Ich muss es mal schreiben. Es ist undiplomatisch, ruppig und nicht gerade etwas, das man von einem Menschen hören will, der Kommunikation zum Beruf gemacht hat. Und in der Tat verstehe ich meine Arbeit als PR’ler für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen so, dass ich auch den Kontakt zu Mitbürgern suche, die Vorurteile gegenüber Behinderten haben. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, ihre Vorurteile abbauen zu können. Und das werde ich auch weiter versuchen. Dennoch gibt es auch eine Wahrheit, die ich mal so klar hier formulieren muss: Euer Mitleid kotzt mich an!
Es war auf meinem Weg zur Arbeit, als mich auf dem U-Bahnsteig eine ältere Dame ansprach: „Kann ich Ihnen beim Einsteigen helfen?“
Diese Frage wird mir häufig gestellt, und ich finde sie absolut okay. Ich sage dann in der Regel, so auch zu der älteren Dame: „Nein danke, das geht schon.“
Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Und geht das wieder weg?“
Sie meint meine Blindheit. Da bin ich mir sicher. „Nein, das geht nicht mehr weg“, sage ich denn auch.
„Wie schrecklich“, platzt es aus ihr heraus, „so ein junger Mann.“
Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass sie mir doch sagt, wo sich die Wagontür befindet, obwohl ich längst gehört habe, wo sie aufgegangen ist. In der Bahn will sie mir zeigen, wo ein freier Platz ist, obwohl ich vor einem Tag am Schreibtisch auch gern mal in der Bahn stehe. Es ist dieses Nicht-ernst-nehmen, das mich so wütend macht. Wenn ich sage, dass ich keine Hilfe möchte, dann ist das so. Wenn man mich dann nicht in Ruhe lässt, dann spricht man mir ab, selbst zu wissen, was gut für mich ist.
Es kam aber in diesem Fall noch schlimmer. Kurz vor dem Bahnhof, in dem ich umsteigen muss, kam die mitleidende Dame zu mir: „Wo möchten Sie denn gleich hin? Ich helfe Ihnen.“
„Bitte lassen Sie mich doch jetzt in Ruhe“, bat ich. Ich fühlte mich schlecht, irgendwie bedrängt.
„Ich möchte ja nur helfen“, rechtfertigte sie sich, um dann noch ein paarmal „wie schrecklich, so ein junger Mann“ vor sich hinzumurmeln.
Ich bezweifle, dass solche Menschen wirklich nur helfen wollen. Sie verlangen Dankbarkeit für etwas, das ich gar nicht haben will. Ihr Mitleid ist keine Hilfsbereitschaft, ihr Mitleid ist Überheblichkeit. Sie nehmen mich nicht als gleichberechtigten Menschen, sondern als hilfebedürftiges Wesen wahr. Sie übertragen ihr abwertendes Bild von Behinderung auf die behinderten Menschen selbst – ich jedenfalls hatte den Eindruck, mich für meine Blindheit rechtfertigen zu müssen. Möglicherweise fühlen sich die meist älteren Mitbürger sogar noch besonders menschlich, christlich vielleicht, aber das sind sie nicht. Im Gegenteil: ihr aufgedrängtes Mitleid tut weh. Ich jedenfalls fühlte mich an diesem Morgen schwach und entmündigt. Es ist nicht meine Behinderung, die im Alltag frustriert. Es sind Begegnungen wie diese, die Wut erzeugen.
Bereits im Januar 2007 schrieb Christiane Link – sie lebt als Rollstuhlfahrerin in London – in ihrem Blog „Behindertenparkplatz“:
Ich bin jetzt seit mehr als einem Monat in Großbritannien und ich glaube, es war der erste Monat meines Lebens (meine USA-Aufenthalte ausgenommen), in dem mir kein einziger Mensch begegnet ist, der mich offensichtlich bemitleidete. Und das obwohl ich jeden Tag mit Kreti und Pleti im Bus durch die halbe Stadt gurke und manchmal Leute anspreche, ob sie mir in den Bus helfen können, wenn die Rampe sehr steil ist. Können wir das in Deutschland vielleicht auch mal trainieren? Hilfsbereitschaft ohne Mitleid.
Ich möchte Begegnungen wie die mit der Frau in der U-Bahn nicht mehr haben. Und ich bilde mir auch ein, dass sie tendenziell seltener werden. Meine Vision ist, dass es auch in Deutschland eine Zeit geben wird, in der kein behinderter Mensch mehr solche Situationen erleben muss. Daher werde ich auch weiter gegen Vorurteile und für einen respektvollen Umgang mit behinderten Menschen streiten. Ich werde auch weiter über Möglichkeiten und Grenzen blinder und sehbehinderter Menschen informieren und das Gespräch zum Thema suchen. Ich freue mich darauf, Vorurteile abzubauen und Wissenslücken zu schließen (bei meinem Gegenüber und bei mir). Aber ich werde auch sagen, wenn mich Euer Mitleid ankotzt.
Erfahrungsgemäß führt das nur zu langwierigen Diskussionen, weil dann ganz schnell ein „Ja, aber“ kommt. Deswegen muß ein „Nein danke, geht schon“ reichen. Wieso muß ich das lang und breit erklären? Natürlich hat das was mit sich rechtfertigen müssen zu tun. Ich erwarte von meinen Mitmenschen in aller erster Linie, daß sie eine klare und eindeutige Willensbekundung ernstnehmen, auch wenn sie sie vielleicht nicht verstehen und nicht nachvollziehen können, daß ein behinderter Mensch eine bestimmte Sache allein tun kann. Ich will nochmal an einem anderen Beispiel deutlich machen, wie absurd das ist: Wenn ich eine Frau anspreche, weil sie mir gefällt, und sie frage, ob sie mit mir was trinken gehen möchte, und sie dann sagt „Nein danke, möchte ich nicht“, zerre ich sie ja auch nicht einfach gegen ihre explizite Willensbekundung in die nächste Bar, nur weil sie mir nicht erklärt hat, warum sie nicht möchte, und ich mich für so unwiderstehlich halte, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß sie mich abweist. Abwegiges Beispiel? Mitnichten. Frauen haben mir schon öfter erzählt, sowas erlebt zu haben. Muß jetzt jede Frau deswegen jedem Macho, der sich für unwiderstehlich hält, lang und breit erklären, warum sie nix von ihm will?
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Dein Bsp. ist vielleicht nicht abwegig, taugt hier aber mitnichten als Vergleich. Im Eingangsbeitrag beschriebenen Fall ging es schließlich um «lästige» Hilfssangebote, weil jemand glaubte, der Behinderte könne nicht selbstständig agieren. Der zweite Fall ist zwar auch lästig, wobei es hier um lästiges Anmachen geht. Und ja: Wenn eine Frau das nicht will, dann sollte sie, falls der Mann nicht kapiert, deutlicher sagen, DASS und ggf. warum sie keine Lust hat. Ich zweifle ehrlich an dem Verstand einer Frau, die trotzdem mit in die Bar geht. Sie wird ja wohl kaum an den Haaren in die Bar geschleift worden sein.
Es geht hier halt um Kommunikation. Wenn es das Gegenüber nicht versteht, muss man deutlicher werden.
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Meine Erfahrung ist folgende:
Wenn Du wirklich mal Hilfe brauchst, z. B. beim Überqueren der Straße, hasten alle an Dir vorbei. Ist aber genug Zeit, z. B. auf dem Bahnsteig und die Bahn ist noch nicht da, wirst mit Hilfe geradezu überschüttet. Die Leute wollen Dich sogar aus dem Bahnhof geleitet, dabei hast Du Dich doch nur vorn hingestellt, weil Du einfach nur in den ersten Wagen einsteigen willst. 😦 Was doch für eine Gedankenlosigkeit. Gut gemeint ist eben schlecht gemacht. Inzwischen beiß ich solche Zeitgenossen einfach wütend weg. Ich will das alles nicht.
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Ich weiß nie, ob ich einem behinderten Menschen nun helfen soll oder nicht. Einerseits denke ich eben genau so – „wenn er Hilfe braucht, dann wird er fragen“ – andererseits denke ich aber auch an meinen eigenen Stolz, und dass ich niemals von selbst fremde Menschen um Hilfe bitten würde, also vielleicht braucht er Hilfe, will aber nicht fragen. Ich weiß nicht, woran man das eine oder das andere erkennt, und bin daher sehr unsicher.
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„Vielleicht sollten Sie sich klar werden, dass ihre nicht behinderten Mitmenschen sich in solchen Situationen selbst Ohnmächtig fühlen und einfach nur irgendetwas tun wollen?“
„Irgendwas tun wollen“, das sagt es doch schon. Das „etwas tun wollen“ ist IHR persönliches Bedürfnis. Wenn Sie die Ablehnung Ihres Angebots nicht akzeptieren, stellen Sie damit ihre eigenen Bedürfnisse über die des anderen Menschen, und ja, das ist überheblich.
Ist es für Sie wirklich so eine Zumutung, nur dann Hilfe zu leisten, wenn die Hilfe auch erwünscht ist? Wenn andere Menschen auf der Straße eventuell mal unhöflich sind, ist das normal, aber Menschen mit Behinderung dürfen das nicht?
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Du, Mann? Hast Du den Artikel nicht aufmerksam gelesen?
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„LABER MICH NCHT DICHT, DU ALTER, FRUSTRIERTER BESEN!“
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Unglaublich diese Arroganz. Und zwar von annähernd allen Behinderten hier in den Kommentaren und besonders vom Autor.
Vorab:
-ich habe Verständnis dafür, dass es sich demütigend anfühlt, wenn man Hilfe angeboten bekommt, obwohl man selbst weiß, dass man diese nicht benötigt.
-ich habe Verständnis dafür, dass man sich bevormundet vorkommt, wenn die Möchtegern-Helfer ein „Nein“ nicht akzeptieren.
-ich habe Verständnis dafür, dass Mitleid einen Ankotzt.
Aber zu behaupten diese Möchtegern-Helfer würden Dankbarkeit verlangen, anstatt gätig zu sein? Ihnen (wohlgemerkt böswillig) herablassendes Verhalten zu unterstellen? Sie stellenweise mit Vergewaltigern zu vergleichen… das finde ich wesentlich schlimmer.
Ich hänge mich mal weit aus dem Fenster, und behaupte, dass diese Menschen aus reinster Nächstenliebe, aus Güte handeln. Sie sehen jemanden, von dem sie vermuten, dass er Hilfe braucht. Sie verstehen die Ablehnung vielleicht als falschen Stolz. Ja, vielleicht ist es sogar eine Art der Überheblichkeit, dass sie glauben, ein Behinderter käme nicht allein durchs Leben.
Aber: diese Menschen machen das nicht aus Gehässigkeit mit bösen Absichten. Im Gegenteil, diese Menschen tun sowas (wie ich glaube in den allermeisten Fällen) mit den besten Absichten – und aus Unwissenheit.
Was tut man mit Unwissenden? Frage an den Kommunikations-Experten… Frage an den PR-Profi! Verdammen? Beleidigen? Schmollen und ignorieren?
Aufklären!
Klar, wenn man gerade in die Bahn einsteigen will, hat man keine Zeit, eine lange Rede über die eigene Selbstständigkeit zu halten. Wohl aber, wenn man in der Bahn steht und ein zweites Mal angesprochen wird. Wer keinen Bock hat, andere Leute aufzuklären, darf sich über Unwissenheit mMn nicht beschweren.
Ich persönlich habe aus diesem Blogpost und den Kommentaren sehr viel gelernt (auch wenn ich zutiefst erschüttert darüber bin, was für ein Gerüst aus Arroganz und Selbstherrlichkeit um die Fakten teilweise aufgebaut wurde). Ich werde den Fehler der alten Frau sicherlich nicht wiederholen (ein hervorragendes Beispiel für den PR-Nutzen des Web2.0?).
Nur die alte Frau wird den Fehler wohl solange wiederholen, bis einer von Euch sich mal herab lässt und ihr ihren Fehler erklärt.
Abschließende Kritik am Autor: ganz schlechte PR „für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen“. Ausgangslage analysiert, PRoblem erkannt, Zielgruppe identifiziert und sogar in Kontakt mit ihr gekommen – Kommunikation verweigert.
(one-way-asymetrical mit dem Ziel seine Ruhe zu haben, anstatt two-way-symetrical mit dem Ziel der Frau mit ihrem Problem der scheinbar völlig falschen Wahrnehmung von Blinden zu helfen!)
Shame on you!
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Die Unsicherheit könnte — längerfristig — recht einfach beseitigt werden: Holt Behinderte in die Schulen!
Lehrer sollten bereits in der Grundschule Vertreter von entsprechenden Organisationen oder Einzelpersonen, die selbst eine Behinderung haben und bereit sind, darüber zu reden, einladen und die Kinder mit ihnen reden lassen. Die Unsicherheit könnte damit sehr nachdrücklich beseitigt werden bzw. käme gar nicht erst auf.
Ich habe selbst auch erst im Kontakt mit behinderten Menschen gelernt, diese Unsicherheit zu überwinden. Lange habe ich von mir aus keine Hilfe angeboten, nachdem ich als Teenager in einer vollen Straßenbahn von einem älteren Mann, der eine erkennbare Gehbehinderung hatte, böse angeblafft worden war, als ich es „wagte“, ihm meinen Sitzplatz anzubieten („Ich kann gut stehen! Was bilden Sie sich ein!“). Ich wollte sowas nicht nochmal erleben.
Später kam ich eher zufällig mit blinden Menschen in Kontakt. Um ihnen bei konkreten Problemen — es ging um die Einrichtung einer Point-Software für unsere ZConnect-Mailbox — helfen zu können, versuchte ich zu verstehen, wie das ist, wenn ich vom Bildschirm immer nur eine Zeile gleichzeitig wahrnehmen kann. Und das klappte gut: Die Box hatte einen ungewöhnlich hohen Anteil an blinden Benutzern (von darauf spezialisierten Boxen mal abgesehen), weil sich das schnell herumsprach, daß man dort einen einfachen Einstieg hat und die Sysops gezielt helfen können.
Und wie das bei Rollstuhlfahrern aussieht, habe ich dann später von Alex gelernt (der hier auch schon kommentiert hat).
Also: Kommt in Kontakt und laßt vor allem die Kinder in Kontakt kommen. Dann gibt’s auch keine Unsicherheit mehr.
Meint
Frosch
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mitleid kann nerven, keine frage. kann auch diskriminierend sein.
wenn ich lese was viele minderheiten persönlich nehmen, dann denk ich schon oft:
sry, da leiden wir alle drunter, dass wir deutschen so sind, so unfreundlich, unsensibel und einfach nervig. das ist nicht gut, aber es ist so.
manche leute sind einfach furchtbar und ja bestimmt bekommen das leute die auffälliger sind häufiger zu spüren.
keine ahnung ob das tröstet, aber diese leute die einen einfach nicht als mensch in ruhe leben lassen sind nunmal typisch deutsch (um nicht zu sagen typisch mensch).
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Da ich gerade sehe, dass Du die PR-Arbeit für einen Blindenverband betreust, hier ein kleiner Vorschlag, wie man mit dem (scheinbar häufig auftretenden) Problem umgehen könnte:
Erstellt einen Vordruck auf dem Ihr darüber aufklärt, dass Ihr sehr gut im Alltag zurecht kommt. Kurze Erläuterung, dass Ihr Türen über einen Luftzug „erfühlen“ könnt, bzw. im Falle der Bahn hört und ähnliches. Dazu ein Freundlicher Kommentar à la „Danke für Ihre Hilfsbereitschaft, aber ich brauche sie nicht“ und eine Erklärung, dass dieser Zettel eine praktische Alternative ist, wenn man mal keine Zeit oder Lust hat, alles haarklein zu erklären, da man als behinderter Mensch häufiger in solche Situationen kommt. Außerdem ein Hinweis, wo interessierte Personen weitere Informationen bekommen können.
Das Ganze im Word-Format auf die Homepage, damit andere Betroffene das ganze herunterladen, selbst editieren (z.B. den eigenen Erfahrungen, Fähigkeiten, etc. anpassen), und in einem handlichen Format ausdrucken und an dumme Leute aushändigen können.
DAS wäre mal gute PR!
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Interessanterweise findet man die gleiche Einstellung mancher Mitmenschen – „Ich helfe dir jetzt, ob du das willst oder nicht“ – auch in anderen Bereichen. Ich lese z.B. regelmäßig ein Blog über Entwicklungs- und Katastrophenhilfe. Dort wird immer wieder auf das Problem hingewiesen, dass viele Menschen spenden wollen – aber nur für bestimmte Projekte, die ihnen besonders gefallen. Dies zwingt die Hilfsorganisationen dazu, ihre Projekte den Wünschen der Spender anzupassen statt den Bedürfnissen der Hilfeempfänger. Das eigene Gefühl, „was Gutes getan“ zu haben und deshalb ein toller Mensch zu sein, wird über den tatsächlich vorhandenen Hilfsbedarf gestellt.
Eine solche Mentalität, plus das Aufgewachsensein mit Begriffen wie „Aktion Sorgenkind“ führt wohl gerade bei den älteren Semestern zu Situationen wie der hier beschriebenen.
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Hallo,
ich habe jetzt den Artikel und die Kommentare gelesen. Mir als Nichtbehindertem macht es alles nicht leichter. Normalerweise gehe ich „locker“ mit Behinderte um. Behandele sie wie alle anderen auch – mit nicht weniger oder mehr Respekt als andere auch. Ein Rollstuhlfahrer hat mir mal gesagt, wie gut er es findet, wenn sich jemand auf Augenhöhe zu ihm begibt, wenn er mit ihm redet. Seit dem gehe ich in die Hocke, wenn ich mit einem Rollstuhlfahrer rede.
Das hat nichts mit Mitleid zu tun – „nur“ mit Respekt.
Aber die Kommentare hier …. Ich bekomme hier das Gefühl, das man Behinderte am besten ganz in Ruhe läßt und ignoriert – denn egal was ich machen würde, ich mache es ja doch falsch.
Ist das gewollt ?
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Vielen lieben Dank für die zahlreichen und sehr anregenden Kommentare. Gerade auch die kritischen Beiträge bringen mir eine Menge an Anregung. Wie gern würde ich mit allen von Ihnen ein ausführliches Gespräch über das Thema führen… Ich bitte Sie um Verständnis dafür, dass ich nicht gleich zu jedem Ihrer Beiträge eine Antwort habe. Ich werde aber auf einzelne Punkte noch zu sprechen kommen, wenn ich ein bisschen mehr Ruhe zum Nachdenken gefunden habe.
Vielleicht aber zumindest kurz dieses: Mir ist durchaus bewusst, dass das im Post gewählte Beispiel ein extremer Fall ist. Ich wollte mit keiner Zeile die Menschen angreifen, die behinderten Menschen gegenüber hilfsbereit sind. Der ganz, ganz überwiegende Teil der Begegnungen mit sehenden Mitmenschen ist freundlich, respektvoll, oft sogar inspirierend. Nämlich immer dann, wenn man ins Gespräch kommt (so wie hier in den Kommentaren).
Ich wollte mit dem Post zeigen, wie es sich für uns anfühlen kann, wenn die Hilfsbereitschaft zu gut gemeint ist. Jeder ,der oder die mich kennt, weiß, dass ich es toll finde, mit Menschen über meine Behinderung zu sprechen, aus dieser Idee ist ja schließlich auch dieses Blog entstanden. Aber es muss doch auch okay sein, dass ich das mal nicht möchte. Vielleicht habe ich schlecht geschlafen oder private Sorgen, Kopfschmerzen. Ich war freundlich zu der Dame aus dem Post. Und ich kann mir rational viele Gründe vorstellen, warum sie so handelt wie sie gehandelt hat. Ich kann auch einen großen Teil Ihrer Anregungen nachvollziehen, wie ich besser hätte in der Situation reagieren können. Neben dem Verstand gibt es aber auch ein Gefühl. Und gewiss sagt das mehr über mich aus als über mein Gegenüber, aber es ist einfach ein Gefühl, das viele behinderte Menschen kennen. Das spiegelt sich ja auch in vielen Ihrer Kommentare wider. Es ist das Gefühl, dass uns nichts zugetraut, wir nicht als gleich wahrgenommen werden. Das Gefühl kennen auch viele behinderte Menschen, die keinen Arbeitsplatz bekommen, weil es Vorurteile bei Arbeitgebern gibt o.Ä.
Ich möchte ganz gewiss nicht der Ellbogen-Gesellschaft das Wort reden. Für mich ist ein Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen, das auf gegenseitige Wertschätzung (nicht auf Mitleid) beruht genau das Gegenteil der Ellbogen-Gesellschaft. Letztlich funktioniert unser Miteinander nur, wenn wir Menschen mit Handicap offen mit unserer Lage umgehen, um Hilfe bitten und uns auch eingestehen, wenn etwas mal nicht geht. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass wir alle (ob behindert oder nicht) über unsere Berührungsängste, Unsicherheiten und Vorurteile reflektieren, über sie sprechen und sie mit der Zeit ablegen. Ich bedanke mich bei den vielen Kommentatoren, die hier ihre Unsicherheiten formuliert haben und Fragen gestellt haben. Ich freue mich darauf sie und weitere zu beantworten.
Es gibt weder die einheitliche Gruppe der mitleidigen Nichtbehinderten, noch die einheitliche Gruppe der überheblichen Behinderten. Es gibt aber Situationen, in denen ein gewisses Verhalten nervt, aufs Gemüt schlägt. Und so eine Situation habe ich oben beschrieben.
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Ich kann die Gedanken des Autors ähnlich gut nachvollziehen wie das Agieren dieser Dame. Hmm, wenn ich es mir aber direkt aussuchen müsste, dann wären mir (zwanghaft) hilfsbereite Menschen lieber, als Menschen welche das Wort „Asozial“ förmlich auf der Stirn stehen haben!
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Ohne Mitleid ja, aber nicht ohne Mitgefühl. Sonst müssten ja alle Bauingenieure blinde Rollstullfahrer sein.
Dass es in D so lange gedauert hat, bis Standards für Barrieren am Bau niedergeschrieben waren, lag wohl dann nicht an zu großem Mitgefühl.
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hm das mit der alten Dame erinnert mich bischen an die Frage von Leuten zu denen man hinfahren muss : „und wissen sie wo die Strasse is ?t“
„ja Danke ich finde es sie müssen es nicht erklären “
„also da müssen Sie am Ortseingang …. und so weiter “
sowas hat gar nichts mir Behinderung zu tun die Leut hören einfach nicht richtig zu bzw können ihre Verhaltensmuster nicht ändern.
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Obwohl nicht behindert, kann ich den Autor gut verstehen. Und ja, es gibt eine ‚Hilfsbereitschaft‘, die keine ist. Sondern ein sich-selbst-Versichern, ach wie gnädig, gütig, (christlich?) man selbst doch ist.
Der Umgang mit Behinderten (und mir begegnen am Kölner Hauptbahnhof schon aus statistischen Gründen die verschiedensten Handicaps) ist doch einfach: genau so wie Nicht-Behinderte. Von mir aus behandelt sie wie ihr Leute mit viel Gepäck oder Kinderwagen behandeln würdet. Die springt man ja auch nicht an und drängt ihnen was auf. Man schaut sich die Situation an. Wenn man meint, der Andere *brauche* Hilfe, geht man hin und fragt höflich. Und denkt vielleicht sogar ein bißchen dabei nach: wir Nichtblinden wissen doch inzwischen, wie gut Blinde sich orientieren. Ich käme gar nicht auf die Idee, einem Blinden zu sagen (sagen zu müssen), wo sich die Türen einer U-Bahn befinden. Einem Mann mit Kinderwagen muss ich auch nicht helfen, die Karre in den Aufzug zu manövrieren, oder?
Die drei, vier Sekunden, die es braucht, eine Situation einzuschätzen, haben wir meistens ohnehin Zeit. Also: schaut hin, denkt nach – und ggf. fragt einfach, ob Hilfe erwünscht ist.
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Zum eigentlichen Thema ist hier glaube ich mittlerweile (fast) alles gesagt. Nur noch soviel zum Vergleich Deutschland-England: Die Engländer denken keineswegs anders als die Deutschen. Die bekommen nur von klein auf eingetrichtert, dass Emotionen in der Öffentlichkeit zeigen „unhöflich“ ist und mauern sich eine ordentliche Fassade auf. (Um hier jetzt mal ganz grob zu pauschalisieren und zu überzeichnen.) Der Engländer fühlt im Zweifelsfall also genauso mitleidig-herablassend, zeigt es nur nicht nach außen. Da kann man jetzt drüber diskutieren, ob das die Sache besser macht… „echte“ Verhaltensänderung kommt auf diesem Wege jedenfalls nicht zustande. Wer mitleidig-herablassend fühlt und das zeigt – und daraufhin eine entsprechende Reaktion bekommt, mehrfach – der wird sein eigenes Verhalten wahrscheinlich schon in Zukunft überdenken. Wir sind ja alle, zumindest auf dem Papier, lernfähig. 😉
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Ah ja…
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