Berührungsängste: Tausend Worte können schön sein

Berührungsängste zwischen Behinderten und Nichtbehinderten sind häufig. Im Nachgang zu meinem Post über den Umgang mit behinderten Menschen wies mich Christian Ohrens via Twitter auf einen seiner Texte hin, den ich Ihnen gern ans Herz legen möchte. In ihm stellt der Autor seine Vorschläge vor, wie Berührungsängste gegenüber blinden Menschen abgebaut werden können. Er schreibt u. A.:

Die Tatsache, dass vieles in der menschlichen Kommunikation über Blickkontakt, Mimik und Gestik abläuft, trägt indirekt natürlich auch dazu bei, dass ein Ansprechen (beispielsweise auf einer Party) nicht stattfindet oder stattfinden kann, weil es im Vorfeld keine nonverbale Kommunikation via Augen-Blicke gegeben hat – und gezielt auch nicht geben kann.

Man kann also nur wissen, ob jemand Hilfe benötigt, ob jemand einer Unterhaltung nicht abgeneigt ist, ob man etwas fragen darf und so weiter, wenn man die Person wirklich anspricht. Auch wenn dies beim ersten Mal Überwindung kostet und vielleicht beim Angebot von Hilfe ein „Nein“ zurück kommen könnte, wer weiß, was eine zweite blinde Person antworten wird. Dies gilt ja nicht nur im Bezug auf Blindheit.

Und noch ein Wort zur nonverbalen Kommunikation und Blindheit. Was gesagt werden soll, kann man auch wirklich sagen und in Worte fassen, auch wenn viele der Meinung sind, dass ein Blick mehr als tausend Worte sagt, obwohl diese tausend Worte doch auch sehr schön sein können, oder?

Den vollständigen Artikel finden Sie auf christian-ohrens.de.

Umgang mit behinderten Menschen: Euer Mitleid kotzt mich an!

Ich muss es mal schreiben. Es ist undiplomatisch, ruppig und nicht gerade etwas, das man von einem Menschen hören will, der Kommunikation zum Beruf gemacht hat. Und in der Tat verstehe ich meine Arbeit als PR’ler für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen so, dass ich auch den Kontakt zu Mitbürgern suche, die Vorurteile gegenüber Behinderten haben. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, ihre Vorurteile abbauen zu können. Und das werde ich auch weiter versuchen. Dennoch gibt es auch eine Wahrheit, die ich mal so klar hier formulieren muss: Euer Mitleid kotzt mich an!

Es war auf meinem Weg zur Arbeit, als mich auf dem U-Bahnsteig eine ältere Dame ansprach: „Kann ich Ihnen beim Einsteigen helfen?“

Diese Frage wird mir häufig gestellt, und ich finde sie absolut okay. Ich sage dann in der Regel, so auch zu der älteren Dame: „Nein danke, das geht schon.“

Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Und geht das wieder weg?“

Sie meint meine Blindheit. Da bin ich mir sicher. „Nein, das geht nicht mehr weg“, sage ich denn auch.

„Wie schrecklich“, platzt es aus ihr heraus, „so ein junger Mann.“

Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass sie mir doch sagt, wo sich die Wagontür befindet, obwohl ich längst gehört habe, wo sie aufgegangen ist. In der Bahn will sie mir zeigen, wo ein freier Platz ist, obwohl ich vor einem Tag am Schreibtisch auch gern mal in der Bahn stehe. Es ist dieses Nicht-ernst-nehmen, das mich so wütend macht. Wenn ich sage, dass ich keine Hilfe möchte, dann ist das so. Wenn man mich dann nicht in Ruhe lässt, dann spricht man mir ab, selbst zu wissen, was gut für mich ist.

Es kam aber in diesem Fall noch schlimmer. Kurz vor dem Bahnhof, in dem ich umsteigen muss, kam die mitleidende Dame zu mir: „Wo möchten Sie denn gleich hin? Ich helfe Ihnen.“

„Bitte lassen Sie mich doch jetzt in Ruhe“, bat ich. Ich fühlte mich schlecht, irgendwie bedrängt.

„Ich möchte ja nur helfen“, rechtfertigte sie sich, um dann noch ein paarmal „wie schrecklich, so ein junger Mann“ vor sich hinzumurmeln.

Ich bezweifle, dass solche Menschen wirklich nur helfen wollen. Sie verlangen Dankbarkeit für etwas, das ich gar nicht haben will. Ihr Mitleid ist keine Hilfsbereitschaft, ihr Mitleid ist Überheblichkeit. Sie nehmen mich nicht als gleichberechtigten Menschen, sondern als hilfebedürftiges Wesen wahr. Sie übertragen ihr abwertendes Bild von Behinderung auf die behinderten Menschen selbst – ich jedenfalls hatte den Eindruck, mich für meine Blindheit rechtfertigen zu müssen. Möglicherweise fühlen sich die meist älteren Mitbürger sogar noch besonders menschlich, christlich vielleicht, aber das sind sie nicht. Im Gegenteil: ihr aufgedrängtes Mitleid tut weh. Ich jedenfalls fühlte mich an diesem Morgen schwach und entmündigt. Es ist nicht meine Behinderung, die im Alltag frustriert. Es sind Begegnungen wie diese, die Wut erzeugen.

Bereits im Januar 2007 schrieb Christiane Link – sie lebt als Rollstuhlfahrerin in London – in ihrem Blog „Behindertenparkplatz“:

Ich bin jetzt seit mehr als einem Monat in Großbritannien und ich glaube, es war der erste Monat meines Lebens (meine USA-Aufenthalte ausgenommen), in dem mir kein einziger Mensch begegnet ist, der mich offensichtlich bemitleidete. Und das obwohl ich jeden Tag mit Kreti und Pleti im Bus durch die halbe Stadt gurke und manchmal Leute anspreche, ob sie mir in den Bus helfen können, wenn die Rampe sehr steil ist. Können wir das in Deutschland vielleicht auch mal trainieren? Hilfsbereitschaft ohne Mitleid.

Ich möchte Begegnungen wie die mit der Frau in der U-Bahn nicht mehr haben. Und ich bilde mir auch ein, dass sie tendenziell seltener werden. Meine Vision ist, dass es auch in Deutschland eine Zeit geben wird, in der kein behinderter Mensch mehr solche Situationen erleben muss. Daher werde ich auch weiter gegen Vorurteile und für einen respektvollen Umgang mit behinderten Menschen streiten. Ich werde auch weiter über Möglichkeiten und Grenzen blinder und sehbehinderter Menschen informieren und das Gespräch zum Thema suchen. Ich freue mich darauf, Vorurteile abzubauen und Wissenslücken zu schließen (bei meinem Gegenüber und bei mir). Aber ich werde auch sagen, wenn mich Euer Mitleid ankotzt.

Fußball-WM als Blinder: Aufmerksam zuhören

Die Wm ist in beinahe aller Munde. Heute Abend findet das Schicksalspiel Deutschlands gegen Ghana statt. Nico Binde hat mich für das Hamburger Abendblatt befragt, wie ich als blinder Fußballfan das Turnier erlebe.

Heiko Kunert wird heute nicht zum Fanfest gehen. Wenn sich rund 70 000 Menschen auf dem Heiligengeistfeld versammeln, um aus dem sportlichen Großereignis Fußball-Weltmeisterschaft eine schwarz-rot-goldene Party zu machen, wird der 33-Jährige in der Uhlenhorster Kneipe Joy sitzen. Freunde werden ihm erzählen, was auf der Mattscheibe passiert. Er wird aufmerksam zuhören, wird auf die Stimmung im Lokal achten: Hebt sich der Lautstärkepegel, ahnt er, dass die Nationalelf einen Angriff fährt. Ist es ruhig, dümpelt das Spiel dahin. Heiko Kunert ist einer von etwa 3000 Hamburger Blinden.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Abendblatt vom 23. Juni oder als Bezahlinhalt hier.

Perspektiven (9): „Was nicht sein darf, kann nicht sein“

Die Lebenswirklichkeit sehbehinderter und blinder Menschen ist sehr unterschiedlich: Je nach Persönlichkeit und der individuellen Erfahrungen. Es spielt eine Rolle, wann das Sehen nachlässt, wie sehr man sich an Hilfsmittel gewöhnt hat, ob man von Familie und Freunden weiter wertgeschätzt wird, ob man Quellen hat, aus denen man Kraft schöpfen kann. julia bartz stellt in der Schweriner Volkszeitung Günter Holz vor:

Trotz der Hilfsmittel ist das Leben eines Blinden stark beeinträchtigt. Sogar nach zehn Jahren Sehbehinderung will sich Günter Holz noch nicht mit seinem Schicksal abfinden. „Ich wünsche mir so sehr mein Augenlicht zurück. Aber man muss damit umgehen lernen, auch wenn es schwer fällt“, sagt er. Es war ein Schock für ihn und für seine Angehörigen, als Günter Holz plötzlich erblindete. Für ihn war besonders in der ersten Zeit die Umstellung groß. „Ich bin oft gestürzt“, sagt er.

Und dann gibt es Menschen wie MULGHETA RUSSOM, Deutschlands bestem Blindenfußballer, der in einem Bild-Artikel von THOMAS SULZER zitiert wird:

Durch den Blinden-Fußball habe ich mir alles wieder erobert, was mir der Fußball vorher gegeben hat. Ich fühle mich völlig frei auf dem Spielfeld.“ Ziemlich oft trainiert er bis zu vier Stunden am Tag. „Man muss“, sagt Russom, „ein bisschen einen Knall haben.“ Denn Blinden-Fußball ist gefährlicher als der Fußball für Otto-Normal-Verbraucher. Die Gefahr besteht eben, dass man mit einem Gegenspieler zusammenprallt. „Ich habe mir im vergangenen Jahr die Nase gebrochen und einen Zahn ausgeschlagen. Viele denken doch, wir würden dort Kullerball spielen, dabei ist das richtig harte Action.

Die sehbehinderte Clarissa Ravasio wurde als Kind von Nonnen im Heim und von ihrem Vater missbraucht. In einem bewegenden Artikel der Journalistin Irena Jurinak bricht die heute 50Jährige ihr Schweigen:

Lange hatte Clarissa Ravasio keine Erinnerung an ihre Kindheit. Bis die Bilder zurückkehrten. Mit 45 Jahren begann sie, das Erlebte aufzuarbeiten. Sie ging das erste Mal in eine Frauengruppe und erlebte, dass sie nicht die Einzige war. Diese Gruppenarbeit öffnete eine Kammer des Schreckens und Clarissa Ravasio musste sich professionelle Hilfe holen. Seit mehreren Jahren wird sie nun therapeutisch begleitet und lernt, mit ihrem Trauma zu leben. Immer wieder falle sie in alte Muster zurück, verletze sich, um mit den Erinnerungen und Bildern fertig zu werden. «Das ist wie ein Fluch, der auf einem lastet. Es glaubt einem niemand.» Denn was nicht sein darf, kann nicht sein. Ihre Grossmutter habe immer gesagt: «Du hattest es so gut dort.» In solchen Momenten habe sie das geglaubt. «Am schwierigsten war, mir selber zu glauben, dass das, was mir passiert ist, die Wahrheit ist.»

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.