Blind im Medien-Job

Blinde Menschen in Medien-Berufen. Zu diesem Thema hat mich in der vergangenen Woche eine Journalistik-Studentin der Uni Hamburg interviewt. Für eine Recherche-Übung porträtiert Laura Schneider einen blinden Studenten der Medienwissenschaft. Als PR’ler und als Medien-Konsument wünsch ich mir, dass Journalisten immer soviel Freiheit und Zeit für die Artikel-Recherche hätten wie der Berufsnachwuchs an den Unis. Laura Schneider war perfekt auf das sehr spezielle Thema vorbereitet, hatte diverse Vorabmails an die Experten geschickt und war sehr interessiert. Auf mich war sie durch meine Mitarbeit im Leitungsteam der Fachgruppe Medien des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) aufmerksam geworden.

Einige von Schneiders Fragen und meine Antworten dazu:

1. Wieviele blinde Menschen studieren bzw. arbeiten in den Medien in Deutschland?

 

Hierzu gibt es kein belastbares Zahlenmaterial. In der Fachgruppe Medien des DVBS sind rund 100 blinde und sehbehinderte Medienschaffende zusammengeschlossen. Das Spektrum reicht von wissenschaftlichen Dokumentaren, über Rundfunk-Journalisten bis zu PR-Profis. Einige arbeiten hauptberuflich in diesen Bereichen, andere machen z. b. eine ehrenamtliche Radiosendung im Offenen Kanal oder im Internet. Insgesamt dürfte die Zahl aber gering sein. Das liegt daran, dass die meisten blinden Menschen erst im Alter ihr Augenlicht verloren haben und die Chancen sehbehinderter Menschen in den Medien – wie in allen Berufszweigen – sehr schlecht sind. Schätzungen zufolge sind überhaupt nur knapp 30 Prozent der Blinden im berufsfähigen Alter in einem regulären Arbeitsverhältnis.

2. Bieten alle Universitäten Deutschlands, wo man „etwas mit Medien“ studieren kann, das Studium auch für Blinde an?

Wenn man es als Blinder geschafft hat, an einer Förderschule oder integriert an einer Regelschule sein Abitur zu machen, dann kann man in Deutschland formal alles studieren. Härtefall-Regelungen setzen dabei sogar den Numerus Clausus außer Kraft. Speziell für Blinde wird kein studiengang angeboten. Überhaupt ist die Begleitung der behinderten Studenten von Uni zu Uni sehr unterschiedlich. An der einen Hochschule gibt es ein spezielles Förderzentrum, an anderen Bibliotheksräume mit blindengerechten PC’s, an anderen Unis nichts dergleichen. In der Praxis gibt es aber Studiengänge, die besser geeignet sind als andere. So ist sicherlich ein Studium mit dem Schwerpunkt visuelle Medien eher suboptimal, während viele blinde Menschen gerade beim Radio-Journalismus ihre sehenden Kommilitonen in die Tasche stecken könnten.

 

3. Gibt es häufig Beschwerden von Blinden bezüglich der Schwierigkeit, an Bildung oder Arbeit zu gelangen? Wie schätzen Sie die vom Staat zur Verfügung gestellten Möglichkeiten ein?

 

Immer wieder gibt es Probleme. Fachliteratur gibt es nicht in Brailleschrift. Wissenschaftliche Texte müssen aufwändig eingescannt oder aufgelesen werden. Wenn sehbehinderte Studies dann an einen nichtkooperativen oder planlosen Professor geraten, haben sie einen für die Seminarstunde relevanten Text nicht rechtzeitig lesen können. Oder das ergänzende Folienmaterial wird nicht zur nachträglichen Bearbeitung freigegeben. Das sind aber Ausnahmen. Von den rechtlichen Rahmen-Bedingungen und vom Alltag an den meisten Unis her kann man als blinder Mensch in Deutschland erfolgreich studieren. Die Probleme beginnen meist erst bei der Jobsuche und im Berufsleben. Infolge der Hartz-Reformen wurde die Arbeitsplatzvermittlung auch für behinderte Menschen weitgehend regionalisiert. Überforderte Agentur-Mitarbeiter sollen plötzlich blinde Akademiker in einen Medienjob bringen und scheitern dabei immer wieder. Hier muss dringend eine bundesweite, zentrale und kompetente Jobvermittlung für behinderte Studierte her. Vorurteile, Unwissenheit und Ängste bei vielen Arbeitgebern machen es uns enorm schwer, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Dabei gibt es die Möglichkeit, bis zu 70% der Lohnkosten vom Staat tragen zu lassen. Hilfsmittel-Ausstattungen – wie Braillezeilen und sprechende PC’s – werden ebenfalls von der Arbeitsagentur übernommen. Problematischer ist da schon, dass in vielen Unternehmen regelmäßig neue Software installiert wird, neue Datenbanken erstellt werden usw. Und das häufig, ohne zu überprüfen, ob die blindenspezifischen Hilfsmittel damit funktionieren.

4. Kennen Sie bestimmte Arbeitgeber im Medienbereich, die ihre betrieblichen Strukturen so anpassen, dass blinde Menschen beschäftigt werden können?

Das Vorzeigeunternehmen schlechthin gibt es nicht. Was man sicher sagen kann, ist, dass es eher noch die öffentlichrechtlichen Anstalten sind, die sich an die Behindertenquote von fünf prozent halten. Ich selbst kenne wissenschaftliche Dokumentare, die in Rundfunkarchiven arbeiten oder blinde Nachrichtensprecher. Auch in der schreibenden Zunft gibt es den einen oder anderen blinden Journalisten. Ich kann nur jedem Unternehmer empfehlen, sich an einen Blinden- und Sehbehindertenverein wie dem BSVH zu wenden, wenn Fragen rund um die Integration von Mitarbeitern auftauchen.

5. Wo sehen sie Vor- bzw. Nachteile von blinden Menschen im Medienbereich (Studium und Beruf)?

Die Nachteile liegen vor allem im alltäglichen Umgang, in unausgesprochenen Vorurteilen und Berührungsängsten auf beiden Seiten. Das ist kein Spezifikum der Medienbranche, sondern ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem. Die Nachteilsausgleiche, die blinde Menschen an Unis eingeräumt werden (verlängerte Abgabefristen für Abschlussarbeiten, mehr Zeit für Klausuren usw.) sind keine Vorteile, sondern nötige Nachteilsausgleiche. Journalistische Arbeit bedeutet Zuhören, Verstehen, Nachfragen. Viele blinde Menschen sind Profis darin, Infos und Zwischentöne aus dem gesprochenen Wort herauszufiltern. Sie sind gewiss ebenbürtige Journalisten. Und – wie gesagt – Radio ist das Leitmedium für viele blinde Menschen. Nicht selten sind Amateur-Shows blinder Journalisten mit einer höheren Professionalität produziert als manch eine Massenware der sehenden Radioprofis. Da stimmt oft jeder Anschluss, Musik und gesprochenes Wort harmonieren, Jingles werden rhythmisch perfekt eingesetzt. Leider sind das Fähigkeiten, die immer weniger in den hochcomputerisierten Radiostudios benötigt werden.

Wie soll sein Schnitt?

Friseur-Besuche können doch sehr ernüchternd sein. Ich meine nicht den entstandenen Haarschnitt, sondern dass ich dort einmal mehr mit dem Bild konfrontiert wurde, das ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft von blinden Menschen hat. Eigentlich habe ich bei „Gute Köpfe“ meist positive Erfahrungen gemacht: die MitarbeiterInnen boten mir ihren Arm an, begleiteten mich durch den wuseligen, mit hipper Musik beschallten Laden und plauderten ein Wenig mit mir. Mit den Frisuren war ich auch immer zufrieden. Aber letzten Freitag – wie schon auf Twitter verkündet – war es bizarr. Als ich auf dem Stuhl Platz genommen hatte, legte mir die Friseurin den Umhang um und ging schnurstracks zu meiner Freundin.

„Wie soll sein Schnitt?“, fragte sie Anna.

„Fragen Sie ihn“, antwortete diese.

Verwirrt und etwas unsicher kam die Gute-Köpfe-Dame zu mir. „Ich dachte, Du wärst blind.“

„Das bin ich auch“, antwortete ich, „trotzdem kannst Du mich fragen.“

Nachdem ich ihr beschrieben hatte, was ich wollte, sagte sie kein Wort mehr. Bis sie mich fragte, ob ich einmal anfassen möchte, ob es so okay sei. „Geht doch“, dachte ich.

Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen ist ganz normal. Ich selbst bin zum beispiel oft nervös, wenn ich mit geistigbehinderten Menschen spreche. Aber sollte es nicht selbstverständlich sein, dass wir dann fragen stellen, undzwar dem betroffenen und nicht seiner Begleitung. Ich war beim Friseur und wollte einen neuen Haarschnitt. Da werde ich doch wohl auch wissen, was ich möchte. Zumal man Haarschnitte ja nun wirklich fühlen kann. Stattdessen werden behinderte Menschen viel zu häufig nicht auf einer Augenhöhe betrachtet.

Gerade in Deutschland sehen viele Menschen in uns hilflose, hilfebedürftige und unselbstständige Wesen. Ich erlebe es immer wieder: in der U-Bahn, bei Ärzten und in Geschäften. Ich möchte nicht wie ein Kind behandelt werden. Das ist doch wohl das Mindeste, was behinderte Menschen sich wünschen dürfen. Für die Selbsthilfe-Organisationen – wie dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg – gibt es da noch viel an Öffentlichkeitsarbeit zu tun, um das Behinderten-Bild in Deutschland Stück für Stück zu modernisieren. Und auch jeder Einzelne ist gefordert, den Mund aufzumachen, auch wenn es Kraft kostet. Denn in der Regel ist es kein böser Wille, der hinter dem verhalten der nichtbehinderten Mitbürger steht. Es ist einfach Unwissenheit. Und die muss weg!

Schön, dass es meistens aber anders ist. Beim Curry-Grindel fragte mich der Chef nach meinem Friseur-besuch: „Haben Sie großen Hunger?“ Ich sagte ja. „Na, Sie sehen ja jetzt nicht, was ich hier tue“, sagte er lachend und schaufelte mir dabei einen gewaltigen Pommes-Berg auf den Teller. Ich lachte mit ihm.

Ein Auftakt nach Maß

Das Jubiläumsjahr hat begonnen. Am 4. Januar feierten blinde und sehbehinderte Menschen weltweit den 200. Geburtstag Louis Brailles. Die rund 3000 blinden und über 40.000 sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger hatten noch einen Grund zum Feiern: der BSVH wurde gestern 100 Jahre alt. Diese zwei Gründe zum Feiern haben wir erfolgreich gewürdigt. Um 15.00 weihte Kultursenatorin von Welck den Louis-braille-Platz ein. Über 100 Menschen besuchten trotz Regen und Kälte den vorplatz der U-Bahn Hamburger Straße. Neben Frau von Welck würdigten der französische Konsul Tutin und der zweite Vorsitzende des BSVH Kißler die Leistung Brailles.

Im benachbarten Louis-Braille-Center, dem Dienstleistungszentrum des BSVH, feierten 350 Menschen das Vereinsjubiläum. Das kabarettistische Urgestein Hans Scheibner trat dort ebenso auf wie der Sänger Jochen Wiegandt, dessen plattdeutsche und hanseatische Volkslieder und Geschichten überraschend zeitlos daher kommen. Die Mitarbeiter und Helfer können stolz sein. Eine infrastrukturelle Meisterleistung ist geglückt. Der Partyservice Giffey verstand es großartig, unsere blinden und sehbehinderten Besucher zu bedienen – unaufdringlich und effektiv. Ein echter Hingucker war die Riesentorte, auf der in Blinden- und Schwarzschrift stand: „200 Jahre Louis Braille – 100 Jahre BSVH) und auf der leckere Hände die Punktschrift lasen. Das fand auch das Hamburg-Journal, das die Torte in der sonntagsausgabe zeigte.

Überhaupt war das Medien-Echo erfreulich: Welt, Abendblatt, Mopo, Kobinet und die TAZ berichteten (letztere sogar zweifach). Die ausführlichste Information bot NDR 90,3 mit einer Live-Schaltung, mit Kurzberichten in den Nachrichten und einer lebendigen Reportage am Montagmorgen. Ich danke allen Journalistinnen und Journalisten für die Zusammenarbeit.

Jubiläumsjahr

200 Jahre Louis Braille, 100 Jahre Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg. Wenn das kein Jubiläumsjahr wird – und viel spannende Arbeit für mich mit sich bringt.

Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift, hat am 4. Januar 2009 200. Geburtstag. Seine Erfindung ermöglicht bis heute den blinden Menschen weltweit Bildung, Zugang zu Literatur und Information und ein selbstständiges Leben. Auch in Hamburg wird das Braille-Jahr gefeiert. Beispiele: am 04.01. um 15.00 Uhr wird der U-Bahn-Vorplatz Hamburger Straße in Louis-Braille-Platz umbenannt. Kultursenatorin Karin von Welck wird einweihen. Es sind zwischen Januar und August Veranstaltungen rund um die sechs Punkte geplant, die unter dem Motto „Tour de Braille“ stehen werden, einer bundesweiten Aktion mit 200 Events.

Und noch ein Geburtstag: Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) wird 100 Jahre alt. Neben einem Mitgliederfest zum Auftakt (04.01. im Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26) ist u. A. geplant: eine Kunstausstellung von Tastbildern der Malerin Armelle Mag, die Wiederaufnahme des Theaterstückes „Blindfische und Sehfische“ mit blinden Laiendarstellern und sehenden Profis in der Kulturbühne Bugenhagen (am 13. und 14.03.), ein offizieller Empfang für Politik und Gesellschaft, ein Straßenfest der Sinne am 06. Juni (u. A. mit Motorradfahren für blinde Menschen und vielen Erlebnissen unter der Augenbinde für die sehende Bevölkerung). Der BSVH vertritt die Interessen seiner knapp 1500 Mitglieder und aller blinden und sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger. Er bietet Beratung, Hilfsmittel und Kultur für Menschen mit Augenerkrankungen. Ich freu mich auf das Jubiläumsjahr!