Geist und Gesellschaft

Dass ich das Buch in gänze lesen würde, hätte ich nach den ersten Kapiteln nicht gedacht. Und normalerweise habe ich auch keine Skrupel. einen Roman, der nicht in Gang kommt, unbeendet der Blindenschrift-Bücherei zurückzusenden. Aber nun hieß der Autor des Glasperlenspiels Hermann Hesse. Und bisher hatte mich der Meister der romantisch-psychologischen Moderne nie enttäuscht. somit hielt ich durch. Und darüber bin ich sehr froh. Denn das Glasperlenspiel ist ein dichtes, kluges Werk über das verhältnis von Geist und Gesellschaft. Es proklamiert das Ideal der freien Wissenschaft, was in Zeiten von Leistungsdruck, Studiengebühren und einer ausschließlichen Ausrichtung der Studiengänge auf den Beruf topaktuell ist. Und Hesse entwirft eine Utopie des Austauschs zwischen den wissenschaftlichen disziplinen. Diesen Austausch wünscht man sich in Zeiten immer komplexerer globaler Problemlagen. Aber der Autor verarbeitet in seinem letzten großen Werk auch die Gefahren, die in einer Separierung der Wissenschaft vom Rest der Gesellschaft und vom Transzendentalen liegt. Und wenn man schließlich bedenkt, dass das Glasperlenspiel 1943 erschien, inmitten des zweiten Weltkriegs und des Holocausts, dann ist dieser etwas skurile und schwierige Roman ein grandioser Ausdruck von Hesses Humanismus. Hesse lohnt sich immer.

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Soviel Glück

Es stand in meinem Regal, ganz oben, unter der Decke, Staub auf dem Deckelrand und auf den von Punkten dicken Seiten. Der Zufall – die Suche nach einer vorlesbaren Kurzgeschichte – ließ es mich herausgreifen. Vor zehn Jahren hatte ich das Buch gekauft, auf eine Anregung meines Oberstufenlehrers hin. Interessant, politisch, ostdeutsch, so fand ich es damals. Nach der Lektüre einiger Texte hatte ich den Band weggestellt und nicht wieder angerührt. Und was finde ich da heute? Doppelbödige, verstörende Literatur. Sie kommt in schlichter Sprache, beinahe nachrichtengleich daher. Nach der Hälfte merkt der Leser, dass es hier Geschichte – historische wie persönliche – in der Geschichte gibt. Und am Ende bleibt man nachdenklich zurück, voller Fragen nach Gerechtigkeit, Lebenssinn und Selbstbestimmung. So ist es zum Beispiel, wenn Käthe am Ende von „Jelängerjelieber Vergißnichtmein“ – nach einem zerrütteten Elternhaus, nach unglücklicher eigener Ehe, nach dem Tod ihres Mannes und nach dem Verlust ihrer lebenslangen Affäre – sagt: „Soviel Glück, wie ich hatte, kann man nicht zweimal in seinem Leben haben.“ Christoph Heins kluge Geschichten sind keine leichte, aber eine lohnende Kost. Und sie zeigen mir, dass manche Bücher einige Jahre reifen müssen, bevor sie ihren vollen Geschmack entfalten können.

Wenn Sie, geneigter Leser, geneigte Leserin, mit einem Buch ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder Sie Ihre Meinung zu Christoph Hein kundtun möchten, dann hinterlassen Sie gern einen Kommentar.

Kurze Vergnügen

Twitter ist inzwischen überall. Das Gezwitscher ist mainstream: die Tagesschau berichtet, die Grünen schicken gerade Updates von ihrem Parteitag in Dortmund, Spiegel-Online verbreitet seine Nachrichten über den Micro-Blogging-Dienst, NDR’s N-Joy kommuniziert mit den Hörern u.v.m. Herzstück ist und bleibt aber der Mensch hinter den Kurznachrichten, die sich Tweets nennen, seine Interessen, Infos und sein Humor oder Wortwitz. Gerade letzterer stand am gestrigen Abend im Mittelpunkt der Twitterlesung in der Hamburger Botschaft im Schanzenviertel.

Das Twitkrit-Team, das in seinem Blog regelmäßig bemerkenswerte Twitterer rezensiert, las Gefühlsausbrüche, Gedanken über Politik, büroalltag und das Leben, jeweils geballt in maximal 140 Zeichen. Beispiele: „Wenn die deutschen Autohersteller ans Ende ihrer Fließbänder Schrottpressen montieren, wären sie dank Abwrackprämien ihre Absatzsorgen los.“ „Ich teile jetzt erstmal meine Wohnung in Gegenstands-Aufenthaltsorts-Quadranten ein.“ „Sitze auf der Parkbank. Mühsam nähert sich das Eichhörnchen.“ usw. Pointiert und klug, stumpf und zynisch, alles gab’s. Eine tolle Idee, so eine Twitterlesung. An der Dynamik der Performance könnte vielleicht noch gefeilt werden, aber sonst hoffe ich, dass bald wieder in der Hansestadt live on Stage gezwitschert wird.

Den einzigen wirklichen Wermutstropfen gab es beim Offlinetweet-Wettbewerb-Contest. Auf Kärtchen durften sich Twitterer und Nichttwitterer spontan an der 140er-Form versuchen. Die bezaubernde Liebste des Blind-PR’lers schaffte es zurecht unter die Top 4 – „in dem Moment, in dem ich mein Herzblut spenden wollte, war niemand da, der es brauchte“ -, kam ins Stechen um Platz Eins und verlor knapp im Applaus-Votum gegen einen Stuhlgang-Tweet – man kann nicht alles haben.

Meine Twitter-Updates finden Sie übrigens hier.

Keks meets Kultur

Neben der Feuerzangenbowle gibt es noch ein Weihnachtsritual für mich. Seit gefühlten Jahrzehnten veranstaltet Rheinhold am dritten Advent seine Keks-meets-Kultur-Feier. Das Konzept ist denkbar einfach und genial: am Nachmittag wird kollektiv Teig geknetet, wird derselbe mit Förmchen ausgestochen, werden Plätzchen gebacken. Und wenn die gesamte Runde vollkommen überzuckert ist von Keksen und Glühwein, dann zeigt jeder, was er kann. Die einen singen Bob Dylan und Tom Waits mit Gitarren-Begleitung. Die anderen spielen Tanzmusik vom Balkan und die Monkey-Island-Musik auf dem Akkordeon. Eigen-Kompositionen gehören ebenso zum immer überraschenden und inspirierenden Programm. Und gelesen wird auch. Neben eigenen Kurzgeschichten habe ich in diesem Jahr erstmals einen kleinen privaten Jahresrückblick vorgetragen, gespeist aus diesem Blog. Ein grandioses Editors-Konzert, die anrührende Hochzeit der Trevors und mein persönlicher Theater-Sommernachtstraum wurden im Kreise meiner Freunde und Bekannten noch einmal lebendig. Eigentlich schade, dass nur einmal im Jahr dritter Advent ist. Es ist schön, zu entdecken, was in den Menschen steckt. Und man vergisst manchmal, wieviel kulturelles Können einen im Alltag und persönlichen Umfeld umgibt.