Schwer vorstellbar: Sehen mit der Zunge

Wenn ich sehenden Menschen vom Alltag Blinder und Sehbehinderter berichte, ernte ich oft Erstaunen. Kochen ohne Augenlicht, ins Kino gehen, Arbeiten am PC, das Nutzen von Farberkennungsgeräten können sich viele nicht vorstellen. Manchmal stolpere ich aber auch über Innovationen, die selbst ich mir nur schwer vorstellen kann. Mehrere Medien – darunter die Märkische Allgemeine – berichteten in den vergangenen Wochen über den Brainport. Mit plakativen Überschriften wie „Sehen mit der Zunge“ informierten die Journalisten über ein System, das visuelle Eindrücke so umsetzt, dass sie mit der Zunge wahrgenommen werden können. Der blinde Bergsteiger Erik Weihenmayer gehört zu den ersten Amerikanern, die Brainport testen. Er berichtet, dass er dank des Hilfsmittels „Schere, Stein, Papier“ mit seiner Tochter spielen kann. Weiter gelingt es ihm, nach einem zugerollten Ball oder einer Kaffeetasse auf dem Tisch zu greifen. Und er sieht zum ersten Mal schemenhaft die Gesichter seiner Frau und seiner Kinder.

„Es ist dein Gehirn, das sieht – nicht die Augen“, erklärt Weihenmayer, der eine Sonnenbrille mit einer winzigen Kamera auf der Nase trägt. „Und wenn die Augen nicht funktionieren, müssen die Bilder einen anderen Zugang zum Hirn finden.“ Weiter heißt es in der Märkischen Allgemeinen: „Etwa über die Zunge, wie es beim „BrainPort“ geschieht. Das Gegenstück zur Kamera ist nämlich ein drei Quadratzentimeter großes Plättchen, das wie ein Lutscher in den Mund geschoben wird. „Die digitalen Kamera-Bilder werden in elektrische Signale umgewandelt und über bis zu 600 Elektroden als Pixel an die Zunge weitergegeben“, erklärt Programmleiter Michael Oberdorfer vom National Eye Institute. „Die Idee des BrainPorts ist es, defekte Sinne zu ersetzen.“ Bei der Blindenschrift Braille etwa, gelangen Zeichen durch den Zeigefinger ins Hirn. „Das Hirn ist formbar und es lernt, auch über Umwege an Informationen zu kommen. Und ein Organ, das sich wegen seiner extremen Sensitivität dazu eignet, ist die Zunge.““

Mir stellen sich viele Fragen: Wieviel Nutzen bringt Brainport im Alltag? Welche Details sind damit zu erkennen? Die Markteinführung soll nicht mehr lang auf sich warten lassen. Testen werde ich es gewiss.

Blind in Web: Ein Stück Normalität

Blinde und sehbehinderte Menschen lesen Zeitung. Sie gehen allein einkaufen. Und sie arbeiten. Internet sei dank. In einer kleinen Serie von Gastbeiträgen stelle ich das blinde Netz bei den Blogpiloten vor. Ich bedanke mich bei Steffen Büffel und seinem Team für die Zusammenarbeit.

Antworten an Himmelfahrt

An regnerischen Feiertagen wie Christi Himmelfahrt, an denen Hagel und Gewitter über die Hansestadt herfallen, kann unsereins ganz ohne schlechtes Gewissen ins Web abtauchen. Gern schauen die bezaubernde Anna und ich dann bei Blogthings.com vorbei. Gerade in Zeiten, in denen Facebook von stümperhaften und langweiligen Quiz-Applikationen überschwemmt wird, sind die kleinen Tests bei Blogthings ein wahrer Segen. Liebevoll und humorvoll sind sie geschrieben, viele Fragen regen zum Nachdenken an. Die Ergebnisse sind menschenfreundlich und erfrischend unzynisch.

Einige Ergebnisse: Ich bin Yellow, Shampoo, Super Spiritual, Observant in Life, mein Birthday’s Wisdom is Creation, ich bin Blogthings zufolge Salty und TheBedroom, mein Hintern verrät über mich You’re Competitive, ich glaube Love is Private, und meine letzten Worte werden sein „What we know is not much. What we don’t know is enormous.“

Gut, dass es das Web und Blogthings gibt: Sonst wüsste ich nicht, wer ich bin. Und was verrät die Seite über Sie? Ich freu mich auf Ihre Ergebnisse in den Kommentaren.

Blind = Arbeitslos

Blind bedeutet arbeitslos – zumindest meistens. Von den rund 150.000 blinden Menschen in Deutschland sind lediglich 15.000 in einem regulären Arbeitsverhältnis. Von denjenigen im berufsfähigen Alter sind das gerade knapp 30 prozent. Hiervon wiederum kommen die allerwenigsten in der freien Wirtschaft unter. Stattdessen arbeiten 90 prozent von ihnen in Verwaltungen oder gemeinnützigen Organisationen.

Es ist sehr ernüchternd als Blinder auf Jobsuche zu sein. In der Regel trifft man bei den Arbeitsagenturen auf überforderte und ratlose Berater. Freimütig sagte mir ein Jobvermittler, dass heutzutage blinde Menschen nach einem Eingliederungspraktikum kaum noch in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen würden. Und wenn, dann würden sich die Arbeitgeber die ersten Beschäftigungsjahre von der Agentur subventionieren lassen. Sprich: die Agentur übernimmt bis zu 70 prozent der Lohnkosten. Nach zwei Jahren der Förderung säßen viele Betroffene dann wieder auf der Straße.

Dennoch ist die finanzielle Förderung vom Staat ein wichtiges Mittel, um überhaupt noch Arbeit für Behinderte zu ermöglichen. Denn immerhin ist der Lohnzuschuss an eine tarifliche Bezahlung gekoppelt. Davon träumen viele blinde Menschen. Ihr Alltag sind befristete Ein-Euro-Jobs, sinnlose Bewerbungstrainings und die frustrierende Dauersuche.

Die Oberhessische Presse schildert in ihrer heutigen Ausgabe zwei typische Fälle. Da ist zum einen der 21jährige Marco, der in diesem Jahr sein Fachabi in Marburg macht: „Wird er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, scheut er keine Kosten und Mühen. „Ich will schließlich unbedingt einen Ausbildungsplatz haben“, betont er. So steige er in die Bahn und fahre quer durch Deutschland, wenn es sein müsse.Gebracht hat es ihm bisher nichts. „Die Deutsche Bank, die Sparkasse, die Hypo Vereinsbank und die Spardabank haben mir abgesagt, teilweise sogar ohne weitere Begründung“, sagt er empört. Von der Commerzbank, an die er nach seinem Praktikum eine Bewerbung schickte, habe er nichts mehr gehört. „Dabei kann ich genauso arbeiten wie ein Sehender“, ist er sich sicher.“

Und dann ist da Katharina, 36 und promovierte Germanistin. Sie sagte der Oberhessischen Presse: „„Seit
drei Jahren suche ich nach einer Festanstellung.“ Im vergangenen Jahr habe sie rund 120 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. „Da kommt man irgendwann nicht umhin zu glauben, dass das an der Behinderung liegt“.

Blindheit bedeutet nicht selten soziale Isolation. Kommt dann noch Arbeitslosigkeit mit all ihren Begleiterscheinungen dazu, ist das für den Einzelnen entmutigend und für die deutsche Gesellschaft ein Armutszeugnis.