Skandinavien: Das Jante-Gesetz

  1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.
  2. Du sollst nicht glauben, dass du genauso viel bist wie wir.
  3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.
  4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.
  5. Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
  6. Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.
  7. Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
  8. Du sollst nicht über uns lachen.
  9. Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert.
  10. Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Jant

eloven

Ein Herz für Blogs

Heut hat die Web2.0-Welt ein Herz für Blogs. Das ist in Zeiten von Twitter ja schon oldschool, vielleicht gerade deswegen so charmant. Ich empfehle die folgenden Blogs:

  • Biopolitik – wegen der ungewohnten Denkweisen und der zu unrecht vernachlässigten Themen rund um Behinderung.
  • 49 Suns – Wegen der formidablen Rock-Expertise und eines fantastischen Musikgeschmacks.
  • Indiskretion Ehrensache – wegen der spitzen Feder und der gnadenlosen Bestandsaufnahmen.
  • J.A. Blog – Wegen der klugen Gedanken und des Mutes zum geschriebenen Wort
  • Menschenbilder – Wegen der literarischen Form und des reflektierten Inhalts.
  • PR-Blogger – Wegen der vielen nützlichen Web2.0-Tipps und des modernen PR-Verständnisses.

Angst in der Spaßgesellschaft

In den letzten Jahren höre ich immer häufiger von Freunden und Bekannten, dass sie einfach nicht mehr können, ihnen das Leben über den Kopf wächst. Viele beginnen eine Psychotherapie. Ängste und Depressionen sind keine Seltenheit. Der Alltag um das dreißigste Lebensjahr, die unsichere, moderne Gesellschaft verlangen viel, oft zuviel vom Individuum. Und wir leben in einer Spaßgesellschaft. Wer berichtet da schon gern von seinen Befürchtungen, von seiner Traurigkeit? Ausgerechnet die Gute-Laune-Moderatorin Sarah Kuttner hat sich des Themas Depression in ihrem ersten Roman angenommen.

In „Mängelexemplar“ lässt sie ihre Ich-Erzählerin Karo von Panik-Attacken, Selbstekel und Verzweiflung in einem lustigen Menschen berichten. Bei Karo kommen die Entlassung aus der Event-Agentur und das Ende einer ohnedies unglücklichen Beziehung zusammen. Diese Anlässe lassen Ihr Angstfass überlaufen. Karo landet in einer Therapie und beim Psychiater. Aus der Krise geht sie gestärkt hervor, muss aber auch einsehen, dass sie weiter auf unsicherem Boden laufen wird. Eine der beeindruckendsten Szenen im Roman ist der Moment, in dem die Erzählerin feststellt, dass sie nicht nur vor anderen Menschen die witzig-spritzige Sprücheklopferin spielt, sondern auch sich selbst belügt und betrügt. Wann hat man eine Krise überwunden und wann gaukelt man es sich nur vor?

Kuttners Roman ist kein tiefgründig-vielschichtiger Literatur-Meilenstein. Aber er passt in die Zeit. Und er ist – wie könnte es bei der Autorin anders sein – humorvoll und witzig. „Mängelexemplar“ liest sich zügig und lässt einen doch nachdenklich zurück. Das Hörbuch mit fünf CD’s liest die Autorin selbst und charmant.

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Zu früh

„Zu früh“, denk ich. Kaffee- und Muffin-Duft dringt in meine Nase. Er kündigt mir das Ziel meines frühabendlichen Ausflugs an. Nach 50 Metern vernehme ich das typisch dumpfe, aber konstant laute Murmeln: vor allem weibliches Lachen, dazu männliche Geschäftigkeit und kindliches Fordern. Die glatten Bodenplatten des Eingangs weisen mir den Weg. Die Kugel am Ende meines weißen Stockes rollt gleichmäßig von links nach rechts vor mir her, links, rechts, links, rechts, links, rechts.

„Entschuldigen Sie“, rufe ich auf’s Geratewohl in das Stimmenwirrwarr, „ist noch ein Zweiertisch frei?“

„Nicht wirklich“, sagt eine gequetschte Stimme, die gewiss einer Mutter gehört.

„Doch doch, dahinten“, dröhnt ein rauher Männerbass, der neben der Sachinformation schweren Bierdunst zu mir trägt. „Ich helf Dir!“

ob der Ü-50er jeden duzt oder nur Blinde, frage ich mich. Immerhin zerrt er mich nicht zum freien Platz, sondern bietet mir seinen Arm an. „Ich hab Erfahrung mit Euch“, sagt er und lacht.

Ich ahne schon, dass ich diesen Herren nicht so einfach loswerde. Er legt meine Hand auf die Stuhllehne. Ich setze mich.

„Na, wie hab ich das gemacht?“, fragt er.

„Alles perfekt, danke“, antworte ich.

Er setzt sich auch. Ich wusste es. Wird er mir jetzt von seiner erblindeten Mutter berichten oder von seinem Berufsalltag als Altenpfleger oder Sonderschullehrer, Erzieher für blinde Kinder vielleicht?

„Ich war mal im Dialog im Dunkeln“, platzt es aus ihm heraus. „Ich find Euch voll faszinierend. Ich bin Jürgen!“ Eine fleischige, durch die Sommerhitze feuchtgeschwitzte Hand greift nach meiner.

Jetzt sind wir wohl Kumpel, denke ich und sage: „Ich bin Jan, hallo Jürgen.“

„Und schon immer blind?“ Wenigstens ist er unverkrampft.

„Nein, sechs war ich, ein Unfall.“

„Schlimm, schlimm. Naja, das Leben muss weiter gehen. Jürgen weiß bescheid, denke ich.

„Ja, man findet seinen Weg“, sage ich und möchte von Blindenschrift, sprechenden Uhren und Kochkursen für Blinde reden.

„Ihr entwickelt ja auch einen sechsten Sinn“, unterbricht mich mein Gegenüber.

Ich habe ja nicht einmal einen fünften Sinn, denke ich und sage es auch.

Er schweigt – wer hätte gedacht, dass er das kann? – verdutzt. „Ja, nein, ich meine, Ihr nutzt andere Sinne.“

„Ja, das stimmt“, antworte ich in der Hoffnung, auf sicheres und vertrautes Smalltalk-Terrain gelangt zu sein. „Wenn ich an einer Kreuzung bin, dann höre ich an den parallel anfahrenden Autos, dass ich grün habe.“

„Schon klar. Du kannst bestimmt auch hören, wie ich aussehe“, fragt Jürgen die für einen Sehenden nicht allzu ungewöhnliche Frage.

„Nein, und es interessiert mich auch nicht. Wie jemand aussieht, spielt für mein Leben keine Rolle.“

„Das ist toll!“, findet Jürgen.

Kann nicht mal die Bedienung kommen, denke ich.

„Dieser ganze oberflächliche Quatsch ist Euch egal“! Wären doch alle Menschen so!“ Jürgen schwärmt. „Du siehst das Wesentliche. Sei froh, dass Du den ganzen Scheiß nicht angucken musst. Du siehst, welche Menschen gut sind“, frohlockt er. Und ich bin mir sicher, dass er sich für gut hält.

Ich wünsche mir den guten Menschen herbei, mit dem ich hier verabredet bin.

Ich setze an, Jürgen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Aber da will er gar nicht hin. Er will nicht hören, dass blinde Menschen so unterschiedlich wie sehende sind, dass die einen wissen wollen, wie jemand aussieht, die anderen nicht, dass die einen musikalisch sind, die anderen nicht, dass die einen voll integriert, die anderen lieber unter sich sind, dass die einen oberflächlich und die anderen weltoffen sind. Jürgen holt lieber zum finalen Schlag aus:

„Ich bin mir sicher, Ihr könnt hellsehen!“

Jetzt bin ich verdutzt. Nach einer Pause bricht sich meine Verwirrung in einem kraftvollen Lachen bahn. Ich lache und lache, immer lauter.

„Nein, wirklich“, versucht Jürgen zu begründen. Aber ich kann ihm nicht mehr zuhören. Ich zittere, bebe vor Lachen. Hellsehen. Was kommt noch? Mit Tieren sprechen? Gold scheißen?

„Hier ist ja eine tolle Stimmung“, sagt die weiche, klare Stimme, die sich heut in Rosenduft hüllt. Die zarte Hand des guten Menschen, mit dem ich verabredet bin, streicht über meine Wange. Und ich schwöre mir, nächstes Mal nicht zu früh hier zu sein.

(Dieser Blog-beitrag ist fiktiv. Er ist mein Beitrag zum Themen-Abend „Esoterik“ in der „Mathilde Hamburg“, 7. April 2009.)