Perspektiven (7): Depressionen, Eifersucht und Pornographie

Wir alle haben im Bio-Unterricht gelernt, wie das menschliche Auge funktioniert. Wie komplex das Sehen aber wirklich ist, zeigen immer wieder wissenschaftliche Studien. Dabei wird immer klarer, dass das Seelenleben massiven Einfluss auf die visuelle Wahrnehmung hat.

Wer depressiv ist, meint häufig, alles grau in grau zu sehen. Dass dies nicht nur seelisch bedingt ist, sondern tatsächlich auf einer geringeren Kontrastempfindlichkeit der Netzhaut beruht, haben jetzt deutsche Forscher herausgefunden. In Ableitungen zeigten die Sehzellen von Depressiven dramatisch niedrigere Reaktionenauf Kontrastreize. Die jetzt im Fachjournal„ Biological Psychiatry“ vorgestellte neue Methode könnte zukünftig sogar als ein zusätzliches Diagnoseverfahren eingesetzt werden.

(scinexx.de)

Eifersucht macht wirklich blind. Zu diesem Schluss kommen Psychologen der University of Delaware. Sie haben entdeckt, dass Frauen, die im Labor künstlich eifersüchtig gemacht wurden, sich emotional so unwohl fühlten, dass sie nicht in der Lage waren, bestimmte Objekte in visuellen Tests zu erkennen.   Die Ergebnisse der Studie erschienen in der April- Ausgabe des Fachmagazins Emotion, die von der American Psychological Association publiziert wird.

(vienna.at)

Ein anderes Thema, das eine Vielzahl der Medien dankbar aufgreift, ist der erste Tast-Porno für blinde Menschen. In einem Interview mit der kanadischen Macherin Lisa J. Murphy erfahren wir mehr über den Schaffensprozess – und nebenbei etwas darüber, wie die Medien funktionieren.

Verrückt, ich habe das Buch vor fast zwei Jahren veröffentlicht, aber keine Zeitung hat sich dafür interessiert. Ich nehme an, dass viele den Band für einen Scherz hielten. Jetzt hat doch einer mal was geschrieben, und innerhalb von zwei Tagen dreht die halbe Welt durch. CBS hat mich im Bus angerufen, gleich muss ich mit Neuseeland telefonieren. Haben Sie sich mal selbst im Fernsehen gesehen? Ich werde nun kein Foto mehr von mir herausgeben.

(sueddeutsche.de)

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Ihre Perspektive: Braucht die Welt Pornos für blinde Menschen?

Angst in der Spaßgesellschaft

In den letzten Jahren höre ich immer häufiger von Freunden und Bekannten, dass sie einfach nicht mehr können, ihnen das Leben über den Kopf wächst. Viele beginnen eine Psychotherapie. Ängste und Depressionen sind keine Seltenheit. Der Alltag um das dreißigste Lebensjahr, die unsichere, moderne Gesellschaft verlangen viel, oft zuviel vom Individuum. Und wir leben in einer Spaßgesellschaft. Wer berichtet da schon gern von seinen Befürchtungen, von seiner Traurigkeit? Ausgerechnet die Gute-Laune-Moderatorin Sarah Kuttner hat sich des Themas Depression in ihrem ersten Roman angenommen.

In „Mängelexemplar“ lässt sie ihre Ich-Erzählerin Karo von Panik-Attacken, Selbstekel und Verzweiflung in einem lustigen Menschen berichten. Bei Karo kommen die Entlassung aus der Event-Agentur und das Ende einer ohnedies unglücklichen Beziehung zusammen. Diese Anlässe lassen Ihr Angstfass überlaufen. Karo landet in einer Therapie und beim Psychiater. Aus der Krise geht sie gestärkt hervor, muss aber auch einsehen, dass sie weiter auf unsicherem Boden laufen wird. Eine der beeindruckendsten Szenen im Roman ist der Moment, in dem die Erzählerin feststellt, dass sie nicht nur vor anderen Menschen die witzig-spritzige Sprücheklopferin spielt, sondern auch sich selbst belügt und betrügt. Wann hat man eine Krise überwunden und wann gaukelt man es sich nur vor?

Kuttners Roman ist kein tiefgründig-vielschichtiger Literatur-Meilenstein. Aber er passt in die Zeit. Und er ist – wie könnte es bei der Autorin anders sein – humorvoll und witzig. „Mängelexemplar“ liest sich zügig und lässt einen doch nachdenklich zurück. Das Hörbuch mit fünf CD’s liest die Autorin selbst und charmant.

Mehr Literatur bei Lovely Books.