So bunt wie das Leben

Die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte Frankfurt bat mich, einen Artikel über meine Arbeit beim BSVH und die Weiterbildung zum PR-Junior-Berater zu schreiben. Der Bericht dient als Information für potenzielle Teilnehmer am nächsten Schulungsjahrgang, der im kommenden Jahr beginnt. Hier folgt mein Artikel:

So bunt wie das Leben

von Heiko Kunert

Heiko Kunert nimmt an der Weiterbildungsmaßnahme zum PR-Junior-Berater teil. Der 31jährige, blinde Hamburger berichtet hier über sein Leben in der PR-Welt.

Alles ist neu und aufregend. Und dabei bin ich bereits seit einem Jahr in meinem Job. Mich ruft heute zum ersten Mal in meinem Leben ein Drehbuchschreiber des ZDF an, der eine Folge von „Soko Wien“ schreibt. Ein Krimi, in dem Blinde vorkommen. Der Autor hat privat noch nie mit blinden Menschen Kontakt gehabt. Er fragt frei heraus: „Wie leben Blinde? Sind Wohnungen von ihnen immer aufgeräumt und ordentlich? Was arbeiten sie?“ Ich beantworte ausführlich und geduldig.

Ich arbeite für den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH). Das ist der praktische Teil meiner Weiterbildung zum PR-Junior-Berater. Zwei Jahre lang sammele ich Erfahrung im Berufsleben, lerne, was PR– sprich: Public Relations – bedeutet. Und PR kann so viel bedeuten. Ich erlebe in meinem Praktikum, dass PR so abwechslungsreich, so bunt sein kann wie das Leben selbst.

Nachdem ich dem Drehbuchschreiber noch drei Broschüren zum Thema Leben mit einer Sehbehinderung zugemailt habe, bereite ich mich auf ein Interview vor. Ein Journalist vom Hamburger Abendblatt berichtet über eine 19jährige Frau, die gerade erblindet. Er möchte wissen, was wir als Verein für Menschen, die ihr Augenlicht verlieren, tun können. Und er möchte sich mit mir unterhalten, weil ich selbst erst mit sieben Jahren erblindet bin: „Wie war das für Sie? Was sind die größten Probleme?“ Manche seiner Fragen kann ich inzwischen routiniert beantworten. Seit ich beim BSVH arbeite wurden sie mir schon etliche Male gestellt. Andere wiederum höre ich zum ersten Mal. Ich denke nach und komme zu neuen Schlüssen, zu neuen Antworten, die meinen persönlichen Horizont weit über die reine Arbeit hinaus erweitern.

Für solche Momente liebe ich den Job: Für die vielen Menschen, die ich durch ihn kennen lerne, für die unterschiedlichen Ansichten, über die es sich nachzudenken lohnt, für die vielen Erfahrungen, die ich seit vergangenem Jahr machen durfte.

Ich nehme an einer Tandem-Tour durch Hamburg teil, um anschließend darüber für die Medien zu schreiben. Ich gehe zu einem Treffen unserer Führhundhalter-Gruppe, um den Verein genauer kennen zu lernen und lerne ganz nebenbei etwas über Hunde-Erziehung. Ich ertaste ein 75 Jahre altes Museumsschiff, weil die Betreiber testen möchten, ob es für sehbehinderte Menschen begehbar ist.

Natürlich ist die Arbeit nicht immer spaßig. Schließlich ist sie Arbeit, häufig harte Schreib- und Denkarbeit: Ich verbringe Stunden damit, die Tageszeitung im Internet zu lesen. Unser Verein muss wissen, was in der Stadt geschieht, in welchem gesellschaftlichen und politischen Umfeld er sich bewegt. Ich muss wissen, was die Medien wünschen und welche Themen die Journalisten interessant finden könnten. Ich sitze manchmal tagelang an ein und derselben Pressemitteilung, formuliere um, verwerfe sie komplett und fang von vorn an. Der Text soll am Ende so sein, dass ein Journalist ihn optimal verwenden kann. Und nicht selten wird die Pressemitteilung trotzdem nirgends abgedruckt, weil die Redaktionen Hunderte solcher Nachrichten am Tag bekommen. All mein Herzblut für den Papierkorb. Und ich trete mit meiner Arbeit auch mal jemandem auf die Füße. PR ist nämlich nicht nur Pressearbeit, sondern vor allem interne Kommunikation. Ich versuche mit meiner Arbeit, den Informationsaustausch innerhalb des Vereins anzuregen, für zeitgemäße Veränderungen zu werben. PR-Schaffende sitzen immer an der Nahtstelle zwischen Innen und Außen. Ganz gleich, ob sie für ein Unternehmen, eine Behörde oder einen gemeinnützigen Verein arbeiten. Ich versuche die Angebote und Ansichten des BSVH in die Medien und die Hamburger Gesellschaft zu transportieren. Gleichzeitig bringe ich Infos, Entwicklungen und Meinungen von Außen in den Verein hinein. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, aber auch die Lust am Streiten für die eigene Meinung.

Und all das kann ermüdend sein. Es kann auch einmal nerven, immer wieder für die PR-Position werben zu müssen, die selben Argumente gegenüber Journalisten oder innerhalb des BSVH gebetsmühlenartig zu wiederholen. Und doch liebe ich meine Ausbildung. Es ist nämlich umso fabelhafter, wenn es eine Aussage des BSVH in die Medien schafft. Ich habe in solchen Momenten einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass sehbehinderte und blinde Menschen öffentlich wahrgenommen werden. Und wenn ich sehe, dass sich auf unserer Vereins-Homepage viel tut, und wir – seit Beginn meiner Arbeit – im Google-Ranking weiter nach oben gekommen sind, und wenn nach meinen permanenten Besuchen von Wahlkampf-Veranstaltungen schließlich eine Erhöhung des Blindengeldes im Koalitionsvertrag landet, Dann freue ich mich. Dann weiß ich, dass ich für den richtigen Job lerne.

Ich lerne jeden Tag, nicht nur auf meiner Arbeit selbst, sondern auch immer wieder in Frankfurt am Main. In der dortigen Stiftung für Blinde und Sehbehinderte finden ca. alle zwei Monate unsere theoretischen Schulungen statt. In viertägigen Blockseminaren lernen wir alles über Public Relations. Einige Themenbeispiele: professionelles Schreiben von Texten, soziale und kommunikative Kompetenz, Geschichte der PR, Arbeitsbereiche der PR. Und auch in den Schulungen ist das Themenspektrum sehr breit. Hier gilt, dass es manchmal anstrengend ist, Kommunikationsmodelle auswendig zu lernen oder sich den Kopf über PR-Konzepte zu zerbrechen. Und doch ist es nötig, schon allein, um die Prüfungen im kommenden Jahr bestehen zu können. Und es gibt immer wieder Momente, in denen meine praktische Arbeit und die Theorie der Seminare plötzlich ineinander greifen. „Das hab ich doch schon in Hamburg so erlebt“, denke ich bei manchem theoretischen Modell. Und andersherum denke ich beim BSVH plötzlich an Dinge, die ich in Frankfurt nur als abstrakt empfunden habe. Plötzlich werden die Grundlagen von PR-Konzepten von mir ganz praktisch umgesetzt.

Sieben sehbehinderte und blinde Teilnehmer lernen PR. Sie alle arbeiten in ganz unterschiedlichen Unternehmen: in einer Werbeagentur, bei einem Hörbuch-Download-Portal oder beim Deutschen Roten Kreuz. Praxisnah erlernen wir den Aufbau und die Pflege von Kontakten zu den Medien, professionelles Recherchieren, das Erstellen von Informationsmaterial und Pressemitteilungen, die Planung und Durchführung von Events, die Konzeption von Kommunikationsstrategien und anderes mehr. Voraussetzungen für die Teilnahme sind die allgemeine Hochschulreife und eine abgeschlossene Berufsausbildung und /oder ein Studium. Neben dem Interesse an der Informationsvermittlung brauchen die Teilnehmer ausgezeichnete Deutschkenntnisse. Sicherer Umgang mit dem PC, dem Internet und den blindentechnischen Hilfsmitteln sind für den Job und die Ausbildung ein Muss. Die Ausbildung endet mit einem Zertifikat der Akademie für Kommunikationsmanagement (AKOMM). Die Weiterbildung sowie die dafür erforderlichen Hilfsmittel werden von den zuständigen öffentlichen Kostenträgern finanziert. Die nächste Ausbildungsgruppe beginnt in der ersten Jahreshälfte 2009.

Ganz gleich, ob ich bei Hamburger Politikern für eine barrierefreie Stadt werbe, an einem medizinischen Text für unsere Vereinszeitschrift sitze oder im stickigen Seminarraum über einem Fallbeispiel grübele, immer wieder greifen diese so verschiedenen Aspekte der PR ineinander. Immer wieder zwingt mich die Arbeit, meine Ansichten zu hinterfragen. Immer wieder sehe ich die Welt neu. Wer Lust an anderen Ansichten hat, wer sich gern mit anderen Menschen austauscht, wer gern schreibt, liest und kommuniziert, der oder die wird in der Ausbildung zum PR-Junior-Berater seinen Job fürs Leben finden.

Nähere Infos zur Ausbildung gibt die

Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte

Ursula Hollerbach

Adlerflychtstr. 8-14

60318 Frankfurt am Main

Tel.: 069 955124-61

E-Mail: hollerbach@sbs-frankfurt.de

Internet: www.sbs-frankfurt.de

Der klingelnde Ball

Wenn man „FC St. Pauli“ hört, denkt man für gewöhnlich an Fußball und an eine etwas andere Fankultur. Man denkt aber nicht an Blindensport. Außer wenn man weiß, dass der FC St. Pauli sich stark im Sport für sehbehinderte und blinde Menschen engagiert. So hat der Verein neben einem Blindenfußball-Angebot seit mehreren Jahren eine Torball-Mannschaft. Was ist Torball?

„Torball ist einer der wenigen Mannschaftssportarten, die von Blinden und Sehbehinderten gespielt werden kann. Die Spielerinnen und Spieler sind ausschließlich
auf das Gehör angewiesen. Alle tragen eine lichtundurchlässige Dunkelbrille, damit Chancengleichheit zwischen Spielern mit und ohne Sehrest besteht. Torball
wird mit einem Klingelball (in seinem Inneren befinden sich Glöckchen) gespielt. Durch sein Geräusch können ihn die Aktiven jeweils genau orten.

Das Spielfeld: Das Torballfeld hat die Abmessungen 7 m x 16 m, wobei die 7 m lange Grundlinie zugleich die Torlinie bildet. Das Tor hat eine Höhe von 1,3 m.
Vor beiden Toren befinden sich die Mannschaftsräume von 6 m x 7 m, in denen sich die Aktiven aufhalten und die sie nicht verlassen. Die Mannschaftsräume
sind gegen vorne durch die 40 cm hoch, quer über das Spielfeld gespannten und mit Glöckchen versehenen Leinen begrenzt. Eine gleiche dritte Schnur ist
analog zu den beiden anderen über der Mittellinie gespannt. Der Ball darf keine der drei Leinen berühren oder überspringen. Die drei vor dem Tor angebrachten
Matten dienen den SpielerInnen zur räumlichen Orientierung. Ein Spiel dauert 2 x 5 Minuten. Die Zeit wird in gewissen Situationen angehalten, so zum Beispiel
bei Auswechslungen, Time out, Freiwurf und Penalty. In einem Torballteam befinden sich mindestens 3 SpielerInnen sowie 1 bis 3 AuswechselspielerInnen. Der Spielgedanke besteht darin, dass die angreifende Mannschaft versucht, den 500 g schweren Ball unter den Leinen hindurch, an den abwehrenden SpielerInnen vorbei ins Tor zu spielen. Das verteidigende Team versucht, den Ball abzuwehren, um dann sofort selber in den Angriff überzugehen, um ein Tor zu erzielen. Der Ball muss spätestens nach 8 Sekunden, nachdem ihn eine Mannschaft unter Kontrolle gebracht hat, auf die gegnerische Seite gespielt werden“ (zitiert nach der St.-Pauli-Homepage).

Am vergangenen Samstag fand in Hamburg das 15. Louis-Braille-Torball-Turnier statt. Sieben Mannschaften namen daran teil. Da es der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg war, der dieses Turnier 1994 ins Leben gerufen hatte, durfte ich die Sieger-Ehrung im Pauli-Clubheim vornehmen. Ich übergab den Pokal an das Team aus Borgsdorf, das erstmals den Cup holen konnte. Auch an dieser Stelle einen herzlichen Glückwunsch!

Die Torballer des FC st. Pauli treffen sich übrigens jeden Montag in der Zeit von 19:30 – 21:30 Uhr in der Sporthalle der Blinden- und Sehbehindertenschule, Borgweg
17 a, Hamburg, zu ihrem Training.

Ü30 in Concert

Tomte geben ein ausverkauftes Konzert in der Großen Freiheit. Die bezauberndste Anna und ich waren dabei. Am gestrigen Freitag spielten Thees Uhlmann und Band satte zwei Stunden Songs vom aktuellen Album Heureka und ihre modernen Klassiker. Sie und ihr Publikum zelebrieren die Mischung aus Melancholie und Voran-Voran. Der Sound ist klar, perfekt abgemischt. Die Große Freiheit ist akustisch immer noch eine der besten Live-Locations der Stadt. Tomte und Fans freuen sich darüber, dass Obama Präsident wird, dass man sich auch mit über 30 noch für Rockmusik interessiert, und darüber, dass man gerade in Hamburg ist. Wer kann, sollte heute zum Zusatz-Konzert, für das es noch Karten gibt, gehen.

Dazu auf Blind-Pr:

Von rauhen Gesellen und verträumten Frauen – oder umgekehrt?

Ü30 auf dem Spielplatz

Ein Tag „nur für Erwachsene“ auf einem Indoor-Spielplatz, das klingt etwas befremdlich. Und ich gestehe es, als Tante Trevor anlässlich ihres Geburtstages ins Rabatzz nach Stellingen einlud, war ich zunächst skeptisch. „Das ist doch Kinderkram“, habe ich gedacht und: hört die Infantilisierung der Gesellschaft denn nie auf?“ Und doch sagte ich zu – Tante Trevor könnte ihren Geburtstag auch in einem Stummfilmkino oder in einer Bilder-Gallerie feiern, ich würde kommen; man hat nicht viele Freunde vom Schlage der Trevors!

Und so fanden wir uns am Donnerstag Abend im Rabatzz ein. Zunächst war ich überrascht, wie voll es dort schon vor dem Eingang war. Drinnen hieß es erstmal die Schuhe ausziehen. Und langsam kam die Kinder-Geburtstagsstimmung auf, die unsereins Mitte der 80er Jahre zum letzten Mal gefühlt hatte. Das wurde durch die Menüs, aus denen wir wählen konnten, noch verstärkt: Spaghetti mit Sauce, Bratwurst mit Pommes, Chicken Nugets mit Pommes oder Salamipizza. Dazu wurde Apfelschorle gereicht. Und um uns herum tobten die Kinder. Nur waren diese alle zwischen 20 und 40. Sie und wir krochen durch Labyrinthe, balancierten auf mehr oder minder hohen Seil- und Wackel-Brücken, setzten mit Mini-booten auf dem Grund des Wasserbeckens auf, rutschten zehnmal die über 30 Meter lange Rutsche herunter (gerade, zu zweit, zu zehnt, manche von uns quer, andere im Stehen), sprangen auf Trampolinen und in Hüpfburgen, prügelten mit Gummi-Knüppeln aufeinander ein, schaukelten in Hänge-Sesseln, bewarfen uns mit Bällen. Und alle waen ganz ungeniert, manche beinah ernsthaft, dabei. Schön waren auch die Ausrufe über die Lautsprecher: „Die Klasse 49B trifft sich an der Kasse….Der kleine Lulatsch soll zum Ausgang kommen…“ Drei Stunden vergingen wie im Flug. Mein Fazit: Ja, der Abend war Kinderkram. Ja, die Infantilisierung der Gesellschaft schreitet unaufhörlich voran. Und: es hat Riesenspaß gemacht – Danke Tante Trevor