Joana Zimmer im Interview: „Mein persönlichstes Album“

Heute erscheint „Miss JZ“, das neue Album von Joana Zimmer. Die blinde Sängerin spricht in einem Interview mit mir über ihre neue musikalische Seite, über ihre TV-Pläne und über den Umgang mit ihrer Behinderung. Alle Infos rund ums neue Album finden Sie auf missjz.com. Joana freut sich auf Ihre Freundschaftsanfragen bei Facebook.

Joana Zimmer

Heiko: Heute erscheint Dein neues Album „Miss JZ“. Was erwartet Deine Fans musikalisch und stilistisch?

Joana: Momentan bin ich häufig auf Promotion-Terminen. Da bekomme ich viel positives Feedback: „Internationaler Sound“ oder „Dein bestes Album“. Das freut mich sehr. Erstmals ist auch ein Song mit einem Rap-Part auf der CD. Und ich kann sagen, dass es mein persönlichstes Album ist. Es ist stimmungsvoll und zeigt eine neue Seite von mir, die ich bisher noch nicht in meiner Musik ausdrücken konnte.

Heiko: Du kommst ursprünglich vom Jazz. Vermisst Du manchmal, diese Musik zu performen?

Joana: Ich baue Jazz bis heute immer wieder in meine Liveshows ein. Als ich anfing mit der Musik, hatte ich noch keinen eigenen Stil. Da habe ich eben Songs nachgesungen. Ich liebe aber den modernen Sound. Meine Inspiration hole ich mir aus ganz verschiedenen Sparten. Ein Track auf meinem Album ist zum Beispiel von einem Bach-Präludium inspiriert. Ich halte nicht viel von Kategorisierungen in der Musik.

Heiko: Neben der Musik warst Du auch schon vor der Kamera zu sehen, z. B. in der Telenovela „Rote Rosen“. Steht Schauspielerei auch zukünftig auf Deiner To-Do-Liste?

Joana: Ja, auf jeden Fall. Das hat damals viel spaß gemacht. Ich habe früher auch Theater gespielt. Songs sind für mich wie kleine Theaterstücke. Bei „Rote Rosen“ mitzuspielen war wirklich witzig.

Heiko: Kürzlich warst Du für die Dokusoap „Verrückt nach Meer“ auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs. Die Sendung läuft voraussichtlich im Januar 2011. Wie war es auf hoher See und was bedeutet das Meer für Dich?

Joana: Ich liebe das Meer. Das war eine coole und spannende Erfahrung. Ich hatte vorher noch nie eine Kreuzfahrt mitgemacht. Eigentlich bin ich bei Dokusoaps etwas skeptisch. Aber „Verrückt nach Meer“ war eine tolle Möglichkeit, mich meinen Fans von einer persönlicheren Seite zu zeigen. Das Schiff hat schon ein bisschen geschwankt. Das war aber vergleichsweise harmlos. Toll waren die Landgänge. Wir waren in Indien und den Arabischen Emiraten. Ständig die TV-Kameras dabei zu haben war schon sehr speziell. Aber das Team war nett und rücksichtsvoll. Dennoch werde ich das jetzt sicher nicht ständig machen.

Heiko: Während der Reise hast Du u. A. das Helen-Keller-Institut in Mumbai besucht. Was ist das für eine Einrichtung?

Joana: Das ist eine Einrichtung für taubblinde Menschen. Wenn man in einem Land wie Indien zu den Nichtprevilegierten gehört und dann noch ein Handicap dazu kommt, hat man es sehr schwer. Wir haben auch eine Augenklinik besucht, was für die Zuschauer sicher spannend wird. Gezeigt wird zum Beispiel ein Junge, der im Krankenhaus geheilt werden konnte. Beeindruckend sind die Schilderungen seiner Mutter. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass man den behinderten Menschen dort helfen kann. Ich finde es immer sehr ermutigend, dass das doch möglich ist. Daher bin ich auch Botschafterin der Hilfsorganisation Christoffel-Blindenmission.

Heiko: Im vergangenen Jahr bist Du beim Louis-Braille-Festival in Hannover und beim Fest der Sinne des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg aufgetreten. Welchen Stellenwert hat für Dich die Blindenschrift Louis Brailles und was hältst Du von den Selbsthilfe-Organisationen blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland?

Joana: Louis Braille ist einer der ganz, ganz Großen. Ich bin ein Punktschrift-Fan, obwohl ich natürlich auch hörbücher auf dem iPod höre. Eine Freundin von mir hat mir neulich einen langen Brief in der Brailleschrift geschickt, in dem sie Zu jedem Song des Albums etwas geschrieben hat. Den hatte ich auf meiner Reise dabei. Ich bin selbstverständlich Mitglied im Berliner Blinden- und Sehbehindertenverein, hab aber wenig Zeit, hier aktiv etwas zu machen. Ich versuche mit öffentlichen Auftritten für unsere Themen zu sensibilisieren.

Heiko: Du hast an einer Blindenschule Abitur gemacht. Im Musik- und TV-Geschäft arbeitest Du heute ständig mit sehenden Menschen zusammen. Ist Deine Behinderung für Dich und Dein künstlerisches Umfeld überhaupt noch ein Thema?

Joana: Eigentlich nicht. In Interviews werde ich immer wieder darauf angesprochen. Aber es hängt viel davon ab, wie man selbst damit umgeht, wie offen man ist. Als ich eine neue Promoterin bekam. hat sie erstmal mein Management angerufen und gefragt, ob sie etwas im Umgang mit mir berücksichtigen müsste. „Ja“, war die Antwort. „Buche für sie nur Nichtraucherzimmer.“ Ich rede ja offen über mein Handicap. Und so wurde meine Promoterin immer entspannter. Irgendwan kennt man sich. Und dann spielt die Behinderung keine Rolle mehr.

Heiko: Du bist im so genannten Web 2.0 unterwegs. Du hast einen Account bei Facebook und bist bei Twitter. Warum?

Joana: Ich mache das, um Kontakt zu meinen Fans zu halten. Ich kann sie Dank des Internets viel schneller updaten als früher. Das Web bietet da tolle Möglichkeiten. Für die Popularität einer Musikerin ist das Internet ganz, ganz wichtig. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich das Web 2.0 auch als Privat-Person so stark nutzen würde.

Jubiläum: Der deutsche Hörfilm wird 20

Der deutsche Hörfilm wird 20. Am 13. Dezember 1989 wurde mit „Die glücksjäger“ erstmals ein Kinofilm mit Audiodeskription in Deutschland gezeigt. Bei Hörfilmen werden Mimik, Gesten und visuelle Handlung für sehbehinderte und blinde Zuschauer beschrieben. Heute genießen Hörfilme großes Ansehen. Das zeigt die alljährliche Hörfilmpreis-Gala in Berlin, die im März die deutsche Film-Prominenz in die Hauptstadt lockt. Beinah täglich läuft inzwischen ein Film oder eine Serie mit Bildbeschreibung im TV. Die bewegte Geschichte des für mich so hilfreichen und unterhaltsamen Mediums schildert Hela Michalski, die Hörfilm-Beauftragte in Schleswig-Holstein, in einem Beitrag auf BSVH.org.

Die nächsten Hörfilm-Highlights im deutschen TV sind Käpt’n Blaubär, Lang lebe Ned Devine>/a<, Die syrische Braut, Elementarteilchen und Der große Diktator. Dann steht meinen gemütlichen Fernsehabenden ja nichts mehr im Wege. Und auch für sehende Zuschauer kann es ein besonderes Film-Erlebnis sein, einmal mit geschlossenen Augen das visuelle Medium zu erlauschen und neu zu erleben.

Perspektiven (2): „auf das Niveau von Tieren heruntergezogen“

Darf man blinde und sehbehinderte Menschen als Tiere darstellen, um damit Spenden zu sammeln? Das Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich ist diesen Schritt gegangen. In ihm leben überwiegend Senioren, die häufig durch altersbedingte Augenerkrankungen wie Makuladegeneration sehbehindert werden. Mit dem provokativen Spot wird auf zurückgehende staatliche Unterstützung reagiert, berichtet Christina Neuhaus in der NZZ vom 20.11.:

Die Geschichte mit dem Huhn führt weit zurück in die Vergangenheit. Sie führt in ein kleines deutsch-ungarisches Dorf in Transnubien. Frau H. war damals noch ein kleines Mädchen. Ihre Mutter hielt sich eine Glucke, die liebevoll und aufopfernd Generationen von kleinen Küken auszubrüten pflegte. Wenn Frau H. von diesem Huhn erzählt, glänzen ihre Augen, und sie breitet ihre Hände aus, um zu zeigen, mit wie viel mütterlicher Liebe dieses Huhn seine Flügel zu spreizen pflegte, wenn es seine Kinder um sich scharte. (…) Für Frau H., die heute im Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich lebt, war es deshalb selbstverständlich, dass sie in einem kurzen Werbefilm, den das Heim drehen liess, das Huhn spielen wollte. Andere verkörperten Pandabären oder Löwen. Im Abspann des oft gezeigten TV-Spots steht zu lesen: «Für Tiere wird in der Schweiz viel Geld gespendet. Für Blinde jetzt hoffentlich auch.»

Viele blinde und sehbehinderte Menschen fühlen sich durch den Spot diskriminiert und herabgesetzt. Sie wollen nicht als Mitleidheischende Randgruppe, sondern als vollwertige und selbstständige Bürger wahrgenommen werden. Bereits am 13. November zitierte die NZZ in einem Artikel aus empörten Leserbriefen von Betroffenen:

Während die Verantwortlichen mit dem Film zur Nachdenklichkeit anregen wollen, sehen viele Betroffene im Gezeigten eine Geschmacklosigkeit. Blinde Menschen würden auf das Niveau von Tieren heruntergezogen, schreibt Leu. Dabei sei der grösste Teil der blinden Menschen in der Schweiz erwerbstätig und führe ein eigenständiges Leben. Die meisten Blinden seien deshalb weder auf die Fürsorge eines Blindenwohnheims noch auf Spendengelder angewiesen. Der mitleidheischende Spot sei deshalb nur beschämend.

Ähnlich umstritten wie der Schweizer Werbespot dürfte auch die neue britische TV-Realsatire „Cast Offs“ sein, von der Wolfgang Koydl am 16.11. auf Jetzt.de berichtet. In dem Format werden sechs behinderte Menschen – darunter ein blinder Mann – auf einer einsamen Insel ausgesetzt.

Denn die sechsteilige Serie will nebenbei zum ersten Mal zeigen, dass Behinderte „nicht mehr und nicht weniger am Arsch sein können wie jeder andere auch“, wie Joel Wilson, einer der Produzenten, es drastisch formulierte. Bislang habe das Fernsehen Menschen mit Behinderungen entweder als „verbittert“ oder als „tragische Opfer“ gezeigt. Er hoffe, dass „Cast Offs“ zu einem unverkrampften Umgang mit Behinderten führt. „So was hat man nie im Fernsehen gezeigt“, sagte die Schauspielerin Victoria Wright. „Man zeigt uns als Erwachsene, die trinken, fluchen und Sex haben. Ich bin sicher, dass viele Leute sagen werden: Ach du meine Güte, ich wusste gar nicht, dass Behinderte so was tun.“

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Eine andere Liga

Er hat es geschafft. Barack Obama wird Präsident – und die ganze Welt freut sich. Welche Hoffnungen Obama erfüllen wird, das bleibt offen. Und sicher wird auf Euphorie irgendwann Desillusionierung folgen. Nichtsdestotrotz hat Amerika beeindruckend gezeigt, dass es eine funktionierende Demokratie ist und das es in den USA nicht nur christlichen Fundamentalismus und Marktradikalismus gibt. Ich hoffe, dass diese Erkenntnis in Europa nicht so schnell wieder vergessen wird. Antiamerikanismus ist plump und dumm. Und doch wird er früher oder später wieder aufflammen, wenn Obama international amerikanische Interessen vertritt. Und das wird er tun, das verlangt sein neues Amt, undzwar zurecht. Er wird es charmanter tun als Bush. Politischer Stil ist nicht unerheblich für die Wirkung in der Gesellschaft. In Sachen Stil verkörpert Obama den besonnenen, aber notwendigen Wandel. Gut denkbar, dass er die USA ökonomisch und militärisch stärken wird. Das wird für Europa nicht immer einfach sein.

Und Obama hat neue Maßstäbe an Politik-Performance gesetzt. Man denke nur an seine großartigen, perfekten Reden, das bewegende Timbre in seiner Stimme, seine empathische Wortwahl. Und vom PR-Standpunkt aus waren seine Wahlwerbespots berauschend. Der 30-Minuten-Spot zur Primetime war einzigartig. Stefan Niggemeier spricht zurecht von der Mutter aller Wahlwerbespots.

Aber gut, medial sind uns die Vereinigten Staaten ohnedies weit überlegen. Wer heute Nacht gezappt hat, konnte bei CNN Wahlbericht-Erstattung sehen, die spannend und professionell war wie Sport-Berichte, ohne dabei niveaulos zu sein. Im Ersten dagegen konnte man Monika Lierhaus im inhaltsleeren Plausch mit Tom Buhrow sehen, der sich nostalgisch seiner Highschoolzeit im Wisconsin der späten 70er Jahre erinnerte und riet, ein Land nie nach dessen Regierung zu beurteilen. Schließlich hätten wir Deutschen ja in den 30ern auch eine merkwürdige Regierung gehabt. – hm, hatten wir diese nicht mehrheitlich gewählt? – Und das ZDF brachte passend zu Tageszeit konsequent Programm zum Einschlafen. Vielleicht mögen ja unsere Politiker und TV-Schaffenden auch einmal von Amerika und Obama lernen. Zumindest unterhaltsamer wären Wahlen und Medien dann.