Wie wundervoll Hamburg ist, merke ich besonders, wenn es Frühling wird. Und Frühling wird es in diesen Tagen endlich. Die Vögel durchdringen die Stadt mit ihrem Gezwitscher und übertönen – scheinbar spielend – den Lärm der Autos. Im Stadtpark weht der mal sanfte, mal fordernde Wind durch vollere Baumkronen, deren Rauschen immer kräftiger wird. Die Erde duftet nach Leben und Zukunft. Am Hafen strömen Hunderte auf die HVV-Fähren, um immer wieder von den Landungsbrücken nach Finkenwerder und zurück zu fahren und an Deck die Sonne zu genießen. Das Hupen der Dampfer, das Rauschen der Elbwellen, die Gischt auf der Haut, lassen die zarten Pflanzen der Hoffnung und Sehnsucht um so schneller wachsen. Auf den Steinen am Elbstrand zu sitzen, während sich Wolken und Sonne abwechseln – so wie Tränen und Lächeln – ist in dieser Jahreszeit wundervoll. Im Frühling liegt noch nicht die Sattheit eines heißen Grilltages auf den Gemütern der Stadtbewohner, sonder die Leichtigkeit eines langen Spaziergangs. Wenn doch nur immer Frühling wär…
Perforierte Ecken statt Stift und Kreuzchen
Was muss grandioses geschehen, damit man an einem Samstag Nachmittag – genau in dem Moment, in dem die Sonne sich endgültig gegen die Hamburger Wolken durchsetzt – seinen sympathischen Besuch aus der Ferne für fünf Stunden verabschiedet, um sich mit mehr als 100 anderen Menschen in einen stickigen Raum in Lurup zu setzen? Es ist Zeit für Demokratie und Diskussion: Am 19. April hat die General-Versammlung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg den Vorstand für die nächsten vier Jahre gewählt. Da wollte ich nicht fehlen.
Vielleicht liegt es daran, dass ich Politikwissenschaften studiert und schon als kleiner Junge gern Wahlberichterstattung im Fernsehen geguckt habe (weil dort soviel Pannen passierten), Wahlen finde ich immer spannend. Und auch diesmal war es aufregend, wer wohl die Kampfabstimmung um den zweiten Vorsitz und um die zwei Beisitzer-Positionen gewinnt, wieviel Stimmen die Kandidaten erhalten. Die Wahl ist geheim. Damit blinde und sehbehinderte Mitglieder ohne Stift und Kreuzchen, ohne Lupe und Scanner ihre Stimme abgeben können, benutzen wir an den Ecken perforierte, Postkarten-große Zettel. Eine abgerissene Ecke bedeutet eine Stimme für Kandidat 1, zwei abgerissene Ecken eine Stimme für Kandidat 2 usw. Einfach, aber genial. Im Kern wurde der bisherige Vorstand bestätigt. Lediglich der Schriftführer hatte nicht mehr kandidiert und musste ersetzt werden. Somit hatte sich nach fünf Stunden nur wenig verändert, aber manchmal ist ja selbst das eine interessante Nachricht und einen Sonnen-Verzicht wert.
- 1. Vorsitzende: Petra Meyer
- 2. Vorsitzender: Hilding Kissler
- Schriftführer: Carsten Albrecht
- Beisitzer: Ivanka Kobsch und Riko Zellmer
I keep the faith
Nur wenige Menschen wirken nicht peinlich oder verlogen, wenn sie von Menschlichkeit, Gemeinschaft und internationaler Solidarität sprechen. Billy Bragg ist einer von ihnen. Der Brite war am Dienstag in der Hamburger Markthalle. Michi und ich sind der Meinung: Das war spitze! Und ich verrate jetzt, warum.
Bisher hatte ich Bragg live immer mit seiner Band gesehen. Diesmal war er solo on Tour. Ich hatte mich auf einen gemütlichen Liedermacher-Abend eingestellt. Ein dummer Irrtum: schon das erste Stück – die E-Gitarre auf Anschlag, die Stimme klar und Rhythmus-akzentuiert – hat gerockt, dass sich die Balken bogen und die jungen bis alten Fan-Beine wippten. Bragg, der dereinst als erfolgloser Punkrocker startete und später unvertonte Woody-Guthrie-Songs einspielte, brachte die Halle zum dampfen und schließlich zum Kochen. Das Repertoire reichte von seinen alten Arbeiterliedern bis zu den neuen, souligen Tracks. Und die treue Gemeinde hing an den Lippen des coolen Predigers, ganz gleich, ob er von seiner Kindheit auf dem Bauernhof oder von seinen Stimm-Problemen auf der US-Tour plauderte oder darüber reflektierte, dass jeder zehnjährige heut die schlimmsten Schimpfwörter einfach googeln könne. Und Bragg verwahrte sich gegen Vorwürfe, er hätte seine politischen Ideale verraten, als er Beethovens Neunter einen englischen Text verpasste und das Werk vor der Queen aufführen ließ: „Hey, she came to my concert!“
Und man konnte eine Feder fallen hören, als Bragg zu seiner finalen, dann doch etwas altklugen, Abschlussrede ansätzte: Bei vielen Besuchern schwangen sicher eigene Erinnerungen und Fragen mit, als Bragg von seinem politischen Aha-Erlebnis berichtete. Ein Clash-Konzert im Londoner Eastend, im Rahmen einer Anti-Rassismus-Demo mit 100.000 Menschen, das sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt. Bragg merkte dort, dass er mit seinen Wünschen und Idealen nicht allein sei und dass Musik etwas verändern könne. Heute heißt sein Feind nicht mehr Rassismus oder Kapitalismus. Der Songwriter mit dem fantastischen Akzent, warnt uns stattdessen vor Zynismus. Wenn wir meinten, wir könnten nichts verändern, oder glaubten, etwas zu tun, bringe nichts, und wenn wir alles dafür täten, dass die anderen Menschen auch so denken, dann sei das die größte Gefahr unserer Zeit. Sicherlich fühlte sich der eine oder andere im Publikum – und der Schreiber dieser Zeilen möchte sich da gar nicht ausnehmen – ein kleines bisschen ertappt. Aber dann singt Billy „I Keep The Faith“ – und er meint damit seinen Glauben an uns – für die bewegte Menge, und unsereins stellt fest, dass der Künstler recht hatte: Musik kann wirklich etwas verändern.
Links zum Thema
Billy Bragg im TAZ-Interview: http://www.taz.de/1/leben/musik/artikel/1/patriotismus-kann-doch-ok-sein/?src=SE&cHash;=7a4c787b49
Braggs Homepage: http://www.billybragg.co.uk/
Mein verlinktes Hamburg
Es soll ja wirklich sympathische Menschen geben, die Hamburg noch nicht kennen. Kündigt sich ein solcher Besuch aus der Ferne für ein Wochenende an, steht der Einheimische vor der Frage: Was zeige ich in zwei Tagen? Was muss man gesehen haben? Beschränke ich mich auf mein Hamburg oder machen wir, was die Reiseführer für unablässig erachten?
Bleiben wir hier einmal bei meinem Hamburg: Sollte der obligatorische Spaziergang einen Teil des Alsterwanderwegs entlang führen, der über mehr als 30 Kilometer vom waldigen Schleswig-Holstein durch die Alstertäler in die Innenstadt und zum Hafen führt? Oder flaniert man an der Elbe entlang, wo die gediegenen Häuser über bunten, duftenden Gärten und dem Elbstrand thronen? Und wo wird bei Sonnenschein gechillt? Auf einer der kleinen Stadparkwiesen oder in einem Café mit Alstersteg? Ach ja, Essen muss man auch noch: holt man sich frisches Obst und Gemüse, Würstchen vom Bioschlachter, würzigen Käse und betörend duftende Kräuter auf dem Goldbekmarkt, dem wahrscheinlich schönsten Wochenmarkt Hamburgs, direkt am Kanal gelegen? Oder isst man zünftig im Niewöhner, das zurecht seit beinah 90 Jahren seinen Platz in der Gertigstraße behauptet? Oder einfach mal McDonalds, Burger King oder einen Döner? Ist ja alles überall verfügbar.
Und richtig unübersichtlich wird es am Abend. Beginnt man den Abend kuschelig mit einer DVD daheim bei Chips und Gintonic, oder besucht man das Joy in Uhlenhorst, vollkommen zurecht meine Stammkneipe seit 1994? Und dann auf die Sternschanze ins Le Fonque oder in den Konsum, um anschließend im Grünen Jäger abzurocken? Vielleicht aber auch – ganz traditionell – der Kiez: Vielleicht ins Molotow und die Meanie-Bar auf der Reeperbahn oder Sorgenbrecher und Barbara-Bar auf dem Hamburger Berg. Oder man verbringt die Nacht auf einer Datscha-Party. Die Partys mit russischer, ost- und südost-europäischer Livemusik und exzellenten DJ’s sind momentan die extatischsten und tanzbarsten Abende in Hamburg.
Hamburgs Auswahl könnte einen Gastgeber wirklich überfordern. Eigentlich ist aber ja das Gegenteil richtig: man kann hier nichts falsch machen. Erstrecht nicht, wenn der Besuch aus der Ferne so sympathisch ist und gar nicht Hamburg, sondern er die Hauptrolle an diesem Wochenende spielen wird.