Mein Zauberhügelchen

„Leben ist Leiden“, soll schon der alte Buddha gesagt haben. Recht hatte er. Der Hals ist wund, der Husten bricht sich Lawinenartig seine Bahn. Der Schnupfen sprengt sich seinen Weg in eine von Pfefferminzöl und Hustensaftduft erfüllte Wohnung. Der fiebrige Körper schwitzt, friert und glüht im minütlichen Wechsel. Erstmals gehe ich aufgrund einer Krankheit nicht ins Louis-Braille-Center zur Arbeit. Ich leide vor mich hin, schlafe gefühlte 30 Stunden am Tag, wache nur auf, um nach synthetisch gesüßtem Tymian schmeckende Medizin zu schlucken, Bananen und Mandarinen zu essen und die nötigsten Mails zu beantworten. Was für ein leben. Und doch kann ich irgendwie verstehen, was Thomas Mann bewegt haben muss, als er den Zauberberg schrieb, sein grandioses Meisterwerk über das Leben in Krankheit, die Auseinandersetzung mit der körperlichen Begrenztheit des Menschen und der Chance, sich aus ihr in geistige Höhen zu erheben. Gut, letzteres ist mir nach zwei Tagen Grippe noch nicht gelungen. Und ich hoffe auch nicht, dass ich am Ende wie Hans Castorp sieben Jahre ins Sanatorium muss. Erstmal lege ich mich mal wieder hin.

Blinde Gucken

Am Samstag war ich mal wieder im Kino. Wie Rheinhold Messbecher so schön sagte: „lasst uns Blinde gucken!“ „Die Stadt der Blinden“ stand auf dem Abaton-Programm. Ich war gespannt. Erstens hatte ich die deutsche Hörspielfassung (NDR 2001) dereinst erschütternd famos gefunden, und zweitens hatte kein Geringerer als Fernando merielles Regie geführt, dessen „ewigen Gärtner“ ich liebe. Gut, es waren alle wesentlichen Szenen auch im Film vorhanden. Es war dem brasilianischen Regisseur gelungen, den als unverfilmbar geltenden Roman-Stoff auf die Leinwand zu bringen. Einige Male – so habe ich mir von sehender, zuverlässiger Begleitung flüstern lassen – wurde das Thema Nicht-Sehen-Können mit filmischen Mitteln intelligent verarbeitet. Die Schauspieler – insbesondere Julianne Moore – waren gut. Aber mehr war es auch nicht. Mir war „die Stadt der Blinden“ nicht grausam genug, dem schonungslosen Stoff nicht angemessen. Wie kann man diesen Stoff mit einem leichten Soundtrack unterlegen, der eher in einen Wim-Wenders-Film gepasst hätte? Und der gleichnishafte Charakter der Vorlage kam kaum noch zur Geltung. Vielleicht ist das insgesamt schwer in einem so eindeutigen Medium wie dem Spielfilm. Die Menschen wurden blind, stolperten durch die Gegend, hilflos, verirrt, allein, isoliert. Und dabei konnten wir ihnen ein bisschen zuschauen, ein bisschen ängstlich und bewegt sein. Ob der Zuschauer mehr in diesem Streifen erkennen kann? Kann der Zuschauer erkennen, dass es Saramago um den Kampf zwischen Menschlichkeit und Egoismus in gesellschaftlichen Krisenzeiten ging? Ich bezweifle es und empfehle daher doch Hörspiel und Buch.

Mal ein guter Bestseller

Nachdem meine letzte Bestseller-Lektüre eher eine Enttäuschung war, kann ich heute mal einen Bestseller empfehlen. Henning Mankells „Der Chinese“ ist ein intelligenter, spannender und bedrückender Kriminalroman. Auf eine Zusammenfassung der Handlung möchte ich hier verzichten. Nur soviel: der Roman verknüpft das historische Ereignis der Ausbeutung chinesischer Arbeiter beim Bau der US-amerikanischen Eisenbahn im 19. Jahrhundert mit einer Mordserie zu Beginn des neuen Jahrtausends in Schweden. Ich war zunächst skeptisch, hatte doch der Deutschlandfunk im Büchermarkt (Kritik nicht online) diese Verknüpfung konstruiert und unglaubwürdig genannt. Diese Kritik kann ich aber nicht teilen. So etwas kann nur ein Buchkritiker von sich geben, der nicht in historischen Dimensionen denken kann und Handlungsmotive ausschließlich in der psychischen Disposition der Akteure zu sehen vermag. Meiner Meinung nach ist Mankells aktuelles Buch natürlich konstruiert, aber sehr klug und aufrüttelnd, so wie man es vom schwedischen Autor gewohnt ist. „Der Chinese“ ist sicher nicht besser als andere Werke Mankells, aber ganz gewiss auch nicht schlechter. Und die ca. neunstündige Lesung von Axel Milberg ist von der ersten Sekunde an packend. Milberg liest so, dass man in jeder Szene, in jedem Wort, in jeder Silbe die Gefahren unserer modernen Welt erahnt – einem Mankell mehr als angemessen.

Das müssen Sie gelesen haben

Welche zehn Bücher muss man meiner Meinung nach gelesen haben? Das fragt zurzeit eine Blogparade. Eine schwierige Frage, die ich vielleicht in einem Monat wieder ganz anders beantworten würde. Aber was soll’s?

  • Hermann Hesse: Demian. Damals im Deutsch-LK gelesen, ist es für mich elementar. Es ist wohl eines der klügsten Bücher, die ich kenne. Schöner und anschaulicher kann man Psychoanalyse nicht in Prosa verwandeln – außer vielleicht Hermann Hesse in „Narziß und Goldmund“.
  • Erich Maria Remarque: Im Westen nichts neues. Literarisch vielleicht nicht erste Wahl. Inhaltlich und in Sachen Eindringlichkeit aber ungeschlagen. Wer endlich alle Illusionen zum Thema Krieg verlieren möchte, der sollte das Buch lesen.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Klingt jetzt vielleicht stereotyp, aber „Faust“ ist zurecht ein Klassiker.
  • Nikolaus Lenau: Faust. Zu unrecht kein Klassiker ist die Faust-Fassung von Nikolaus Lenau, dabei ist sie so wundervoll düster und pessimistisch.
  • Nick Hornby: High Fidelity. Mal etwas leichtere Kost. Liebe, Pop und die Suche nach Glück in einem swingenden Schreibstil. Nach der Lektüre werden auch Sie beginnen, eine Laura fürs Leben zu suchen.
  • Thomas Mann: Buddenbrooks. Da ich an dieser Stelle nicht das Gesamtwerk des Meisters empfehlen kann, beschränke ich mich auf seinen berühmtesten Roman. Er handelt vom Untergang einer Kaufmannsfamilie und deren Eintauchen in künstlerische, philosophische und existenzielle Fragen des Lebens. Im übrigen grandios in der Hörbuchfassung, die vom einzigartigen Gerd Westphal gelesen wird.
  • Theodor Fontane: Stechlin. Selten habe ich bei einem vermeintlich schweren Buch soviel gelacht. Das launische Spätwerk Fontanes hat soviel geistreiche Komik, soviel Liebe zum Menschen und zum Brandenburger Land – ein Spitzenbuch für ein Herbstwochenende (gibt es übrigens auch von Gerd Westphal gelesen).
  • John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Schön, wie Irving die großen Fragen nach Menschlichkeit und Liebe in die amerikanische Provinz stellt. Die Personen sind einfach zum Liebhaben, obwohl sie mir – begegneten sie einem im wirklichen Leben – wahrscheinlich schnell auf die Nerven gehen würden.
  • Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis. Physik, Philosophie und großartiger britischer Humor. Ich empfehle alle fünf Bände.
  • Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Darf man heutzutage noch Marcuse empfehlen? Vielleicht ist nicht alles tragbar, was der Philosoph schreibt. Dennoch ist seine Konkretisierung der Kritischen Theorie mitreißend und anregend zugleich. Im Idealfall (sprich: bei dauerhafter Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder Lust am Denken) sollte die Lektüre durch die Schriften Adornos und Horkheimers ergänzt werden.