Für ein gutes #Teilhabegesetz: Ich unterstütze die Petition

Es soll ja immer noch Menschen geben, die die Petition für ein gutes Teilhabegesetz noch nicht unterzeichnet haben. Wenn Sie dazu gehören, sollten Sie das dringend ändern. Worum es geht erklärt die Kampagnen-Seite. Dort heißt es:

300.000 Menschen mit Behinderungen in Deutschland leben mit Assistenz. Das heißt: Sie brauchen Unterstützung beim Kochen, bei der Körperpflege, beim Anziehen und anderen Tätigkeiten des Alltags. Dies wird im Rahmen der „ergänzenden Sozialhilfe“ finanziert. Das Problem: Es gelten für sie die gleichen Regeln wie für Menschen, die nicht arbeiten und kein Einkommen haben.

  • Sie dürfen nicht mehr als 798 € verdienen. Alles was darüber hinaus geht, wird mit mindestens 40% vom Sozialamt eingefordert. Es ist also höchst unattraktiv für diese Gruppe von behinderten Menschen einer geregelten Arbeit nachzugehen, sie würden aber gerne arbeiten.
  • Sie dürfen maximal nicht mehr als 2.600 € ansparen, dürfen keinen Bausparvertrag und keine Lebensversicherung besitzen und das Erbe wird auch einkassiert. Alles was darüber hinaus geht, wird mit mindestens 40% vom Sozialamt eingefordert.
  • Sogar deren Beziehungspartner/in, sollte man mal mit ihm/ihr zusammenleben, würde mit seinem/ihrem Einkommen und Vermögen ebenfalls herangezogen werden.

Das ist skandalös. Als blinder Mensch weiß ich aus eigener Erfahrung, wie wichtig eine einkommensunabhängige Leistung wie das Blindengeld ist. Sie bedeutet für mich mehr Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Und ich weiß, wie schlimm es für die Betroffenen ist, wenn das Blindengeld – wie in etlichen Bundesländern geschehen – plötzlich gestrichen oder gekürzt wird. Ein gutes Teilhabegesetz könnte endlich allen Menschen mit Behinderung angemessene Leistungen ermöglichen und damit die Voraussetzung für ein inklusives Deutschland schaffen. Daher unterstütze ich die Petition für ein gutes Teilhabegesetz. Und Sie?

Sparda-Bank und Barrierefreiheit: Bei Blinden hört die Fairness auf

Vor einigen Wochen berichtete ich hier im Blog, dass die Netbank ihr barrierefreies Onlinebanking eingestellt hat und somit blinde Kunden von wesentlichen Teilen ihres Angebotes ausschließt. Das Gleiche gilt für blinde Kunden der Sparda-Bank. Der Hamburger André Rabe hat daher auf der Petitionsplattform Change.org einen Aufruf gestartet. Rabe schreibt:

Ich bin seit einem Jahr Kunde bei der Sparda-Online-Bank. Ein Grund für den Wechsel: die BARRIEREFREIHEIT. Denn ich bin 100% blind. Doch seit dem 23. Oktober hat die Sparda-Bank ihr Online-Angebot so umgestellt, das blinde Menschen die Website nur noch eingeschränkt bedienen können. Als Lösung bietet die Bank die Software „Banking 4W“ an, die zwar gutbedienbar ist, allerdings nicht alle wichtigen Funktionen abdeckt. So kann man z.B. wichtige Bank-Nachrichten nicht abfragen. ich kann meine Daueraufträge nicht mehr bearbeiten und auch nicht auf meine gespeicherten Überweisungsvorlagen zugreifen.

Als er sich mit dem Problem an den Kunden-Service des Kreditinstituts wandte, bekam er eine wenig kundenfreundliche Antwort:

Barrierefreie eigene Anwendungen werden durch die Sparda-Banken nicht entwickelt, dies wurde in der Vergangenheit auch weder kommuniziert noch in irgendeiner Form beworben. Auch die alte Classic Anwendung ist nicht unter diesen Gesichtspunktentwickelt wurden. Wir können Ihnen leider hier keine andere Auskunft geben, als das derzeit keine Pläne seitens der Sparda Banken bestehen eine Barriere freie Webanwendung zu entwickeln oder die bestehende Anwendung darauf umzubauen.

André Rabe nimmt auf Change.org dazu Stellung:

Das kann ich nicht hinnehmen. Barrierefreiheit ist kein Extra, was man zusätzlich anbietet, sondern eine Selbstverständlichkeit. Und es ist im Jahr 2013 keine technische Herausforderung die W3C-Sehstandards umzusetzen. Liebe Sparda-Bank, seien Sie nicht nur „freundlich“, sondern auch „fair“!

Die Petition hat schnell Fahrt aufgenommen. Innerhalb von nur drei Tagen haben bereits über 3.400 Menschen unterzeichnet. Bitte tun Sie das auch, und teilen Sie den Link zur Petition fleißig im Social Web. Schon einmal herzlichen Dank allen Unterstützerinnen und Unterstützern!

Die Netbank und die Sparda-Bank sind übrigens keine Ausnahme. Viele Onlinebanking-Angebote sind für blinde und sehbehinderte Menschen schlecht nutzbar. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg, in dem André Rabe aktives Mitglied ist, sammelt anlässlich der Petition Beispiele von Hürden auf Banken-Websites. Wenn Sie Beispiele kennen, mailen Sie diese bitte an info@bsvh.org.

Social Media und Selbsthilfe (3): Kleines Budget als Herausforderung

Am 4. Juli 2013 fand in Düsseldorf das Forum Verbandskommunikation mit dem Themenschwerpunkt Social Media statt. Ich war als Referent eingeladen. „Social Media und Selbsthilfe: Zwischen Authentizität und kleinem Budget“ hieß mein kurzer Vortrag, auf dessen Grundlage ich hier im Blog eine kleine Serie veröffentliche. Im ersten Teil ging es um Authentizität als Chance, im zweiten um das Besetzen der Nische.

In der Regel sind die finanziellen und personellen Ressourcen von Selbsthilfe-Organisationen begrenzt. Das wirkt sich auch auf die Social-Media-Aktivitäten aus. Entweder stemmen ausschließlich ehrenamtlich Aktive die anfallenden Aufgaben, oder es gibt vielleicht einen hauptamtlichen Mitarbeiter, der neben der Pressearbeit, dem Marketing, der internen Kommunikation und den Messeauftritten auch noch Social Media macht. Unter solchen Umständen ist klar: Vieles, was sinnvoll oder wünschenswert wäre, ist nicht möglich.

Umso wichtiger ist es, klare Schwerpunkte innerhalb der Social-Media-Strategie zu setzen. Welche Möglichkeiten gibt es noch? Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter sind häufig ideale Content-Lieferanten und sollten unbedingt in die Social-Media-Aktivitäten eingebunden werden. Sie kennen aus ihrer täglichen Arbeit die Themen, die die Zielgruppe beschäftigen. Und Mitarbeiter und Mitglieder sind authentisch – ein großer Gewinn für die Social-Media-Arbeit. Daneben sind aber auch die Stakeholder der Organisation, das virtuelle und reale Netzwerk der eigenen Organisation einzubinden. Hierunter sind zumeist viele wertvolle Multiplikatoren.

Ein nicht zu unterschätzender Weg, auch mit einem kleinen Budget neue Zielgruppen erreichen zu können, sind Gastbeiträge. Ein Beispiel: Vor einigen Monaten habe ich einen Gastbeitrag im Hamburger Wahlbeobachter-Blog veröffentlicht. Es ging hierin um die Barrierefreiheit von Parteienwebsites. Hiermit konnte ich Leute erreichen, die ein spezielles „Blinden-Blog“ nicht lesen. Dank der guten Vernetzung des Blog-Betreibers führte der Post zu einer Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung. Und es entstanden Kontakte zu mehreren Parteien, die sich mit mir zum Thema Barrierefreiheit austauschten. Sprich: So ein Gastbeitrag kann das eigene Netzwerk bereichern. Mein Rat: Bieten Sie aktiv fundierte Gastbeiträge an und seien Sie offen bei Anfragen, auch wenn Sie vielleicht zunächst denken „da passen unsere Themen doch gar nicht hin“.

Ein weiterer und zunehmend beliebter Weg sind Online-Petitionen. So haben wir vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg kürzlich die blinde Sängerin Joana Zimmer für eine gemeinsame Kampagne gewonnen. Hierbei hat die Berlinerin auf Change.org von RTL eine Audiodeskription bei der Tanzshow Let’s Dance gefordert. Für uns bot dies die Chance, dass ein für uns wichtiges Thema in die Öffentlichkeit gelangte, und wir wurden als Experten zum Thema und als engagierte Streiter wahrgenommen, die offen sind für moderne Internet-Kampagnen. Die Petition zog Presseberichte nach sich – u.A. im Hamburger Abendblatt, dem OK-Magazin und den Wochenblättern in Hamburg. Knapp 2.400 Menschen haben Joana Zimmers Petition unterzeichnet – für ein vermeintliches Nischen-Thema durchaus beachtlich, dennoch weit entfernt von einer breiten Resonanz. RTL sitzt die Forderung zudem aus und bewegt sich nicht. Heißt: Viralität ist auch bei Onlinepetitionen nicht garantiert. Der Versuch lohnt sich aber allemal.

Online-Petition: RTL verweigert Barrierefreiheit

Über 2.300 Menschen haben inzwischen Joana Zimmers Petition unterzeichnet. Das OK! Magazin und das Hamburger Abendblatt berichteten. In der Petition fordert die blinde Sängerin, dass die RTL-Tanzshow „Let’s Dance“ zukünftig mit einer Hörfilmspur (Audiodeskription) für blinde und sehbehinderte Menschen ausgestrahlt wird. Der Privatsender behauptet in seiner einzigen Stellungnahme, dass eine blindengerechte Fassung ein technischer, finanzieller und administrativer Aufwand ist, der sich hausintern leider derzeit nicht darstellen lasse. Das ist, mit Verlaub, ganz großer Quatsch. Insbesondere das finanzielle Argument ist eine Frechheit, bedenkt man, dass die Produktion einer 90minütigen Hörfilmspur nur rund 5.000 € kostet. Diese Kosten fallen bei den gewaltigen Budgets der TV-Sender kaum ins Gewicht. Sie ermöglichen aber Hunderttausenden blinder und sehbehinderter Menschen Zugang zum TV-Programm.

Bleibt eigentlich nur das technische Argument. Hier müssten die Privatsender die Infrastruktur erst schaffen, über die die öffentlichrechtlichen Stationen bereits verfügen. Hier ist Joana Zimmer dem Fernsehsender entgegengekommen. In einem Brief an RTL-Programm-Geschäftsführer Frank Hoffmann macht sie folgenden Vorschlag:

Parallel zur Ausstrahlung der Sendung im Fernsehen wird RTL als Zwischenlösung für blinde und sehbehinderte Zuschauer ab 2014 die jeweilige Folge online mit einem Live-Kommentar in der Mediathek zur Verfügung stellen. Dieses Verfahren ist bei der Sport-Berichterstattung seit Jahren Standard und sollte sich mit vergleichbar geringeren Mitteln realisieren lassen, als eine AD im Fernsehen. Dies kann aus unserer Sicht jedoch nur ein erster, vorläufiger Schritt sein. Ziel muss eine AD-Fassung im TV sein, damit wirklich alle blinden und sehbehinderten Menschen Zugang bekommen – nicht nur diejenigen mit PC und Internet.

Dieser Vorschlag stammt vom 28. Mai 2013. Bis zum heutigen Tag hat RTL es nicht für nötig befunden, hierauf zu reagieren.

Ein Vimeo-Clip zeigt übrigens, wie eine Hörfilmspur bei „Let’s Dance“ klingen könnte:

Let’s Dance Finale – Audiodeskription from Change.org on Vimeo.