Wie soll sein Schnitt?

Friseur-Besuche können doch sehr ernüchternd sein. Ich meine nicht den entstandenen Haarschnitt, sondern dass ich dort einmal mehr mit dem Bild konfrontiert wurde, das ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft von blinden Menschen hat. Eigentlich habe ich bei „Gute Köpfe“ meist positive Erfahrungen gemacht: die MitarbeiterInnen boten mir ihren Arm an, begleiteten mich durch den wuseligen, mit hipper Musik beschallten Laden und plauderten ein Wenig mit mir. Mit den Frisuren war ich auch immer zufrieden. Aber letzten Freitag – wie schon auf Twitter verkündet – war es bizarr. Als ich auf dem Stuhl Platz genommen hatte, legte mir die Friseurin den Umhang um und ging schnurstracks zu meiner Freundin.

„Wie soll sein Schnitt?“, fragte sie Anna.

„Fragen Sie ihn“, antwortete diese.

Verwirrt und etwas unsicher kam die Gute-Köpfe-Dame zu mir. „Ich dachte, Du wärst blind.“

„Das bin ich auch“, antwortete ich, „trotzdem kannst Du mich fragen.“

Nachdem ich ihr beschrieben hatte, was ich wollte, sagte sie kein Wort mehr. Bis sie mich fragte, ob ich einmal anfassen möchte, ob es so okay sei. „Geht doch“, dachte ich.

Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen ist ganz normal. Ich selbst bin zum beispiel oft nervös, wenn ich mit geistigbehinderten Menschen spreche. Aber sollte es nicht selbstverständlich sein, dass wir dann fragen stellen, undzwar dem betroffenen und nicht seiner Begleitung. Ich war beim Friseur und wollte einen neuen Haarschnitt. Da werde ich doch wohl auch wissen, was ich möchte. Zumal man Haarschnitte ja nun wirklich fühlen kann. Stattdessen werden behinderte Menschen viel zu häufig nicht auf einer Augenhöhe betrachtet.

Gerade in Deutschland sehen viele Menschen in uns hilflose, hilfebedürftige und unselbstständige Wesen. Ich erlebe es immer wieder: in der U-Bahn, bei Ärzten und in Geschäften. Ich möchte nicht wie ein Kind behandelt werden. Das ist doch wohl das Mindeste, was behinderte Menschen sich wünschen dürfen. Für die Selbsthilfe-Organisationen – wie dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg – gibt es da noch viel an Öffentlichkeitsarbeit zu tun, um das Behinderten-Bild in Deutschland Stück für Stück zu modernisieren. Und auch jeder Einzelne ist gefordert, den Mund aufzumachen, auch wenn es Kraft kostet. Denn in der Regel ist es kein böser Wille, der hinter dem verhalten der nichtbehinderten Mitbürger steht. Es ist einfach Unwissenheit. Und die muss weg!

Schön, dass es meistens aber anders ist. Beim Curry-Grindel fragte mich der Chef nach meinem Friseur-besuch: „Haben Sie großen Hunger?“ Ich sagte ja. „Na, Sie sehen ja jetzt nicht, was ich hier tue“, sagte er lachend und schaufelte mir dabei einen gewaltigen Pommes-Berg auf den Teller. Ich lachte mit ihm.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

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