Geist und Gesellschaft

Dass ich das Buch in gänze lesen würde, hätte ich nach den ersten Kapiteln nicht gedacht. Und normalerweise habe ich auch keine Skrupel. einen Roman, der nicht in Gang kommt, unbeendet der Blindenschrift-Bücherei zurückzusenden. Aber nun hieß der Autor des Glasperlenspiels Hermann Hesse. Und bisher hatte mich der Meister der romantisch-psychologischen Moderne nie enttäuscht. somit hielt ich durch. Und darüber bin ich sehr froh. Denn das Glasperlenspiel ist ein dichtes, kluges Werk über das verhältnis von Geist und Gesellschaft. Es proklamiert das Ideal der freien Wissenschaft, was in Zeiten von Leistungsdruck, Studiengebühren und einer ausschließlichen Ausrichtung der Studiengänge auf den Beruf topaktuell ist. Und Hesse entwirft eine Utopie des Austauschs zwischen den wissenschaftlichen disziplinen. Diesen Austausch wünscht man sich in Zeiten immer komplexerer globaler Problemlagen. Aber der Autor verarbeitet in seinem letzten großen Werk auch die Gefahren, die in einer Separierung der Wissenschaft vom Rest der Gesellschaft und vom Transzendentalen liegt. Und wenn man schließlich bedenkt, dass das Glasperlenspiel 1943 erschien, inmitten des zweiten Weltkriegs und des Holocausts, dann ist dieser etwas skurile und schwierige Roman ein grandioser Ausdruck von Hesses Humanismus. Hesse lohnt sich immer.

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Das müssen Sie gelesen haben

Welche zehn Bücher muss man meiner Meinung nach gelesen haben? Das fragt zurzeit eine Blogparade. Eine schwierige Frage, die ich vielleicht in einem Monat wieder ganz anders beantworten würde. Aber was soll’s?

  • Hermann Hesse: Demian. Damals im Deutsch-LK gelesen, ist es für mich elementar. Es ist wohl eines der klügsten Bücher, die ich kenne. Schöner und anschaulicher kann man Psychoanalyse nicht in Prosa verwandeln – außer vielleicht Hermann Hesse in „Narziß und Goldmund“.
  • Erich Maria Remarque: Im Westen nichts neues. Literarisch vielleicht nicht erste Wahl. Inhaltlich und in Sachen Eindringlichkeit aber ungeschlagen. Wer endlich alle Illusionen zum Thema Krieg verlieren möchte, der sollte das Buch lesen.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Klingt jetzt vielleicht stereotyp, aber „Faust“ ist zurecht ein Klassiker.
  • Nikolaus Lenau: Faust. Zu unrecht kein Klassiker ist die Faust-Fassung von Nikolaus Lenau, dabei ist sie so wundervoll düster und pessimistisch.
  • Nick Hornby: High Fidelity. Mal etwas leichtere Kost. Liebe, Pop und die Suche nach Glück in einem swingenden Schreibstil. Nach der Lektüre werden auch Sie beginnen, eine Laura fürs Leben zu suchen.
  • Thomas Mann: Buddenbrooks. Da ich an dieser Stelle nicht das Gesamtwerk des Meisters empfehlen kann, beschränke ich mich auf seinen berühmtesten Roman. Er handelt vom Untergang einer Kaufmannsfamilie und deren Eintauchen in künstlerische, philosophische und existenzielle Fragen des Lebens. Im übrigen grandios in der Hörbuchfassung, die vom einzigartigen Gerd Westphal gelesen wird.
  • Theodor Fontane: Stechlin. Selten habe ich bei einem vermeintlich schweren Buch soviel gelacht. Das launische Spätwerk Fontanes hat soviel geistreiche Komik, soviel Liebe zum Menschen und zum Brandenburger Land – ein Spitzenbuch für ein Herbstwochenende (gibt es übrigens auch von Gerd Westphal gelesen).
  • John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Schön, wie Irving die großen Fragen nach Menschlichkeit und Liebe in die amerikanische Provinz stellt. Die Personen sind einfach zum Liebhaben, obwohl sie mir – begegneten sie einem im wirklichen Leben – wahrscheinlich schnell auf die Nerven gehen würden.
  • Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis. Physik, Philosophie und großartiger britischer Humor. Ich empfehle alle fünf Bände.
  • Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Darf man heutzutage noch Marcuse empfehlen? Vielleicht ist nicht alles tragbar, was der Philosoph schreibt. Dennoch ist seine Konkretisierung der Kritischen Theorie mitreißend und anregend zugleich. Im Idealfall (sprich: bei dauerhafter Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder Lust am Denken) sollte die Lektüre durch die Schriften Adornos und Horkheimers ergänzt werden.