Selbstverständlich behindert

Barack Obama in seiner Siegesrede: „Hallo, Chicago. Wenn es da draußen irgendjemand gibt, der noch zweifelt, dass Amerika ein Ort ist, wo alles möglich ist, der sich noch fragt, ob der Traum unserer Gründer heute lebendig ist, der Fragen zur Kraft unserer Demokratie aufwirft, hat heute eine Antwort bekommen. Es ist die Antwort, die von den Warteschlangen vor Schulen und Kirchen gegeben wird, in Zahlen, die diese Nation nie gesehen hat, von Leuten, die drei Stunden und vier Stunden gewartet
haben, viele zum ersten Mal in ihrem Leben, weil sie glaubten, dass es dieses Mal anders sein muss, dass ihre Stimmen diesen Unterschied ausmachen können. Es ist die Antwort, die von Jungen und Alten gegeben wird, von Reichen und Armen, Demokraten und Republikanern, Schwarzen, Weißen, Hispanics, Asiaten, Indianern, Schwulen und Heterosexuellen, Behinderten und Nichtbehinderten. Von Amerikanern, die der Welt eine Botschaft geschickt haben, dass wir keineswegs nur eine Ansammlung von Einzelmenschen oder eine Kollektion von roten und blauen Staaten sind. Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika und werden das immer sein.“ (nach: diepresse.com)

Wann wird endlich ein deutscher Bundeskanzler oder -Präsident so selbstverständlich das Wort „Behinderte“ in einer bedeutenden Rede benutzen?

Eine andere Liga

Er hat es geschafft. Barack Obama wird Präsident – und die ganze Welt freut sich. Welche Hoffnungen Obama erfüllen wird, das bleibt offen. Und sicher wird auf Euphorie irgendwann Desillusionierung folgen. Nichtsdestotrotz hat Amerika beeindruckend gezeigt, dass es eine funktionierende Demokratie ist und das es in den USA nicht nur christlichen Fundamentalismus und Marktradikalismus gibt. Ich hoffe, dass diese Erkenntnis in Europa nicht so schnell wieder vergessen wird. Antiamerikanismus ist plump und dumm. Und doch wird er früher oder später wieder aufflammen, wenn Obama international amerikanische Interessen vertritt. Und das wird er tun, das verlangt sein neues Amt, undzwar zurecht. Er wird es charmanter tun als Bush. Politischer Stil ist nicht unerheblich für die Wirkung in der Gesellschaft. In Sachen Stil verkörpert Obama den besonnenen, aber notwendigen Wandel. Gut denkbar, dass er die USA ökonomisch und militärisch stärken wird. Das wird für Europa nicht immer einfach sein.

Und Obama hat neue Maßstäbe an Politik-Performance gesetzt. Man denke nur an seine großartigen, perfekten Reden, das bewegende Timbre in seiner Stimme, seine empathische Wortwahl. Und vom PR-Standpunkt aus waren seine Wahlwerbespots berauschend. Der 30-Minuten-Spot zur Primetime war einzigartig. Stefan Niggemeier spricht zurecht von der Mutter aller Wahlwerbespots.

Aber gut, medial sind uns die Vereinigten Staaten ohnedies weit überlegen. Wer heute Nacht gezappt hat, konnte bei CNN Wahlbericht-Erstattung sehen, die spannend und professionell war wie Sport-Berichte, ohne dabei niveaulos zu sein. Im Ersten dagegen konnte man Monika Lierhaus im inhaltsleeren Plausch mit Tom Buhrow sehen, der sich nostalgisch seiner Highschoolzeit im Wisconsin der späten 70er Jahre erinnerte und riet, ein Land nie nach dessen Regierung zu beurteilen. Schließlich hätten wir Deutschen ja in den 30ern auch eine merkwürdige Regierung gehabt. – hm, hatten wir diese nicht mehrheitlich gewählt? – Und das ZDF brachte passend zu Tageszeit konsequent Programm zum Einschlafen. Vielleicht mögen ja unsere Politiker und TV-Schaffenden auch einmal von Amerika und Obama lernen. Zumindest unterhaltsamer wären Wahlen und Medien dann.