Ich muss es mal schreiben. Es ist undiplomatisch, ruppig und nicht gerade etwas, das man von einem Menschen hören will, der Kommunikation zum Beruf gemacht hat. Und in der Tat verstehe ich meine Arbeit als PR’ler für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen so, dass ich auch den Kontakt zu Mitbürgern suche, die Vorurteile gegenüber Behinderten haben. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, ihre Vorurteile abbauen zu können. Und das werde ich auch weiter versuchen. Dennoch gibt es auch eine Wahrheit, die ich mal so klar hier formulieren muss: Euer Mitleid kotzt mich an!
Es war auf meinem Weg zur Arbeit, als mich auf dem U-Bahnsteig eine ältere Dame ansprach: „Kann ich Ihnen beim Einsteigen helfen?“
Diese Frage wird mir häufig gestellt, und ich finde sie absolut okay. Ich sage dann in der Regel, so auch zu der älteren Dame: „Nein danke, das geht schon.“
Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Und geht das wieder weg?“
Sie meint meine Blindheit. Da bin ich mir sicher. „Nein, das geht nicht mehr weg“, sage ich denn auch.
„Wie schrecklich“, platzt es aus ihr heraus, „so ein junger Mann.“
Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass sie mir doch sagt, wo sich die Wagontür befindet, obwohl ich längst gehört habe, wo sie aufgegangen ist. In der Bahn will sie mir zeigen, wo ein freier Platz ist, obwohl ich vor einem Tag am Schreibtisch auch gern mal in der Bahn stehe. Es ist dieses Nicht-ernst-nehmen, das mich so wütend macht. Wenn ich sage, dass ich keine Hilfe möchte, dann ist das so. Wenn man mich dann nicht in Ruhe lässt, dann spricht man mir ab, selbst zu wissen, was gut für mich ist.
Es kam aber in diesem Fall noch schlimmer. Kurz vor dem Bahnhof, in dem ich umsteigen muss, kam die mitleidende Dame zu mir: „Wo möchten Sie denn gleich hin? Ich helfe Ihnen.“
„Bitte lassen Sie mich doch jetzt in Ruhe“, bat ich. Ich fühlte mich schlecht, irgendwie bedrängt.
„Ich möchte ja nur helfen“, rechtfertigte sie sich, um dann noch ein paarmal „wie schrecklich, so ein junger Mann“ vor sich hinzumurmeln.
Ich bezweifle, dass solche Menschen wirklich nur helfen wollen. Sie verlangen Dankbarkeit für etwas, das ich gar nicht haben will. Ihr Mitleid ist keine Hilfsbereitschaft, ihr Mitleid ist Überheblichkeit. Sie nehmen mich nicht als gleichberechtigten Menschen, sondern als hilfebedürftiges Wesen wahr. Sie übertragen ihr abwertendes Bild von Behinderung auf die behinderten Menschen selbst – ich jedenfalls hatte den Eindruck, mich für meine Blindheit rechtfertigen zu müssen. Möglicherweise fühlen sich die meist älteren Mitbürger sogar noch besonders menschlich, christlich vielleicht, aber das sind sie nicht. Im Gegenteil: ihr aufgedrängtes Mitleid tut weh. Ich jedenfalls fühlte mich an diesem Morgen schwach und entmündigt. Es ist nicht meine Behinderung, die im Alltag frustriert. Es sind Begegnungen wie diese, die Wut erzeugen.
Bereits im Januar 2007 schrieb Christiane Link – sie lebt als Rollstuhlfahrerin in London – in ihrem Blog „Behindertenparkplatz“:
Ich bin jetzt seit mehr als einem Monat in Großbritannien und ich glaube, es war der erste Monat meines Lebens (meine USA-Aufenthalte ausgenommen), in dem mir kein einziger Mensch begegnet ist, der mich offensichtlich bemitleidete. Und das obwohl ich jeden Tag mit Kreti und Pleti im Bus durch die halbe Stadt gurke und manchmal Leute anspreche, ob sie mir in den Bus helfen können, wenn die Rampe sehr steil ist. Können wir das in Deutschland vielleicht auch mal trainieren? Hilfsbereitschaft ohne Mitleid.
Ich möchte Begegnungen wie die mit der Frau in der U-Bahn nicht mehr haben. Und ich bilde mir auch ein, dass sie tendenziell seltener werden. Meine Vision ist, dass es auch in Deutschland eine Zeit geben wird, in der kein behinderter Mensch mehr solche Situationen erleben muss. Daher werde ich auch weiter gegen Vorurteile und für einen respektvollen Umgang mit behinderten Menschen streiten. Ich werde auch weiter über Möglichkeiten und Grenzen blinder und sehbehinderter Menschen informieren und das Gespräch zum Thema suchen. Ich freue mich darauf, Vorurteile abzubauen und Wissenslücken zu schließen (bei meinem Gegenüber und bei mir). Aber ich werde auch sagen, wenn mich Euer Mitleid ankotzt.
Und genau das ist das Problem!
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Ja und nein. Du hast, meiner Meinung nach, natürlich recht damit, daß die Dame aus dem Beispiel dich nicht wirklich erstnahm und daß das wirklich negativ ist. Andererseits weiß sie ja auch gar nicht, daß du alleine auch gut zurecht kommst. Das ist dieses Ja und Nein. Sie kommt auf dich zu, allerdings ohne ihre Welt verlassen zu können oder wollen und ergeht sich stattdessen in Phrasen. Aber dennoch hat sie es ja nett gemeint. Die dachte sich bestimmt nicht „Geil, ein Behinderter. DEM geb ich es jetzt aber!“ und doch versteh ich dich auch wieder. Auf jeden Fall mal interessant zu lese und: Hab Nachsicht mit ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
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Ich bin kein Stück behindert und ob Du es glaubst oder nicht, diese Omas kenne ich auch. Genau so gibt es meine Mutter, die mir als erwachsenem Mann immer noch was auf den Teller tut, auch wenn ich vorher 100x gesagt habe „Nein Danke, es reicht“. Die (nicht urspruenglich aus Deutschland stammende) Nachbarin ist permanent der Meinung, ich wuerde direkt verhungern, sobald meine Frau mal 2 Tage auf Dienstreise ist. Weil in deren Vorstellung Männer so ziemlich zu allem zu doof sind.
Diese irrig wohlmeinenden Leute musst Du bitteschoen ertragen, wie wir anderen alle auch. Auch Du wirst mal alt werden. Dann haben sich Deine Wert- und Moralvorstellungen vielleicht auch ueberlebt – die Welt um Dich herum hat sich weiterentwickelt und Du stehst mit irgendeiner gut gemeinten Aktion als der Depp da. Bitte ein bissel mehr Toleranz fuer unsere Senioren. Danke.
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Nachvollziehbar, was Du schreibst. Wenn man permanent so etwas zu hören bekommt, verstehe ich gut, dass es Dich nervt. Das nennt man schließlich positive Diskriminierung.
Viele nicht behinderte Leute bewegen sich gefühlt wohl auf einem schmalen Grat, sie denken: „Bin ich jetzt unfreundlich, nicht hilfsbereit, wenn ich mich nicht anbiete?“ Die Grenze zwischen Anbieten und Aufdrängen: fließend.
Ich hoffe, ich fahre die richtige Spur, wenn ich Menschen mit Behinderungen oder alte Leute oder Kinder zum Beispiel beim Einsteigen in die Bahn erst kurz beobachte, um zu sehen, ob sie offensichtlich Schwierigkeiten haben. Auf die Gefahr hin, dass sie denken: „Warum hat mir der junge Mann eigentlich nicht schon Hilfe angeboten?“
http://nicodrimecker.blogpot.com
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„Ich bezweifle, dass solche Menschen wirklich nur helfen wollen. Sie verlangen Dankbarkeit für etwas, das ich gar nicht haben will.“
Dieser Satz wird mit deinem letzten Abschnitt ein bisschen ins Absurde gezogen, in dem du sehr aggressiv behauptest, du würdest „auch weiter“ sagen, was dich ankotzt, gerade so, als hätte dich dafür schon vor dem Schreiben jemand kritisiert. Du machst nämlich letztlich das Gleiche wie diese ältere Dame: Unterstellst anderen (den Lesern) pauschal, dass sie dich nicht als normalen Menschen akzeptieren und gehst sie dafür an. Das hat genausowenig mit Aufklärung zu tun wie das Verhalten der alten Dame mit Hilfe, es ist im Gegenteil genau dort Selbstmitleid und Sich-selbst-herausstellen, wo du von anderen kein Mitleid willst.
Zum Thema: Es ist verständlich, dass solches Verhalten nervt. Das ist aber meines Erachtens nach weniger ein Problem von körperbehinderten Menschen. Auch ich, der ich äußerlich wahrscheinlich niemandem in der U-Bahn auffallen würde, treffe immer wieder auf insbesondere ältere Damen, die mir ihrer Meinung nach hilfreiche Tipps aufdrücken wollen. Als ich neulich mit einer gerade im Supermarkt gekauften Flasche Multivitaminsaft in der Hand auf den U-Bahnsteig trat, sprach mich eine solche Dame an und fragte mit Blick auf meinen leichten Bauchansatz: „Haben Sie den gerade gekauft? Multivitamin… nur Zucker… naja, das hilft aber auch nicht beim Abnehmen.“
Wäre ich nicht davon ausgegangen, dass sie alt und senil ist und hätte sie als normalen Menschen wie du und ich wahrgenommen, hätte sie aber was von mir zu hören bekommen…
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Der Unterschied liegt hier wohl bei zwei verschiedenen Wörten:
Helfen heraus aus Mitleid bedeutet, dass „ich“ mit den „Leidenden“ zunächst mal mit-leide, und wenn „mir“ mein eigenes Leid zuviel wird, hilfe „ich“ den scheinbar Hilfesuchunden, egal ob er/sie will oder nicht, weil „ich“ das Leid nicht ertrage. Helfen aus Mitleid hat eher den pflegenden Hintergrund, mit der Bedingung, dass dem zu Helfenden keine eigene Meinung zugestanden wird.
Die oben beschriebene Dame hatte Mitleid. Und Ihr Frust, werter Herr Kunert, ist mehr als verständlich.
Helfen aus Mitgefühl heraus bedeutet, dass „ich“ das Leid des anderen nicht annehme, sondern versuche zu fühlen, ob, wo und wie ich helfen kann. Oder Ob ich keine Hilfe anbieten brauche. Die Hilfe ist schwieriger, dem zu helfenden seine Eigene Meinung lasse, und dan helfe ich auch nur soweit, das er/sie weitgehend selbständig das Problem lösen kann. Die Hilfe aus Mitgefühl bedeutet auch, das mit der andere Mensch nicht egal ist, das „ich“ nicht achselzuckend vorübergehe.
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Das mit dem Erwarten von Dankbarkeit auf geleistete Hilfe ist ein allgemeines Phänomen. Leider! Schätze diese Menschen wünschen sich Anerkennung und meinen mit ungebetener Hilfe genau das zu erlangen. Das ist sehr schade für sie – denn meist bitten sie ihrerseits nicht um Anerkennung – sondern machen sich selbst noch nieder. Das ist meine Erfahrung.
Eine Bitte (egal ob nun Hilfe angeboten oder erbeten wird) kennzeichnet sich für mich darin, dass diese abgelehnt werden kann ohne das irgendjemand beleidigt ist. Denn dann wäre die Bitte keine Bitte sondern eine Erwartung. Und das ist etwas völlig anderes.
In eigener Sache: Wie würdest Du reagieren, wenn Dich jemand (in diesem Fall wäre ich das) würde: „Ich wäre sehr daran interessiert, wie Sie ihr Leben blind gestalten können. Denn durch meine Fastblindheit auf einem Auge könnte es im Alter oder auch durch einen Unfall passieren, dass ich evtl. fast oder sogar ganz erblinde.“
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Vielen Dank, eindringlich und sehr gut formuliert – aber nichts neues. Ich habe Text dieser Art schon vor Jahrzehnten gehört, aber ich gebe zu, dass die Tatsache, zwei blinde Vettern zu haben, wohl dazu beigetragen hat.
In dem Artikel wird allerdings das „überhebliche Mitleid“ zu einer deutschen Eigenschaft gemacht. Das wiederum finde ich interessant, denn ich schreibe diese Art von Hilfsbereitschaft idR unseren christlichen Mitmenschen zu, die Nächstenliebe sagen und die persönliche Fahrkarte in den Himmel meinen. Das wäre aber widerlegbar, wenn es tatsächlich nationale Unterschiede gibt. Das sollte man untersuchen.
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Ich glaub aber, deine Deutung ist auch zu kurz gegriffen.
Für die Dame war es offensichtlich eine Horrorvorstellung, blind zu sein. Nichts mehr sehen können – ich glaub, so wie sie reagiert hat, gibts für sie nicht viel schlimmeres.
Entsprechend hat sie dann reagiert – und natürlich auch nicht weiter reflektiert, was sie da eigentlich tut. Sie hat gesehen, du bist blind, kurz rekapituliert, wie sie selbst sich fühlen wollte und wollte dann, dass du dich besser fühlst, dir einen Teil der Last abnehmen. Die bei dir überhaupt nicht vorhanden ist.
Mit den Leuten umzugehen, ihnen klarzumachen, dass ihre negativen Gefühle nicht deine eigenen sind und du prima klarkommst, ist fast unmöglich. Sie sortieren alles in ihr Schema ein und wenn du das verneinst, weil du halt nicht so fühlst, dann steigert dass die Kombination aus Mitleid/Bewunderung noch, weil du ja so gut mit deinem Schicksal fertig wirst. Ergebnis: Sie wollen dir noch mehr helfen.
Das ganze passiert nonverbal, da wird munter ruminterpretiert und geholfen, ob man nu will oder nicht.
Alles aus dem Gefühl heraus „da muss man doch was machen“. Falls es dir hilft:
Denen gehts dann schlechter als dir, du entmündigst sie nämlich auch aus ihrer Sicht: Sie wollen dir helfen und du läßt sie nicht, das läßt sie hilflos zurück und Hilflosigkeit mag keiner, also will man doch noch helfen, damit man selbst sich nicht so hilflos vorkommt.
Das ende vom Lied: Beide Seiten fühlen sich beschissen, weil keiner den anderen versteht.
Das einzige was man tun kann: Beine in die Hand und laufen. 😉
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Keine Frage, in diesem Beispiel ist die Dame zu weit gegangen, sie hätte dein Nein akzeptieren müssen und ihr Verhalten war schon belästigend. Genau so daneben sind natürlich regelrechte Übergriffe ohne zu fragen – ungefragtes Antatschen und Aufzwingen geht einfach nicht.
Generell finde ich aber die Frage nach dem Umgang mit Hilfeangeboten gerade wegen solch ablehnender Reaktion sehr schwierig. Es ist sicher wichtig, sich die vermeintlich hilfebedürftige Seite mit ihren Gefühlen anzuhören, aber ich finde man sollte auch die Unsicherheit der potenziellen Helfer berücksichtigen.
Ich mache mir sehr wohl Gedanken darüber, inwiefern ich mit meiner Hilfe auch belästige und dennoch fällt es mir schwer, ein ausgeglichenes Maß zu finden. Da kann ich erahnen, wie es Leuten geht, die aus fehlender eigener Betroffenheit und Impulse durch die Umgebung oder eine andere, veraltete Erziehung, diese Auseinandersetzung gar nicht gemacht haben. Natürlich ist gut gemeint nicht gut gemacht, aber ich denke, es ist dennoch beachtenswert, wie etwas gemeint ist. Das Wirklich?- und Sind sie sicher?-Nachfragen könnte mir übrigens auch passieren – aber weniger aus respektloser Ungläubigkeit, als aus eingebläuten Höflichkeitsstandardfloskeln. Das könnt mir genau so in jeder anderen Situation passieren.
Und auch, wenn ich verstehen kann, dass man keine Lust hat, jedem übereifrigen wandelnden Helfersyndrom zu erklären, weshalb man keine Hilfe benötigt – vielleicht ist das aber etwas, wo eben genau diesen Menschen Hilfe geleistet werden müsste. Auch wenn ich mir Gedanken darüber mache, inwiefern ich jemanden auch mit meiner Hilfe auf die Füße treten könnte, so ist es für mich schwierig einzuschätzen, wie jemand wie weit mit einer entsprechenden Behinderung umgehen kann, denn das meiste versteht man ja nur, wenn man – sei es durch Bekannte, Berichte oder Medien – gelernt hat, was die Person kompensieren kann. Umso mehr ist es vielleicht nötig, solch aufdringlichen Personen zwangs-zu-erklären, warum die Hilfe überflüssig ist.
Außerdem sollte man nicht vergessen, dass der Umgang auch so schwierig ist, weil es einfach nicht die Gruppe von Behinderten/Personen, denen man Hilfe anbieten kann gibt. Die einen wollen gar nicht erst in jeder Situation gefragt werden, andere wollen einfach, dass ihr Nein akzeptiert wird, wieder andere wollen gefragt werden und fänden es unverschämt, selbst nach Hilfe zu fragen. Und der Grad an benötigter und gewünschter Hilfe kann ja auch trotz gleicher Behinderung unterschiedlich sein. Es ist da nicht ganz leicht, abzupassen, ob man nun mit einem „Kann ich helfen?“ schon nervt oder jemand in die Bredouille bringt, selbst nach Hilfe fragen zu müssen. Bei älteren Personen in Bus und Bahn bin ich mittlerweile dazu übergegangen, still und heimlich aufzustehen und zu schauen, ob sie sich setzen wollen, da diese sonst gern nämlich auch mal vorwurfsvoll reagieren, wenn man den Platz anbietet. Vielleicht würde ein Erklären dem ein oder anderen einfach helfen, sein Mitleid durch ernstgemeinte und unaufdringliche Hilfeangebote einzutauschen.
Vielleicht ist es möglich Mitleid in Empathie zu tauschen, denn ich denke, dass Empathie viel eher das ist, was die Menschenrechte vorangetrieben hat. Und zwar Empathie mit jedem Einzelnen, nicht explizit mit Behindeten oder Nichtbehinderten. Man muss halt nur dafür sorgen, dass dieses Einfühlen eben auf wirklichen Gefühlen des Gegenübers und nicht den vermuteten beruht. Und dazu benötigt es Verständnis für den gegenüber und damit leider auch eine Chance dieses zu erlernen und Wissen über den anderen und seine Situation zu erwerben.
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Tja aber für „Die Rampe ist zu steil“ (nach Frau Link) sind die „überheblichen“ nicht Beeinträchtigen wieder gut genug…
Persönlich habe ich schon vor Jahren aufgehört Behinderten von mir aus zu helfen und nur noch auf Ansprache zu reagieren. Aber ganz ehrlich was ist denn diese Ansprache in den (nach meiner Erfahrung) meisten fällen? Dann heißt es „Helfen Sie mir mal!“ bzw man kann noch froh sein wenn überhaupt ein „Sie“ dabei ist.
Und dass ist die Arroganz bei vielen Behinderten die MICH „ankotzt“. Blos keine „Mitleid“, nur Gleichberechtigung. Großartig die „Überheblichkeit“ besonders von Gehörlosen die davon ausgehen alles und jeder könnte Gebärdensprache nutzen, oder sollte sie zumindest lernen.
Aber dann wieder von irgendjemandem „Helfen Sie mir mal!“ im Befehlston.
Und grade Menschen ohne Behinderung scheinen dem nicht ganz so abgeneigt wie Sie oder einige Kommentatoren mit Behinderung. Wenn ich Frauen (oder auch Männer) selbst anspreche ob ich ihnen an unserem steilen Bahnhofstreppen mit dem Kinderwagen helfen kann, reagieren Sie kaum so agressiv. Oder gar wie die dieversen Senioren denen ich Regelmäßig die Einkäufe nach Hause trage.
Genauso wenig habe ich es hier im Großraum Berlin bisher erlebt, dass wenn ich zu Leuten gehen die ich (Frau Kränz) „verzweifelt über einen Stadtplan gebeugt diskutieren [sehe]“, dass diese sich in ihrer Persönlichkeit erniedrigt sehen wenn ich zu ihnen gehe und als Ortskundiger meine Hilfe anbiete.
Ich bin nun kein Psychologe, aber könnte es sein, dass sie als behinderte die anderen Menschen etwas falsch warnehmen? Ist jeder Einsatz der keine Dienstleistung an Ihnen ist „Überheblich“? Sind nichtbehinderte Menschen nur dazu da im Zweifelsfall als Dienstleister für Behinderte aufzutreten?
Sicherlich ist unsere Welt nur sehr schlecht auf die Bedürfnisse von beeinträchtigten Menschen angepasst, aber ist es deshalb Richtig, dass behinderte Menschen ihre Wut und Ohnmacht darüber an ihren Mitmenschen auslassen. Vielleicht sollten Sie sich klar werden, dass ihre nicht behinderten Mitmenschen sich in solchen Situationen selbst Ohnmächtig fühlen und einfach nur irgendetwas tun wollen?
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Hallo Heiko,
interessanter Artikel. Schön finde ich, dass du, auch in den Kommentaren, die Lösung des Dilemmas bietest, vor dem man als Außenstehender steht. Eine Frage ist noch keine Belästigung, das Ignorieren der Antwort schon. Diese Lösung ist Banal, kann aber sicher in vielen Lebensbereichen und nicht nur im Umgang mit behinderten Menschen helfen.
Danke für diesen Post.
lg
Greg
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Ich gehe an Krücken, kann mich aber problemlos selbstständig bewegen und benötige eigentlich nie fremde Hilfe. Mein demütigendstes Erlebnis war, als mir auf dem Bahnhof eine Frau verzweifelt versucht hat einen 10€-Schein aufzudrängen, dass „ich mir mal was gönnen kann“. Ich bin definitiv nicht verlottert gekleidet, mein Klamotten sind immer ordentlich und sauber – ich seh also definitiv nicht „verarmt“ aus. Ich hab ihr gesagt, dass ich ihr Geld nicht will und nicht brauche, was bei ihr nur zu Unverständnis geführt, sie aber nicht von ihrem Vorhaben abgebracht hat. Ich hab dann auf einen Bettler gedeutet und gemeint, dass er das Geld vermutlich nötiger haben könnte als ich. Naja, bin dann einfach gegangen, aber es hat nicht viel gefehlt (und das muss was heißen, ich bin absolut die Ruhe in Person) und ich hätte einige der Wörter ausgesprochen, die mir durch den Kopf gegangen sind.
Die mitleidigen Blicke, die ich tagtäglich zugeworfen bekomme, kann ich ganz gut ignorieren – aber solche Sachen schockieren mich wirklich. (auch bekloppt war die Frau, die unbedingt für mich beten wollte – dazu gibts ja auch einen Beitrag auf dem Behindertenparkplatz).
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was hier so manch ein kommentator glaube ich nicht begriffen hat ist folgendes: nicht die frage nach hilfe an sich sondern dieses aufdringliche, mehrmalige nachfragen und dann sogar trotzdem noch ‚helfen‘ wollen, unterstellt, auf subtile (sicherlich ungewollte) art und weise, dass die betroffenen personen auch eine geistige behinderung hätten und deswegen natürlich nicht beurteilen könnten ob sie hilfe brauchen oder nicht.
es wird in den köpfen dieser ‚hilfsbereiten‘ menschen, körperliche und geistige behinderung einfach nicht unterschieden. womit ich jetzt natürlich nicht sagen will dass alle geistig behinderten per se hilfebedürftig, sind und umgekehrt. aber genau dass denken die allermeisten menschen.
verallgemeinert gesagt ist es ja immer so, dass menschen zur pauschalisierung neigen…
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Nichtbehinderte suchen halt Absolution für ihre zufällige Unversehrtheit. Erteilt sie nach Gutdünken, d.h. eher selten und wenn, nur mit der geboten freundlichen Herablassung. Immerhin ist ja auch Mitleid ein Leiden, da sollte man/frau nicht zu gefühllos reagieren.
Und Grüße …
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„Nein, die Opfer für diese unwillkommene dominante Hilfe werden gezielt ausgewählt.“
Natürlich werden sie das – nach einem Zustand, den der eigene Erfahrungsschatz nicht kennt. Über einer Landkarte zu brüten, das hat man selbst erlebt. Hilflos mit zu schweren Taschen vor der Bahn zu stehen – ebenfalls.
Aber blind zu sein? Im Rollstuhl zu sitzen? Motorisch eingeschränkt? Das ist für Bürger ohne Behinderung als Konzept zu abstrakt, zu unrealistisch, um den Schwierigkeitsgrad von Alltagssituationen richtig einschätzen zu können. Und daraus entsteht dann der überzogene Drang, Hilfe für die vermeintlich unbezwingbare Aufgabe aufzudrängen. Von Touristen mit Landkarten weiss man, daß und wie sie sich selbst helfen können – vom Blinden am Bahnhof aber eben nicht.
Die pauschale Annahme, daß hier Dankbarkeit verlangt wird und Überheblichkeit im Spiel ist, daß Angst und Ignoranz und Respektlosigkeit die richtigen Worte sind, um die aufdringliche Frau zu umschreiben – das zeugt von der gleichen emotional-sozialen Blindheit, die hier der ‚Täterin‘ zugesprochen wird. Natürlich mögen wir es nicht gerne, im Alltag von Fremden auf die Behinderung reduziert zu werden – wer wird schon gerne auf irgendetwas reduziert? Aber die entgegengebrachte Empathie aus Wut und verletztem Stolz und einem großen Schuss ich-bezogener Arroganz als Brüskierung, als Herabsetzung und letztlich als Nichtakzeptanz meiner Selbständigkeit zu sehen: das wäre mir zu selbstgerecht.
Jeder Mensch muss mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft klarkommen, die sein Selbstbild nicht teilen und ihm dadurch eine gewisse Nichtakzeptanz entgegenbringen. Ich bin da keine Ausnahme. Kein Grund, ein solches Fass aufzumachen.
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Das ist alles eine Sache der Prägung würde ich sagen. Ich habe in meiner Erziehung Mitleid nicht als etwas Negatives anerzogen bekommen. Ebenso steckt für mich in dem Mitleid an sich nicht die Forderung nach Dankbarkeit oder eben sogar angesprochene Dinge wie Überheblichkeit. Ich kann Menschen bemitleiden und sie dennoch auf Augenhöhe sehen mit mir.
Das Problem in Deutschland liegt woanders denke ich. Wir sind ein Völkchen, das sich ungern Hilfesuchend zeigt. So wird auch gern von Leuten, die Hilfe benötigen, ein nettes Angebot ausgeschlagen, weil man nicht schwach wirken will. Egal ob Freunden oder Fremden gegenüber. Dieser Umstand fördert Situationen, wie die beschriebene. Es fehlt die Sensibilität für die Leute, die wirklich keine Hilfe wollen und brauchen. Nur mal ein anderer Ansatz für das selbe Problem.
Ich denke, dass nicht jeder, der Ihnen helfen will, dies aus niederen und eigennützigen Motiven tut. Manchmal weiß man’s einfach nicht besser.
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Ich würd mal sagen, für genanntes Problem ist das Blog hier wohl der falsche Beschwerdepunkt.
Zum einen wird die ‚ältere Dame‘ wohl kaum dieses Posting lesen, und zum anderen gibt es wohl wenig jüngere Leute die diesen Problem in der U-Bahn schon erlebt haben. Da gilt schnell rein, schnell raus. Ich glaube kaum, dass ich dich wahrgenommen hätte.
Und zu guter Letzt, warum regst du dich so auf, die Frau hat dich halt gegen deinen Willen vollgelabert, ist jedem schon mal passiert. Solange sie nicht handgreiflich geworden ist. Und dass dich ‚unser Mitleid ankotzt‘ gut und schön, mich kotzt in dieser Gesellschaft auch einiges an, nur Blogpostings werden daran wenig ändern.
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Hallo Heiko,
ich kann deine Gedanken ein Stück weit nachvollziehen. Ich bin nicht blind oder anderweitig behindert, aber ich hatte die Chance in meinem Büro einen blinden Praktikanten zu betreuen und wir haben auch über solche Situationen geredet.
Das Ganze ist ein zwieschneidiges Schwert. Zum Einen wollen die Menschen wirklich nur helfen, übertreiben es dabei aber auch geren so wie in deinem Fall. Das abwertende Bild ist vielleicht da, aber wenn dann nur unbewusst und latent.
Schon das Wort „behindert“ allein, macht diese Menschen zu etwas in der Gesellschaft Besonderem. Deshalb schauen die Menschen so und bieten ihre viel zu gut gemeinte Hilfe an.
Auf der anderen Seite ist da aber ein wenig Stolz und Eitelkeit dabei. Nach dem Motto „Ich bin behindert, ich bin anders, bemerkt mich, aber akzeptiert mich als einen von euch.“ Das will ich an einem Beispiel eines Rollstuhlfahrers erläutern, den ich vor einem halben Jahr in der S-Bahn erleben durfte. Er verscheuchte 3 kleine Kinder vom Rollstuhlsitz, weil das „sein“ Platz wäre. Beim Aussteigen bleib er mit seinem Rollstuhl zwischen Zug und Gleis hängen, wollte sich aber partout nicht helfen lassen. Auch als mehrere Leute kamen, schrie er sie an, sie sollten ihm nicht helfen. Die Tür des Zuges ging schon immer wieder zu, traf seinen Rollstuhl und machte alles schlimmer und der Zugführer machte wütende Durchsagen. Erst als ein paar Leute den Stuhl kurz anhoben kam er heraus. Er hätte es einfach nicht alleine geschafft, aber da kam auch kein Danke.
In deinem Fall kann ich deine Reaktion absolut verstehen, aber auf der anderen Seite sind wir gesellschaftlich einfach so erzogen worden. Da würde ich den Menschen keinen Vorwurf machen.
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