Perspektiven (3): „Ich will kein Mitleid“

Martin Wyss porträtiert im Schweizer Beobachter (Ausgabe 24/09) die 16jährige Samira Wanzenried. Das blinde Mädchen besucht eine Regelschule. Lehrer, sehende Mitschüler und Samira selbst sind damit glücklich – Inklusion, wie sie sein soll:

Wenn Samira jemanden kennenlernt, entscheidet vor allem die Stimme über spontane Sympathie oder Antipathie. Wenn Menschen offen und unkompliziert auf sie zugehen, schätzt sie das sehr: «Ich will kein Mitleid.» Obwohl sie ihre Blindheit weitgehend akzeptiert, wünscht sie sich manchmal, etwas sehen zu können. «Wenn ich mit Kolleginnen unterwegs bin, sagen die oft: ‹Hey, schau dir mal den Typen an, der sieht super aus!› In solchen Momenten nervt es mich, dass ich nicht sehen und mitreden kann.»

Dass sehbehinderte und blinde Kinder in eine Regelschule gehen ist immer noch nicht selbstverständlich. Das zeigt der Fall Quendresa Maliqi. Die 17jährige Leipzigerin möchte ihr Abitur in Königs Wusterhausen machen, in einer Sonderschule. Daniel Thalheim zitiert sie in der Leipziger Internet Zeitung vom 6. Dezember in einem Artikel über ein Fotografie-Projekt von Sehbehinderten:

Die Schülersprecherin der Grünauer Filatow-Schule, Quendresa Maliqi, stammt aus dem Kosovo. Mit ihren Eltern kam sie 1999 aus dem damaligen Kriegsgebiet nach Leipzig und ist seit der dritten Klasse in der Filatow-Schule. Vorher besuchte die 17-jährige Schülerin eine klassische Schule, bis ihre Sehbehinderung festgestellt wurde. Nun möchte sie nach Königs Wusterhausen, um ihr Abitur zu machen. „Ich bin fast blind, aber das hindert mich nicht daran, meinen Berufswunsch Psychologie studieren zu wollen. Ich kann mich in andere Menschen hineinversetzen und weiß immer Rat, wenn mich jemand in Seelendingen fragt“, beschreibt die junge Frau ihren Berufswunsch.

Eine ganz andere, einsame Wirklichkeit beschreibt Ruby Collie (61), eine blinde Diabetikerin von den Seychellen. Die Blindgängerin hat Collie in ihrer kleinen, stickigen Hütte besucht und darüber am 21. November einen Blog-Eintrag verfasst:

„Sind Sie hier auf Praslin zur Schule gegangen?“ „Ja, aber nur zu Primaryshool und dort auch nur drei Jahre. Dann merkte man, dass ich nichts auf der Tafel lesen konnte und weil es damals noch keine Schule für Behinderte auf unserer Insel gab, war es das für mich mit dem Schulbesuch. Heute wäre es besser. Auf Mahé gibt es sogar eine Blindenschule“. „Also haben Sie auch nie gelernt, den weissen Blindenstock zu benutzen, oder Brailleschrift zu lesen.“ Mrs. Collie schüttelt mit dem Kopf (…) „Wenn ich sonntags zur Kirche gehen, nehme ich einen Regenschirm und taste damit nach Schwellen und Stufen“, sagt die Seychellois (…) „Sie gehen also jeden Sonntag zur Kirche?“
„Auf jeden Fall.“

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Sonntagabend: Postmodern und ungefiltert

Sonntagabend: Zeit für einen launigen Text, frei heraus, was gerade einfällt, aus dem Bauch heraus. Das ist nicht so einfach, wenn dort ein tonnenschwerer Griechen-Kloß alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Eine Restaurant-Kritik vielleicht? Okay. Also: reichlich, frisch, lecker. Fertig.

Das ist ja jetzt auch nicht Post-füllend. Dann irgendwas über Advent, Nikolaus und so. Das geht immer. Hab ich aber noch nichts von mitgekriegt – einzige Ausnahme: der Pizza.de-Schokokalender, auch nicht gerad eine Offenbarung für meine Leser.

Dann eben ein Blind-Kultur-Eintrag. Hab neulich Ralph Giordano gesehen, im Kino, er hat interessante Sachen erzählt über… Puh, zu schwerer Stoff. Mein Magen ist voll – erwähnte ich das bereits? Ein andermal drüber schreiben? ist ja leider zeitlos das Thema.

Die bezaubernde Anna und ich haben heut gemeinsam Kunst gemacht. Ich hab Eis zerschlagen und in den Kanal geworfen, und sie hat’s gefilmt. Hm, wär eigentlich ein ganz cooler Sonntagabend-Eintrag, wenn ich den Film dazu hochladen könnte. Er ist nur leider noch ungeschnitten in der Kamera. Und was die Künstlerin damit aussagen will, schreibt sie wohl besser selbst.

Was ja auch immer gut ankommt sind regressive Geständnisse eines 33Jährigen: Ich hab dies Wochenende acht ALF-Folgen geguckt („Geguckt? Du kannst doch gar nicht gucken.“ „Das sag ich aber so.“ „Wieso?“ „Das sagt man halt so. Muss ich denn, nur weil ich nicht sehen kann, anders sprechen als Du?“), und ich freu mich schon auf das Erscheinen der zweiten Staffel am Freitag. Hm, zieht auch nichts vom Teller, oder?

Mein Nachbar trampelt über mir… Ich esse gerade Apfel… Ich möchte mit dem Zug von Berlin in die Mongolei fahren… Ich lese Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, in Ansätzen… Ich müsste mal was interessantes bloggen…

Es wird mir heut nicht mehr gelingen. Ich bin auf Ihre geistreichen Kommentare angewiesen. Einen produktiven Wochenstart wünscht Ihnen, Ihr Heiko Kunert

Infoseite: Shared Space in Hamburg

Das Thema Shared Space bleibt in Hamburg aktuell. Inzwischen haben sechs der sieben Bezirke Vorschläge für sog. Gemeinschaftsstraßen gemacht. In Harburg wird noch über geeignete Flächen diskutiert. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) macht sich weiter in vielen Gesprächen mit Bezirkspolitikern und Behörden-Vertretern für die Belange der sehbehinderten und blinden Verkehrsteilnehmer stark. Mir will weiter nicht einleuchten, wie ich über eine stark befahrene Straße wie die Lange Reihe, die osterstraße oder dem Mühlenkamp gehen soll, wenn es keine Verkehrsschilder, formalen Geschwindigkeitsbegrenzungen, Zebrastreifen und Ampeln gibt. Das Konzept setzt auf das verständigen per Handzeichen und Blickkontakt – für mich als blindem Menschen nicht möglich.

Ich habe eine Infoseite zu Shared Space in Hamburg zusammengestellt. Auf ihr finden Sie Definitionsversuche und die Kritik der Blinden- und Sehbehindertenvereine und der Unfallversicherer. Außerdem nimmt die Grün-Alternative Liste Stellung zum Thema. Und es gibt Auszüge aus dem Gutachten der Stadt und eine Liste der vorgeschlagenen Straßen. Die Infoseite finden Sie unter http://www.bsvh.org/angebote/mobil/umwelt-verkehr/shared-space/.