dem U-Bahnhof Hamburger Straße nach Braille, dem Erfinder der Blindenschrift, zu benennen. Der Platz befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Louis-Braille-Center, dem Sitz des BSVH im Holsteinischen Kamp. Nachdem das Staatsarchiv der Namensnennung zugestimmt und auch der Regionalausschuss einstimmig für den „Louis-Braille-Platz“ votiert hat, steht aus FDP-Sicht der Umbenennung nun nichts mehr im Wege. Die Zustimmung des Senats sei nur Formsache.

Am 4. Januar 2009 jährt sich Brailles Geburtstag zum 200. Mal. Der Blinden- und Sehbehindertenverein plant für diesen Tag eine feierliche Einweihung des Platzes. Ich bin stolz, dass der Louis-Braille-Platz kommt. Die Blindenschrift bedeutet bis heute Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe für blinde Menschen. Ihr Erfinder hat diese Würdigung verdient.

Hamburg Begreifen: die Innenstadt in Bronze

Blinde und sehbehinderte Menschen begreifen Hamburgs Innenstadt. Das größte Tastmodell Deutschlands steht seit Dienstag auf dem Rathausmarkt, vor dem Bucerius-Kunstfforum. Ich bin begeistert. Wir können unsere schöne Stadt endlich mit den Händen erfassen und fühlen, wie Rathaus und Michel aussehen. Alle Gebäude sind maßstabgetreu ertastbar.

Bürgermeister Ole von Beust, der das Modell am 23. September enthüllte, zeigte sich ebenfalls erfreut: „Ich kann mir vorstellen, dass da viele Menschen lange vorstehen werden, weil man so erst erfährt, was ist groß, was ist klein, wie breit sind Straßen, wo ist Wasser. Das ist wirklich eine Tolle Sache“, sagte von Beust dem Radiosender NDR 90,3. Die Herstellung des detaillierten und tonnenschweren Bronze-Modells dauerte über ein Jahr. Es ist 2,65 mal 1,60 Meter groß. Straßen und Gebäude sind mit Blinden- und Schwarzschrift gekennzeichnet.

Ein Sommernachtstraum

Die Premiere ist geschafft! Und sie war großartig! Die Kulturbühne Bugenhagen war ausverkauft. Das dichte Stimmengewirr drang vor der Aufführung an unsere Ohren. Da sind ja wirklich Menschen, dachte ich. Die Anspannung wuchs. Mit dem ersten Auftritt legte sich ein Schalter um: Ich war einfach in der szene, spielte den blinden Theater-Regisseur René und hatte Spaß dabei. Und das Schöne war, dass auch das Publikum Spaß hatte. Die Pointen kamen an. Es wurde gelacht. Es gab Szenen-Applaus. Wir hatten etwas Gutes erschaffen. Die Erleichterung war in der Pause mit Händen zu greifen. „Jetzt nur nicht die Spannung für die zweite Hälfte verlieren.“ Alle Auf- und Abgänge klappten. Es gab keine größeren Pannen. Das Stück hatte einen roten Faden, einen Spannungsbogen. Szenen, deren Funktion uns bei den Proben unklar waren, kamen besonders gut an. Jörn Waßmund hatte seinen Regie-Job gut gemacht. Und nach dem Stück jubelten die Zuschauer minutenlang. Der Stress der letzten Wochen hatte sich mehr als gelohnt. Ein Glück hatte ich meine zweite Chance bekommen. Die Premierenfeier war rauschend und lang. Unser Cellist spielte uns in der Cafeteria ein kleines Zusatz-Konzert. Blinde und sehende Schauspieler saßen durcheinander, tanzten Bollywood und lachten herzhaft und gelöst. Das waren wunderschöne Augenblicke. Und es fällt mir wahrlich schwer, hierüber nicht kitschig zu schreiben. Sehr unterschiedlichen, sehr eigenwilligen Persönlichkeiten ist mit „Blindfische und Sehfische“ etwas gemeinsames gelungen, das dafür steht, dass es sich lohnt, Vorurteile und Berührungsängste zu überwinden. Durch dieses Projekt habe ich die anregendsten Gespräche der letzten Jahre geführt und unbeschreiblich ungewöhnliche und sinnliche Momente erlebt und erschaffen. Das frei nach Shakespeare gestaltete Stück ist auch mein ganz persönlicher Sommernachtstraum.

Weitere Aufführungen gibt es am 19.09., 26.09., 27.09. und 04.10. in der Kulturbühne Bugenhagen, Biedermannplatz 19, Karten-Reservierungen: 040 – 639 470 41

Mit der Bahn unterwegs

Wie fahren blinde Menschen mit der Bahn? Was wünschen sie sich dabei vom Service-Personal? Diese Fragen beantwortete ich in der vergangenen Woche bei einer Mitarbeiter-Schulung der DB-AG.

Meist komme ich mit der U2 am Hauptbahnhof Nord an, um meine Reise zu starten. Vor über zehn Jahren hatte ich dort Orientierungs- und Mobilitätstraining. Ich nehme immer die selben Treppen-Aufgänge. Bin ich in der Wandelhalle angekommen, suche ich die Rillenplatten im Boden. Mein Blindenstock gleitet hin und her, bis er in meiner Hand zittert und ein ratschendes Geräusch mir sagt, dass ich das Orientierungssystem für blinde Menschen gefunden habe. Ich folge den Platten, die sich deutlich vom sonst glatten Bahnhofsboden abgrenzen. Ärgerlich ist nur, wenn die Auslegeware eines Geschäfts, ein Bistro-Tischchen oder der große Koffer eines Reisenden den Weg über den Orientierungsstreifen verwehrt. Große, quadratische Rillenplatten signalisieren eine Abzweigung hin zu den Gleisen. Zur Kontrolle gleitet meine Hand an das metallene Treppengeländer. Dort steht in Blindenschrift, welche Gleise am Ende der Treppe liegen. Auf dem Bahnsteig bin ich auf verständliche und rechtzeitige Lautsprecher-Durchsagen angewiesen. Schließlich will ich in den richtigen Zug steigen.

Steige ich in eine Regionalbahn nach Cuxhaven, weiß ich nicht, ob ich in die zweite oder in die erste Klasse steige oder gar ins Fahrrad-Abteil. Ich weiß auch nicht immer, wie die Abteile gestaltet sind, da sich die Züge von Generation zu Generation unterscheiden. Gut, dass ich meist andere Fahrgäste fragen kann. Das muss ich erstrecht, wenn ich mit dem ICE zu meinen Schulungen nach Frankfurt fahre. Dann habe ich eine Platzreservierung, aber keine Ahnung, wo der Platz im Großraumwagen ist. Steuere ich einen Bahnhof zum ersten Mal an, weiß ich nicht, wie ich zum Umsteigegleis komme oder zum Taxistand. Für solche Situationen gibt es eine servicenummer der Bahn, über die man Begleitung bestellen kann. Meine Erfahrung mit dem Personal von Bahnhofsmission oder Servicekräften der Bahnhöfe ist positiv. Und ich hoffe, dass sie für andere sehbehinderte Reisende noch positiver werden. Genau deshalb war ich in der letzten Woche bei der Mitarbeiterschulung der Bahn.