Olympia: Hamburg braucht die Paralympics

Mein Name im Olympiaclip am Hamburger Klubhaus
Heiko Kunert ist Feuer und Flamme

Dieses Land mit seinem in großen Teilen der Bevölkerung antiquierten Bild von Behinderung hat paralympische Spiele dringend nötig. Ich stimme daher beim Hamburger Volksentscheid mit ja.

Meiner persönlichen Meinung nach sind Olympia und Paralympics für Hamburg, Deutschland und die behinderten Menschen hierzulande eine große Chance. Sie werden Begegnungen ermöglichen. In den Stadien und in den Medien werden behinderte Sportlerinnen und Sportler sichtbar, die aktiv, ehrgeizig, lebensbejahend sind. Sie werden die üblichen Assoziationen – wie Hilflosigkeit und Mitleid – konterkarieren.

Sportstätten, ganze Stadtteile müssen barrierefrei umgebaut werden, eine große Chance, das Thema noch weiter in den Köpfen von Politik, Verwaltung, Planern und Bevölkerung zu verankern.

Viele Leserinnen und Leser werden jetzt sagen: Das Geld könnte sinnvoller eingesetzt werden – für Soziales, vielleicht sogar direkt für Menschen mit Behinderung. Aber glauben Sie wirklich, die Milliarden würden nach einem Nein beim Volksentscheid sodann direkt in den Sozialhaushalt Hamburgs fließen? Wohl kaum!

Die Journalistin Christiane Link stand den Paralympics immer kritisch gegenüber. 2012 erlebte sie Olympia und Paralympics in London. Ihr Fazit:

Nun habe ich wirklich Tage in Stadien und anderen Sportstätten verbracht und habe sehr viel von den Paralympics gesehen. Und meine Skepsis ist völlig gewichen. Die Paralympics sind großartig. Es hat Spaß gemacht, das alles zu erleben. Vor allem das Publikum hat das zu einem wahren Erlebnis gemacht. Ich bin sehr stolz auf die Briten. Die haben es wirklich rocken lassen. Aber die Frage, warum das zwei Veranstaltungen sind, wird für mich immer lauter: Ausverkaufte Spielstätten, ein begeistertes Publikum, super Berichterstattung im ganzen Land. Die Briten haben also gezeigt, dass die Paralympics nicht mehr stiefmütterlich neben den Olympischen Spielen ihr Dasein fristen müssen.

Bis Olympia und Paralympics zu einer einzigen Veranstaltung verschmelzen, wird es wohl leider noch eine Weile dauern, aber bis dahin freue ich mich auf Paralympics 2024 in Hamburg!

Inklusionsblog: Eine Übersicht meiner bisherigen Posts

Seit Juli 2011 schreibe ich Beiträge für das Inklusionsblog der Aktion Mensch. Aus drei Autoren zu Beginn sind inzwischen neun Blogger geworden. Viele ganz persönliche Texte wechseln sich mit Sachinfos rund um Inklusion ab. Schauen Sie doch einmal rein. Im Folgenden finden Sie hier eine Übersicht der Artikel, die ich bisher im Inklusionsblog veröffentlicht habe:

  • Theater inklusiv: Die Randgruppe in der Abstellkammer – Alles wird gut. So heißt ein Theaterstück, das im Mai 2011 Premiere in Köln hatte. Das Besondere: Das Ensemble bestand aus Menschen mit und ohne Behinderung… Mehr
  • Studieren als Blinder: Das Unausgesprochene aussprechen – Geballte Unsicherheit schlug mir entgegen, immer wenn ich mich mit einer Referatsgruppe bekannt machte. Meine Kommilitoninnen und Kommilitonen konnten sich nicht vorstellen, wie „der Blinde“ mitarbeiten sollte… Mehr
  • PR-Ausbildung für Blinde und Sehbehinderte: Endlich ein „normaler“ Job – Public Relations (PR) – deutsch: Öffentlichkeitsarbeit – ist für blinde und sehbehinderte Menschen ein recht neues Berufsfeld. Seit Ende der 90er Jahre bildet die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte Frankfurt/Main (SBS) PR-Assistenten und PR-Berater aus… Mehr
  • Endlich selbstbestimmt: Eigene Wohnung statt Heim – Wie will ich wohnen? Diese Frage ist zentral in unserem Leben. In der Wohnung können wir uns verwirklichen… Mehr
  • Blind wohnen: Über Füße im Futter und verschollene Korkenzieher – „Benutzt Du den weißen Stock auch in Deiner Wohnung?“, „Kannst Du als Blinder kochen und putzen?“, „Hast Du einen Betreuer?“ – Fragen wie diese stellen mir sehende Menschen… Mehr
  • Judo mit Behinderung: Wenn sich Vereine öffnen – Behindertensportler bleiben häufig unter sich. Sie haben ihre eigenen Olympischen Spiele, die Paralympics. Häufig trainieren sie in speziellen Vereinen… Mehr
  • Kunst für alle: Auch Hände können sehen – Meine Hände gleiten über das Relief. Mal ist es glatt, mal rau – aber nie fühlt es sich unangenehm an… Mehr
  • Rollstuhl-Karate: Schön und elegant – Karate und Behinderung, das ist für viele Menschen unvereinbar. Sie denken bei diesem Kampfsport an fitte Menschen, die sich messen – unter Einsatz ihres gesamten Körpers… Mehr
  • Urlaub inklusiv: Gemeinsam mehr entdecken – Sanft legt sie meine Hand auf das weiche Holz. So fühlt sich also eine ausgewachsene Palme am andalusischen Strand an… Mehr
  • Beruf inklusiv: Fester Job im Hotel – Während im ganzen Land über schulische Inklusion diskutiert wird, ist Inklusion auf dem Arbeitsmarkt bisher eher selten ein Thema. Wenn Medien darüber berichten, dann ist es häufig die Lokalpresse, die von ersten Positivbeispielen berichtet… Mehr
  • Blind im Internet: Kommunizieren auf Augenhöhe – Immer mehr Menschen mit einer Behinderung nutzen das Internet, um sich zu informieren und zu kommunizieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung der Aktion Mensch, die im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde… Mehr
  • Inklusion in der Schule: Das Verschiedensein ist normal – „Wer als Kind schon früh und intensiv erlebt, wie normal das Verschiedensein ist, der wird in aller Regel auch später als Erwachsener Menschen mit Behinderung offen und ungezwungen begegnen“, sagte Bundespräsident Christian Wulff dem Tagesspiegel. Dass er recht hat, beweisen drei Kinder – Laura, Maike und Josia. Mehr

Perspektiven (6): „Schizophren, dass wir eine Behindertensport-Organisation haben“

Morgen enden in Vancouver die Winter-Paralympics, die olympischen Spiele der Sportler mit einer Behinderung. Deutschlands Vorzeige-Paralympics-Sportlerin ist die blinde Verena Bentele. Ronny Blaschke analysiert in der TAZ vom 17. März, wie sie zur Königin der Nische wurde:

Bentele hat Tiefen erlebt, die ihre Höhen interessanter erscheinen lassen. Sie weiß, wie sie sich beim Verband Gehör verschafft, notfalls mit Kritik an Strukturen. In Whistler hinterfragte sie die Prämienverteilung der Deutschen Sporthilfe. 4.500 Euro erhalten deutsche Sieger bei den Paralympics, olympische Goldmedaillen wurden mit 15.000 Euro entlohnt. Bentele kennt den richtigen Zeitpunkt, um offensiv zu werden: „Wir wollen gleich behandelt werden, ebenso wie alle behinderten Menschen in der Gesellschaft.“

(taz.de)

Noch schärfer formuliert Frank Höfle die Kritik gegenüber Deutsche-Welle-Redakteurin Sarah Faupel:

Höfle, der als Biathlet, Langläufer und Straßenradfahrer bei neun Paralympischen Spielen insgesamt 25 Medaillen gewonnen hat, stellt auch die Daseinsberechtigung seines eigenen Dachverbands in Frage. „Ich finde es schizophren, dass wir extra eine Behindertensport-Organisation haben. Das zeigt doch, dass wir gar nicht versuchen, den Weg der Integration zu gehen.“ Ebenfalls fordert Höfle seine Mitmenschen auf, ihre Haltung gegenüber Sportlern wie ihm zu überdenken. „Mit dem Herzen sind viele Deutsche dabei. Aber mit dem Kopf, da macht’s immer klick-klack: Ach Behindertensport, gleich mal drei Etagen tiefer ansiedeln.“

(dw-world.de)

Als erster Wintersportler in der olympischen Geschichte wollte der kanadische Langläufer Brian McKeever sowohl an den Paralympics als auch an den olympischen Spielen teilnehmen. Doch am Ende durfte der Sehbehinderte nur an den Spielen der behinderten Sportler teilnehmen. Er holte souverän Doppelgold. Arne Leyenberg schildert in der FAZ vom 19. März McKeevers Fall:

Vor Wochen wollte er am selben Ort Sportgeschichte schreiben und als erster Wintersportler bei den Olympischen und Paralympischen Spielen starten. Kurz vor dem olympischen Rennen über 50 Kilometer wurde er jedoch aus dem kanadischen Team gestrichen. „Ich habe mich gefühlt wie an dem Tag, an dem mir gesagt wurde, dass ich mein Augenlicht verlieren werde“, sagte McKeever. „Aber ich habe es verarbeitet, dass ich blind bin, und ich werde auch diese Erfahrung verarbeiten. Die zwei Goldmedaillen werden mir helfen, nach vorne zu schauen. Ein neuer Tag hat begonnen.“ In vier Jahren will er in Sotschi versuchen, was ihm in seiner Heimat verwehrt blieb. „Ich werde es wieder probieren. Wir haben schon einen Plan“, sagte McKeever.

(faz.net)

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Ihre Perspektive: Brauchen wir noch Behindertensport-Verbände und Paralympics? Oder ist die Welt reif für Inklusion im Sport? Oder würden die behinderten Sportler und ihre Sportarten bei gemeinsamen Spielen in der öffentlichen Wahrnehmung untergehen?

Perspektiven (1): „Alle reden von Integration, aber keiner will es wirklich“

In der „Welt“ vom 30. Oktober porträtiert Claudius Lüder den blinden Läufer Jeffrey Norris, der am New-Yorm-Marathon teilgenommen hat. Der 49Jährige wird von sehenden Guides begleitet. Sie sorgen dafür, dass Norris nicht stolpert und sich stattdessen voll aufs Laufen konzentrieren kann. Die Welt zitiert Günter Donath, der persönlich und sportlich vom Guidesein profitiert:

Es ist also ein gewisser Druck dahinter um den inneren Schweinehund auch bei schlechtem Wetter zu überwinden (…) Ich weiß, er ist auf mich angewiesen. Wenn ich nicht laufe, kann er es auch nicht, und ich schade gleich zwei Leuten.

Während Behindertensportarten wie der Blindenfußball zunehmend öffentlich wahrgenommen und die Leistungen der Sportler anerkannt werden, stoßen behinderte Menschen schnell an Grenzen, wenn sie am Spielbetrieb der Nichtbehinderten teilnehmen wollen. Und das liegt weniger an der körperlichen Einschränkung, sondern an Vorurteilen der nichtbehinderten Entscheidungsträger. Einen solchen Fall schildert die Nordwestzeitung am 31. Oktober. Ulrike Gerards erzählt die Geschichte des neunjährigen Judoka Michel:

Michel hat manchmal keinen Spaß mehr am Judo. Der Neunjährige ist blind, aber begeistert beim Training dabei. Die vielen körperbetonten Übungen meistert er auf der Matte genauso gut wie seine sehenden Vereinskameraden beim OTB. Aber bei offiziellen Wettkämpfen um die Bezirksmeisterschaft darf er nicht antreten. Die Regeln lassen es nicht zu. Seine Mutter Claudia Behrends kann das nicht fassen: „Alle reden von Integration. Aber keiner will es wirklich“, sagt die Mutter. Bei den Meisterschaften im vergangenen Jahr wurde Michel sogar regelrecht gedemütigt. Der Neunjährige fuhr zum Wettkampf in der Annahme, er dürfe antreten. „Von den Kampfrichtern wurde er dann nur bloßgestellt“, erzählt Claudia Behrends. Michel wurde gefragt, ob er seinen Gegner sehen könnte, um zu beweisen, dass er nicht mitmachen kann.

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.