Zu früh

„Zu früh“, denk ich. Kaffee- und Muffin-Duft dringt in meine Nase. Er kündigt mir das Ziel meines frühabendlichen Ausflugs an. Nach 50 Metern vernehme ich das typisch dumpfe, aber konstant laute Murmeln: vor allem weibliches Lachen, dazu männliche Geschäftigkeit und kindliches Fordern. Die glatten Bodenplatten des Eingangs weisen mir den Weg. Die Kugel am Ende meines weißen Stockes rollt gleichmäßig von links nach rechts vor mir her, links, rechts, links, rechts, links, rechts.

„Entschuldigen Sie“, rufe ich auf’s Geratewohl in das Stimmenwirrwarr, „ist noch ein Zweiertisch frei?“

„Nicht wirklich“, sagt eine gequetschte Stimme, die gewiss einer Mutter gehört.

„Doch doch, dahinten“, dröhnt ein rauher Männerbass, der neben der Sachinformation schweren Bierdunst zu mir trägt. „Ich helf Dir!“

ob der Ü-50er jeden duzt oder nur Blinde, frage ich mich. Immerhin zerrt er mich nicht zum freien Platz, sondern bietet mir seinen Arm an. „Ich hab Erfahrung mit Euch“, sagt er und lacht.

Ich ahne schon, dass ich diesen Herren nicht so einfach loswerde. Er legt meine Hand auf die Stuhllehne. Ich setze mich.

„Na, wie hab ich das gemacht?“, fragt er.

„Alles perfekt, danke“, antworte ich.

Er setzt sich auch. Ich wusste es. Wird er mir jetzt von seiner erblindeten Mutter berichten oder von seinem Berufsalltag als Altenpfleger oder Sonderschullehrer, Erzieher für blinde Kinder vielleicht?

„Ich war mal im Dialog im Dunkeln“, platzt es aus ihm heraus. „Ich find Euch voll faszinierend. Ich bin Jürgen!“ Eine fleischige, durch die Sommerhitze feuchtgeschwitzte Hand greift nach meiner.

Jetzt sind wir wohl Kumpel, denke ich und sage: „Ich bin Jan, hallo Jürgen.“

„Und schon immer blind?“ Wenigstens ist er unverkrampft.

„Nein, sechs war ich, ein Unfall.“

„Schlimm, schlimm. Naja, das Leben muss weiter gehen. Jürgen weiß bescheid, denke ich.

„Ja, man findet seinen Weg“, sage ich und möchte von Blindenschrift, sprechenden Uhren und Kochkursen für Blinde reden.

„Ihr entwickelt ja auch einen sechsten Sinn“, unterbricht mich mein Gegenüber.

Ich habe ja nicht einmal einen fünften Sinn, denke ich und sage es auch.

Er schweigt – wer hätte gedacht, dass er das kann? – verdutzt. „Ja, nein, ich meine, Ihr nutzt andere Sinne.“

„Ja, das stimmt“, antworte ich in der Hoffnung, auf sicheres und vertrautes Smalltalk-Terrain gelangt zu sein. „Wenn ich an einer Kreuzung bin, dann höre ich an den parallel anfahrenden Autos, dass ich grün habe.“

„Schon klar. Du kannst bestimmt auch hören, wie ich aussehe“, fragt Jürgen die für einen Sehenden nicht allzu ungewöhnliche Frage.

„Nein, und es interessiert mich auch nicht. Wie jemand aussieht, spielt für mein Leben keine Rolle.“

„Das ist toll!“, findet Jürgen.

Kann nicht mal die Bedienung kommen, denke ich.

„Dieser ganze oberflächliche Quatsch ist Euch egal“! Wären doch alle Menschen so!“ Jürgen schwärmt. „Du siehst das Wesentliche. Sei froh, dass Du den ganzen Scheiß nicht angucken musst. Du siehst, welche Menschen gut sind“, frohlockt er. Und ich bin mir sicher, dass er sich für gut hält.

Ich wünsche mir den guten Menschen herbei, mit dem ich hier verabredet bin.

Ich setze an, Jürgen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Aber da will er gar nicht hin. Er will nicht hören, dass blinde Menschen so unterschiedlich wie sehende sind, dass die einen wissen wollen, wie jemand aussieht, die anderen nicht, dass die einen musikalisch sind, die anderen nicht, dass die einen voll integriert, die anderen lieber unter sich sind, dass die einen oberflächlich und die anderen weltoffen sind. Jürgen holt lieber zum finalen Schlag aus:

„Ich bin mir sicher, Ihr könnt hellsehen!“

Jetzt bin ich verdutzt. Nach einer Pause bricht sich meine Verwirrung in einem kraftvollen Lachen bahn. Ich lache und lache, immer lauter.

„Nein, wirklich“, versucht Jürgen zu begründen. Aber ich kann ihm nicht mehr zuhören. Ich zittere, bebe vor Lachen. Hellsehen. Was kommt noch? Mit Tieren sprechen? Gold scheißen?

„Hier ist ja eine tolle Stimmung“, sagt die weiche, klare Stimme, die sich heut in Rosenduft hüllt. Die zarte Hand des guten Menschen, mit dem ich verabredet bin, streicht über meine Wange. Und ich schwöre mir, nächstes Mal nicht zu früh hier zu sein.

(Dieser Blog-beitrag ist fiktiv. Er ist mein Beitrag zum Themen-Abend „Esoterik“ in der „Mathilde Hamburg“, 7. April 2009.)

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

2 Kommentare zu „Zu früh“

  1. 1000 mal fast genauso erlebt. Immerhin hat Jürgen wenigstens nicht gesagt: „Ich würde nicht mehr leben wollen, wenn ich blind wäre.“ So eine Aussage bekommt man als blinder Mensch nämlich auch oft zu hören. Manchmal bin ich dann versucht zu antworten: „Naja, blind sein ist nicht schön, aber andere Menschen haben oft viel schlimmere Einschränkungen, auch wenn dies keine Behinderungen im herkömmlichen Sinne sind, sondern es diesen armen Leuten nur an geistigen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten mangelt.“ Ich sage das dann aber natürlich doch nicht, da ich nicht gemein sein will. Ausserdem sind mir unsensible Zeitgenossen lieber als die, die mir jede Kommunikation verweigern oder in eine Schreckstarre verfallen, weil sie Angst haben, etwas Verletzendes zu äußern. Also, liebe Jürgens dieser Welt, seid mutig, lieber mal was Falsches sagen, als garnichts. 😉

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  2. Es gibt so einen Schlag von Leuten, die grundsätzlich immer gerne „sozial” sein wollen. In ihrem krankhaften Bemühen, nett zu sein, merken sie gar nicht, wie sie irrsinnig nervtötend sein können.

    Und dieses ganze Faß mit der Positivdiskriminierung wollen wir gar nicht erst aufmachen.

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