Ich muss es mal schreiben. Es ist undiplomatisch, ruppig und nicht gerade etwas, das man von einem Menschen hören will, der Kommunikation zum Beruf gemacht hat. Und in der Tat verstehe ich meine Arbeit als PR’ler für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen so, dass ich auch den Kontakt zu Mitbürgern suche, die Vorurteile gegenüber Behinderten haben. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, ihre Vorurteile abbauen zu können. Und das werde ich auch weiter versuchen. Dennoch gibt es auch eine Wahrheit, die ich mal so klar hier formulieren muss: Euer Mitleid kotzt mich an!
Es war auf meinem Weg zur Arbeit, als mich auf dem U-Bahnsteig eine ältere Dame ansprach: „Kann ich Ihnen beim Einsteigen helfen?“
Diese Frage wird mir häufig gestellt, und ich finde sie absolut okay. Ich sage dann in der Regel, so auch zu der älteren Dame: „Nein danke, das geht schon.“
Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Und geht das wieder weg?“
Sie meint meine Blindheit. Da bin ich mir sicher. „Nein, das geht nicht mehr weg“, sage ich denn auch.
„Wie schrecklich“, platzt es aus ihr heraus, „so ein junger Mann.“
Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass sie mir doch sagt, wo sich die Wagontür befindet, obwohl ich längst gehört habe, wo sie aufgegangen ist. In der Bahn will sie mir zeigen, wo ein freier Platz ist, obwohl ich vor einem Tag am Schreibtisch auch gern mal in der Bahn stehe. Es ist dieses Nicht-ernst-nehmen, das mich so wütend macht. Wenn ich sage, dass ich keine Hilfe möchte, dann ist das so. Wenn man mich dann nicht in Ruhe lässt, dann spricht man mir ab, selbst zu wissen, was gut für mich ist.
Es kam aber in diesem Fall noch schlimmer. Kurz vor dem Bahnhof, in dem ich umsteigen muss, kam die mitleidende Dame zu mir: „Wo möchten Sie denn gleich hin? Ich helfe Ihnen.“
„Bitte lassen Sie mich doch jetzt in Ruhe“, bat ich. Ich fühlte mich schlecht, irgendwie bedrängt.
„Ich möchte ja nur helfen“, rechtfertigte sie sich, um dann noch ein paarmal „wie schrecklich, so ein junger Mann“ vor sich hinzumurmeln.
Ich bezweifle, dass solche Menschen wirklich nur helfen wollen. Sie verlangen Dankbarkeit für etwas, das ich gar nicht haben will. Ihr Mitleid ist keine Hilfsbereitschaft, ihr Mitleid ist Überheblichkeit. Sie nehmen mich nicht als gleichberechtigten Menschen, sondern als hilfebedürftiges Wesen wahr. Sie übertragen ihr abwertendes Bild von Behinderung auf die behinderten Menschen selbst – ich jedenfalls hatte den Eindruck, mich für meine Blindheit rechtfertigen zu müssen. Möglicherweise fühlen sich die meist älteren Mitbürger sogar noch besonders menschlich, christlich vielleicht, aber das sind sie nicht. Im Gegenteil: ihr aufgedrängtes Mitleid tut weh. Ich jedenfalls fühlte mich an diesem Morgen schwach und entmündigt. Es ist nicht meine Behinderung, die im Alltag frustriert. Es sind Begegnungen wie diese, die Wut erzeugen.
Bereits im Januar 2007 schrieb Christiane Link – sie lebt als Rollstuhlfahrerin in London – in ihrem Blog „Behindertenparkplatz“:
Ich bin jetzt seit mehr als einem Monat in Großbritannien und ich glaube, es war der erste Monat meines Lebens (meine USA-Aufenthalte ausgenommen), in dem mir kein einziger Mensch begegnet ist, der mich offensichtlich bemitleidete. Und das obwohl ich jeden Tag mit Kreti und Pleti im Bus durch die halbe Stadt gurke und manchmal Leute anspreche, ob sie mir in den Bus helfen können, wenn die Rampe sehr steil ist. Können wir das in Deutschland vielleicht auch mal trainieren? Hilfsbereitschaft ohne Mitleid.
Ich möchte Begegnungen wie die mit der Frau in der U-Bahn nicht mehr haben. Und ich bilde mir auch ein, dass sie tendenziell seltener werden. Meine Vision ist, dass es auch in Deutschland eine Zeit geben wird, in der kein behinderter Mensch mehr solche Situationen erleben muss. Daher werde ich auch weiter gegen Vorurteile und für einen respektvollen Umgang mit behinderten Menschen streiten. Ich werde auch weiter über Möglichkeiten und Grenzen blinder und sehbehinderter Menschen informieren und das Gespräch zum Thema suchen. Ich freue mich darauf, Vorurteile abzubauen und Wissenslücken zu schließen (bei meinem Gegenüber und bei mir). Aber ich werde auch sagen, wenn mich Euer Mitleid ankotzt.
@Frank: Warum so kompliziert?
Ich kenne _keinen_ Behinderten, der nicht um Hilfe fragt, wenn er sie braucht.
Das lernt man in der Schulung. Wenn einer nicht fragt, braucht er grundsätzlich keine Hilfe. Man kann aber kurz fragen: „Gehts, oder soll ich anpacken?“ Und dann, wenn die antwort kommt „geht schon“ – dann muss man machen lassen. Das ist Hilfe.
Alles andere ist, wie bereits gesagt, Nötigung und keine Hilfe.
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Hi, Josephine hat mich hierher geleitet 🙂
Meine Erfahrung speziell mit alten Leuten ist, dass sie es wirklich nur gut meinen aber sie merken einfach nicht, wann es reicht. Selbst wenn man es ihnen sagt, sie wissen es definitiv immer besser.
Ich habe 2 Jahre in Marburg gelebt und dort festgestellt, dass Blinde toll zurecht kommen und wenn sie HIlfe brauchen, melden sie sich schon.
Mein bestes Erlebnis war bei einer Kinopremiere, da setzten sich 2 Blinde neben mich. Ich war echt erstaunt, als Sehende die sich da nie wirklich Gedanken drum gemacht hat, war das Neuland. Die beiden kannten ganz offensichtlich das Buch als Grundlage des Filmes und haben nix verpasst. Lediglich einmal fragte mich mein Sitznachbar, was gerade passiert sei denn die Stelle war im Film etwas anders als im Buch und leider gerade auch nix zu hören, was einleuchtend wäre. Aber danach kam er wieder wunderbar alleine klar und am Ende des Filmes haben wir noch darüber diskutiert, wie gut der Film war 😀
Ich muss allerdings sagen, dass mir der Umgang mit behinderten Menschen manchmal etwas schwer fällt. Schon rein aus Reflex schaue ich sie an, so wie ich auch jeden anderen in Bus, Bahn und beim Einkaufen anschaue aber bei manchen bleibt der Blick halt doch einen Moment kleben und es ist mir unangenehm weil ich denke, dass die Leute das nicht mögen. Ich habe keine Ahnung ob es so ist aber ich versuche wegzuschauen was irgendwie noch auffälliger wirkt, so kommt es mir vor.
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Nö.
„Nein, danke.“
Vielleicht noch ein „lieb gemeint, aber geht schon“ hinterher. Aber mehr muss definitiv nicht sein.
Man ist Fremden keine Rechenschaft schuldig. Und eine Erklärung, warum man keine Hilfe braucht ist nichts weniger als Rechenschaft ablegen. Und ja, das Beispiel mit der Frau passt hier perfekt.
Man muss nicht deutlicher werden. Man lehnt Hilfe ab und kann dann mit Recht erwarten, dass das genug ist.
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Naja, ich kann schon verstehen, dass so eine Situation echt nervig sein kann. Aber böse Absicht würde auch ich der alten Dame nicht unterstellen. Ich glaube das ist wirklich eine Sache der Generationen. Alte Menschen, i. d. R. Frauen, sind oft einfach so.
Ich kenne das selbst von mir. Ich bin nicht behindert und für das folgende Beispiel ist es auch wichtig zu wissen, dass ich nicht schlank oder gar abgemagert bin, im Gegenteil. Trotzdem versucht mir meine Großmutter jedes Mal, wenn ich zu Besuch bin Essen aufzuschwatzen. Nicht nur einmal, zig mal. Meistens esse ich dann auch etwas, damit sie Ruhe gibt. Damit nicht genug, denn dann versucht sie mir etwas mit nach Hause zu geben. „du musst doch was essen, Kind!“ Als wäre ich nicht erwachsen und ich verdiene auch genug, um mir selbst essen zu kaufen. Es interessiert sie nicht, es ist immer das selbe Spiel. Und wenn ich schon dachte ich hätte mich erfolgreich durchgesetzt, finde ich auf dem Heimweg Essen in meiner Handtasche, dass sie mir heimlich rein getan hat.
Ich könnte jetzt auch argumentieren, dass sie nervt und überheblich ist, weil sie mir nicht zutraut für mich selbst zu sorgen. Tue ich aber nicht, ich lache einfach drüber.
Es gibt so viele Beispiele, z. B. die ältere Nachbarin, die ungefragt meine Mülltonnen nach der Leerung wieder rein holt, obwohl sie nicht darum gebeten wurde und es einem dann bei jeder Gelegenheit vorhält.
Du siehst, es geht auch nicht behinderten Menschen mehr als oft genug so.
Klar, mir passiert das natürlich nicht ganz so oft wie dir. Aber die Sache, vorallem mit älteren Damen, einfach mal mit Humor zu nehmen, erleichtert das Leben ungemein.
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Ich glaube, bis zu einem bestimmten Punkt hast du das noch mit Humor genommen. Wann kam der Punkt, an dem es nervte? (Gut, die Dame hätte mich auch gereitzt).
Als Nichtbetroffene, die aber ab und zu mit einem blinden Freund oder einer querschnittsgelähmten Freundin unterwegs ist, kommt mir das nur zu bekannt vor. Wir lachen meist noch drüber.
Am besten fand ich ja bei meiner Hochzeit, als mein Großonkel – jenseits der 80 aber eigentlich von hoher Intelligenz – zu mir kam und flüsterte, ich könne doch meinem blinden Freund nicht noch einen Whisky einschenken (nach dem Motto: „Der weiß doch gar nicht, was oder wieviel er trinkt.“). Ich wäre vor Lachen fast kollabiert. Meine Antwort: „Der ist Student, der kann das ab.“
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Ohhhhhh, da kann ich Dir aber ganz andere Sachen über laute Kommentare über Dicke erzählen – nicht weil ich sie absondere, sondern weil ich schon mehrfach welche gedrückt bekommen habe (reichte von fette Sau bis „wenn man so aussieht wie Sie, kriegt man im Puff keinen ab“).
Dabei bin ich zwar einiges zu schwer, aber von Reiner Calmund noch ein paar Ecken entfernt….
Aber da solche Kommentare ebenfalls ungehörige Scheiße sind (sorry für das braune Wort), gilt das natürlich auch für den Kommentar der Dame im Blogbeitrag.
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Hallo! Bin über die „Heldin im Chaos“ auf deinen Artikel gestoßen und wollte sagen, dass ich nach Jahren des Grübelns endlich den Wutausbruch eines Münchner Rollifahrers verstanden habe. Bis eben hatte ich mich nämlich gewundert, warum jemand eine alte Dame anschreit. Wörtlich hieß es glaub ich damals: „Ich brauche keine Hilfe von Leuten, die schon mit einem Bein im Grab stehen.“ Wahrscheinlich ist dem Ausbruch des Herrn ein ähnliches Bemitleidungsritual voraus gegangen.
Die allgemeinen Ratschläge hier – du sollst das doch mit Humor nehmen – finde ich persönlich bescheuert. Ich kenne genug Situationen da möchte ich meine Mutter anbrüllen, sie soll mich doch nicht ständig bevormunden. Wenn ich mir das auch noch von Fremden gefallen lassen müsste, würde ich vermutlich die Beherrschung verlieren.
Alles Liebe,
Antonia
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Volle Zustimmung. Kenne ich.
Willst du nicht doch was? Ach komm. Das nicht? Vielleicht das hier? Nein Danke, ich bin wunschlos glücklich. OK. — Aber wie wär’s hiermit? Nicht doch vielleicht? Na gut, OK, dann nehme ich das. Siehst du, ich wusste doch, dass du was willst.
Da machst du nix dran.
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SEI DANKBAR! Ob du willst oder nicht!
*hüstel*
Erinnert an das ungeliebte Weihnachtsgeschenk, für das man dankbar sein musste, weil es von der Erbtante kam. Ja, einen Waschlappen habe ich mir schon immer gewünscht…
Du hast eine behinderte Person in deinem Umfeld?
Das hat so ziemlich jeder. Und der Satz „Deshalb solle(s)t du dankbar sein, das(s) du überhaupt ein lebenswertes Leben führen kannst“ ist ja mal unter aller Kanone. Wer klassifziert ein Leben? Wer bestimmt, was lebenswert ist und was nicht?
Im Übrigen wurde die am weitesten verbreitete Blindenschrift (Braille-Schrift) von einem Blinden erfunden und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass ein sehender Mensch auf die Idee mit den hukeligen Bahnsteigbegrenzungen gekommen ist.
Was du da von dir gibst, sind schon keine „deutlichen Worte“ mehr, sondern scharf an der Grenze zur Diskriminierung.
Antonia
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Hi,
zum Thema ist ja schon vieles gesagt worden. Was mich ankotzt: der Titel des Blogposts. Euer Mitleid kotzt mich an. Das ist doch genau das selbe Schubladendenken, das ‚uns‘ vorgeworfen wird.
Ich glaube, solange selbst behinderte Menschen noch in ‚wir‘ ind ‚ihr‘ unterteilen (siehe auch der Dialog zwischen Ali und Anna-Karina: ‚Urteilt nicht über etwas, wovon ihr nichts verstehen könnt.‘, was impliziert: ‚wir‘ verstehen ‚euch‘ sowieso nicht), wird ein auf gegenseitiger Wertschätzung beruhendes Miteinander nicht möglich sein. Von beiden Seiten.
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Wir sind so gerne bereit, Leute für ihr Fehlverhalten zu entschuldigen. Verstehen und Verständnis haben, sind zwei verschiedene Dinge. Ob behindert oder nicht, ein Nein nicht akzeptieren, heisst den anderen nicht ernst nehmen und nicht respektieren. Alt hin oder her, Dame oder Herr. Mitleid ist immer etwas verachtendes. Dient so hart das klingt, nur dazu sich selber – da nicht darunter leidend – besser zu fühlen.
Und jemand dazu noch zum Leidenen wider Willen, wie in diesem Fall, zu machen, würd mich auch ankotzen.
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Die Unmenge von stürmischen Kommentaren zeigt doch, dass hier von Heiko ein erstaunlich bedeutendes Sujet theamtisiert wurde.
Erst einmal dnke ich: Ein Autor ist nicht verpflichtet zu leidenschaftsloser Objektivität, genauso wenig sind es natürlich die Kommentatoren. Ich halte es für vollkommen legitim einen spontanen Gefühlsausbruch zu veröffentlichen. Ein hitziges Streitgespräch hat kaum je geschadet.
Wie sich offenbart hat, ist das Thema brisanter als erwartet.
Viele Kommentatoren haben weniger auf die geschilderte Aufdringlichkeit der ungebetenen Hilfestellung geantwortet, als auf die unklare Konstellation von Leuten mit Behinderungen und denen ohne im Generellen. Ich denke, das ist der Punkt.
Es ist ja nun nicht neu, oder etwa selten oder nicht alltäglich, dass Menschen Behinderungen haben. Seit es die Menschheit gibt, haben nicht alle von ihnen die vollständige Kontrolle über alle Sinne und Funktionen des Körpers. Das ist normal und gehört zum Menschsein dazu.
Doch aus diversen Gründen ist das offensichtlich längst nicht allen Leuten bewußt. Wir leben in gewisser Wiese in unterschiedlichen Universen. Die einen sind nicht wirklich in die Welt der anderen integriert. Das ist beidseitig gemeint.
In Deutschland gibt es nur sehr wenig integrative Schulen. Wer blind ist, spastische Lähmungen hat, einen Rollstuhl benutzt, gehörlos ist, wird genötigt, sich in besondere Lehranstalten zu begeben. Der Kontakt zu Gleichaltrigen ohne die jeweilige Sinnes- oder Funktionssabwesenheit wird also erschwert. Wir wachsen nicht selbstverständlich miteinander auf. Wir werden von früh auf in überflüssige Kategorien eingeordnet.
Jetzt wird vielleicht jemand antworten: „Ja aber Blinde können doch keine Schwarzschrift lesen“, oder „Die Gebärdensprache versteht aber doch ein Hörender gar nicht“ oder „Aber Spastiker sind immer so langsam“ oder „Wie soll denn ein Querschnittsgelähmter am Sportunterricht teilnehmen?“
Und ich sage: „Warum können Sehende eigentlich nicht Braille lernen? Oder Hörende Gebärdensprache? Wieso ist das Lormen nicht ein allgemeinenes Schulfach? Wer schon mal von den Paralympics gehört hat, weiß auch, dass eine Körperbehinderung eben kein Hinderungsgrund ist, Medaillen zu gewinnen. Wenn Sportrollstühle nicht so teuer wären, würden viele Fussgänger Rollstuhlbasketball spielen.
In Spanien sind die Schulen übrigens integrativ und da kann dann ein Mann mit Down-Syndrom auch mal ein Hochschulstudium abschließen.
Wir haben einfach nicht gelernt, einen Teil des Normalen als normal zu betrachten. Das gilt natürlich ebenso für Leute mit Behinderungen, wie für diejenigen ohne. Auch jemand im Rollstuhl kann gedankenlos einem Blinden ein. „Da drüben müssen wir hin“ sagen. Und Blinde spielen auch mal Theater in Räumlichkeiten, die im Rollstuhl unmöglich zu entern sind.
Weil wir nicht automatisch die Situation anderer einschätzen können, machen wir Fehler. Es gehört zu unserer Sozialisation. Wenn wir miteinander aufwachsen würden, wäre das anders. Dann könnten wir einschätzen, ob jemand einfach ganz normal behindert ist und routiniert tut, was er eben gerade macht. Weil der Weg jemandem offensichtlich vertraut ist, weil eine Beschriftung in Großschrift und in Braille zur Verfügung steht, weil es Rampen und Fahrstühle gibt und weil sich eine Tür ohne viel Muskelkraft öffnen läßt. Seit es SMS gibt, muss man für einen Gehörlosen auch nicht ständig die Telefongespräche übernehmen.
Braucht es denn wirklich so viel Sensibilität, um zu bemerken, ob jemand sich dann doch einmal in einer Notlage befindet und ein wenig Unterstützung benötigen könnte?
Wenn ein Blinder geradewegs durch die offene Abzäunung auf eine Baugrube zusteuert, kann es nicht schaden zu rufen: „Entschuldigung, sie sind da etwas vom rechten Weg abgekommen.“ Wenn ein Rollstuhlfahrer fluchend vor den Stufen zum Kinoeingang steht, darf der Fussgänger fragen, ob Unterstürzung gefragt ist. Und wenn dem E-Rolli mitten auf der Kreuzung der Saft ausgegangen ist hilft eine Schiebetour zur Steckdose.
Es wird immer Mißverständnisse geben, doch entspannte Normalität im Umgang miteinander, könnte uns vieles erleichtern. Solange wir, wenn auch nur unbewusst, anehmen, dass Menschen, die sich anders bewegen, die anders oder gar nicht sprechen, die anders aussehen, nicht zu den ganz gewöhnlichen alltäglichen Leuten gehören, werden wir uns nicht entspannt verhalten können. Solange werden wir auch Hemmungen ihnen gegenüber haben. Und wir werden uns einbilden, dieses anders sein, wie wir es empfinden, sei ganz fürchtbar schrecklich für die betreffende Person.
Ich habe das Glück, wenn ich es mal so nennen darf, das Fremde regelmäßig meine Behinderungen für die befristete Folge von Sportunfällen halten. Ich bin eben so ein Typ. Sogar der Ophtalmologe, der es wirklich besser weiß, dreht mir gedankenlos die Testergebnisse auf dem Bildschirm hin, die ich nicht wirklich erkennen kann. Und der Sanitätshausfachangestellte, der die Diagnose kennt und mir eben den Rollstuhl vermessen hat, wünscht gute Besserung, obwohl er weiß, das wird nichts mehr.
Aber weil ich für Nichtbehinderte so gesund aussehe, sind sie im Allgemeinen auch wesentlich entspannter mit Hilfsangeboten: „Brauchen Sie Unterstützung oder geht das so?“ Für sie gehöre ich nämlich zu ihnen, zu den Nichtbehinderten und daher gibt es diese Schwellenangst nicht. Wenn wir dann ins Gepräch kommen, höre ich schon auch oft dieses: „Oh, wie furchtbar.“
So bemerkenswert individuelle Besonderheiten und Begabungen auch sind, sie sollten die Normalität im Umgang miteinander nicht aushebeln. Ich bin ziemlich sicher, da wird sich in den nächsten Generationen einiges zum Positiven verändern.
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Ich finde die Reaktionen gegenüber der Frau ok, man kann sie ja daraufhinweisen, dass man keine Hilfe braucht.
Nicht ok finde ich jetzt hier so über sie herzuziehen und ihr zu unterstellen, dass sie es nicht gut gemeint hat.
Bei uns geht immer ein junger blinder Mann spazieren, die Straße unterhalb des Hauses. Ein Mal sah ich ihn in der STraße oberhalb, er lief immer hin und her, vollkommen planlos.
Da bin ich hin und hab gefragt ob ich ihm helfen kann, er meinte ja, ich solle ihn bitte an die Kreuzung von 2 bestimmten Straßen bringen, dann finde er schon weiter. Ich war auch zunächst unsicher ob ich ihn ansprechen soll.
Ich hoffe, er hat sich nachher nicht auch beschwert, dass immer so dämliche Passanten kommen und einen anlabern…
Etwas mehr Toleranz auch Deinerseits wäre nett. Vielleicht bist Du eines Tages auch froh, wenn Du mal wirklich Hilfe brauchst. Ich finde fragen besser als denken ist doch mir egal, der soll halt schauen wie er zurecht kommt.
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P.S.:
Ich handelte weder aus Mitleid noch aus Überheblichkeit.
Der Dame Überheblichkeit zu unterstellen ist nicht nett, denn wahrscheinlich war es nur absolute Unsicherheit.
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Es ging doch verdammt noch mal nicht um das Hilfe anbieten. Sondern dass er die Hilfe nicht brauchte und abgelehnt hat. Er wurde dann aber NOCHMAL gefragt. Und da die Dame dann immernoch Langeweile (wenn schon keine Überheblichkeit) hatte hat sie ihn auch noch bemitleided.
Er hätte sich garantiert nicht beschwert, hätte sie nach dem ersten Mal noch einen guten Tag gewünscht.
Dein „wenn du mal wirklich Hilfe brauchst“ ist unter aller Kanone. Alleine der Vergleich zwischen penetrantem ungefragten Nerven vs. bitte um Hilfe ist ziemlich…
Lesekompetenz: Überbewertet.
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Gerade das Gerede von „junger Mann“ und „ach wie schlimm“ scheint ja eher Oma-typisch zu sein (weil zu deren Jugendzeiten ein Behinderter halt ein „Dorftrottel“ gewesen wäre). Ebenso wie die Anrede „Fräulein“ für unverheiratete Frauen 😉
Sehr beeindruckend übrigens, wie selbstbewußt Sie hier den Schluß ziehen, daß sie eine abwertende Meinung hat. Da ist es geradezu bemerkenswert gnädig, nur „das Gefühl“ zu haben, Sie müßten sich für Ihre Behinderung rechtfertigen („… und dann hat sie auch noch eine Rechtfertigung verlangt …“ wäre noch kerniger gewesen). Schön, daß auch Sie noch einen Rest an Zweifel haben, vielleicht hinterfragen Sie damit gleich noch den Ausdruck „euer Mitleid“ – ziemlich überhebliches Schubladendenken.
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Was mich „ankotzt“ sind Leute, die nur einen Blick für ihre eigenen Unzulänglichkeiten haben. Alte Leute sind eben manchmal etwas wunderlich, das ist nicht ungewöhnlich.
Ich finde es sehr amüsant, wie manche Leute ständig ihre Eigenständigkeit betonen, aber dann doch in vielen Situationen Hilfe brauchen. Eine Sehbehinderung ist immer eine starke Einschränkung. So kann man als Blinder selber nur sehr schwer sehen wenn jemand Hilfe braucht, und z.B. einer unsicher wirkenden alten Dame über die Straße helfen.
Es mag ein Vorurteil sein, aber viele Behinderte sind vor allem auf sich fixiert, auf eine möglichst große Selbstständigkeit. Da erscheint es wohl höchst lästig und deprimierend, wenn ständig Hilfe angeboten wird.
Auch ich, als nichtbehinderter Mensch, wurde von älteren Menschen angesprochen, z.B. von einer dementen Frau im Supermarkt, die nicht wusste welcher Tag war und was sie für das Wochenende kaufen sollte. Sie lief ziemlich ziellos umher.
Klar, das ist manchmal lästig, aber ich versuche da immer freundlich zu bleiben und so gut es geht zu helfen.
Heiko, als Behinderter siehst wohl gewisse „Taktlosigkeiten“ direkt als Angriff auf deine Persönlichkeit, hmm? Wie wärs, wenn du stattdessen mal an deinem Umgang mit älteren Menschen arbeitest? Es geht nicht immer nur um dich, und je eher du das begreifst, umso besser.
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@Florian: Wenn Du Dir unsicher bist, ob Du helfen kannst, dann frag einfach. Die meisten behinderten Menschen sind keine verbitterten, unfreundlichen Unmenschen.;-) Und wenn ein behinderter Mensch einfach nur dasteht oder zielstrebig seinen Weg geht, dann kannst Du erstmal davon ausgehen, dass alles klar ist. Wenn ein blinder Mensch immer hin – und herläuft weil er z. B. einen Eingang nicht findet, freut er sich wahrscheinlich, wenn Du ihn ansprichst.
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Ich versuche das immer freundlich zu sagen. Ich glaube nicht, dass in diesem konkreten Fall mehr Bestimmtheit genützt hätte. In den meisten Fällen wird ja auch ein „Nein, danke“ akzeptiert, manchmal führt es sogar zu einem für beide Seiten interessanten Gespräch.
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@Frank: Sich gegenseitig zu helfen, ist prima. Mir ging es in meinem Post darum, dass man dies möglichst ohne Mitleidsbekundungen wie „Schrecklich, Sie sind ganz blind“ o.Ä. tut und ein „Nein, danke“ akzeptiert.
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