Ü30 auf dem Spielplatz

Ein Tag „nur für Erwachsene“ auf einem Indoor-Spielplatz, das klingt etwas befremdlich. Und ich gestehe es, als Tante Trevor anlässlich ihres Geburtstages ins Rabatzz nach Stellingen einlud, war ich zunächst skeptisch. „Das ist doch Kinderkram“, habe ich gedacht und: hört die Infantilisierung der Gesellschaft denn nie auf?“ Und doch sagte ich zu – Tante Trevor könnte ihren Geburtstag auch in einem Stummfilmkino oder in einer Bilder-Gallerie feiern, ich würde kommen; man hat nicht viele Freunde vom Schlage der Trevors!

Und so fanden wir uns am Donnerstag Abend im Rabatzz ein. Zunächst war ich überrascht, wie voll es dort schon vor dem Eingang war. Drinnen hieß es erstmal die Schuhe ausziehen. Und langsam kam die Kinder-Geburtstagsstimmung auf, die unsereins Mitte der 80er Jahre zum letzten Mal gefühlt hatte. Das wurde durch die Menüs, aus denen wir wählen konnten, noch verstärkt: Spaghetti mit Sauce, Bratwurst mit Pommes, Chicken Nugets mit Pommes oder Salamipizza. Dazu wurde Apfelschorle gereicht. Und um uns herum tobten die Kinder. Nur waren diese alle zwischen 20 und 40. Sie und wir krochen durch Labyrinthe, balancierten auf mehr oder minder hohen Seil- und Wackel-Brücken, setzten mit Mini-booten auf dem Grund des Wasserbeckens auf, rutschten zehnmal die über 30 Meter lange Rutsche herunter (gerade, zu zweit, zu zehnt, manche von uns quer, andere im Stehen), sprangen auf Trampolinen und in Hüpfburgen, prügelten mit Gummi-Knüppeln aufeinander ein, schaukelten in Hänge-Sesseln, bewarfen uns mit Bällen. Und alle waen ganz ungeniert, manche beinah ernsthaft, dabei. Schön waren auch die Ausrufe über die Lautsprecher: „Die Klasse 49B trifft sich an der Kasse….Der kleine Lulatsch soll zum Ausgang kommen…“ Drei Stunden vergingen wie im Flug. Mein Fazit: Ja, der Abend war Kinderkram. Ja, die Infantilisierung der Gesellschaft schreitet unaufhörlich voran. Und: es hat Riesenspaß gemacht – Danke Tante Trevor

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

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