I keep the faith

Nur wenige Menschen wirken nicht peinlich oder verlogen, wenn sie von Menschlichkeit, Gemeinschaft und internationaler Solidarität sprechen. Billy Bragg ist einer von ihnen. Der Brite war am Dienstag in der Hamburger Markthalle. Michi und ich sind der Meinung: Das war spitze! Und ich verrate jetzt, warum.

Bisher hatte ich Bragg live immer mit seiner Band gesehen. Diesmal war er solo on Tour. Ich hatte mich auf einen gemütlichen Liedermacher-Abend eingestellt. Ein dummer Irrtum: schon das erste Stück – die E-Gitarre auf Anschlag, die Stimme klar und Rhythmus-akzentuiert – hat gerockt, dass sich die Balken bogen und die jungen bis alten Fan-Beine wippten. Bragg, der dereinst als erfolgloser Punkrocker startete und später unvertonte Woody-Guthrie-Songs einspielte, brachte die Halle zum dampfen und schließlich zum Kochen. Das Repertoire reichte von seinen alten Arbeiterliedern bis zu den neuen, souligen Tracks. Und die treue Gemeinde hing an den Lippen des coolen Predigers, ganz gleich, ob er von seiner Kindheit auf dem Bauernhof oder von seinen Stimm-Problemen auf der US-Tour plauderte oder darüber reflektierte, dass jeder zehnjährige heut die schlimmsten Schimpfwörter einfach googeln könne. Und Bragg verwahrte sich gegen Vorwürfe, er hätte seine politischen Ideale verraten, als er Beethovens Neunter einen englischen Text verpasste und das Werk vor der Queen aufführen ließ: „Hey, she came to my concert!“

Und man konnte eine Feder fallen hören, als Bragg zu seiner finalen, dann doch etwas altklugen, Abschlussrede ansätzte: Bei vielen Besuchern schwangen sicher eigene Erinnerungen und Fragen mit, als Bragg von seinem politischen Aha-Erlebnis berichtete. Ein Clash-Konzert im Londoner Eastend, im Rahmen einer Anti-Rassismus-Demo mit 100.000 Menschen, das sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt. Bragg merkte dort, dass er mit seinen Wünschen und Idealen nicht allein sei und dass Musik etwas verändern könne. Heute heißt sein Feind nicht mehr Rassismus oder Kapitalismus. Der Songwriter mit dem fantastischen Akzent, warnt uns stattdessen vor Zynismus. Wenn wir meinten, wir könnten nichts verändern, oder glaubten, etwas zu tun, bringe nichts, und wenn wir alles dafür täten, dass die anderen Menschen auch so denken, dann sei das die größte Gefahr unserer Zeit. Sicherlich fühlte sich der eine oder andere im Publikum – und der Schreiber dieser Zeilen möchte sich da gar nicht ausnehmen – ein kleines bisschen ertappt. Aber dann singt Billy „I Keep The Faith“ – und er meint damit seinen Glauben an uns – für die bewegte Menge, und unsereins stellt fest, dass der Künstler recht hatte: Musik kann wirklich etwas verändern.

Links zum Thema

Billy Bragg im TAZ-Interview: http://www.taz.de/1/leben/musik/artikel/1/patriotismus-kann-doch-ok-sein/?src=SE&cHash;=7a4c787b49

Braggs Homepage: http://www.billybragg.co.uk/

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

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