Perspektiven (1): „Alle reden von Integration, aber keiner will es wirklich“

Sie hat ihr Dribbling stark verbessert und träumt von einem Treffen mit VfB-Kapitän Thomas Hitzlsperger. Ihr Hobby und ihre Leidenschaft teilt sie mit Millionen Gleichaltrigen in diesem Land. Und doch ist alles anders, wenn Kadriye Uyar in ihrer Freizeit die Fußballschuhe schnürt. Hören, was andere sehen – für die junge Frau mit dem sportlichen Äußeren ist das die Normalität.

Kadriye spielt Blindenfußball. Der Sport kam 2006 mit der WM nach Deutschland. Inzwischen gibt es eine Bundesliga. Dass nun auch Frauen und Mädchen beginnen die weitgehend männlich dominierte Sportart zu erobern, zeigt Bernd Köble im „Teckboten“ vom 31.10.

In der „Welt“ vom 30. Oktober porträtiert Claudius Lüder den blinden Läufer Jeffrey Norris, der am New-Yorm-Marathon teilgenommen hat. Der 49Jährige wird von sehenden Guides begleitet. Sie sorgen dafür, dass Norris nicht stolpert und sich stattdessen voll aufs Laufen konzentrieren kann. Die Welt zitiert Günter Donath, der persönlich und sportlich vom Guidesein profitiert:

Es ist also ein gewisser Druck dahinter um den inneren Schweinehund auch bei schlechtem Wetter zu überwinden (…) Ich weiß, er ist auf mich angewiesen. Wenn ich nicht laufe, kann er es auch nicht, und ich schade gleich zwei Leuten.

Während Behindertensportarten wie der Blindenfußball zunehmend öffentlich wahrgenommen und die Leistungen der Sportler anerkannt werden, stoßen behinderte Menschen schnell an Grenzen, wenn sie am Spielbetrieb der Nichtbehinderten teilnehmen wollen. Und das liegt weniger an der körperlichen Einschränkung, sondern an Vorurteilen der nichtbehinderten Entscheidungsträger. Einen solchen Fall schildert die Nordwestzeitung am 31. Oktober. Ulrike Gerards erzählt die Geschichte des neunjährigen Judoka Michel:

Michel hat manchmal keinen Spaß mehr am Judo. Der Neunjährige ist blind, aber begeistert beim Training dabei. Die vielen körperbetonten Übungen meistert er auf der Matte genauso gut wie seine sehenden Vereinskameraden beim OTB. Aber bei offiziellen Wettkämpfen um die Bezirksmeisterschaft darf er nicht antreten. Die Regeln lassen es nicht zu. Seine Mutter Claudia Behrends kann das nicht fassen: „Alle reden von Integration. Aber keiner will es wirklich“, sagt die Mutter. Bei den Meisterschaften im vergangenen Jahr wurde Michel sogar regelrecht gedemütigt. Der Neunjährige fuhr zum Wettkampf in der Annahme, er dürfe antreten. „Von den Kampfrichtern wurde er dann nur bloßgestellt“, erzählt Claudia Behrends. Michel wurde gefragt, ob er seinen Gegner sehen könnte, um zu beweisen, dass er nicht mitmachen kann.

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

2 Kommentare zu „Perspektiven (1): „Alle reden von Integration, aber keiner will es wirklich““

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