Perspektiven (6): „Schizophren, dass wir eine Behindertensport-Organisation haben“

Morgen enden in Vancouver die Winter-Paralympics, die olympischen Spiele der Sportler mit einer Behinderung. Deutschlands Vorzeige-Paralympics-Sportlerin ist die blinde Verena Bentele. Ronny Blaschke analysiert in der TAZ vom 17. März, wie sie zur Königin der Nische wurde:

Bentele hat Tiefen erlebt, die ihre Höhen interessanter erscheinen lassen. Sie weiß, wie sie sich beim Verband Gehör verschafft, notfalls mit Kritik an Strukturen. In Whistler hinterfragte sie die Prämienverteilung der Deutschen Sporthilfe. 4.500 Euro erhalten deutsche Sieger bei den Paralympics, olympische Goldmedaillen wurden mit 15.000 Euro entlohnt. Bentele kennt den richtigen Zeitpunkt, um offensiv zu werden: „Wir wollen gleich behandelt werden, ebenso wie alle behinderten Menschen in der Gesellschaft.“

(taz.de)

Noch schärfer formuliert Frank Höfle die Kritik gegenüber Deutsche-Welle-Redakteurin Sarah Faupel:

Höfle, der als Biathlet, Langläufer und Straßenradfahrer bei neun Paralympischen Spielen insgesamt 25 Medaillen gewonnen hat, stellt auch die Daseinsberechtigung seines eigenen Dachverbands in Frage. „Ich finde es schizophren, dass wir extra eine Behindertensport-Organisation haben. Das zeigt doch, dass wir gar nicht versuchen, den Weg der Integration zu gehen.“ Ebenfalls fordert Höfle seine Mitmenschen auf, ihre Haltung gegenüber Sportlern wie ihm zu überdenken. „Mit dem Herzen sind viele Deutsche dabei. Aber mit dem Kopf, da macht’s immer klick-klack: Ach Behindertensport, gleich mal drei Etagen tiefer ansiedeln.“

(dw-world.de)

Als erster Wintersportler in der olympischen Geschichte wollte der kanadische Langläufer Brian McKeever sowohl an den Paralympics als auch an den olympischen Spielen teilnehmen. Doch am Ende durfte der Sehbehinderte nur an den Spielen der behinderten Sportler teilnehmen. Er holte souverän Doppelgold. Arne Leyenberg schildert in der FAZ vom 19. März McKeevers Fall:

Vor Wochen wollte er am selben Ort Sportgeschichte schreiben und als erster Wintersportler bei den Olympischen und Paralympischen Spielen starten. Kurz vor dem olympischen Rennen über 50 Kilometer wurde er jedoch aus dem kanadischen Team gestrichen. „Ich habe mich gefühlt wie an dem Tag, an dem mir gesagt wurde, dass ich mein Augenlicht verlieren werde“, sagte McKeever. „Aber ich habe es verarbeitet, dass ich blind bin, und ich werde auch diese Erfahrung verarbeiten. Die zwei Goldmedaillen werden mir helfen, nach vorne zu schauen. Ein neuer Tag hat begonnen.“ In vier Jahren will er in Sotschi versuchen, was ihm in seiner Heimat verwehrt blieb. „Ich werde es wieder probieren. Wir haben schon einen Plan“, sagte McKeever.

(faz.net)

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Ihre Perspektive: Brauchen wir noch Behindertensport-Verbände und Paralympics? Oder ist die Welt reif für Inklusion im Sport? Oder würden die behinderten Sportler und ihre Sportarten bei gemeinsamen Spielen in der öffentlichen Wahrnehmung untergehen?

Nabelschau: Interview, Blog-Awards und ein neuer Mitbewohner

Unter dem Motto „Kleiner Blogger interviewt große Blogger“ betreibt Robert Stögmann die sehr lesenswerte Site Blogger-antworten.com. Ich freue mich, dass er auch mich interviewt hat. Sie Finden unser Gespräch hier.

Und wenn wir gerade schon bei der Nabelschau sind: Blind-PR ist für die BOBs-Blog-Awards der Deutschen Welle vorgeschlagen. Drückt mir die Daumen, dass ich es in die Nominierungen schaffe. Diese werden Mitte März bekannt gegeben.

Soviel heute in aller Kürze. Ich entschwinde aus der virtuellen Welt und widme mich meinem realen neuen Mitbewohner.

Kater Igor
Kater Igor

Foto Copyright by Anna-Karina Handke

Perspektiven (5): „Wir brauchen keine Sonderschulen“

Winter und kein Ende. Ich bin noch relativ jung, meine Beine sind fit, ich bin mobil. Und ich habe trotzdem erhebliche Probleme, mich in diesem Winter auf den miserabel geräumten Gehwegen sicher und selbstständig zu orientieren. Wie geht es da erst vielen Senioren in Deutschland?

Vor einigen Tagen hat sich Karin Grywatz mal wieder auf die Straße getraut. Zum Laufen braucht die 68-Jährige Greifswalderin einen Rollator. Außerdem ist sie sehbehindert. „Ich war total hilflos“, berichtet die Rentnerin von diesem Erlebnis. Vor ihrem Haus in der Langen Straße türmen sich die Schneemassen, überall sind Eishuckel, die sie mit ihrem Rollator nicht überwinden kann. „Mir hat niemand geholfen. Ich habe bitterlich geweint“, sagt Karin Grywatz mit zittriger Stimme.

(Ostsee-Zeitung)

Bei meiner Arbeit beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg höre ich immer wieder, dass Ratsuchende und unsere Mitglieder Termine im Louis-Braille-Center absagen, weil ihnen der Weg bei Glatteis und Schnee zu beschwerlich ist.

Gerade ältere Berliner trauten sich wegen der gefährlichen Glätte nicht aus ihren Wohnungen. Auch Behinderte und Blinde leiden unter den glatten Gehwegen. „Viele ziehen sich einfach zurück und erledigen nur noch das nötigste außerhalb der Wohnung“, sagt Paloma Rändel, Sprecherin des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV).

(Die Welt)

Themenwechsel: Eltern behinderter Kinder stehen häufig vor der Frage, ob sie ihr Kind auf eine Sonderschule schicken sollen oder in eine Regelschule mit nichtbehinderten Klassenkameraden. In einem Streitgespräch diskutieren der Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz und der Sonderschulpädagoge Thomas Stöppler das Thema.

Ulf Preuss-Lausitz: Zugespitzt könnte man das so formulieren. Wir brauchen zwar Sonderpädagogen, aber keine Sonderschulen. Die Aufgabe dieser speziellen Fördereinrichtungen wird es in Zukunft sein, sich selbst überflüssig zu machen. Ihre Lehrer sollen an die allgemeinen Schulen wechseln, wo sie helfen, behinderte wie nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten. Denn die Kompetenz der Sonderpädagogen kann sich im gemeinsamen Unterricht am besten entfalten.

Thomas Stöppler: Ich sehe das völlig anders. Wir brauchen eigenständige Sonderschulen auch weiterhin, und zwar in ihrer ganzen Breite und Differenziertheit. Denn es gibt Schüler, die in einer sonderpädagogischen Einrichtung – zumindest zeitweise am besten gefördert werden. Dazu gehören Lernbehinderte, massiv Verhaltensgestörte oder Jugendliche mit enormen Sprachdefiziten.

(Die Zeit)

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Ihre Perspektive: Sollen Sonderschulen abgeschafft werden? Oder ist eine Regelschule mit behinderten Schülern überfordert? Und welche Schulform ist für die betroffenen Kinder die geeignete?

Mobilität: Blind im Winter

Seit Wochen ist der Boden gefroren. Alter Schnee hat sich in dicke Eisplatten verwandelt und liegt auf den Gehwegen. Darauf ist gestern eine ordentliche Portion neuer Flocken gefallen. Heute dann Plusgrade, sprich: kurzzeitiges Tauwetter. Meine heutigen Arbeitswege mit weißem Stock und akustischer Orientierung waren dementsprechend nur mäßig prickelnd. NDR-Info-Reporter Kersten Mügge hat mich zum Thema gefährliche Fußwege interviewt. Seinen Beitrag können Sie in der NDR-Mediathek nachhören (der Heiko Reichert im Beitrag bin ich). Der Autor und Fachjournalist Markus Ungerer hat den Radio-Bericht zum Anlass für einen Blog-Beitrag genommen. Dafür einen herzlichen Dank!