Die blinden Passagiere kommen nach Münster. Am 19. Februar spielen wir unser See-Musical in der freien Waldorfschule. Karten kosten 12 Euro, ermäßigt 8 Euro. Unser Ensemble besteht aus sehenden, sehbehinderten und blinden Schauspielerinnen und Schauspielern. Mehr Infos zur Aufführung, der Karten-Bestellung und unserer Crew finden Sie auf der Homepage der Westdeutschen Blindenhörbücherei und auf der Ensemble-Website. Ich freue mich darauf, Sie als Kapitän an Bord unseres Musical-Dampfers begrüßen zu dürfen. Nutzen Sie die vielleicht letzte Chance, die blinden Passagiere live zu erleben.
Schlagwort: Theater
Romeo und Julia: Ziemlich zotig
Betrogen. Belogen. Seit 200 Jahren hinters Licht geführt. Den deutschen wurde etwas verheimlicht. Die romantischen Sitten- und Stilwächter haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben aus Shakespeares „Romeo und Julia“ eine lyrische Liebestragödie voller Herzeleid gemacht, in einer edlen, poetischen Sprache verfasst.
Als ich vor Kurzem eine Bildungslücke schließen wollte und endlich einmal Shakespeares Klassiker las, hatte auch ich einen herzzerreißenden Stoff erwartet. Den bekam ich zwar, aber auch jede Menge zweideutiger Eindeutigkeiten, schenkelklopferische Kalauer und Wortwitze. Da hieß es, um nur ein Beispiel zu nennen:
Nun sitzt er unter einem Zwetschgenbaum
und träumt von seinem liebsten Früchtchen und
von dem, was Mädchen kichernd „Pflaume“ nennen;
Ach, romeo, wär sie ein Vögelbeerbaum doch
und Du ihr Specht und hacktest froh Dein Loch!
Hallo, was ist das denn hier? Da war die Zotigkeit aber gehörig mit dem guten, alten William durchgegangen. In seinem englischen Originaltext hieß es sogar noch klarer:
Now will he sit under a medlar tree
and wish his mistress were that kind of fruit
as maids call medlars when they laugh alone.
O Romeo, that she were, o that she were
an open-Arse and thou a Poperin pear!
In seinem Nachwort erläutert der Übersetzer Frank Günther, dass „medlar“ (Mispestrauch) phonetisch gleichlautend mit „meddler“ (Fummler, Rammler, Vögler) ist, dass die Mispelfrucht wegen ihres Aussehens den Elisabethanern als Synonym für das weibliche Genital galt, dass „open-arse“ nicht nur wörtlich offener Arsch bedeutet, sondern zu Shakespeares Zeit ein Synonym für Möse war, dass die Poperin Pear eine Birnensorte war, die aufgrund ihrer Form an einen erigierten Penis erinnerte und dass hier auch noch das Wortspiel „pop her in“ (= Tu rein) vorhanden ist. Also hatte der große Literat de facto geschrieben: „O wäre sie doch ein offener Arsch/eine offene Möse und Du ein stehender Schwanz“.
Die Deutschen kennen zumeist nur die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, die über Jahrhunderte unser Romeo-und-Julia-Bild geprägt hat. Bei Schlegel lautete die Übersetzung der zitierten Passage übrigens:
Nun sitzt er wohl an einen Baum gelehnt
und wünscht, sein Liebchen wär die reife Frucht
und fiel ihm in den Schoß…
Will sagen: Die Lektüre dieser Ausgabe lohnt sich.
Kultur-Woche in Hamburg: Kunst für alle Sinne
Kultur verbindet. Über 130 blinde, sehbehinderte und sehende Künstlerinnen und Künstler werden sich in der kommenden Woche in Hamburg präsentieren. Das Spektrum reicht von klassischer Musik, über Jazz und Rock, über Lesungen und Musicals, bis zu Bilder-Ausstellungen. Die Kultur-Woche findet in so renomierten Häusern wie dem Ernst-Deutsch-Theater, der Fabrik oder der Markthalle statt. Hiermit erfährt die Kunst blinder und sehbehinderter Menschen eine Wertschätzung, die sie aus der sozialpädagogischen Wohlfühl-Ecke herausholt. Bisher ist es noch häufig so, dass das nichtbehinderte Publikum nicht die Werke sieht, sondern vor allem die Behinderung der Macher. Bewusst steht in der kommenden Woche der Gedanke der Inklusion im Mittelpunkt: sehende und blinde Menschen entdecken gemalte Kunst – mit Händen und Augen. Behinderte und nichtbehinderte Schauspieler stehen zusammen auf der Theater-Bühne oder machen gemeinsam Musik.
So haben Sie, geneigte Blind-PR-Leserschaft, auch letztmalig die Chance, das See-Musical „Blinde Passagiere“ in Hamburg zu erleben. Das Stück, in dem ich als blinder Schauspieler einen sehenden Capitano spiele, ist eine turbulente Geschichte um Fernweh, Sehnsucht und Liebe. Unser Musical mit neu arrangierten Schlagern der 50er Jahre spielen wir am kommenden Montag, 23. August 2010, in der Markthalle.
Im Louis-Braille-Center des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH) wird am Dienstag, 24. August eine Ausstellung des Malers Horst W. Müller eröffnet. Das Motto: „Auch Hände können sehen“. Das Besondere an Müllers farbfrohen Bildern ist, dass sie nicht nur etwas für das kunstbegeisterte Auge sind, sondern ausdrücklich berührt werden sollen. Das wird sicherlich eine spannende Erfahrung für alle Besucher der öffentlichen Vernissage, mit Händen und Augen, als blinde, sehbehinderte oder sehende Menschen Müllers Werk zu erkunden. Schauen Sie doch auch rein, am Dienstag, 24.08. um 18 Uhr. Das Louis-Braille-Center finden Sie im Holsteinischen Kamp 26 in unmittelbarer Nähe zur U3-Haltestelle Hamburger Straße. Mehr Infos zur Ausstellung finden Sie auf bsvh.org.
Das vollständige Programm der Kultur-Woche finden Sie auf den Internet-Seiten der Hamburger Blindenstiftung. Dort können Sie Eintrittskarten bestellen, und Sie finden auch Infos über das Sport- und Rahmen-Programm. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Kultur-Woche. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei.
Blinde Passagiere: eine berauschende Seepremiere
Das wollte ich schon immer mal erleben: beim Umziehen – verschwitzt im Kreise der ebenso verschwitzten Ensemble-Kollegen – von der Kultursenatorin in der Umkleidekabine ein Lob für unseren Auftritt bekommen. Im Ernst: die Unterstützung und Anerkennung, die die Blinden Passagiere inzwischen von Kulturpolitik und zunehmend auch von den Medien erfahren, tun gut. Sie und der Applaus auf der ausverkauften MS Bleichen entschädigen für die teilweise nervenraubenden Proben, für das ständige Wiederholen ein und derselben Szene, das permanente Umordnen von Abläufen in letzter Minute, für die Proben-Abende, die für mich keine Feierabende waren. Wenn aber die Aufführung beginnt, ich höre, dass die Lacher der Zuschauer immer lauter werden, der Szenenapplaus immer häufiger und langanhaltender wird, wenn die Energie durchs Ensemble fließt, alle noch eine Schippe drauf legen, spielerische Gags hinzukommen, dann ist das berauschend.
Ein Musical mit Schlagern der 50er Jahre, das auf einem alten Frachter spielt, im umgebauten Frachtraum des 50er-Jahre-Schiffs MS Bleichen zu spielen, ist schon ganz besonders. Und als wir gestern zusammen mit dem Publikum auf einer Barkasse zurück Richtung Landungsbrücken fuhren, der Schiffsmotor brummte, es leicht schaukelte, der Abendwind um unsere Nasen wehte und Hamburgs Hafen um uns herum leuchtete, da war bei uns nur ungläubiges Staunen: Über die Lautsprecher erklang unsere frisch fertiggestellte CD. Konnte es einen schöneren Ort und einen passenderen Zeitpunkt geben, diese erstmals zu hören?
Sie können „Blinde Passagiere“ heute um 19:30 Uhr und Samstag und Sonntag um 17:30 Uhr auf der MS Bleichen erleben. Dort können Sie auch das Album erwerben. Von jeder verkauften CD gehen zwei Euro als Spende an den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg.