Blind im Alter

Wie stellen Sie sich eine blinde Seniorin vor? Viele Menschen antworten auf diese Frage wohl mit „Hilfebedürftig“, „einsam“ und „unglücklich“. Diese Schlagworte treffen auf Ruth Wunsch nicht zu. Die 78jährige, blinde Hamburgerin bereist die ganze Welt, lacht viel, engagiert sich in der Kirche und im Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg, dessen Ehrenmitglied sie ist. Und sie schreibt: eine Biografie, Reisebücher und einen bewegenden Brief an die Zukunft. Mit ihrem Text gewann Ruth Wunsch den Senioren-Schreibwettbewerb von Aktion Mensch und Diakonie. Sie und ihr Co-Autor Matthias Brömmelhaus lesen am kommenden Mittwoch, 10. Juni, 19 Uhr, auf der Flussschifferkirche Hamburg. Mehr Infos zu dem Tour-de-Braille-Event finden Sie auf der Homepage des BSVH.

Sinn-voll: der 6. Juni 2009

Die Anzahl der Vorbereitungstreffen steigt und steigt. Alles muss geplant sein: Musik-Programm, Verpflegung, Infotische. Am 6. Juni findet rund ums Louis-Braille-Center das Fest der Sinne statt. Es wird ein besonderer Tag für alle Besucher – seien sie nun blind, sehbehindert oder sehend. An diesem Samstag wird der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) seinen 100. Geburtstag mit der Hamburger Bevölkerung und seinen Barmbeker Nachbarn feiern. Ab 11 Uhr bis in den Abend gibt es im und rund um das Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26, ein buntes Programm.

Merken Sie sich, lieber Blind-PR-Leser, den Termin vor und schauen Sie doch mal vorbei und erleben Sie, wie bunt, sinnlich und spannend das Leben sein kann – auch mit schlechten Augen. Mehr Infos zum Fest der Sinne gibt es auf der Seite des BSVH.

Geschichte: Eine Forderung der Gerechtigkeit

100 Jahre Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH): Aus diesem Anlaaß gab Hamburgs Sozialsenator Dietrich Wersich am vergangenen Montag einen Empfang im Festsaal des Rathauses. Rund 250 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Vertreter der Blinden- und Sehbehinderten-Organisationen, BSVH-Mitglieder, -Mitarbeiter und -Spender waren dabei. Unter Anderem lauschten sie einer Reise in die Geschichte.

Heute ist Berufsförderung blinder und sehbehinderter Menschen ein wichtiges Vereinsziel. Der BSVH hat eine Fachgruppe, in der sich sehbehinderte und blinde Menschen austauschen, die viel mit Computern und im Büro arbeiten. Oder wir haben eine Gruppe der Physiotherapeuten. Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, mussten die Vereinsgründer vor 100 Jahren erst erstreiten. So verhandelten sie mit dem Medizinalamt, um Blinden eine Ausbildung zum Masseur mit anerkanntem Staatsexamen zu ermöglichen. Es gab zur damaligen Zeit in Hamburg drei Blinde, die „inoffiziell“ von einzelnen Ärzten ausgebildet waren, doch ließ man sie nicht zu einer staatlichen Prüfung zu. Dadurch wurden sie zu den Kurpfuschern gerechnet und fanden keine Anstellung und kaum das Vertrauen der Patienten. Der Vorstand bemühte sich um eine grundsätzliche Lösung und schrieb im März 1911:

„Der unterzeichnete Vorstand richtet namens des von ihm vertretenen Vereins an das das hochlöbliche Medizinal-Kollegium zu Hamburg die ergebene Bitte, blinden Masseuren Gelegenheit zu geben, die Berechtigung zur Führung der Bezeichnung „staatlich geprüfter Masseur“ durch Ablegung einer Prüfung zu erwerben, (…) Unter der beschränkten Anzahl der Berufe, in denen die Blinden einen Erwerb zu finden vermögen, ist die Massage eine der wenigen, in welchen ein Nichtsehender voll und ganz dasselbe zu leisten vermag, wie seine sehenden Berufsgenossen. (…) Es ist daher zu beklagen, daß es in Hamburg einem blinden Masseur nicht möglich ist, eine amtliche Anerkennung seiner Leistungsfähigkeit zu erlangen, weil durch die Verordnung von 1902 die Berechtigung zur Führung der Bezeichnung „Staatlich geprüfter Masseur „ abhängig gemacht ist von dem Bestehen einer Prüfung, die nicht nur die Massage, sondern zugleich den gesamten Heildienst, insbesondere auch die Wundpflege umfaßt.
Drei unserer Mitglieder versuchen hier in Hamburg ihr Brot als Masseur zu finden, sie sind in hiesigen staatlichen Krankenhäusern gründlich ausgebildet und geprüft und besitzen darüber Zeugnisse don den Herren Direktor Professor Dr. Schede, Professor Dr. Kümmell, Direktor Professor Dr. Derske. (…) Wir glauben, diese Bitte eine Forderung der Gerechtigkeit nennen zu dürfen, da unsere blinden Masseure sich nicht mit Wundpflege, sondern nur mit Massage beschäftigen können und wollen, und bereit sind, den Nachweis zu liefern, daß sie die von dem hochlöblichen Medizinal-Kollegium geforderte Qualifikation für diesen Beruf besitzen.“

Der Blindenverein hatte Erfolg. Heute arbeiten in Deutschland Hunderte blinde und sehbehinderte Masseure und Physiotherapeuten.

Mehr Infos zur BSVH-Geschichte gibt es auf der Homepage des Vereins.

Keine Almosen

Über Geld spricht und schreibt man nicht. Gerade nicht, wenn man für einen Blinden- und Sehbehindertenverein arbeitet. „Mir ist das peinlich“, höre ich von blinden menschen. Oder: „Ich will nicht betteln.“ Verständlich ist dieser Impuls. Schließlich waren behinderte Menschen über Jahrtausende Almosen-Empfänger. Und erst mit der Epoche der Aufklärung, der Industrialisierung und des technischen Fortschritts konnte der Kampf um gesellschaftliche Teilhabe beginnen. Dennoch: blinde und sehbehinderte Menschen brauchen auch heute Hilfe, Hilfe, die Geld kostet.

Im Hamburger Louis-Braille-Center beraten unsere Mitarbeiterinnen zu allen Alltagssorgen und Rechtsfragen, die sehbehinderten Menschen auf den Nägeln brennen. Die größte Hilfsmittelausstellung im Norden ermöglicht Betroffenen, sich neutral und unabhängig zu informieren. Eine Orthoptistin erprobt vergrößernde Sehhilfen mit Besuchern, die frisch an Makula-Degeneration, grünem Star oder einer Anderen Augen-Erkrankung leiden. All diese Angebote kosten Geld. Das Geld dafür bekommen wir nicht vom Staat. Allerdings sind wir als gemeinnützig anerkannt und daher steuerlich befreit.

Am vergangenen Samstag kamen unsere Mitglieder zur alljährlichen Generalversammlung zusammen. Themen waren u. A. der Finanzbericht für 2008 und der Haushaltsplan für das laufende Jahr. Und da zeigte es sich erneut: Unsere wichtigsten Einnahmequellen sind Spenden und Erbschaften. Ohne sie könnten wir unser umfangreiches Angebot nicht aufrecht erhalten. Ohne Spenden und Erbschaften könnten wir keine Freizeit-Angebote für mehrfachbehinderte Kinder – sie haben neben ihrer Erblindung noch eine Geistes- oder Körperbehinderung – und deren Eltern anbieten. Wir könnten keine Besuche zuhaus ermöglichen, bei denen mit sehbehinderten und blinden Menschen eingekauft, ein Arztbesuch erledigt, die Post vorgelesen oder einfach mal spazieren gegangen wird. Ohne Spenden und Erbschaften könnten wir keine begleiteten Ausflüge ins Museum oder an die Ostsee anbieten. Senioren-Nachmittage zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch fielen weg.

Darüber muss man sprechen und schreiben. Es geht nicht anders, wenn man unser hilfreiches und ermutigendes Angebot aufrecht erhalten und weiter entwickeln möchte. Wir blinden und sehbehinderten Menschen wollen keine Almosen, aber wir freuen uns über Geld, das uns ein selbstbestimmtes Leben in dieser Gesellschaft ermöglicht.

Online können Sie hier helfen. Spenden-Konto: Bank für Sozialwirtschaft, Konto-Nr.: 785 850 0000, BLZ: 370 205 00. Mehr Infos zum Thema finden Sie auf der BSVH-Homepage.