Jubiläumsjahr

200 Jahre Louis Braille, 100 Jahre Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg. Wenn das kein Jubiläumsjahr wird – und viel spannende Arbeit für mich mit sich bringt.

Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift, hat am 4. Januar 2009 200. Geburtstag. Seine Erfindung ermöglicht bis heute den blinden Menschen weltweit Bildung, Zugang zu Literatur und Information und ein selbstständiges Leben. Auch in Hamburg wird das Braille-Jahr gefeiert. Beispiele: am 04.01. um 15.00 Uhr wird der U-Bahn-Vorplatz Hamburger Straße in Louis-Braille-Platz umbenannt. Kultursenatorin Karin von Welck wird einweihen. Es sind zwischen Januar und August Veranstaltungen rund um die sechs Punkte geplant, die unter dem Motto „Tour de Braille“ stehen werden, einer bundesweiten Aktion mit 200 Events.

Und noch ein Geburtstag: Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) wird 100 Jahre alt. Neben einem Mitgliederfest zum Auftakt (04.01. im Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26) ist u. A. geplant: eine Kunstausstellung von Tastbildern der Malerin Armelle Mag, die Wiederaufnahme des Theaterstückes „Blindfische und Sehfische“ mit blinden Laiendarstellern und sehenden Profis in der Kulturbühne Bugenhagen (am 13. und 14.03.), ein offizieller Empfang für Politik und Gesellschaft, ein Straßenfest der Sinne am 06. Juni (u. A. mit Motorradfahren für blinde Menschen und vielen Erlebnissen unter der Augenbinde für die sehende Bevölkerung). Der BSVH vertritt die Interessen seiner knapp 1500 Mitglieder und aller blinden und sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger. Er bietet Beratung, Hilfsmittel und Kultur für Menschen mit Augenerkrankungen. Ich freu mich auf das Jubiläumsjahr!

Politisches Theater

Mal wieder war ich im Theater: „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ Das fragt Volker Lösch in seinem gleichnamigen Stück am Hamburger Schauspielhaus. Und es fragen sich 24 Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die in seinem Stück sich selbst spielen und unerbittlich diese Frage allen Versprechungen und Ablenkungen entgegen schreien. Und anscheinend fragen sich das viele Menschen in Zeiten der Finanzkrise. Obwohl die Kritik überwiegend verhalten ausfiel ist das Stück ein Publikumsrenner. Ein Großteil derrZuschauer spendet Kapitalismus-Kritik, manchmal sehr plumper, großen Applaus.

Das Stück ist energiegeladen, voller interessanter und notwendiger Fragen. Es legt die Finger in die Wunde einer scheinbar wohlhabenden Gesellschaft, aus der man aber zunehmend leicht herausfällt. Und Lösch zeigt, dass es möglich ist, zeitgenössisches politisches Theater zu machen, das einerseits verwirrt und andererseits ermutigt. Denn nur solang die sozialen Fragen zum Beispiel im Theater gestellt werden, können Antworten gefunden werden, die Sie lösen.

Das Stück wird am 21. Januar um 20.00 Uhr erneut gegeben.

Bilder zum Fühlen im Louis-Braille-Center

Das Kreischen der Bohrmaschine schallt derzeit durch das Louis-Braille-Center. Es wird gehämmert. Das Galeriesystem wird montiert. Bilder zum Ertasten werden aufgehängt. Nachdem ich mir im Sommer eine Ausstellung von Armelle Mag angeschaut hatte, war ich begeistert und berichtete an dieser Stelle. Gemalte Kunst zum Fühlen. Das ist schon etwas besonderes und etwas für die sehbehinderten und blinden Hamburger, habe ich gedacht und eine Ausstellung in unserem Haus angeregt. Und nun kommt sie: Ab Januar 2009 können alle interessierten Hamburger mit Augen und Händen Mags Werke entdecken. Eine Veranstaltung mit der Künstlerin und sehbehinderten und blinden Menschen ist für den Februar geplant. Die Farbe ist dick aufgetragen, so dass Relief-Landschaften entstehen. Mag arbeitet häufig mit sehr starken Gegensätzen. Die farblichen Kontraste dürften auch für Menschen mit einem geringen Sehrest ein Kunsterlebnis sein. Ich bin schon jetzt gespannt auf die Meinungen unserer Besucher. Und natürlich auf Ihre Reaktionen, liebe Blind-PR-Leserinnen und -Leser. Schauen Sie doch ab Januar mal im Holsteinischen Kamp 26 vorbei.

Keks meets Kultur

Neben der Feuerzangenbowle gibt es noch ein Weihnachtsritual für mich. Seit gefühlten Jahrzehnten veranstaltet Rheinhold am dritten Advent seine Keks-meets-Kultur-Feier. Das Konzept ist denkbar einfach und genial: am Nachmittag wird kollektiv Teig geknetet, wird derselbe mit Förmchen ausgestochen, werden Plätzchen gebacken. Und wenn die gesamte Runde vollkommen überzuckert ist von Keksen und Glühwein, dann zeigt jeder, was er kann. Die einen singen Bob Dylan und Tom Waits mit Gitarren-Begleitung. Die anderen spielen Tanzmusik vom Balkan und die Monkey-Island-Musik auf dem Akkordeon. Eigen-Kompositionen gehören ebenso zum immer überraschenden und inspirierenden Programm. Und gelesen wird auch. Neben eigenen Kurzgeschichten habe ich in diesem Jahr erstmals einen kleinen privaten Jahresrückblick vorgetragen, gespeist aus diesem Blog. Ein grandioses Editors-Konzert, die anrührende Hochzeit der Trevors und mein persönlicher Theater-Sommernachtstraum wurden im Kreise meiner Freunde und Bekannten noch einmal lebendig. Eigentlich schade, dass nur einmal im Jahr dritter Advent ist. Es ist schön, zu entdecken, was in den Menschen steckt. Und man vergisst manchmal, wieviel kulturelles Können einen im Alltag und persönlichen Umfeld umgibt.