DBSV-Verbandstag: Signale für Barrierefreiheit und ein gerechtes Blindengeld

In der vergangenen Woche fand in Berlin der Verbandstag des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) statt. Er ist das höchste Gremium des Verbandes. Rund 200 Delegierte kommen alle vier Jahre zusammen, legen die Grundlagen für die Verbandsarbeit fest und wählen das neunköpfige Präsidium.

Über die unbefriedigende Lage beim Blindengeld habe ich in diesem Blog bereits häufig geschrieben, zuletzt über das Beispiel Schleswig-Holstein. Hier positionierte sich der Verbandstag eindeutig in einer Resolution. Hierin wird ein bundesweit einheitliches einkommensunabhängiges Blindengeld gefordert, das den wirklichen finanziellen Mehrbedarf der Betroffenen abdeckt. Außerdem wird eine entsprechende Leistung auch für sehbehinderte Menschen gefordert – diese gibt es bisher nur in sechs Bundesländern.

Mit der DBSV-Ehrenmedaille wurde der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz geehrt. Der Sozialdemokrat Kurt Beck hatte sich immer wieder für mehr Barrierefreiheit und mehr Hörfilme im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stark gemacht.

Mehr Barrierefreiheit verspricht auch das Projekt „Patienteninfo-Service“, das auf dem DBSV-Verbandstag vorgestellt wurde. Hierbei handelt es sich um eine Homepage, auf der Beipackzettel von Medikamenten für sehbehinderte und blinde Menschen, aber natürlich auch für jeden Internetnutzer, zugänglich gemacht werden. Das ist ein großer Fortschritt zu den kleingedruckten unübersichtlichen Zettelchen in den Medikamenten-Packungen. Endlich stehen diese wichtigen, oft lebenswichtigen Informationen sehbehinderten und blinden Menschen zur Verfügung. Bleibt nur zu hoffen, dass alle Pharma-Unternehmen ihre Beipackzettel dem Webangebot zur Verfügung stellen und dass ein Weg gefunden wird, auch den Betroffenen ohne Internet die Beipackzettel zugänglich zu machen.

Schließlich für die Szene-Kenner noch einige Namen: In den Wahlen wurden Präsidentin Renate Reymann aus Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident Hans-Werner Lange aus Niedersachsen mit jeweils 89% der Delegierten-Stimmen im Amt bestätigt. Neu in dem neunköpfigen Gremium sind Angela Fischer und Peter Brass. Im Amt bestätigt wurden Klaus Hahn, Dr. Thomas Kahlisch, Hans-Joachim Krahl, Helga Neumann und Rudi Ullrich.

Web 2.0: Bloggen ohne Barrieren

Mitmachen steht im Zentrum des Web 2.0: Posten, kommentieren, Vernetzen. Gerade für Menschen mit einer Behinderung bietet das Internet enorme Chancen. Sie können Kontakte knüpfen, auf ihre Situation aufmerksam machen und auf einer Augenhöhe mit nichtbehinderten Usern kommunizieren. Ich bin blind. Mein Computer spricht und hat eine Braillezeile – ein Gerät, das den Bildschirminhalt in Blindenschrift ausgibt. Ich blogge über Kultur, den Alltag als blinder Mensch und über meine Arbeit beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg
. Und ich lese gern Blogs. Damit ich das kann, sollten sie barrierefrei sein. Wie Sie Ihr Blog barrierefrei bekommen, können Sie in meinem Gastbeitrag auf julia-emde.de nachlesen. Ich danke Julia herzlich fürs Veröffentlichen.

Perspektiven (8): Technischer Fortschritt?

Der technische Fortschritt hat sehbehinderten und blinden Menschen in den vergangenen Jahrzehnten ein Mehr an Selbstständigkeit gebracht. Und es wird fleißig weiter geforscht.

Blinde PC-Nutzer können jetzt auch Grafiken und Tabellen „sehen“. Möglich gemacht hat dies das Forschungsprojekt HyperBraille, das heute auf der SightCity (28.-30. April 2010), der größten deutschen Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel, erstmals das funktionsfähige HyperBraille-Gesamtsystem – eine Art grafikfähigen Laptop für blinde und sehbehinderte Menschen – vorgeführt hat.Nachdem im letzten Jahr auf der SightCity bereits der Prototyp des Flächendisplays, das im Vergleich zu herkömmlichen Braillezeilen interaktiv, zweidimensional und grafikfähig ist, präsentiert wurde, sind nun auch die zur Ansteuerung notwendige Software sowie die Software-Anpassungen für die gängigen Office und Internet-Programme fertig gestellt.

(idw-online.de)

Es sind nicht immer die staatlich geförderten Forschungsprojekte und die Ingenieure der spezialisierten Hilfsmittelfirmen, die Produkt-Neuheiten entwickeln. Manchmal sind es auch drei palästinensische Teenies.

Drei Mädchen aus dem Westjordanland haben einen speziellen Stock für Blinde konstruiert, der vor Löchern und Hindernissen auf dem Gehweg warnt. Die technische Bastelei hat den dreien einen Flug zu einer Ingenieursmesse im kalifornischen San Jose eingebracht. Die 14-jährige Asil Abu Lil habe ihre Tante und Onkel beobachtet, die blind sind, berichtet die israelische Tageszeitung „Ha´aretz“ unter Berufung auf einen Bericht von „Associated Press“. Sie hätten Schwierigkeiten gehabt, Unebenheiten auf den schmalen Bürgersteigen ihres Dorfes zu umgehen. Da beschloss das Mädchen, einen speziellen Blindenstock zu erfinden. Asil und zwei Klassenkameradinnen bauten für ein Schulprojekt ein Gerät, das Hindernisse auf dem Gehweg entdeckt. Der Gehstock der 14-jährigen Mädchen gibt Töne von sich, wenn ein Hindernis auf dem Weg liegt. Am Stock sind zwei Infrarot-Sensoren befestigt. Der eine ist nach unten, der andere nach vorne gerichtet. Die Schülerinnen einer Mädchenschule der Vereinten Nationen haben zwei Prototypen gebaut, nachdem sie mehrmals ins 45 Minuten entfernt gelegene Ramallah gelaufen waren. Dort kauften sie die nötigen elektronischen Bauteile.

(israelnetz.com)

Bei manchen Meldungen habe ich allerdings den Eindruck, dass sehende wissenschaftler an Produkten forschen, ohne auch nur einmal einen Betroffenen gefragt zu haben, ob für die Erfindung Bedarf besteht. Meiner Erfahrung nach kann man ein Lächeln oder einen verdrossenen Gesichtsausdruck über die Stimme hören.

Der Forscher entwickelte nun ein System, das mit einer Webcam Emotionen in den Gesichtern von Menschen erfasst. Ein Erkennungsprogramm analysiert die Bilder und wandelt sie in einen Braille-Code um, der auf einem speziellen Gerät ausgegeben wird. Dieses besteht aus einer Anordnung von motorgetriebenen Elementen, die an einer Stuhllehne befestigt sind.

(ratschlag24.com)

Selbstständige Orientierung außerhalb der eigenen vier Wände ist ein großer Wunsch der meisten sehbehinderten und blinden Menschen. „Drop GPS“ soll hier angeblich helfen.

Das von den beiden Designern Allan Sejer Madsen und Lukasz Natkaniec entwickelte Gadget (…) ist so eine Art Braille-Kompass. Es besteht quasi aus zwei Rundscheiben, die die Ober- und Unterseite des “Drop” darstellen und in der Mitte so miteinander verbunden sind, dass sie sich frei gegeneinander verdrehen lassen. Die kleinen Punkte oder Punktmuster auf der Oberseite des Teils repräsentieren die in einer Gegend vorkommenden Gebäude, die glatten, punktfreien Stellen Straßen und Plätze. Dort, wo (…) der Daumen (…) ist, befindet sich sozusagen die Ausgangsposition des Users. Läuft dieser nun mit dem Teil in der Hand durch die Gegend, dann empfängt es die GPS-Daten zu dem Ort und erkennt entsprechend, wo sich eine Straße oder ein Gebäude befindet.

(basicthinking.de)

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Ihre Perspektive: Was sollte für sehbehinderte und blinde Menschen noch erfunden werden?

Hamburgs Rathaus: Pracht voller Barrieren

Hamburgs Volksvertreter tagen im Rathaus. In dem Prachtbau sitzen Bürgerschaft und Senat. Bisher hat der behinderte Teil der Bevölkerung so seine Schwierigkeiten, die demokratisch gewählten Parlamentarier zu besuchen, den Sitzungen zu lauschen oder an einer touristischen Führung teilzunehmen. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) hat während des Wahlkampfes 2008 bereits auf diesen Missstand hingewiesen. Es gründete sich in der aktuellen Legislatur-Periode eine Kommission zum Thema.

Heute waren Vertreter von Gehörlosen-, Schwerhörigen- und Blinden- und Sehbehindertenvereinen zu Gast bei der Kommission – darunter unser zweiter Vorsitzender Hilding Kißler und ich. Am deutlichsten wird die fehlende Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer, gibt es doch bisher keinen Fahrstuhl, den Betroffene selbstständig nutzen können. Stattdessen müssen sie in Begleitung eines Rathaus-Bediensteten einen schwer zu erreichenden Aufzug benutzen. Grund für die Regelung: Sicherheitsbedenken. Aber auch schwerhörige Menschen haben Probleme z. B. einer Rathaus-Führung akustisch zu folgen. Bisher ist das Personal nicht im Umgang mit gehörlosen oder blinden Besuchern geschult. Führungen werden im Eiltempo durchgezogen. Da bleibt keine Zeit, einmal die prächtigen Säulen der Rathausdiele zu ertasten oder die kunstvolle Gestaltung der Festsäle in Worte zu fassen. „Wie Sie hier sehen…“ ist die gängige Floskel der Guides.

Eine Führung für uns zeigte heute Vormittag diese Probleme. Es wird ernsthaft – so mein Eindruck nach zweieinhalb Stunden des Gedankenaustauschs – überlegt, wie man z. B. ausführlichere Führungen anbieten kann, die auch behinderten Menschen einen Eindruck der Rathaus-Geschichte und -Architektur vermitteln können. Auch über eine bessere Auffindbarkeit des Einganges für blinde und sehbehinderte Menschen haben wir gesprochen – ggf. durch einen tastbaren Leitstreifen auf dem Boden zwischen U-Bahn und Gebäude. Weitere Ideen: Ein hörbarer Rathausplan auf CD, Schulungen des Personals im Umgang mit behinderten Besuchern, kontrastreiche und sichtbare Beschilderungen, blendfreie Beleuchtung, Umbauten zugunsten einer deutlicheren Akustik. Es bleibt zu hoffen, dass nicht der überwiegende Teil der Ideen am Ende dem Denkmalschutz oder der vermeintlich prekären Finanzlage der Hansestadt zum Opfer fällt. Dass an der heutigen Sitzung die führenden Sozialpolitiker von CDU, SPD und GAL sowie der Bürgerschaftspräsident teilnahmen deutet darauf hin, dass das Thema Barrierefreiheit in den oberen Etagen der Hamburger Politik angekommen ist. Und das ist ein Fortschritt.