Perspektiven (5): „Wir brauchen keine Sonderschulen“

Winter und kein Ende. Ich bin noch relativ jung, meine Beine sind fit, ich bin mobil. Und ich habe trotzdem erhebliche Probleme, mich in diesem Winter auf den miserabel geräumten Gehwegen sicher und selbstständig zu orientieren. Wie geht es da erst vielen Senioren in Deutschland?

Vor einigen Tagen hat sich Karin Grywatz mal wieder auf die Straße getraut. Zum Laufen braucht die 68-Jährige Greifswalderin einen Rollator. Außerdem ist sie sehbehindert. „Ich war total hilflos“, berichtet die Rentnerin von diesem Erlebnis. Vor ihrem Haus in der Langen Straße türmen sich die Schneemassen, überall sind Eishuckel, die sie mit ihrem Rollator nicht überwinden kann. „Mir hat niemand geholfen. Ich habe bitterlich geweint“, sagt Karin Grywatz mit zittriger Stimme.

(Ostsee-Zeitung)

Bei meiner Arbeit beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg höre ich immer wieder, dass Ratsuchende und unsere Mitglieder Termine im Louis-Braille-Center absagen, weil ihnen der Weg bei Glatteis und Schnee zu beschwerlich ist.

Gerade ältere Berliner trauten sich wegen der gefährlichen Glätte nicht aus ihren Wohnungen. Auch Behinderte und Blinde leiden unter den glatten Gehwegen. „Viele ziehen sich einfach zurück und erledigen nur noch das nötigste außerhalb der Wohnung“, sagt Paloma Rändel, Sprecherin des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV).

(Die Welt)

Themenwechsel: Eltern behinderter Kinder stehen häufig vor der Frage, ob sie ihr Kind auf eine Sonderschule schicken sollen oder in eine Regelschule mit nichtbehinderten Klassenkameraden. In einem Streitgespräch diskutieren der Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz und der Sonderschulpädagoge Thomas Stöppler das Thema.

Ulf Preuss-Lausitz: Zugespitzt könnte man das so formulieren. Wir brauchen zwar Sonderpädagogen, aber keine Sonderschulen. Die Aufgabe dieser speziellen Fördereinrichtungen wird es in Zukunft sein, sich selbst überflüssig zu machen. Ihre Lehrer sollen an die allgemeinen Schulen wechseln, wo sie helfen, behinderte wie nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten. Denn die Kompetenz der Sonderpädagogen kann sich im gemeinsamen Unterricht am besten entfalten.

Thomas Stöppler: Ich sehe das völlig anders. Wir brauchen eigenständige Sonderschulen auch weiterhin, und zwar in ihrer ganzen Breite und Differenziertheit. Denn es gibt Schüler, die in einer sonderpädagogischen Einrichtung – zumindest zeitweise am besten gefördert werden. Dazu gehören Lernbehinderte, massiv Verhaltensgestörte oder Jugendliche mit enormen Sprachdefiziten.

(Die Zeit)

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Ihre Perspektive: Sollen Sonderschulen abgeschafft werden? Oder ist eine Regelschule mit behinderten Schülern überfordert? Und welche Schulform ist für die betroffenen Kinder die geeignete?

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

12 Kommentare zu „Perspektiven (5): „Wir brauchen keine Sonderschulen““

  1. Ha, Greifswald ist momentan aber auch im Ausnahmezustand, da die Schneehöhen des Rekordwinters von 1979 heute morgen übertroffen wurden.
    Ich kann aus Erfahrung sagen, dass es selbst sehend nicht so leicht ist, sich durchzuschlagen. Die Lange Straße ist aber im Verhältnis gut geräumt, da das die Fußgängerzone ist.
    Was mich unglaublich aufregt, sind Autofahrer, die einfach mitten auf den schön geräumten Gehwegen parken! Es ist natürlich viel einfacher, sich da hinzustellen, als in die Schneehaufen am Straßenrand, aber die Fußgänger müssen dann mühsam durch den tiefen Schnee außen rum laufen. Und witzigerweise sind das oftmals Pflegedienste, die den alten Damen helfen…
    Doch das ist ein echtes Problem, denn wie gestern in der Ostseezeitung stand (Link: http://www.ostsee-zeitung.de/nachrichten/brennpunkt/index_artikel_komplett.phtml?SID=602a4ec434a59695058848b77527da9e&param=news&id=2690423 ) ist in Schleswig-Holstein eine Rentnerin sogar tödlich gestürzt.

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  2. Ich bin dafür, Sonderschulen abzuschaffen. Es kann allen Beteiligten nur nützen, mal die Sicht des Anderen kennenzulernen. Und sich auch mal wirklich mit Behinderten/Nicht-Behinderten zu beschäftigen. Wir Nicht-Behinderten müssen es einfach lernen, die Welt auch mal mit anderen Augen zu sehen. Dabei hilft nur die tägliche Prüfung.
    Des Weiteren glaube ich nicht, dass die Trennung tatsächlich den Behinderten nützt. Eventuell würden integrierte Schulen teurer werden, aber der soziale Nutzen würde es imho absolut aufwiegen.

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  3. Natürlich brauchen wir keine Sonderschule! Was in jeder Familie selbstverständlich ist: Unterschiede!!!
    wird in der Institution Schule immer wieder in Frage
    gestellt, obwohl schon seit Jahrzehnten der Beweis erbracht worden ist, dass Selektion weder den einen noch den anderen nützt. Kinder an Lernbehindertenschulen sind im Vergleich zu lernschwachen Kindern in Regelschulen ca um 2 Jahre weiter zurück. Gut begabte Kinder lernen in der Integration mit Schwächeren an Regelschulen neben kognitiver Intelligenz auch noch die soziale Intelligenz, die in der heutigen komplizierten Welt unverzichtbar geworden ist!

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  4. das ist ein Kreuz mit dem Dativ …Natürlich brauchen wir keine Sonderschule! Was in jeder Familie selbstverständlich ist: Unterschiede!!!
    wird in der Institution Schule immer wieder in Frage
    gestellt, obwohl schon seit Jahrzehnten der Beweis erbracht worden ist, dass Selektion weder dem einen noch dem anderen nützt. Kinder an Lernbehindertenschulen sind im Vergleich zu lernschwachen Kindern in Regelschulen ca um 2 Jahre weiter zurück. Gut begabte Kinder lernen in der Integration mit Schwächeren an Regelschulen neben kognitiver Intelligenz auch noch die soziale Intelligenz, die in der heutigen komplizierten Welt unverzichtbar geworden ist!

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  5. Mal was zum Rollator bzw. notwendigen Gehhilfen. Ich bin ein fitter Junger Mann — zumindest halte ich mich für einen solchen — bei den armen Omchen, die auf der Straße mit ihrem Rollator feststecken fühle ich mich aber regelmäßig hilflos. Soll ich der armen Frau / dem armen Mann die Stütze nehmen? Ich kann ihn oder sie ja schlecht tragen … Was also tun, wenn man helfen will?

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  6. Ich habe selbst beides erlebt: Ich war in einer Blinden- und Sehbehindertengrundschule und danach in einer Regelschule. Ich muss sagen, dass die Konfrontation mit der sehenden Welt (gerade in der Pubertät) nicht immer einfach war. Da bedarf es auch viel pädagogisches Knowhow bei den Lehrern, damit sie die Spannungen zwischen behinderten und nichtbehinderten Schülern auffangen können. Am Ende hat sich die Integration sehr gelohnt. Ich meine, spätestens nach der Schulzeit muss man doch eh raus aus dem „Ghetto“.

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  7. Ein gutes Beispiel das so etwas klappt ist z.B. meine Schule.
    Bei uns sind geistlich aber auch kôrperlich Behinderte und es gibt keine Probleme.
    Sogar im Gegenteil, man lernt den kooperativen Umgang miteinander und vieles mehr!
    http://www.mcs-bochum.de/
    – Gesamtschule

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