Kelly und Küche

Entwarnung: es kann doch noch Konzerte nach The Cure geben. Freitag spielten die Stereophonics in der Markthalle. Und ich hatte viel Spaß. Sicherlich trug meine humorvolle, tiefsinnige und sensible Begleitung ihren Teil zum Gelingen des Abends bei. Der grundsolide und schmutzige Sound der Waliser Band ging aber auch mächtig nach vorn. Sie spielte, wie schon vor elf Jahren, in der Markthalle. Dort hatte ich sie damals zum erstenmal gesehen. Und wahrscheinlich wird sie nie die Colorline-Arena füllen. Aber die Jungs schreiben Hymnen, schrabbeln mit ihren Guitarren, dass sich die Trommelfelle biegen, und entfalten eine mitreißende Energie. Und der betörende Kelly Jones – in manchen Kreisen nur „die geile Sau“ genannt – reibt mit seiner Stimme die erogenen Zonen seines Publikums, so dass es ihm nach dem Gig an Groupies gewiss nicht mangelt.

Und Samstag schön gekocht: Rheinhold – das H nach dem R soll so – und ich haben einen Fisch-Eintopf gezaubert. Dabei lief der MP3-Recorder. Veröffentlicht wird auf kulinarisches-duett.de, unserem Koch-Podcast.

Wie kochen Blinde? Eigentlich wie sehende Menschen auch. Nur sehen wir nicht, ob die Zwiebeln glasig sind oder die Milch kocht. Es gibt einige kleine Hilfsmittel und Tricks in der Küche. Will ich einen Topf auf eine heiße Herdplatte stellen, suche ich ihren Rand mit einem Holzlöffel. Schäle ich Kartoffeln, lege ich sie danach in Wasser. Die übersehene Schale fühlt sich dann rau an und kann dann gezielt von mir entfernt werden. Koche ich Milch, lege ich ein Plättchen in den Topf, das zu klappern beginnt, wenn die Milch kocht. Am Regler meines Backofens befinden sich Gummi-Punkte, die mir das Einstellen der Gradzahl ermöglichen.

Grundkenntnisse des Kochens – aber auch des Putzens, Nähens oder Bügelns – erlernen blinde Menschen im sog. LPF-Training . Die Abkürzung steht für Lebenspraktische Fähigkeiten. Hier zeigen ausgebildete Trainer den Betroffenen die beschriebenen Kniffe – und noch viele mehr. Der Rest ist Learning-by-Doing – wie bei sehenden Hobby-Köchen auch.

Homepage der Stereophonics: http://www.stereophonics.com/

Das kulinarische Duett: http://www.kulinarisches-duett.de

Infos zu LPF auf weisser-stock.org: http://www.weisser-stock.org/lpf.html

Schau- und Blindspiel

Immer schön open-minded bleiben, flexibel sein, neues ausprobieren! Das klingt heutzutage fast schon wieder stereotyp, abgedroschen und verallgemeinernd. Und doch sind Offenheit und Neugier Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit – und für ein spannendes Leben. Aber muss ich deswegen gleich zum Theater gehen?

Die Kulturbühne Bugenhagen möchte ein Stück mit sehenden Ensemble- und blinden Laien-Schauspielern auf die Bühne bringen. In dem Stück soll das Thema Blind versus Sehend verarbeitet werden. Wie kann das gelingen? Wie können die unterschiedlichen Sinneswelten für das Publikum erfahrbar gemacht werden? Wie kann ich mich als blinder Schauspieler auf der Bühne bewegen?

Auf all diese Fragen bekam ich gestern Abend keine Antwort. Bei einem ersten Info-Treffen in dem einstigen Gemeindesaal der Bugenhagen-Kirche, der heute als Theater-Saal dient, tauschten sich blinde Interessenten mit Regisseur und Bühnen-Betreiber aus. Erste Ideen wurden gedacht und formuliert, mehr neue Fragen gestellt als alte beantwortet. Und gerade das hat mich noch neugieriger gemacht. Wir blinden Teilnehmer können von dieser Chance nur profitieren: schauspiel-pädagogisches Training, die Auseinandersetzung mit Mimik und Gestik, die geballte Reflexion über das Verhältnis von blinden zu sehenden Menschen im Brennglas einer Theater-Bühne. Was kann es spannenderes geben? Ich freu mich drauf! Und wenn das Stück noch eine gute Geschichte erzählt, hat das Publikum auch gewonnen, nämlich einen unterhaltsamen Theater-Abend.

Homepage der Kultur-Bühne Bugenhagen: http://www.kbb-hamburg.de

Ankündigung des Theater-Projekts auf der BSVH-Homepage: http://www.bsvh.org/news/39/37/

Unstimmige Zettel statt passende Schablonen

Für meinen Arbeitgeber schon ein Ritual, für mich noch immer aufregend: Landespressekonferenz, Thema Wahlen. Heute war es wieder soweit. Ich sollte die Wahl-Schablonen für Blinde vorstellen.

Die Vorab-Info lautete, dass ich gebeten würde, für eventuelle Nachfragen anwesend zu sein, aber nicht reden müsste. Es kam anders. „Setzen Sie sich nach vorn. Wir haben die Schablonen immer vorgestellt. Das machen wir wieder so.“ Ich hatte meine zwei Schablonen, einen knapp 100 Seiten dicken Punktschrift-Stapel und eine CD mit aufgesprochenen Kandidaten- und Parteinamen dabei, aber keine Notizen. Schnell noch einen Stift schnappen und einige Stichpunkte auf einen Zettel krickeln, ist für mich nicht drin. Und eine Punktschrift-Schreibmaschine sucht man im Rathaus wohl vergeblich.

Das Thema Wahlschablonen kenne ich inzwischen aus dem Effeff. Seit Wochen habe ich Kandidaten- und Parteilisten in Blindenschrift korrigiert. Ich habe Testversionen verschiedener Schablonen-Modelle in Händen gehalten. Ich habe die Pressemitteilung für den BSVH verfasst, Somit brauchte ich keine Notizen, um vor der – ich befürchte, wenig interessierten – Presse auf das Grundrecht der geheimen Wahl für Blinde, auf die Bestell-Hotline für die Schablonen und auf den großen Kraftakt des Blinden- und Sehbehindertenvereins hinzuweisen. Die Journalisten fragten Hamburgs Wahlleiter lieber nach den Pannen beim Versandt der Briefwahlunterlagen, nach falschen oder zuvielen Kandidaten auf den Wahllisten oder nach verwechselungen beim Zusammenstellen der Stimmzettel.

Trotz des geringen Medien-Echos haben wir soviel Schablonen-Bestellungen wie noch nie. Manchmal ist Mund-zu-Mund-Propaganda halt doch die effektivere PR.

Pressemitteilung des BSVH zu Wahl-Schablonen: http://openpr.de/news/189203/Geheim-und-blind-waehlen.html

Die Krönung des Pop

Gut, die Anreise ist semi-luxuriös – U-Bahn, S-Bahn, vollgestopfter Bus. Die Leibesvisitation am Eingang hat mehr mit Flughafen als mit Konzerthalle gemein (€1 Aufbewahrungsgebühr für mein Taschenmesser – naja, wenigstens keine Extrawurst für den Blinden). Aber sonst: die Krönung des Pop!

The Cure waren Freitag in Hamburg. Sarih – die erste Blind-PR-Kommentiererin und meine Begleitung an diesem Abend- und ich waren weit vorn, hatten die besten Stehplätze, die überhaupt die besten Plätze in der Colorline-Arena sind. Hier ist der Sound am besten, von der Stimmung ganz zu schweigen. Na gut, die Stimmung brauchte auch am Freitag ein Bisschen Zeit, aber als sie erstmal da war, wollte sie sich bis zum Exzess steigern. Robert Smith singt wie vor 30 Jahren. Seine Stimme lässt meinen Magen kribbeln. Die Band kommt mal gruftig, mal überraschend funky daher. Wie in der Musik von the Cure, geben sich auch in mir Melancholie und Euphorie die Klinke in die Hand. Und spätestens bei „Boys don’t cry“ fühl ich mich steinalt und jung wie noch nie – und das gleichzeitig. Dreieinhalb Stunden spielen Smith und Band, umwerfend, großartig, genial.

Wovor mir nur graut: wie soll ich nach diesem grandiosen Gig das Konzert einer anderen Band genießen? Diese ganzen Nachwuchs-Melancholiker können doch einpacken. Ich hoffe nur, dass meine Cure-Begeisterung bis zum Konzert der Editors ein Wenig gesackt ist – schon allein, um dann nicht enttäuscht zu sein.

Offizielle deutschsprachige Cure-Homepage: http://www.the-cure.de.