Musical: Blinde Passagiere stechen in See

Die Generalprobe liegt hinter uns. Ab Freitag geht es nun also los: Die blinden Passagiere stechen in See.

Der alte Frachter Tantici 2 verlässt 1959 Hamburg mit dem Ziel Italien. Mit an Bord: eine eigenwillige Crew, illustre Passagiere und das Gesangsterzett „Triett kokett“ als Blinde Passagiere. Doch das Schiff kommt niemals in Napoli an. Nach Sturm und Maschinenschaden und mitten im indischen Ozean ist plötzlich alles möglich: Das Ende oder ein Neuanfang irgendwo auf einer einsamen Insel…

Im letzten Jahr starteten die Kultur Bühne Bugenhagen und der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg mit der Idee, mit blinden und sehenden Schauspielern Theater zu machen. „Blindfische und Sehfische“ begeisterte („sehenswert“ (NDR), „Publikumserfolg“ (Abendblatt)).

„Blinde Passagiere“ spielt mit den deutschen Reise-Sehnsüchten der 50er Jahre und berührt erstaunlich aktuelle Träume und Fragen. In die spannende Geschichte sind viele bekannte und unbekannte Liedperlen der Zeit verwoben – life und musikalisch überraschend arrangiert. Leinen los für das zweite Theaterabenteuer: turbulent und süchtig machend!

  • Premiere: 16.10.09
  • Weitere Vorstellungen: 17., 22., 23., 24.10. jeweils 20 Uhr
  • Wo: Kultur Bühne Bugenhagen
  • Biedermannplatz 19
  • 22083 Hamburg
  • Karten unter: 040-63947041/42 und unter info@kbb-hamburg.de

Ich freue mich über jeden Blind_PR-Leser, der zu unseren Vorstellungen kommt. Ahoi!

Blinde Passagiere auf der MS Bleichen

Schiffe gehören zu Hamburg wie Blind-PR in jede gute BlogRoll.;-) Daher war eine gewisse blind-sehende Theater-Gruppe am vergangenen Samstag auf dem Museumsschiff MS Bleichen. Wir schnupperten Schiffsdiesel, hörten die Schiffshupe dröhnen, fühlten dicke Taue. Dazu gab’s die Erinnerungen echter Seemänner und die bewegte, 50jährige Geschichte des Stückgut-Frachters. Echt ein Tipp – zumal für sonnige Spätsommer-Frühherbst-Wochenenden.

Grund unserer Recherche-Tour: Die einstigen Blind- und Sehfische proben ein neues Stück. Ab 16. Oktober bringen wir „Blinde Passagiere“ auf die Bühne – genauer auf die Kultur Bühne Bugenhagen. Und, wie der Titel schon sagt, bei diesem humorvollen Seh-Musical geht es um die Seefahrt, um Fern- und Heimweh, ausgedrückt in den Schlagern der Zeit und in einer turbulenten Story. Ich freue mich auf jeden Leser, der reinschaut.

Wellen der Hoffnungslosigkeit

Während sich weltweit Pärchen bei Candlelight und romantischem Essen mehr oder minder verliebt in die Augen sahen, haben die bezaubernde Anna und ich am Valentinstag lieber „Breaking The Waves“ geguckt. Der Film des Dänen Lars von Trier lässt mich seitdem nicht mehr los. Immer wieder drängen sich Sequenzen und Stimmungen des Streifens in meine Gedanken und Träume – und immer sind sie düster. Der Film bedrückte mich, beengte mich, mir wurde beim Sehen schlecht, ich wollte ausmachen. Und doch haben wir weitergeschaut, gnadenlos, erschütternd. Eine naive Frau liebt ihren Mann. Sie liebt ihn gegen alle Widerstände ihrer christlich-fundamentalistischen Dorfgemeinde. Sie liebt ihn, als er durch einen Unfall vom Hals an gelähmt ist. Sie liebt ihn, als er von ihr verlangt, mit fremden Männern zu schlafen. Sie erniedrigt sich aus Liebe und bleibt doch die Erhabene, weil sie liebt. Aber man ahnt schon früh, dass ihre bedingungslose Liebe scheitern wird. Sie stirbt, von brutalen Männern getötet, von der Kirche verstoßen, von der Mutter geächtet. Ist es die Gnadenlosigkeit, die brutalität des Films, die mich so erschüttert? Ist es die Verlustangst der Protagonistin? Ist es die Enge von familie, Dorf und Doppelmoral? Ja, vielleicht. Darüber hinaus ist es aber auch ein Unbehagen gegen den Film an sich, gegen seine Hoffnungslosigkeit. Eine Ahnung von Hoffnung gibt es nur in der leidenden Hingabe und im Tod, wenn am Ende von „Breaking the Waves“ die Glocken wie aus dem Nichts überm Meer erklingen und für die Heldin läuten.

„Ich brauch doch Hoffnung“, rief vorgestern Marco, eine Figur aus „Vorstellungen“ aus, einem stück im Hamburger Schauspielhaus. Marco ist Regisseur. Er will Shakespeares Versepos „Venus und Adonis“ auf die Bühne bringen. Er schreibt den tragischen Stoff um, eben weil er die Hoffnung braucht – privat wie als Künstler.

Und genau das habe ich auch während der über zweieinhalb „Breaking The Waves“-Stunden immer wieder gedacht: „Wo bleibt denn hier die Hoffnung, der gute Mensch?“ Wenn Lars von Trier sagen wollte, dass es das gute fast nicht mehr gibt, dass es nur noch als Nadel in einem Heuhaufen des Bösen zu finden ist, dann ist ihm das sehr eindrücklich gelungen. Mut machte der Film aber nicht. Die Wellen brechen über dem Zuschauer zusammen, und der bleibt ertrunken in Hoffnungslosigkeit zurück.

„Ob der im Dunkeln immer so ungeschickt ist?“

Was für ein wochenende. Über fünfzehn Stunden im Zug. Wenig Schlaf. Anspannung vor der Theater-Aufführung, Unsicherheiten während des Stücks. Zweifel, ob sich der Aufwand lohnt. Langanhaltender Applaus. Gestern haben wir „Blindfische und Sehfische“ in Leipheim / Bayern gespielt. Ich könnte jetzt über den unbekannten Raum, seine acht Holzsäulen, die schallschluckende Akustik, den mit 120 Zuschauern mehr als ausverkauften Zehnstadel schreiben. Oder über die Nervosität im Team. Oder über den tollen, offenen Umgang zwischen blinden Laien und sehenden Profi-Schauspielern. Das tue ich aber nicht, sondern verlinke lieber auf die Kritik in der Augsburger Allgemeinen.