Rob, die Eier-Uhr

Es gibt erstaunliche Geschäfte, vor Allem in London. Octopus ist eines von ihnen. Nach unserem Justiz-Walk war Covent Garden nur zehn Gehminuten entfernt. Im Herzen der Stadt unterhalten Kleinkünstler und Musiker das Publikum open Air oder in den Markthallen. Die Gegend bietet Restaurants für jeden Gaumen. Vor Allem aber kann sich der moderne Mensch, insbesondere der weibliche Teil dieser Spezies, hier in den Wahnsinn shoppen. Ein Highlight – für Frau und Mann: das bunte, verrückte, originelle Octopus-Angebot. Hier gibt es alles, was man im Alltag benötigt, Handtaschen, Uhren, Portemonaies. Der Unterschied zu gewöhnlichen Gift-Shops: hier sehen die Handtaschen wie Gießkannen aus, aus der Kuckucksuhr schnellt eine Kuh und aus der Geldbörse kommt einem eine Zunge entgegen. Alles ist quietschbunt, aus ungewohntem Material und durch die Bank sehr humorvoll. Ich freu mich schon drauf, demnächst in Rheinhold Messbechers Küche zu speisen. Denn dann wird Robert, der Piraten-Roboter, mit Samba-Rhythmen verkünden, dass das Essen fertig ist – Robert ist ein Küchentimer. Und gern wäre ich dabei, wenn die Frau meiner Träume ihr neuestes Schmuckstück erstmals auf einer Party ausführt. An ihrem schönen Hals wird dann ein Puppen-Auge ständig auf- und zuschwingen. Eigentlich müsste man schon allein des Einkaufens wegen alle drei Monate London besuchen. Mein letzter Besuch war das jedenfalls nicht.

Perücken im modernen London

Rheinhold Messbecher und ich hatten eine To-Do-Liste mit nach London gebracht: Wir wollten in den Docklands paddeln (hatten entweder ein Fax-Gerät oder eine volle Mailbox bei der Bookingline, schafften es auch diesmal nicht), wir wollten ins Globe Theatre (online konnte man nicht mehr buchen, waren dann halt bei Manu Chao, an Alternativen mangelt es in London ja nicht), wir wollten ein echt britisches Picknick machen (passte zeitlich nicht mehr) und wir wollten einen London Walk machen (und man glaubt es kaum, den machten wir). Am Montag fuhren wir mit der U-Bahn nach Holborn und trafen dort Richard, unseren Guide für die nächsten zwei Stunden. Sein Thema: „the inns of court“. Sieben Pfund kostete die Führung, fünf Pfund für Studenten und Rentner. Geld, das sich lohnte. Schon der Auftakt war beeindruckend. Nur ein, zwei Gehminuten brauchte Richard, um seine Zuhörer-Schar von der trubeligen, verkehrsreichen, hektischen Umgebung der Tube-Station in eine verwinkelte Gasse zu führen, in die kein Tourist eigenständig gestiefelt wäre. Plötzlich umgab uns eine für London unglaubliche Ruhe. Und so ging es die nächsten zwei Stunden weiter. Wir gingen immer mal wieder zügig über Hauptstraßen, um uns sofort auf Kopfstein-gepflasterten Gassen, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hatten, in Park-Anlagen, wo Familien neben Büro-Arbeitern die Mittagssonne genossen, in duftenden Gärten, in der Temple-Church und vor den altwürdigen Gebäuden des englischen Justiz-Wesens wiederzufinden. Dort hielten wir, und Richard erzählte aus der Geschichte der Berufs-Verbände für Anwälte, über die Unterschiede zwischen dem englischen Rechtssystem und dem schottischen, über die verpflichtenden Dinners, an denen traditionell der Anwalts-Nachwuchs bis heute regelmäßig teilnehmen muss. Humorvoll berichtete er darüber, dass heute noch die Anwaltsgruppe der Solicitors um ihr Recht streiten, vor Gericht Perücken tragen zu dürfen, wobei gleichzeitig die Richter vor Zivilgerichten zukünftig auf die 300jährige Tradition verzichten – so gespannt kann das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne in einem Land sein. Richard zeigte uns ein Fachgeschäft für Perücken, die je nach Anwaltsstatus zwischen 350 und 2000 Pfund kosten. Und wir lernten, dass sich J.K. Rowling mit ihren vier Häusern in Hogwards bei den vier Inns of Court bedient hat. Die Führung endete in den Royal Courts of Justice, einem sakralen Bau, in dem über 100 Gerichte untergebracht sind. Leider endete die Tour erst um 16.00 Uhr. Da hatten alle Richter bereits ihre Perücken abgelegt, sonst hätten wir uns am Timetable eine interessante Verhandlung raussuchen können und einem echt englischen Prozess zusehen können. Das muss dann wohl auf die To-Do-Liste für den nächsten London-Trip.

Sushi, Feudalismus und eine Bootsfahrt

Greenwich ist einen Tagesausflug wahrlich wert. Am Sonntag zogen wir zunächst über den famosen Markt. Schon vom kulinarischen Standpunkt her sollte man einen leeren Magen und eine volle Börse mitbringen. Die Entscheidung fiel wahrlich schwer, zumal hier die Speisen auch durchweg von besonders guter Qualität zu sein schienen. Letztlich entschieden sich die fabelhafteste Hessin der Welt und der Verfasser dieser Zeilen für eine bunte Sushi-Box, die voller Geschmack steckte – da könnte so manch ein hanseatischer Lieferservice mit seinen geschmacklosen Matsch-Sushi einpacken. Und zum Nachtisch gab es italienischen Nougat mit Mandeln. Über dessen Kaloriengehalt soll hier geschwiegen werden, aber nicht über seinen grandiosen, süchtig machenden Geschmack. Anschließend schlenderten wir durch das feudale Greenwich, durch den Park, auf einen Hügel mit der – so hab ich mir aus zuverlässiger Quelle versichern lassen – besten Blick über London und kehrten in ein Pub ein, das selbstredend um 16.00 Uhr bereits proppevoll war – ein erstaunliches Völkchen diese Briten.

Und vor unserem Abflug am Dienstag sollte uns ein London Walk noch einmal ins schmucke Viertel führen, diesmal per Schiff. London Walks, also Führungen zu einem bestimmten Thema, sind super, so super, dass wir diesmal gleich zwei gemacht hatten (s. den folgenden Blog-Eintrag). Man bekommt Hintergrund-Infos und lernt schnell die sehenswertesten Ecken der Stadt kennen. Ich jedenfalls hatte nach der Fahrt durch die Docklands und der Wanderung durch das adelig-akademische Greenwich, wo sich Osten und Westen treffen und die Weltzeit ihren Fixstern hat, Lust auf noch mehr London, ich kleiner Nimmersatt.

Greenwich-Tipps von Visit London: http://www.visitlondon.com/fl/de/itineraries/greenwich.html